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Monatsende

Bewohner der ärmsten Stadt Deutschlands erzählen von ihrem Kontostand

Malocher, Azubis, Arbeitslose und Obdachlose verraten, wie sie über die Runden kommen.

von Lea Albring
30 Oktober 2017, 10:44am

Alle Fotos von der Autorin

Lumpenkleidung, schlechte oder keine Zähne und ein Leben in der Gosse: So sieht Armut in Hollywood aus. Primark-Klamotten, schlechte oder keine Jobs und ein Leben ohne Urlaub: Das ist Armut in Gelsenkirchen. In keiner deutschen Stadt verdienen die Leute schlechter, in einem Einkommens-Vergleich der statistischen Landesämter landete das durchschnittliche Nettoeinkommen der Gelsenkirchener auf dem letzten Platz.

Im Durchschnitt verdienen Gelsenkirchener 16.274 Euro im Jahr, Steuern und andere Sozialabgaben sind da schon abgezogen. Auf den Monat runtergerechnet hat ein Gelsenkirchener 1.356 Euro zur Verfügung: für Miete, Heizung, Essen, Versicherungen, Altersvorsorge und alles, was Spaß macht, wie Kino, Urlaub, oder Schalke im Stadion sehen. Zum Vergleich: Das durchschnittliche Jahreseinkommen in ganz Deutschland liegt bei 21.600 Euro, pro Monat sind das 356 Euro mehr.


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Seit Jahren liegt die Arbeitslosenquote in der ehemaligen Kohle- und Bergbau-Stadt bei rund 14 Prozent und ist damit fast dreimal so hoch wie im Bundesdurchschnitt. Minusrekordhalter ist Gelsenkirchen auch bei der Zahl der Kinder, die von Hartz IV leben: ganze 41 Prozent (Deutschlandweit sind es 14,6 Prozent).

In der Nordkurve vom FC Schalke 04, dem Fußballclub der Stadt, gehen die Fans ironisch mit der Armut um: "Wir sind Schalker, asoziale Schalker, schlafen unter Brücken, oder in der Bahnhofsmission", grölen die Fans – es klingt fast stolz.

Weniger witzig dürfte für viele Gelsenkirchener der Blick ins Portemonnaie am Monatsende sein. Wir wollten es genau wissen und haben deshalb Leute gefragt, was übrig bleibt, wenn man in der ärmsten Stadt Deutschlands lebt.

Christa (76): "Ich gehöre noch zum alten Schlag: Was ich nicht habe, gebe ich nicht aus."

"Ich will nicht sagen, wie viel Rente ich jeden Monat habe. Weil es so wenig ist, dass am Ende des Monats nichts übrig bleibt. Dass jeden dritten Monat GEZ-Gebühren abgebucht werden, schreibe ich mir immer extra in den Kalender, damit ich in diesem Monat noch sparsamer als sonst lebe. Dann kann ich eben nicht ein-, zweimal in der Woche mit dem Taxi fahren, was ich machen muss, weil ich nicht mehr gut laufen kann. Im Urlaub war ich schon jahrelang nicht mehr. Ich käme aber auch nie auf die Idee, dafür mein Konto zu überziehen oder Schulden zu machen wie viele junge Leute. Das gibt es bei mir nicht. Ich gehöre noch zum alten Schlag: Was ich nicht habe, gebe ich nicht aus."

Meryem (31): "Meistens bleiben mir 500 Euro, die ich sparen kann."

"Ich verdiene ganz gut, bin gelernte Konditorin und arbeite seit 13 Jahren in dem Beruf. Ungefähr 2.000 Euro netto bekomme ich, die Nachtschicht-Zuschläge sind da schon mit drin. Meistens bleiben mir davon 500 Euro, die ich sparen kann. Ich muss mich nicht einschränken, auch nicht am Monatsende. Bei manchen Leuten ist das aber anders, meine beste Freundin zum Beispiel ist nicht so flüssig wie ich. Deshalb ist es auch keine große Sache für mich, sie am Monatsende mal auf einen Kaffee oder ins Kino einzuladen."

Achim (50) mit Hund Pinsel: "Ich merke am Monatsende nicht, dass mir die Menschen weniger als sonst geben."

"Ich lebe im Moment auf der Straße und bin erst seit ein paar Wochen in Gelsenkirchen. Bisher habe ich hier nur gute Erfahrungen gemacht. Am Monatsende habe ich genauso viel wie an jedem anderen Tag: Ich starte bei Null Euro und habe dann irgendwann 20, 30 Euro zusammen. Die Leute geben mir hier nicht weniger als in Stuttgart, wo ich herkomme. Ich merke auch nicht, dass sich das am Monatsende ändert. Gerade kam eine Frau, die mir einen Beutel voller Hundefutter und zehn Euro in die Hand gedrückt hat. Davor hat mir einer fünf Euro gegeben und ein anderer zwei. Ich mache in den nächsten Tagen mal einen Abstecher zu Bekannten nach Wuppertal, aber ich will wieder zurück nach Gelsenkirchen kommen, weil die Leute hier so nett sind."

Fatih (25): "Ich hab' zwei Jobs und bin trotzdem jeden Monat blank."

"Ich mache gerade eine Ausbildung zum Anlagenmechaniker, da verdiene ich aber im dritten Lehrjahr so wenig, dass ich nebenher noch einen Hausmeister-Job mache. Insgesamt habe ich dann im Monat 1.100 Euro, 650 verdiene ich in der Lehre, 450 beim Hausmeisterjob. Trotzdem bin ich jeden Monat blank. Früher habe ich Scheiße gebaut und muss jetzt Schulden abbezahlen, das sind 500 Euro jeden Monat. Das heißt, mir bleiben 600 Euro zum Leben. Das ist auch ein Grund, warum ich noch zu Hause wohne. Gerade habe ich Geld im Portemonnaie, weil ich meinen Hausmeister-Lohn abgeholt habe. Den gibts zum Glück immer schon Ende des Monats und nicht erst am ersten. Ich fühle mich aber nicht so, als müsste ich auf alles verzichten. Wenn ich in den Urlaub fahren will, frage ich meine Eltern und dann geben die mir Geld."

Marcel (23) und Tim (22): "Für ein paar Bier im Stadion bleibt immer was übrig."

Tim (rechts): "Wir kommen gar nicht aus Gelsenkirchen, sind aber zweimal im Monat wegen Schalke hier. Ich mache gerade eine Ausbildung an einer Tankstelle zum Einzelhandelskaufmann, gerade verdiene ich 640 Euro pro Monat. Klar sind da keine zehn Bier am Monatsende im Stadion drin, das wär allerdings auch promilletechnisch eher problematisch. Aber für ein paar Bier im Stadion bleibt immer was übrig. Damit das geht, halte ich mich in anderen Dingen zurück, gehe zum Beispiel nicht so oft essen.

Marcel (links): Ich bin gelernter Maurer und davor war ich beim Bund. Gerade suche ich Arbeit. Da ich eine Dauerkarte habe, muss ich ja nicht für jedes Spiel den Eintritt neu bezahlen und kann mir auch am Monatsende noch ein paar Bier leisten."

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