Wegen Neonazis lässt Plauen womöglich das Andenken an deportierte Juden ausfallen

Die wollen ganz zufällig am selben Tag einen "Lichtermarsch" abhalten.

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24 Oktober 2018, 9:01am

Demonstrant bei der III.-Weg-Demo in Plauen am 1. September | Foto: imago | Michael Trammer

Plauen am 29. Oktober 1938: Polizisten schwärmen abends aus, dringen in Wohnungen ein und verhaften 85 Männer, Frauen und Kinder. Die Menschen werden in der sächsischen Kleinstadt auf Sonderzüge geladen und an die polnische Grenze in Oberschlesien deportiert, wo die meisten von ihnen in Ghettos landen. Monate später verschwinden sie in den nationalsozialistischen Vernichtungslagern.

Dasselbe passiert gleichzeitig in ganz Deutschland, es ist die sogenannte "Polenaktion": Auf Anordnung Heinrich Himmlers werden 17.000 im Reich lebende polnische Juden ohne Vorwarnung verhaftet und nach Polen gebracht. Die Aktion war der Beginn der systematischen, koordinierten Verfolgung der Juden im Deutschen Reich – und die "Generalprobe" für die gegen alle Juden gerichtete Pogromnacht einige Tage später.

Am kommenden Montag jährt sich dieses Ereignis zum 80. Mal. Zu diesem Anlass war eine Gedenkveranstaltung geplant: Zwei Frauen, die sich mit der jüdischen Geschichte Plauens beschäftigen, wollten sich zusammen mit Schulkindern am Bahnhof aufstellen und dort die Namen der 85 Menschen vorlesen, die von diesem Ort aus verschleppt wurden.

Daraus wird jetzt vielleicht nichts – weil Neonazis zur selben Zeit eine Demo angemeldet haben.

"Der III. Weg", die ortsansässige Neonazi-Mikropartei, hat für denselben Abend einen "Lichtermarsch" angemeldet. Ob das direkt mit der Deportation oder vielleicht mit dem Geburtstag von Joseph Goebbels zu tun hat, ist nicht ganz klar. "Wir gehen auf die Straße und führen die Flamme, die dieses Volk eines Tages im Feuersturm erwachen lässt", schreiben die Neonazis auf ihrer Webseite.


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Erst vor knapp zwei Monaten hat die Partei am 1. September eine größere Demo in Plauen abgehalten, zu der laut Medienberichten um die 800 Menschen kamen. Eigentlich ein ziemlicher Erfolg für den Verein – der dann aber von den Ausschreitungen in Chemnitz überschattet wurde. Vielleicht ist das der Grund, warum die Rechtsextremen es so kurz darauf noch einmal probieren wollen.

Die Demo sorgt für Ärger im Rathaus

Woran auch immer es liegt: Wenn der "Lichtermarsch" der Neonazis stattfindet, dann muss die Gedenkveranstaltung für die Juden ausfallen – aus Sicherheitsgründen, berichtet die Freie Presse. Ein Gedanke, der einige Leute in Plauen wütend macht. "Für uns ist es unverständlich, dass die Entscheidungsträger nicht die Courage haben, so eine Veranstaltung abzulehnen", hat zum Beispiel die Stadt-Vorsitzende der Linken, Petra Rank, in einem Brief an die Stadtführung geschrieben. "Hier hört unser Demokratieverständnis auf. Schon aus Anstand gegenüber den vielen Opfern."

Plauens Oberbürgermeister Ralf Oberdorfer (FDP) ist tatsächlich derselben Meinung – und hat deshalb die Versammlungsbehörde aufgefordert, die Neonazi-Demo zu untersagen. Die Behörde untersteht allerdings dem Landrat Rolf Keil von der CDU. Und der hat sich bis jetzt noch nicht dazu geäußert. Auch auf Anfragen von VICE hat das Amt bisher nicht reagiert.

Die Neonazis haben jedenfalls schon mitbekommen, dass ihr Marsch für Diskussionen sorgt – und werfen dem OB jetzt Amtsmissbrauch vor, weil er das Verbot angeregt hat. "Grund für das Verbot soll der 80. Jahrestag sein, an dem die ersten Juden aus Plauen deportiert wurden", schreiben sie auf ihrer Webseite. "Es ist unglaublich, mit welchen Mitteln wieder einmal versucht wird, unsere Partei zu kriminalisieren. Aber es ist ja gängige Praxis, dass heutzutage ein jeder, der die Politik der herrschenden Klasse kritisiert (…), in die sogenannte 'Nazi-Ecke' gestellt wird."

Es ist aber auch wirklich unfair: Man tut nix Böses, außer genau am Gedenktag zum Auftakt des Holocaust einen Fackelmarsch zu veranstalten und zack – steht man in der Nazi-Ecke!

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