Ernährung

Fett bis das Blut sauer wird: Der fragwürdige Trend der ketogenen Diät

Ursprünglich galt die extreme Low-Carb-Ernährung als letzte Überlebenschance für Diabetiker. Dann wurde sie von Menschen entdeckt, die um jeden Preis abnehmen wollen.
12.7.17

Die meisten Diättrends scheinen nur ein Ziel zu haben: den Stoffwechsel anzukurbeln. Egal ob man dazu vor jeder Mahlzeit ein Glas Wasser trinkt oder so viel Ananas wie möglich in sich hineinstopft – die Verdauung muss in Schwung gebracht werden, sagen die Ernährungsgurus im Netz. Was das tatsächlich bedeutet, hat mir meine Freundin Gila* vor Kurzem deutlich gemacht.

Sie hat mir erzählt, dass sie eine ketogene Diät gemacht hat, die ursprünglich zur Behandlung von Diabetes und Epilepsie erfunden wurde. Der hohe Fettanteil ihrer Diät ließ sie aber vor allem ständig zur Toilette rennen. Als Autorin, die viel über Körper und Gesundheit schreibt, hatte ich dazu natürlich jede Menge Fragen: Warum macht man eine Diät, die in einem Krankenhaus erfunden wurde? Stirbt man, wenn man nur noch Fett zu sich nimmt? Und liegt es tatsächlich am Fett, dass man Durchfall bekommt?

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Als ketogen wird im Grunde jede Diät bezeichnet, die den ketogenen Stoffwechsel ankurbelt. Normalerweise spaltet der Körper Kohlenhydrate in Glukose, welche das Gehirn als Energie nutzt. Wenn man dem Körper aber keine Kohlenhydrate mehr zur Verfügung stellt und auch die Proteinzufuhr begrenzt, ist die Leber gezwungen, Fett abzubauen (aus den Fettreserven oder der Butter, die du gerade getrunken hast) und in drei verschiedene Ketone aufzuspalten: Acetoacetat, β-Hydroxybutyrat und Aceton.

Einige Ketone werden in Energie umgewandelt, andere lungern einfach in deinem Gewebe rum. Aceton verlässt den Körper derweil über die Lungen, was zu dem bekannten "Ketose-Mundgeruch" führt, der stark an Nagellackentferner erinnert.

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Wer möchte, dass sein Körper Ketonkörper bildet, nimmt also kaum Kohlehydrate, nur mäßig Protein und stattdessen extrem viel Fett zu sich. Entsprechend gehören zu den erlaubten Nahrungsmitteln unter anderem Speck, Sahne und Butterkaffee. Als natürliche Steigerung zu Atkins, Paleo und Co haben sich ketogene Diäten nach kurzer Zeit zu einem echten Diättrend entwickelt. Das neue Wundermittel hieß nicht länger Proteine, sondern Fette.


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Anhänger der Diät sagen oft, dass sie mehr Energie und ein besseres Gedächtnis haben und dazu auch noch dramatisch an Gewicht verlieren. Manche behaupten sogar, man könne mit der Ernährung Krebs heilen – eine gängige Übertreibung, auf die man in der Welt der ernährungsbezogenen Biohacker immer wieder stößt. Kritiker der Diät stellen sich hingegen die Frage, ob es überhaupt gesund sein kann, auf eine komplette Nahrungsgruppe zu verzichten. "Normalerweise wird eine ketogene Diät ausschließlich unter kontrollierten Bedingungen und über einen begrenzten Zeitraum durchgeführt", erklärt Robert Nellis von der Mayo Clinic in den USA. "[Man befindet sich] kurz vor dem Verhungern."

Ursprünglich wurde die ketogene Diät im frühen 20. Jahrhundert erfunden, um Typ-1-Diabetes zu behandeln. "[Typ-1-Diabetes] wurde damals auch als Kindheitsdiabetes bezeichnet, weil man die Kindheit meist nicht überlebte", sagt Nelis. "[Die Diagnose] war ein Todesurteil." Vor der Entdeckung von Insulin konnte Typ-1-Diabetes noch nicht kontrolliert werden. "Ein Körper ohne Insulin ist wie ein Backofen ohne Thermostat", sagt Nellis. In anderen Worten: Du kannst versuchen, den Kurs zu korrigieren, aber nur über eine bestimmte Zeit.

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Da der ketogene Stoffwechsel ohne Kohlenhydrate und Zucker funktioniert, konnten Diabetiker ihr Leben mithilfe einer ketogenen Diät verlängern. Das Ganze hatte allerdings seinen Preis. "Die bekannteste Patientin [die eine ketogene Diät machte] war damals die Tochter des Vorsitzenden des Obersten Gerichtshofs [in den USA]", sagt Nellis. "Als Teenager wog sie um die 30 Kilogramm." Ihre Eltern nutzten die erstbeste Gelegenheit, um sie mit Insulin zu behandeln, anstatt sie einer Diät auszusetzen, die sie zu einem wandelnden Skelett werden ließ. Eine andere Patientin, die sich damals einer ketogenen Diät unterzog, brachte gerade mal um die 20 Kilo auf die Waage. "Bei der ursprünglichen Form der Diät kann man froh sein, wenn man genug Energie hat, um aus dem Bett aufzustehen", sagt Nellis. "Die Vorstellung, dass eine ketogene Diät zu anderen Zwecken als zur Behandlung von Notfällen genutzt wird, ist in meinen Augen seltsam und bizarr."

Potenzielle Nebenwirkungen sind Dysmenorrhö, Nierensteine und eventuell sogar weiche Knochen.

Unklar ist nur, wann die ketogene Diät ein zweites Leben als rigides Abnehmprogramm entwickelt hat. Vielleicht war es eine Weiterentwicklung der Atkins- oder der Paleo-Diät, die Anfang beziehungsweise Ende der 2000er-Jahre immer beliebter wurden. Die New York Times berichtete 2012 von einer k-e Diät (ketogen enteral), die unter Bräuten weit verbreitet war. Verzweifelte Frauen, die unbedingt in ihr Brautkleid passen wollten, ließen sich angeblich reihenweise eine transnasale Magensonde legen, über die sie mit einer Flüssignahrung versorgt wurden, die den ketogenen Stoffwechsel anregen sollte.

Die hausgemachte DIY-Version der Diät ist allerdings bei Weitem nicht so kontrolliert wie die von Ärzten durchgeführte Variante im Krankenhaus. Früher wurde die ketogene Diät tagtäglich angepasst, um den natürlich wechselnden Stoffwechsel eines Menschen nachzuahmen. "Es musste jeden Tag gemessen werden, was in den Körper rein und was wieder raus kam", sagt Nellis.

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Es gibt allerdings auch immer mehr medizinische Beweise, die sich für eine ketogene Diät ad libitum, also ganz nach Belieben, einsetzen. Eine moderne, selbst verwaltete ketogene Diät basiert auf einem Fett-Kohlehydrate-Verhältnis von 4:1. Man kann dazu schon fertige Mischungen wie zum Beispiel Ketocal kaufen, oder sich eine eigene Diät zusammenstellen. Eine andere Möglichkeit ist es, einfach jeden Tag dasselbe zu essen. So handhabte es zumindest eine amerikanische Gesundheitsredakteurin, die sich keine Gedanken mehr über ihre Ernährung machen wollte.

Meine Freundin ließ sich da ein wenig mehr Spielraum: "Zum Frühstück habe ich mir einen schrecklichen Smoothie aus Mandelbutter, Mandelmilch, verschiedenen Samen und einem Proteinpulver gemacht – ganz ohne Früchte. Mittags habe ich jede Menge Gemüse, minderwertiges Fleisch oder Wurst und Brie in rauen Mengen gegessen. Zum Abendessen habe ich mir normalerweise immer Eier und noch mehr minderwertiges Fleisch gemacht."

Speck wurde zu einem Grundpfeiler ihrer Ernährung.

Foto: Andrew Ridley | Unsplash | CC0

Es mag paradox klingen, sich fast ausschließlich von billigem Fleisch zu ernähren und zu glauben, seinem Körper damit etwas Gutes zu tun. Es gibt allerdings auch Studien, laut denen sich eine ketogene Diät positiv auf unseren Cholesterolspiegel auswirken kann. Eine Untersuchung aus dem Jahr 2004 konnte zeigen, dass das LDL-Cholesterin, also das böse Cholesterin, bei übergewichtigen Patienten zurückging, wenn sie sich 24 Wochen nach einer ketogenen Diät ernährten.

Eine einzige Studie wirft allerdings nicht die Erkenntnisse von jahrzehntelanger Ernährungsforschung über Bord. Es hängt auch stark davon ab, welches Fleisch man isst.

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Die meisten Webseiten setzen sich dafür ein, "gute Fette" wie Avocado, Kokosnuss, Butter und mittelkettige Triglyceride (MKT) zu sich zu nehmen. MKT werden vom Körper angeblich leichter aufgenommen als andere Fette mir längeren Triglyceridketten. Allerdings handelt es sich bei Butter, Kokosnussöl und den allseits beliebten MKT um gesättigte Fettsäuren, die nach wie vor nurzehn Prozent unserer täglichen Kalorienzufuhr ausmachen sollten, wie die Deutsche Gesellschaft für Ernährung und andere Expertengruppen empfehlen.

"Ich habe mich wie betrunken gefühlt, wenn ich bei meinen Schwiegereltern eine komplette Mahlzeit mit Nachspeise gegessen habe."

Hinzu kommt, dass ketogene Diät zweifellos gewisse Risiken bergen. Neben dem bekannten Keto-Atem, gibt es noch die Ketose-Grippe (grippeähnliche Symptome, die mit der Umstellung auf den ketogenen Stoffwechsel in Verbindung gebracht werden) und Ketose-Ausschlag. Zu dieser mysteriösen Form des Hautausschlags kursieren viele verschiedene Theorien: Einige vermuten, dass das Ganze eine Folge davon ist, dass sich die Darmflora auf die neue Diät umstellt. Andere glauben, dass die ausgeschwitzten Ketone zu Hautirritationen führen. Außerdem wird es durch die stark eingeschränkte Nahrungsauswahl umso schwerer, den Körper mit allen notwendigen Vitaminen und Mineralien zu versorgen. Andere potenzielle Nebenwirkungen, mit denen nicht zu spaßen ist, sind Dysmenorrhö, Nierensteine und eventuell sogar weiche Knochen.

Wenn sich zu viele Ketone im Blut sammeln, kann es außerdem zu einer Ketoazidose kommen. "Wenn das Blut zu sauer ist, können die Organe im Körper nicht mehr richtig arbeiten", sagt Kayla Jaeckel, eine Ernährungswissenschaftlerin und Diabetologin im New Yorker Mount Sinai Krankenhaus. Ob sich zu viele Ketone im Blut befinden, lässt sich mit speziellen Urinteststreifen aus der Apotheke feststellen. Die Wahrscheinlichkeit, dass es so weit kommt, ist für Nicht-Diabetiker allerdings relativ gering. "Ein bisschen Insulin reicht schon aus, um den Prozess unter Kontrolle zu behalten", sagt Dr. Adrian Vella, ein Endokrinologe an der Mayo Clinic.

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Über die Langzeitfolgen einer ketogenen Ernährungsweise ist dagegen noch nicht besonders viel bekannt. Nur wenige streichen Kohlenhydrate für längere Zeit komplett von ihrem Ernährungsplan, die Fluktuationsrate ist vergleichsweise hoch. Gleichzeitig bedeutet eine ketogene Ernährung, dass man sich sehr intensiv mit dem auseinandersetzen muss, was man zu sich nimmt. In vielen alltäglichen Lebensmitteln stecken versteckte Kohlenhydrate und Zucker, zum Beispiel in Balsamico-Essig, stärkehaltigen Früchten und Fertigsaucen. "Die meisten hören wieder damit auf", bestätigt auch Vella.

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Inzwischen werden ketogene Diäten zwar nicht mehr dazu genutzt, um Diabetes zu behandeln. Für Epilepsie scheinen sie aber nach wie vor eine Option zu sein – allerdings nur bei Kindern. Erwachsene hätten keine Lust, ihre Ernährung so sehr einzuschränken.

Auch Gila hat ihre Diät vor acht Monaten aufgegeben. "Ich war immer müde und hatte ständig Durchfall", sagt sie. "Ich habe mich wie betrunken gefühlt, wenn ich bei meinen Schwiegereltern eine komplette Mahlzeit mit Nachspeise gegessen habe. Vollkommen desorientiert." Die vermeintlichen Vorteile, ein wenig Gewicht zu reduzieren, haben nicht die Angst überwogen, dass sie ihrem Körper ernsthaften Schaden zufügen könnte.

"Die ketogene Diät hat Spaß gemacht", sagte sie abschließend, "allerdings nur am Anfang."

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