Sternburg und Rap

Genetikk schwafeln vom Hakenkreuz und andere fiese Neuigkeiten aus dem Oktober

Unbedacht auf Kanye West machen ist keine gute Idee. Außerdem kann die Berliner Polizei das Rappen nicht lassen, Live From Earth machen mit Red Bull alles richtig und andere Dinge, über die wir mal reden müssen.

von Juri Sternburg
23 Oktober 2018, 2:01pm

Foto: imago | Future Image

Einer geht noch! Mal wieder ist ein weiterer Monat um und es ist erneut an der Zeit, eure bisher verschont gebliebenen Gehirnzellen an der Theke des Deutschrap-Zirkus zu vernichten. Wo Rapper sich gemeinsam am Sangria-Eimer der Dummheit vergnügen und in der Folge den ein oder anderen bitteren Schwall ausspucken müssen.

Unser Autor Juri Sternburg ordnet die Aufreger, Wahnsinnigkeiten und Absacker der Rap-Welt, bevor ihr endgültig den Überblick verliert und alles doppelt seht.

Genetikk und das Hakenkreuz

Aktuell wird in den Medien heiß debattiert, ob man bei Demos gegen Rassismus die Deutschlandfahne schwenken sollte oder nicht. Die einen sagen, man müsse den Rechten ihre Symbole wegnehmen, die anderen wenden ein, Nationalismus mit Nationalismus zu bekämpfen mache wenig bis gar keinen Sinn.

Ich erspare euch jetzt mal den üblichen Staiger-Vortrag darüber, dass es wenig Gründe gibt, auf solch einer Demo die Flagge einer Nation zu benutzen, die für den Tod von Tausenden Flüchtlingen auf dem Meer mitverantwortlich ist und … Wie gesagt, ich erspar's euch!

Manche Dinge sollten auch unausgesprochen klar sein. Zum Beispiel, dass man das Hakenkreuz nicht verwenden sollte – auch wenn ihr gerade drei Wochen in Nepal wart, LSD und Mandalas für euch entdeckt habt, und eure Mitmenschen mit "Das Zeichen ist schon viel älter als die Nazis"-Weisheiten penetriert.

Jetzt weiß ich zwar nicht, ob Genetikk kürzlich durch Kathmandu gewandelt sind oder sich einfach nur vorgenommen haben, noch nerviger als Kanye West zu werden. Aber ihr Twitter-Game der letzten Wochen löste ganz harte "Bruder muss los"-Gefühle aus.

Und als man schon wirklich ganz oft los musste und den virtuellen Genetikk-Raum bereits mehrmals verlassen hatte, dachten sich die beiden lustigen Maskenmänner aus dem Saarland offenbar: "Hey, Bruder, bisher hat unser Twitterquatsch nicht mal die Leute bei rap.de groß interessiert. Lass mal was mit Nazis machen!" Gesagt, getan:

Puuuh, schwierig! Es ist erstens einfach eine unglaublich dumme Idee, ein Zeichen zu "retten", unter dem mehrere Millionen Menschen ermordet wurden. Zweitens ist es ja nicht so, dass wir alle auf Genetikk und ihr neues Hakenkreuz-Logo warten würden.

Will sagen: Der Impact, den ein neues Genetikk-Logo mit Hakenkreuz auf die Welt hätte, ist vergleichbar mit dem Einfluss von Taylor Swift auf die #BlackLivesMatter-Bewegung. Sie wären einfach nur eine Trottel-Combo mit einem Hakenkreuz im Logo.

Vielleicht wollten sie ja auch nur beweisen, dass jede Promo gute Promo ist. Dass dem nicht so ist, machte spätestens Mr. und Mrs. Sillas "Wir machen jetzt auf Die Geissens"-Nummer deutlich.

Immerhin wurde ich getriggert und habe über Genetikk geschrieben. Also, gern geschehen, Jungs.

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Rap-Polizei und kein Ende in Sicht

Kennt ihr den Witz mit dem Jäger, der auf den Bären schießt und ihn verfehlt? Kurzform: Der Bär vergewaltigt den Jäger daraufhin, der Jäger kommt trotzdem immer wieder in den Wald, schießt, verfehlt und wird jedes Mal von dem Bären vergewaltigt. Beim vierten Fehlschuss am vierten Tag tippt ihm der Bär auf die Schulter und sagt: "Sag mal, du kommst doch nicht zum Jagen her, oder?" So ungefähr muss das auch mit der deutschen Polizei und HipHop ablaufen.

Denn jedes Mal, wenn irgendwelche Cops beschließen, einen funky Rap-Song zu veröffentlichen, werden sie online mit kübelweise virtuellem Kot übergossen. Das ist Quasi ein Gesetz des Internets – so ähnlich wie die Tatsache, dass Kool Savas unverständliche Tweets absetzt oder sexhungrige Frauen aus meiner Nachbarschaft merkwürdigerweise immer auf illegalen Streaming-Seiten abhängen.

Trotzdem haut die Polizei in regelmäßigen Abständen neue Tracks heraus, die schlimmer sind als die gesamte Diskographie von Curse und seine Selbsthilfe-Podcasts zusammen. Diesmal war die Berliner Polizei dran:

In diesem Fall ist zwar die Intention durchaus löblich und der Junge, der den ersten Part rappt, gibt sich auch alle Mühe ... Aber spätestens, wenn der Beamte mit der verspiegelten Sonnenbrille und dem defekten Roboter-Flow in die Cypher steppt, wünscht man sich einen wütenden Mob G20-Randalierer herbei.

Die Frage bleibt: Glaubt die Polizei tatsächlich immer wieder, diesmal einen echten Kracher produziert zu haben? Oder macht sie sich mit Absicht lächerlich, um in Zeiten des bayerischen Polizeistaats und der sächsischen Pegizei etwas sympathischer zu erscheinen?

Beides wäre lachhaft und deshalb bleibt am Ende wieder nur zu sagen: Es gibt keinen guten Sound of da Police.

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Red Bull und die Musiklandschaft

OK, Realtalk: In der Musikbranche hat fast jeder schon mal auf die ein oder andere Weise mit Red Bull bzw. der Red Bull Academy zusammengearbeitet. Ich auch. Denn – Realtalk continues – Red Bull zahlt Gehälter und Gagen, die sich kaum jemand anderes leisten kann. Red Bull stellt Studios und Locations für Acts zur Verfügung, die solch ein Equipment nie bezahlen könnten. Und Red Bull veranstaltet und sponsort Events, Gesprächsrunden und Beiträge von einer Qualität, die inzwischen Seltenheitswert hat.

Das Problem ist nur: Gegen den Geschäftsführer von Red Bull, Dietrich Mateschitz, gibt es ein paar Rechtspopulismus-Vorwürfe. Der Österreicher finanziert mit seinem durch Brause verdienten Geld nicht nur die Red Bull Music Academy oder stampft Retorten-Fußballclubs aus dem Boden. Mit Servus TV besitzt er auch einen fragwürdigen Heimat-Fernsehsender, in dessen Talk-Sendungen auffällig oft Rechtsextreme reden dürfen. Belege für Mateschitz' dubiose Haltung gibt es spätestens seit einem seltenen Interview von 2017.


VICE-Video: "Chaos in Chemnitz"


Genau deshalb war es unglaublich wichtig, dass die Live-From-Earth-Crew (zu der auch Yung Hurn gehört) vor Kurzem erklärte, nicht mit Red Bull zusammenarbeiten zu wollen. Das Künstlerkollektiv sagte seine Teilnahme bei einem angekündigten Event ab – mit einer ausführlichen und einleuchtenden Erklärung.

Ein längst überfälliges Zeichen von etablierten Künstlern. Weitere müssten folgen, doch aktuell steht um Red Bull eine Schweigemauer in der deutschen Musik- und Presselandschaft. Einige richtig große Acts weigern sich schon länger, mit dem Energydrink-Hersteller zu arbeiten, aber sie tun es eher still und heimlich. Red Bull ist bisher einfach zu mächtig.

Die Verteidigungsstrategie derer, die nach wie vor für den Konzern arbeiten, ist simpel: Wir machen mit dem Geld von Red Bull ja was Gutes, wir tragen ja auch alle Nike und essen Fleisch, und wo soll man denn dann anfangen? Ganz einfach: Genau hier sollte man anfangen!

Hier, an einer Stelle, wo man selber aktiv beeinflussen kann, ob man einen kulturellen oder werbetechnischen Mehrwert für eine Firma erzeugt, deren Geschäftsführer den europaweiten Rechtsruck mitfinanziert. Geht es um Hashtags, Symbolpolitik oder Demos sind Künstler und Journalisten schnell in der ersten Reihe mit dabei. Geht es ums eigene Portemonnaie, sieht die Sache ganz anders aus. Mehr gibt es dazu nicht zu sagen.

Lieblings-Twitter-Kommentar:

Hier noch ein paar wohlschmeckende Absacker, um den klebrigen Red-Bull-Geschmack loszuwerden:

MC Bogy hat auf dem Red Bull Culture Clash – Mist! – einen "Was du Liebe nennst"-Remix vorgetragen, der erstens mein Herz zu einem saftigen Steaks werden ließ und mich zweitens noch mehr hoffen lässt, dass sein bald erscheinendes Album 100 % ihn endlich an die Spitze der Charts schickt. Kaufen gehen!

OG Keemo ist zwar kein Geheimtipp mehr, aber er ist auch noch nicht da, wo er hingehört. Mit seinem neuesten Track "Trap" sorgt er dafür, dass man seit Langem mal wieder Spaß an etwas Deutschem hat, dass irgendwie mit Trap in Verbindung steht. Weitermachen!

Ufo 361 ist ja bekanntlich tot oder kündigt seinen Tod zumindest regelmäßig an. Statt Alben will er jetzt anscheinend Schmuck verkaufen. Das erste Produkt der Marke "Penguins Jewelry" sind diamantbesetzte Schnürsenkelhalter.

Wir hoffen dann mal, dass das ein Scherz ist und er in nächster Zeit doch noch bei einem großen Berliner Label signt. Schnürsenkelhalter?

Last but not least: Hiob wird ein Album veröffentlichen. Wenn ihr Hiob kennt, wisst ihr, dass ihr das Album kaufen solltet. Wenn ihr ihn nicht kennt, lege ich euch hiermit ans Herz, das Album zu kaufen.

Es wird Abgesänge heißen und am 8. November erscheinen. Wenn es nicht gut wird, soll ich dazu verdonnert werden, lebenslang täglich zwei Liter Red Bull zu trinken und dabei den Penny-Song von Samy Deluxe zu pumpen.

Halt, Stopp! Fast hätte ich den Fler des Monats vergessen:

In der neuesten #Waslos-Folge ist Flizzy etwas aufgefallen: Immer genau zum Herbst werden alle Leute krank, stellt Dr. Flizz zu Beginn des wieder mal sehr unterhaltsamen Interviews fest. Und nie wird nur einer krank, immer gleich mehrere. Als gäbe es sowas wie … ääh … Ansteckung!

Und genau dann schalten die Pharmaunternehmen Werbung. Krass! Ist mir bisher gar nicht aufgefallen, dass Menschen Jahr für Jahr immer dann krank werden, wenn es kalt und nass wird – und dann noch im Rudel. Aber ich habe zur Sicherheit mal gegoogelt. Nennt sich "Tröpfcheninfektion" und ist leider 'ne ganz normale Sache.

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