In München könnt ihr diese überteuerte Matratze in einem Vier-Bett-Zimmer mieten

Für einen Wucherpreis könnt ihr euch mit Fremden ein Bett, eine Ceran-Kochplatte und ein Klo teilen.
24.10.17
Alle Fotos: Screenshots der Anzeige

Was? Ein sehr teurer Dauer-Aufenthalt in einem privaten Jugendherbergszimmer.
Wo? Maxvorstadt – der Bezirk des Münchner Stadtzentrums, in dem die beiden großen Unis LMU und TU stehen und auch Hitler sich 1913 kurzzeitig niederließ.
Wie teuer? 400 Euro. Pro Matratze. Wenn ihr Pech habt, kriegt ihr die Doppelbetthälfte. Wenn ihr richtiges Pech habt, reibt sich nachts euer neuer Mitbewohner an eurem Rücken. Aber hey, das Internet ist inklusive. Seid nicht so kleinlich.

Eine Freundin hat mal gesagt: "In München suchst du nicht nach einem Zimmer. Das Zimmer sucht dich. Und wenn es dich gefunden hat, dann nimmst du es gefälligst – egal, wie weit die Münchner Stammstrecke davon entfernt ist." Der Typ, der seit zehn Tagen versucht, dieses niedliche Exemplar einer Wohnung im Bezirk Maxvorstadt an vier Personen zu bringen, muss diese Weisheit auch irgendwo aufgegriffen haben. Wie sonst sollte er auf die Idee kommen, eine "WG" in der Größe und Ausstattung eines Jugendherbergszimmers an fast eine Handvoll verzweifelter Wohnungssuchender loswerden zu wollen?

Ihr kennt diese Facebook-Posts, die zweimal täglich zwischen die nachdenklichen Sprüche mit Bildern in eurer Timeline gespült werden: "Kennt ihr jemanden, der jemanden kennt, dessen Tante […] ein Zimmer für mich hat?" Ein Witz, der bereits so oft wiederholt wurde, wie Micaela Schäfer Dinge gefunden hat, die sie nackt machen kann. Falls eure Tante keinen Nachbarn mit den entsprechenden Connections hat – oder noch schlimmer, der Nachbar eurer Tante ein Typ ist, der vorhat, mit einem Schuhkarton-Zimmer monatlich 1.600 Euro zu machen –, hat es die Ersteller dieser Posts wahrscheinlich in diese Wohnung in Maxvorstadt verschlagen. Dort teilen sie sich das WLAN, das Klo und die Ceran-Kochplatte mit mindestens drei anderen Menschen – und nehmen an einem täglichen und unfreiwilligen Team-Building-Experiment der Hölle teil.

Aber lasst uns kurz analysieren, was der windige Vermieter euch für eure 400 Euro anbietet: eine möblierte Vierer-Wohnung, bestehend aus einem multifunktionalen Ess-, Schlaf- und Wohnzimmer, einem anliegenden Mini-Bad und eine netterweise extra angebrachte Steckdosenleiste, an der immerhin drei der vier Bewohner ihre Handys aufladen können. Wenn ihr zu den Menschen gehört, die gerade ihr Soziologie-Studium angefangen haben, nach den ersten zwei Wochen des Semesters aus der WG geflogen sind, weil sie in die Unterwäsche-Schublade der Mitbewohnerin gekotzt haben und reiche Eltern haben, die es OK finden, 400 Euro für eine Matratze zu zahlen – go for it. Wenn ihr auch nur den kleinsten Anspruch erhebt, beim Scheißen Privatsphäre zu haben – sucht euch stattdessen eine WG mit einer ordentlichen Badezimmertür.

Stockbett, Schiebetür, Küchenzeile

Die Badezimmer-"Tür", eine Schiebewand direkt neben dem Stockbett eurer neuen Mitbewohner, ist neben der "Wohnung" und dem Mietpreis übrigens nicht der einzige Beweis dafür, dass der Vermieter bei seinem Angebot sehr großzügig gedacht hat: "Es gibt keine Küche in dem Sinne", sagt er, als ich ihn über die Anzeigen-Plattform unter einem Pseudonym nach der Art der Einrichtung frage, "aber einen Kühlschrank und eine Ceran-Kochplatte." Tatsächlich lässt sich bei näherer Betrachtung eine entsprechende Kühlschrank-Herd-Kombination neben der Schiebetür auf den Bildern ausmachen – direkt neben der Kommode mit den drei Schubladen und gegenüber des zweitürigen Kleiderschranks, der wiederum zwischen Stock- und Doppelbetten steht. Ihr merkt, das Vierbett-Zimmer ist überschaubar. Den Kaffee gibt es nur auf dem angelehnten "Latte"-Bild neben der Haustür – für eine Maschine gibt es weder Platz noch freie Steckdosen. Für Besteck, eure Kletter-Ausrüstung oder – Gott bewahre! – Gäste übrigens auch nicht. Allerdings hat der Vermieter an einen Fernseher gedacht, und damit gibt es in dieser Wohnung neben ständigem zwischenmenschlichem Kontakt immerhin etwas, das viele andere Studierende in ihrer Uni-Zeit eher selten haben.

der "Eingangsbereich"

In unserem Nachrichten-Plausch hat der Vermieter übrigens mitgeteilt, dass drei der vier Betten schon belegt seien und ich mich schnell entscheiden müsse, ob ich das Bett nun nehme oder nicht. Ginge man davon aus, dass diese Aussage nicht Teil einer Verkaufsstrategie ist, gäbe es also wirklich Leute, die sich für 400 Euro im Monat in ein schlecht ausgestattetes Zimmer pferchen lassen. Von der ersten Nachricht bis zur vierten änderte sich das Mietverhältnis mit jeder neuen Meldung: Erst gab es einen Mietvertrag auf unbestimmte Zeit, dann für einen Monat mit Option auf Verlängerung, schließlich nur noch für einen Monat. Am Ende hieß es, eine Adress-Anmeldung sei für die Mieter nicht möglich – "weil es nur kurzzeitig vermietet wird".

Das ist zwar eine hoffnungsvolle Aussicht darauf, dass niemand für immer hier leben muss, erweckt aber auch den beunruhigenden Verdacht, dass es noch mehr Menschen gibt, die sich vorstellen können, ihre Studienzeit ohne Hauspartys, ruhige Lernabende oder Casual Sex zu erleben. Aus einer anderen Perspektive mag das Zimmer sogar Vorteile haben: Vielleicht sehen sie die Vierer-WG als Chance, auch nüchtern schnell neue Freunde in München kennenzulernen. Vielleicht ist so eine Matratze in Uni-Nähe noch immer besser als ein Palast im Randbezirk Feldmoching. Und vielleicht folgen sie einfach nur dem Ruf des Zimmers, das sich seine Bewohner selbst aussucht – auch wenn das für diese bedeutet, mindestens einen Monat lang beim Kacken belauscht zu werden.

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