LGBTQ

Ich bin nicht bereit, für 450 Milliliter Blut ein Jahr auf Sex zu verzichten

Ab heute dürfen Schwule in der Schweiz Blut spenden. Nur gibt es dabei ein grundlegendes Problem.
1.7.17
Foto von Pixabay

Bastian Baumann ist Geschäftsleiter von Pink Cross, dem Schweizer Dachverband der Schwulen. Er war zuvor Leiter der Abteilung Männer, die Sex mit Männer haben, bei der Aids-Hilfe Schweiz und engagiert sich seit vielen Jahren als LGBT-Menschenrechtsaktivist.

Bis heute war das Urteil unmissverständlich: lebenslänglich. Jeder Mann, der seit 1977 einmal mit einem anderen Mann Sex hatte, wurde dauerhaft von der Blutspende ausgeschlossen. Ungeachtet seines Beziehungsstatus oder seines persönlichen Risikoverhaltens. Alle homo- und bisexuellen Männer galten in den Augen der Hüter des Blutes als ein zu hohes Risiko.

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Das ist erstmals verständlich. Die Regelung gründet unter anderem auf der tragischen Schicksalsgeschichte, die HIV und Aids in der Schwulen-Community angerichtet hat. Zu Zehntausenden starben in den 80er Jahren weltweit Männer ohne zu wissen, was Auslöser für ihre Krankheit war und ohne Hoffnung, ihrem Leiden mit Medikamenten und Therapien etwas entgegenzusetzen zu können.

Insgesamt forderte die Krankheit alleine in San Francisco über 15.000 Menschenleben. Anfangs galt die Erkrankung in der öffentlichen Wahrnehmung als Problem von "Randgruppen" wie Homosexuellen und Drogenabhängigen. Dies änderte sich jedoch auf dramatische Weise durch das Aufkommen von HIV-Tests und HIV-Informations- und Präventionskampagnen.

In diesen fast vierzig Jahren haben sich das Wissen über HIV und die Therapiemöglichkeiten vervielfacht. Aus der tödlichen Schwulen-Sexseuche wurde eine lebenslängliche Krankheit, die sich mit meist gut verträglichen Medikamenten behandeln lässt und eben alle Menschen etwas angeht.

Die neusten Medikamente sind mittlerweile so gut, dass HIV-positive Menschen grundsätzlich nicht mehr ansteckend sind, wenn sie ihre HIV-Therapie nach Plan einnehmen und ihre Virenlast nicht mehr nachweisbar ist. Sie können also ungeschützten Sex haben, ohne zu befürchten, dass sie ihre*n Partner*in anstecken.

Bereits 2008 publizierte die Eidgenössische Kommission für Aidsfragen (EKAF), dass "eine HIV-infizierte Person ohne andere Geschlechtsinfektionen unter einer antiretroviralen Therapie (ART) mit vollständig supprimierter Virämie sexuell nicht infektiös ist" – sie also das HI-Virus über Sexualkontakte nicht weiter gibt. Die Schweiz nahm mit diesem Statement weltweit eine Führerinnenrolle ein und ist bis heute Vorbild für viele Präventionskampagnen.

Und doch: das Stigma, das in all unseren Köpfen nach Jahrzehnten von Schauergeschichten und sozialer Wertehaltung herangezüchtet wurde, lebt auch heute weiter. Im Volksmund erkrankt man nicht an HIV, man holt es sich. Einer HIV-positiven Person wird automatisch eine Mitschuld an ihrer Infektion attestiert. Nicht selten berichten HIV-positive Menschen, dass das soziale Stigma schwerer wiegt als die körperliche Auseinandersetzung mit dem Virus.

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Unsere Köpfe sind voll mit gefährlichen Halbwissen und Vorurteilen zu HIV: man kann sich beim Küssen anstecken (falsch), einmal ungeschützter Sex mit einer Person ohne Kenntnis über ihren HIV-Status wird schon nicht zu einer Infektion führen (falsch), wer hübsch und gesund aussieht hat kein HIV (falsch), mit HIV stirbt man früher (falsch), zusammen mit einer HIV-positiven Person Fondue essen ist gefährlich (falsch) oder mit HIV-Menschen kann man keine Kinder bekommen (falsch).


Schwule Männer sagen, sie seien in diesem Gefängnis gefoltert worden


Dieses Stigma, dieses Unwissen, diese verinnerlichte Angst und leidvolle Geschichte mit der Ausbreitung von HIV und Aids in den 80er Jahren, sind wichtig Ankerpunkte, um die aktuelle Blutspende-Regelung in der Schweiz zu verstehen: unsere früheren Werte und Wissenshaltung sind Grundlage für eine bisher lebenslängliche Diskriminierung. Aber sie können auch Teil der Lösung sein, damit schwule Männer zukünftig in Sachen Blutspende nicht mehr systematisch ausgeschlossen werden.

Der Europäische Gerichtshof hat am 29. April 2015 ein Urteil publiziert, das sich auf das Blutspende-Verbot für Homosexuelle in Frankreich bezieht. Das Urteil besagt, dass der lebenslange Ausschluss von der Blutspende ein Verstoss gegen das Verhältnismässigkeitsprinzip sein kann, falls dieser ausschliesslich auf dem Sexualverhalten basiert. Doch der Bundesrat fand keinen Anlass zu einer Praxisänderung: "Die dieser Analyse zugrunde liegende Risikosituation hat sich nicht verändert."

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Wer in welchem Land unter welchen Bedingungen Blutspenden darf, ist stets auch politisch bedingt. Politiker*innen sind indes auch Menschen mit einem Präventionshintergrund und ihren eigenen Wertehaltungen in Sachen Sex und Liebe. Es überrascht deshalb nicht, dass die Frage nach einer Lockerung der Blutspenderegelung für schwule und bisexuelle Männer erst im 2017 so aktuell wird. Lange Zeit wurden medizinische Grundlagen dazu verwendet, die eigene Angst vor HIV und die mögliche Ablehnung von homosexuellen Männern zu rechtfertigen. Doch Fakten lügen nicht (ausser sie kommen von Trump oder Kellyanne Conway).

Die heutigen Testmethoden sind verlässlich und sicher. Jede Blutspende wird neben der Bestimmung der Blutgruppe und des Rhesusfaktors auf Antikörper oder Infektionserreger wie etwa Gelbsucht (Hepatitis B, Hepatitis C), HIV und Syphilis getestet. Moderne Tests erkennen heute eine Infektion bereits nach mehreren Tagen. Die Gruppe von schwulen- und bisexuellen Männern ist nach jahrelangen intensiver Präventionskampagnen sehr sensibel. Vergleiche ich den Wissensstand und des Risikoverhalten zwischen meinem homosexuellen und meinem heterosexuellen Freundeskreis, scheinen die Homos über- und die Heteros unterpräventioniert. Besonders schwule Männer wissen sich zu schützen und viele davon leben in monogamen Beziehungen oder haben Regelungen und Abmachungen mit ihren Partnern, falls sie eine andere Beziehungsform für sich gewählt haben.

Ich habe mit anderen Mitstreiter*innen in den letzten Jahren viel für eine Anpassung der Blutspenderegeln lobbyiert. Unterstützung fanden wir stets auch bei der Aids-Hilfe Schweiz oder dem Direktor der Blutspende des Schweizerischen Roten Kreuzes (SRK), der "die heutige Regelung nicht in Ordnung" findet. Am 5. Mai 2015 forderte eine Motion der BDP-Nationalrätin Rosmarie Quadranti dann auch, "die seit 1977 bestehenden Ausschlusskriterien für Homosexuelle aufzuheben und die Überprüfungskriterien in Artikel 36 des Bundesgesetzes über Arzneimittel und Medizinprodukte und Artikel 17 der Verordnung über die Bewilligung im Arzneimittelbereich dementsprechend anzupassen."

Die Antwort des Bundesrats fällt dieses mal anders aus. Er hat "Verständnis für das Anliegen der Motion und ist ebenfalls der Meinung, dass alles unternommen werden sollte, damit noch klarer wird, dass das Risikoverhalten und nicht die sexuelle Orientierung das Ausschlusskriterium ist. Er ist daher der Meinung, dass der aktuelle Fragebogen angepasst werden sollte, und würde eine entsprechende Änderung der Fragestellung auf den nächstmöglichen Zeitpunkt begrüssen. In diesem Sinn steht der Bundesrat in Kontakt mit der Blutspende SRK Schweiz und begrüsst deren Bereitschaft, diese Thematik an die Hand zu nehmen."

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Die Kombination aus aufgeklärten Blutspender*innen und modernen Tests begründet heute einen lebenslänglichen Ausschluss also nicht mehr. Das hat mittlerweile auch die konservative Behörde Swissmedic erkannt, die nach der Motion und dem danach folgendem Gesuch des Blutspendedienstes des Schweizerischen Roten Kreuzes die neue Regelung per 1. Juli 2017 nun bewilligt hat: Blutspende für schwule und bisexuelle Männer wird erlaubt – aber nur, für Männer, die vorher 12 Monate auf Sex verzichtet haben.

Doch wer ist schon bereit, für 450 Milliliter Blut ein Jahr auf Sex zu verzichten? Bei aller Liebe zum Gemeinwohl kenne ich niemanden, der diesen Verzicht auf sich nehmen möchte. Auch das SRK schreibt auf seiner Webseite lakonisch: "Wirklich optimal scheint die Lösung indessen nicht, da vermutlich nicht viele schwule Männer davon profitieren können."

Es kann zukünftig also nur ein Ziel geben: wer das Stigma von HIV-positiven und/oder schwulen- oder bisexuellen Menschen weiter beenden und Menschen in ihrem Sexualleben vorurteilsfrei begegnen will, beurteilt Blutspender*innen nach ihrem Risikoverhalten.

Eine heterosexuelle Frau, die nach einer Partynacht mit einem Typen nach Hause geht und dort ungeschützten Sex hatte ist in Sachen Blutspende ein höheres Risiko als schwuler Single, der konsequent Kondome benutzt. Die differenzierte Begutachtung des Risikoverhaltens für alle Blutspender, unabhängig ihrer sexuellen Orientierung wäre heute möglich und ist der einzige Weg, diskriminierungsfrei allen Spender*innen die Blutspende zugänglich zu machen.

Aufgrund anderer gesetzlichen Grundlage – sprich ohne Swissmedic um Erlaubnis fragen zu müssen – konnte Blutspende SRK im Bereich der Blutstammzellspende die Kriterien bereits in eigener Kompetenz anpassen. Die Frage nach der sexuellen Orientierung wird bei der Registrierung gar nicht mehr gestellt. Unabhängig davon, ob jemand hetero- oder homosexuell ist, wird ein Spender aufgrund seines und ihres persönlichen (Sexual-)Verhaltens einer Risikogruppe zugeordnet.

Nun ist es an Swissmedic, diese zeitgemässe Regelung auch auf die Blutspenden anzuwenden. Und damit einer über 30-jährige Diskriminierung von schwulen Männern ein Ende zu setzen. Folge VICE auf Facebook und Instagram.