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Politik

Ein Mann soll abgeschoben werden – und wacht am nächsten Tag im Krankenhaus auf

Die Polizei spricht von einem medizinischen Notfall, der Asylbewerber wirft den Beamten Misshandlung vor – im Arztbrief steht eine dritte Erklärung.

von Aiko Kempen
29 August 2019, 1:14pm

Links die Flüchtlingsunterkunft in der Leipziger Max-Liebermann-Straße: imago images / Lutz Winkler | rechts ein Krankenwagen: imago images / Alexander Pohl

Montagabend, 22 Uhr im Norden von Leipzig: Während vor einer Erstaufnahmeeinrichtung rund 80 Personen gegen eine geplante Abschiebung demonstrieren, wartet Etong Collins mit gepacktem Rucksack in seinem Zimmer auf die Polizei. Der 31-jährige Kameruner soll in dieser Nacht nach Italien gebracht werden, dort hat er seinen ersten Asylantrag gestellt. Den Ausreisetermin teilte man ihm bereits vor rund einem Monat mit. Als die Beamten ihn mit leichter Verspätung abholen, verlassen sie die Unterkunft mit Collins über einen Hinterausgang – unbemerkt von den Demonstrantinnen und Demonstranten vor dem Tor. Am Dienstagvormittag steht Etong Collins erneut vor der Geflüchtetenunterkunft in Leipzig. Er ist im Krankenhaus aufgewacht, nicht in Italien.

Für das, was in der Zwischenzeit passierte, gibt es mehrere Versionen. Es habe unterwegs einen medizinischen Notfall gegeben, erklärt ein Sprecher der Leipziger Polizei gegenüber VICE am Dienstag. Nähere Details könne er nicht nennen. Wenige Stunden später veröffentlichte die Polizei eine Pressemitteilung: Die Abschiebung verlief friedlich, doch beim Zwischenstopp in einer Dienststelle habe der Kameruner einen Anfall erlitten. Die Beamten hätten deshalb einen Arzt hinzugezogen und Etong Collins ins Krankenhaus gebracht.


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Klinikumsbericht widerspricht der Darstellung der Polizei

Im Arztbrief der Klinik, in der Collins am Dienstagmorgen aufwachte, wird ein Anfall allerdings nicht erwähnt. Stattdessen steht dort, es sei bei der versuchten Abschiebung zur "Eskalation" gekommen. Das Dokument liegt VICE vor. Der Asylbewerber habe geschlagen und getreten und sei daraufhin von einer begleitenden Amtsärztin mit einem Beruhigungsmittel sediert worden. Der Rettungsdienst habe den schlafenden Mann in Polizeibegleitung im Krankenhaus abgeliefert, heißt es weiter.

Etong Collins selbst erklärt, er sei in dieser Nacht durch die Hölle gegangen. Obwohl er freiwillig mit den Beamten die Unterkunft verließ, sei die Situation auf dem Polizeirevier schnell eskaliert. Collins ist an Hepatitis B erkrankt und leidet unter den Folgen eines Messerangriffs in einem italienischen Geflüchtetencamp. Die große Bauchwunde ist noch immer sichtbar. Deshalb habe der Kameruner die Polizei gebeten, Rücksicht zu nehmen und ihn nicht komplett zu fixieren. Doch die Polizisten seien rabiat vorgegangen, hätten ihn auf dem Boden fixiert und dabei auf Hände und Kopf eingetreten, erzählt Collins weiter. "Ich habe geschrien, dass ich krank bin und sie bitte aufhören sollen", sagt Collin am Tag danach. Irgendwann sei er bewusstlos geworden und erst im Krankenhaus wieder aufgewacht.

Welche dieser drei Versionen stimmt, ist unklar. Im Arztbrief des Krankenhauses sind sowohl Verletzungen an Collins Händen als auch seine geschilderten Vorerkrankungen beschrieben. Zum Gespräch mit dem Leipziger Stadtmagazin kreuzer erschien er mit geschwollener Schläfe und blutigen Händen. Am Dienstagmorgen meldete sich der Kameruner erneut am Empfang der Sammelunterkunft, aus der er nur Stunden zuvor von der Polizei abgeholt wurde. Wo hätte er denn sonst hingehen sollen, sagt er. Derzeit wartet er auf einen neuen Ausreisetermin.

Flüchtlingsrat: "Es wäre nicht das erste Mal, dass die Polizei im Zuge von Abschiebung zuschlägt."

Mit der Frage, ob der Asylbewerber auf einer Leipziger Polizeistation von Polizisten misshandelt wurde, muss sich nun die sächsische Landesregierung beschäftigen. Die sächsische Landtagsabgeordnete und Sprecherin der Linksfraktion für Migrations- und Flüchtlingspolitik, Juliane Nagel, stellte am Donnerstag eine entsprechende Anfrage. Auch der Sächsische Flüchtlingsrat (SFR) kritisiert die Ereignisse scharf: "Es wäre nicht das erste Mal, dass die Polizei im Zuge von Abschiebung zuschlägt. Die Verletzungen, die der Infobus beobachtet hat und die der kreuzer berichtet, sind nicht wegzuleugnen", erklärt Jörg Eichler vom SFR.

Die Polizei Leipzig könne derzeit noch keine weitere Aussage zu dem Fall treffen, erklärte ein Sprecher gegenüber VICE, da es um strafrechtliche Ermittlungen gehe. Die Vorwürfe gegen die Beamten seien der Polizei seit Dienstag bekannt – an diesem Nachmittag veröffentlichte die Pressestelle ihre Schilderung, Etong Collins habe einen Anfall erlitten.

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