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Menschen

Tierversuche bei Hamburg: Wir haben mit dem Undercover-Aktivisten gesprochen

"Kein Tier verlässt das Labor lebend, keine Informationen gelangen an die Öffentlichkeit."

von Johanna Senn
16 Oktober 2019, 9:11am

Alle Fotos mit freundlicher Genehmigung von SOKO Tierschutz | cruelty free International  

Achtung: Obwohl wir uns die größte Mühe gegeben haben, die harmlosesten Fotos herauszusuchen, enthält der folgende Text Bilder, die explizites Tierleid darstellen und daher für manche Menschen verstörend sein könnten.

Ein Beagle, der mit einer blutenden Pfote in einem kargen Käfig sitzt. Ein Affe, der völlig hilflos in einem Metallgeschirr steht, den Kopf in einer Schlinge befestigt – es sind schreckliche Aufnahmen, die am Montag von der Tierschutzgruppe SOKO-Tierschutz veröffentlicht wurden.

Das LPT-Labor für Pharmakologie und Toxikologie in Mienenbüttel in der Nähe von Hamburg ist laut der Zeit eines der größten Auftragslabore für Tierversuche in Deutschland. Wie die Zustände dort wirklich sind, konnte aber bis vor Kurzem nicht aufgezeigt werden. Selbst dem Bürgermeister von Mienenbüttel soll der Zutritt in die laboreigene Beaglezucht verwehrt worden sein.

Auf der Homepage der LPT ist es unmöglich, Genaueres über die Tierversuche herauszufinden, jeder weitere Klick erfordert Log-in-Daten. Im Internet Archiv findet sich aber eine Beschreibung der Firma von 2013. Darin steht, dass bereits 300 unterschiedliche Chemikalien und Medikamente in der LPT getestet wurden. Und die Zeit schrieb 2015: "Die Mittel werden den Tieren oral verabreicht, als Infusion, Inhalation oder Injektion in die Bauchhöhle, auf die Haut, in die Vagina, ins Auge, ins Gelenk oder in den After."


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Nun ist es einem Aktivisten der Tierrechtsorganisation SOKO Tierschutz gelungen, sich als Mitarbeiter für vier Monate in das Labor einzuschleusen. Traut man den Aufnahmen der Tierschutzorganisation, mussten in dem Labor wohl schon einige Hunde, Affen, Schweine und Ratten dafür herhalten, etwa Chemikalien für die Landwirtschaft zu testen. Wir haben das Labor gebeten, Stellung zu den Vorwürfen nehmen. Bisher haben wir keine Antwort erhalten.

Tierversuche LPT Labor Soko Tierschutz

VICE hat mit Friedrich Mülln, dem Leiter der Recherche gesprochen, und auch mit dem Mann, der sich für vier Monate als Mitarbeiter in das Labor schleusen konnte. Damit er unkenntlich bleibt, nennen wir ihn Lukas.

VICE: Wie kamt ihr auf das Labor?
Friedrich Mülln: Das LPT gilt als das berüchtigste Tierlabor Deutschlands. Es gilt als geheim und unzugänglich und das schon seit Jahrzehnten. Kein Tier verlässt das Labor lebend, keine Informationen gelangen an die Öffentlichkeit. Tierversuche sind ein großes Thema. Wir wollten den Menschen zeigen, wie es in einem absolut geheimen Labor zugeht.

Lukas, wie war dein erster Eindruck von den Bedingungen im Labor?
Lukas: Wie im Gefängnis, ein Lager für Tiere. Die Tiere sind in betonierten Räumen eingesperrt ohne Ablenkung und völlig auf sich allein gestellt mit den Grausamkeiten, die da passieren. Die Beagles wurden pärchenweise in einen Zwinger eingesperrt, während der Futterzeit wurden sie getrennt. Die Affen sind meistens zu dritt und zu Reinigungszeiten werden sie in Einzelkäfige gesperrt, die kleiner sind als ein halber Kubikmeter. Einige Affen werden permanent einzeln gehalten. Bei den Beagles und den Affen gibt es keinerlei Ablenkung. Es gibt nur Fliesen, Metallgitter und eine Wasserzufuhr.

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Wie ist es euch überhaupt gelungen, Lukas einzuschleusen?
Friedrich Mülln: Die Recherche fand zusammen mit Cruelty Free International statt. Wir hatten erfahren, dass das Labor unter Personalmangel leidet. Angesichts der dortigen Zustände ist das nicht verwunderlich. Lukas hat sich beworben, wurde angenommen und hat bereits in den ersten Tagen begonnen, die Zustände zu dokumentieren. Zwei krasse Fälle waren von Hunden, die Blutungen erlitten. Der eine Fall war ganz am Anfang der Recherche im Januar für ein Pharmaunternehmen aus der Schweiz. Welche Firmen das genau sind, wollen wir zum momentanen Zeitpunkt noch nicht melden. Ansonsten sind es auch viele Firmen aus Deutschland, aber auch aus Asien und den USA.

Lukas, wie lange warst du dort und in welcher Funktion?
Lukas: Ich war vom 3. Dezember bis zum 31. März als Tierpflegehelfer eingestellt. In der Abteilung, wo ich war, waren Hunderte von Affen und Hunde und etwa 60 Katzen und temporär auch Kaninchen. Am Anfang hatte ich vor allem mit Hunden und Katzen, später auch mit Affen zu tun. Es gab viel zu reinigen; dabei ging es um das Füttern und die Tiere für die Blutabnahme zu fixieren und festzuhalten.

Kannst du uns beschreiben, wie es in dem Labor genau aussieht?
Lukas: Außen ist ein Stacheldrahtzaun, auch die Tore sind mit Stacheldrahtzäunen versehen. Wenn man reinkommt, ist da ein Flachbau aus Backstein, typisch für die Gegend. Draussen sind auch mehrere Außenkäfige für Beagles, die fallen direkt ins Auge. Das sind aber die einzigen Tiere, die man außen sieht. Alle anderen leben in den Innenräumen.

Was sollte an den Tieren herausgefunden werden?
Lukas: Es geht unter anderem darum, die tödliche Dosierung von Medikamenten festzustellen und die Nebenwirkungen zu erfassen.

Galten die Versuche auch Forschungszwecken?
Lukas: Das ist keine Forschung in dem Sinne. Tierversuche in der Forschung, das ist ein ganz anderer Bereich. Diese Tests sind Fließbandtierversuche, um festzustellen: Welche Dosis verletzt das Tier und welche Dosis tötet das Tier?

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War das dein erster Undercover Einsatz?
Lukas: Ja. Für mich war es mehr als krass. Es gibt keine Worte dafür. Es ist ein richtiger Albtraum. Was ich da gesehen habe, konnte ich mir gar nicht vorstellen. Man denkt, wir leben in einem Rechtsstaat und das Veterinäramt hat da ein Auge drauf, aber es ändert sich nichts. Ob das, was sie da tun, alles rechtens ist, wage ich zu bezweifeln. Es wurde gesagt, das Veterinäramt sei fünf Mal da gewesen und hatte nichts zu bemängeln.

Wie hast du das, was du gesehen hast, psychisch verarbeitet?
Lukas: Ich hatte gestern ein Interview mit einer Dame aus Buxtehude, die ist seit 20 Jahren hinter dieser Geschichte her. Das hat mir schon Tränen in die Augen gedrückt. Ich bin nach wie vor nicht ganz damit fertig. Das ist eine Katastrophe. Die ersten Tage waren ganz schwer. Ich habe oft mit Friedrich gesprochen und war bedrückt. Ich bin mit der Zeit verroht. Ich hatte ja auch Kontakt zu den Leuten dort. Die Sachen haben sich nicht mehr so in den Vordergrund gedrängt. Nachdem das Ganze nun vorbei ist und ich den psychischen Schutzmantel nicht mehr brauche, meldet sich auch meine Psyche wieder und sagt: Da war was.

Weißt du, für welche Firmen die Versuche durchgeführt wurden?
Friedrich: Dazu können wir noch nichts sagen, weil wir uns nicht angreifbar machen wollen. Wir wollen darum alles so korrekt wie möglich machen. Aber es spielt fast keine Rolle, welche Firmen das waren. Alle Firmen weltweit sind diesen Tests verpflichtet. Die Hauptschuld trifft den Gesetzgeber.

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Wenn man das so sagen kann: Welche Produkte sind betroffen?
Friedrich: Betroffen sind chemische und pharmazeutische Substanzen. Das kann eine Kopfschmerztablette sein oder ein Reinigungsmittel. Nehmen wir als Beispiel Aceton. Damit kann man alle möglichen Lacke entfernen und jeder weiß, es verätzt die Augen. Aber auch diese Substanz wurde vor einiger Zeit wieder bei Tierversuchen getestet, um das zu bestätigen.

Lukas, seit wann setzt du dich für Tierrecht ein?
Friedrich: Das können wir nicht sagen, weil das die Identität von Lukas gefährden würde.

Dann frage ich so: Warum setzt du dich für Tierrechte ein?
Lukas: Tierschutz ist meines Erachtens so ziemlich das Einfachste, was wir alle machen können. Wir können von einem Tag auf den anderen Tierschützer werden, indem wir uns nicht mehr an der Ausbeutung von Tieren beteiligen. Alles, was sich um Fleisch dreht, hat mit PR zu tun. Eigentlich müssten die Leute anfangen, selbst nachzudenken.

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