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Noisey News

Kann 'Luisa' wirklich sexuelle Gewalt im Nachtleben bekämpfen?

Was Nightlife-Frauen vom Projekt 'Ist Luisa hier?' halten.

von Nina Vedova
14 Februar 2018, 4:07pm

Foto: Pixabay | StockSnap | CC0

Die Clubkultur gehört in unser Leben wie Wasser. Wer geht nicht gerne zu harten Bässen abfeiern, bis ihn die Sonne am Morgen mit ihren Strahlen wieder wach kitzelt? Hauptsache Spass, Musik, Tanzen und eine Hand auf dem Arsch von jemandem. Was? Egal, wieviel Spass wir im zügel- und grenzenlosen Nightlife haben, gibt es doch immer wieder solche Experten, die nicht checken, dass es für Liebe oder Spass immer zwei braucht. Es ist notwendig, die Grenzen anderer Menschen zu akzeptieren und zu respektieren. Als Mensch im Nightlife hast du dich vielleicht schon mal in in einer Situation wiedergefunden, in der deine Grenzen nicht akzeptiert, du bedrängt wurdest, dich nicht sicher, bedroht oder unwohl gefühlt hast.

Für diese Situation gibt es seit Anfang Februar eine Lösung in Zürich – Luisa ist in der Stadt. Falls du dich in einer Situation befindest, in der du dich nicht wohl fühlst, kannst du einfach beim Barpersonal nach Luisa fragen. Die Barkeeper wurden geschult und wissen über das Codewort Bescheid: Sie werden dich unverzüglich in einen anderen Raum bringen. So soll dir ein Schutzraum geboten werden, um die allfällige Gefahr zu bannen. Die Club-Angestellten werden dann auf deine Bedürfnisse eingehen. Heisst: Deine Begleitung holen, ein Taxi rufen oder allenfalls die Polizei informieren.

Das Projekt wurde von der Bar- und Clubkommission in Zürich und der Zürcher Frauenberatung umgesetzt. Am Montag vor einer Woche wurde es in Clubs wie dem Plaza, dem Klaus und dem Heaven in Zürich eingeführt. Plakate am Eingang oder auf der Toilette informieren dich über Luisa und dass der Club an dieser Aktion teilnimmt. Wir haben uns mit verschiedenen Frauen aus dem Zürcher Nightlife, die als DJs, Clubmacherinnen und -teilhaberinnen tätig sind, über die neuen Massnahmen und deren Auswirkungen unterhalten. Ihre Antworten zeigen auf, dass sich die meisten Frauen im Nachtleben nicht unsicher fühlen, trotzdem wurde mit Luisa ein kleiner Schritt in die richtige Richtung gemacht und die Leute werden auf Themen wie sexuelle Gewalt sensibilisiert.

Rosanna Grüter, SRF-Moderatorin & DJ

Foto: Facebook

Noisey: War die Massnahme Luisa überfällig?
Rosanna: Ich finde es gut, dass das Nachtleben von der Zügellosigkeit lebt. Massen von Leuten treffen aufeinander – kombiniert mit Alkohol, lauter Musik, Extase, Geflirte und dem Sehen und Gesehen werden. Aber dieser Kontext ist auch Nährboden für das Überschreiten der gegebenen Grenzen. Ich befürworte es, Grenzen auszuloten – aber die Grenzen zu überschreiten, egal ob man jetzt getrunken hat oder nicht, liegt in der Verantwortung jedes Einzelnen. Das Nachtleben wurde durch Kampagnen wie #Metoo und anderen öffentlichen Debatten auch auf diese Thematiken sensilibiert.

Wärst du auch schon mal froh über Luisa gewesen?
Luisa ist ja vor allem dafür da, wenn ein "lass mich in Ruhe" nicht mehr funktioniert. Ich erlebte früher auch schon solche Situationen, in denen ich zum Security ging, um jemanden vor die Tür stellen zu lassen. Bis auf ein, zwei Mal waren es jedoch anonyme Situationen, in der dich jemand in der Menge anfässt und dann weg ist. Heisst: Du weisst gar nicht, wer es war. Dann nützt dir auch ein Codewort nichts. Vor allem denke ich nicht, dass eine Person in so einer Situation brav an der Bar neben dir stehen bleibt, während du fragst, wo Luisa ist.

Fühlst du dich als Frau jetzt sicherer im Club?
Nein, es macht keinen Unterschied, weil Luisa einfach Symptombekämpfung ist. Clubs machen Werbung mit Lollipop-lutschenden, vollbusigen Frauen. Dann an der Bar nach Luisa fragen – das ist Heuchelei. Die Industrie lebt da, wo konsumiert werden kann, egal ob Alkohol, Drogen oder Frauen, die objektiviert werden. Leider wird mit Luisa die Frage nicht beantwortet, wie wir das gesamte Nachtleben zu einem gleichermassen spassigen Ort für alle Beteiligten machen.

Olivia Deppe, Teilhaberin Minirock & Eventmanagerin im Plaza

zvg

Noisey: Was hältst du vom neuen Codewort "Isch d Luisa da"?
Olivia: Ich als Frau finde es absolut sinnvoll. Mit Luisa ist das Nachtleben besser organisiert und strukturiert und die Gesellschaft gibt sexueller Gewalt eine grössere Aufmerksamkeit. Je besser du auf ein Problem geschult bist, umso besser kannst du im Ernstfall reagieren. Mit Luisa bekommt eine Frau Hilfe, ohne laut sagen zu müssen, dass sie sexuell belästigt worden ist und das finde ich super.

Wärst du auch schon mal froh über Luisa gewesen?
Mir ist jetzt im Club noch nie etwas passiert, doch einmal gab es einen Vorfall im Bus. Dort wäre ich froh gewesen, wenn ich beim Chauffeur nach Luisa hätte fragen können.

Fühlst du dich als Frau jetzt sicherer im Club?
Ich fühle mich im Club wegen der Securitys sicher. Heutzutage kannst du keinen Club ohne Sicherheitspersonal betreiben. Dass ich mich sicher fühle, hat wohl auch mit dem Alter zu tun. Ich bin jetzt über 30 und weiss mich zu wehren. Aber für junge Girls, die noch gar nie mit sexueller Gewalt in Kontakt gekommen sind, ist es sicher gut. Verbesserungspotenzial von solchen Konzepten sehe ich nicht nur im Clubleben, sondern überall. Je mehr man darüber spricht, desto mehr Aufmerksamkeit bekommen solche Themen. Und Menschen werden sich vielleicht ihrer Handlungen bewusst. Mit Luisa deckt man im Moment nur den Club ab, aber es gibt noch viele andere Orte wie den Nachtbus und -zug, wo eine Luisa auch hingehört.

Loit Lim, Clubchefin Longstreet

zvg

Noisey: Was hältst du vom neuen Codewort "Isch d Luisa da"?
Loit Lim: Ich denke, dass es grundsätzlich immer sinnvoll ist, wenn es zum Schutz von Schwächeren dient. Dass denjenigen geholfen wird, die sich bedroht fühlen und sich nicht zu wehren wissen und ihnen so eine Sicherheit angeboten wird.

War diese Massnahme überfällig?
Glücklicherweise habe ich keine Erfahrung jeglicher Belästigung durchlebt und auch keine Erfahrungsberichte in meinem persönlichen Umfeld gehört. Zwischenfälle, in welchen eine Frau sich bedroht fühlte, sich selbst nicht verteidigen konnte und Angst verspürte, gab es zum Glück in der Longstreet Bar bisher auch nicht.

Fühlst du dich als Frau jetzt sicherer im Club?
Seit ich in der Clubszene verkehre, habe ich mich immer sicher gefühlt. Aber ich denke, vieles hat mit der eigenen Persönlichkeit zu tun. Ich glaube, dass es generell wichtig ist, als Mädchen früh zu lernen, dass es bedeutend ist, seine Meinung zu äussern und zu erkennen, dass es gut und zwingend ist, sich zu wehren.

Astrid Meier, DJ Acee

zvg

Noisey: War die Massnahme Luisa überfällig?
Astrid: Ich finde nicht, dass es überfällig war oder nötig. Es ist sicher wichtig, dass wir über solche Themen sprechen. Ich habe aber nicht das Gefühl, dass es dadurch weniger wird. Als DJ bin ich meistens von solchen Sachen abgeschirmt. Wenn mich dort jemand belästigt, dann meist mit dummen Fragen und nicht sexuell.

Wärst du auch schon mal froh über Luisa gewesen?
Ich bin halt eher der direkte Typ Mensch. Es ist meistens so, dass eine Freundin zu mir kommt und sagt: "Hey, der dort drüben hat mir an den Arsch gefasst." Ich gehe dann meistens direkt hin und konfrontiere ihn mit seinen Handlungen. Frauen, die sich das nicht trauen, oder junge Mädchen, die vielleicht noch nicht so ein Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen haben, profitieren sicher, wenn sie durch Luisa Hilfe durch den Türsteher oder bei der Bar bekommen.

Fühlst du dich als Frau jetzt sicherer im Club?
Ich fühle mich im Club nie unsicher. Ich finde allgemein, dass es mit Luisa ein wenig so klingt, als müsste ich mich als Frau im Club unsicher fühlen. Es ist mehr so, dass alle Leute durch die Plakate von Luisa wissen. Also weiss das auch der Typ, der dich sexuell belästigt. Warum kann man dann nicht einfach direkt sagen, dass man belästigt wird? Ich verstehe einfach nicht ganz, wieso es dafür ein Codewort braucht, dass sich erst rumsprechen muss.

Nathalie Brunner, Les Belles de Nuit & DJ Playlove

zvg

Noisey: Was hältst du vom neuen Code Wort "Isch d Luisa da"?
Nathalie: Respekt und Bewusstsein sollten immer Teil der Ausgehkultur sein. Es ist prinzipiell begrüssenswert, gewisse Systeme und Kommunikationswege einzubauen, die der Sicherheit und dem Wohlbefinden der Gäste dienen sollen. Sehr wichtig finde ich aber, zu wissen, was die Konsequenzen sind, sobald "Luisa" dann auf den Plan kommt. Hier sehe ich es als obligatorisch, das Personal und die Sicherheitsleute gut zu schulen und den betreffenden Personen nicht mit Gewalt, sondern mit Aufklärung zu begegnen. Klare Kommunikation ist sehr wichtig in einer enthemmten und berauschenden, meist lauten Umgebung. Luisa ist für mich ein Lösungsansatz für schwerwiegende, nicht gewollte und wiederholte Anmachen. Es sollten grundsätzlich auf einer Tanzfläche alle aufeinander schauen, auf die non-verbalen Zeichen achten und sich gegenseitig in Situationen helfen – füreinander da sein.

Gab es auch schon Situationen, in denen du froh über Luisa gewesen wärst?
Meistens bin ich die Luisa und versuche in diesen Situationen zu fragen, ob alles in Ordnung ist. Und wenn ich merke, dass etwas ganz schief läuft, oder ich selber betroffen bin, gehe ich zu den Securitys und bitte um Hilfe für mich oder andere.

Fühlst du dich als Frau jetzt sicherer im Club?
Ich habe mich als Frau immer sicher im Club gefühlt. Das macht für mich die Technokultur aus – das gemeinsame Ganze. Es hat sich im Miteinander und Zusammengehörigkeitsgefühl einiges geändert. Ich habe das Gefühl, früher waren die Dinge etwas entspannter. Vielleicht lag es auch an den bewusstseinsverändernden Liebes-Drogen, die damals vermehrt konsumiert wurden, dem Gefühl von Liebe, Freude, Eierkuchen (möglichst unpolitisch und sich selber nicht zu ernst nehmen) und Teil einer Revolution, beziehungsweise Jugendkulturbewegung zu sein. Soll nicht heissen, dass damals alles geglänzt hat. Arschlöcher und Abschaum gab es immer und wird es immer geben. Deshalb ist es auch so wichtig, aufeinander aufzupassen, sich gegenseitig zu respektieren und zuzuhören.


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