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Sexismus

Nach Facebook-Streit: Terrorgruppes Archi über Sexismus und PC im Punk

"Ich bin so unfassbar metrosexuell schwuchtelig" – Nach der hitzigen Diskussion zwischen Terrorgruppes Archi und Egotronics Torsun haben wir noch mal genauer nachgefragt.

von Noisey Staff und Julius Wußmann
04 Juli 2017, 1:04pm

Foto: Imago

Am Sonntag ging es unter einem Post von Terrorgruppe-Sänger Archi "MC Motherfucker" Alert heiß her. Er hatte unsere Geschichte über einen Zwischenfall bei der Vans Warped Tour geteilt – der Sänger der Punkband The Dickies hatte eine kritische Zuschauerin beschimpft – und das als "punktypisches Verhalten" verteidigt. Dass die Band anschließend von der Tour ausgeschlossen wurde, bezeichnete Archi als "späten Ritterschlag". Daraufhin schaltete sich irgendwann Egotronic-Sänger Torsun in die Facebook-Diskussion ein, der nachfragte, ob es denn Punk sei, "misogyne Hasstiraden loszulassen". Es entbrannte eine stundenlange Diskussion darüber, ob der Dickies-Frontmann nun richtig gehandelt hat und was eigentlich noch Punk ist.

Da wir die Diskussion mit unserem Artikel ja mehr oder weniger losgetreten haben, haben wir nochmal direkt bei Archi nachgefragt, was er mit seinem Post genau gemeint hat, wie er anstelle des von Leonard Graves Phillips von The Dickies reagiert hätte, welche Grenzen Punksänger nicht überschreiten dürfen und ob Punk ein Sexismus-Problem hat:

Noisey: Warum ist der Rauswurf der Dickies von der Warped Tour ein "später Ritterschlag"?
Archi: Die Warped Tour, besser gesagt die "Vans (Turnschuhmarke) Warped Tour", ist die pure Perversion eines Punkfestivals. All-Ages-Shows für Kinder, eigentlich nur dazu da, dass Vans seine Gummi-Mauken besser verkaufen kann. X-Bands spielen auf X-Bühnen auf irgendwelchen öden, asphaltierten Großparkplätzen. Für die kleinen Bands ist das gnadenloses Pay to Play und sie können Glück haben, wenn sie genug Merch verkaufen, um ihre Reisekosten zu decken. Nur die größeren Combos werden bezahlt.

Für die The Dickies, eine der eigenständigsten, am längsten existierenden und musikalisch interessantesten Punkbands der USA, ist das eigentlich wie Perlen vor die Säue werfen. Aber wahrscheinlich hat das Geld gerufen. Nun fliegen sie von einer Punktournee, weil sie tun, was sie seit 40 Jahren tun: ihr Publikum selbstironisch, charmant und satirisch beschimpfen, zu unterhalten und zu provozieren. Leonard, der Sänger, hat in seinem Statement (eine Entschuldigung war das übrigens nicht) zu dem Vorfall erklärt: "Es fing damit an, dass ich wie so oft verkündete: 'Ihr seid ein Haufen gut aussehender Kids, wir würden gern jedem von euch einen blasen, aber wir haben gerade keine Zeit.'" Danach kam das, was wir alle lesen und sehen konnten und sie wurden von der Tour geworfen. Die beste PR, die die Band seit Dekaden hatte. Von einer Festival-Tour geworfen zu werden, deren Tournee-Leitung in den 00ern sogar zeitweilig US-Army-Rekrutierungsstände auf das Festival-Gelände ließ, genial, Ritterschlag, eindeutig.


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Welche Grenzen darf ein Punksänger auf der Bühne mit seinen Ansagen nicht überschreiten?
Kunst darf alles. Der Punksänger darf Hitler nachmachen. Er darf die Leute als unwürdige Nutztiere bezeichnen und ihnen den Lebensberechtigungsschein entziehen. Er darf ins Publikum pissen und sich anspucken lassen, sich ausziehen und er dürfte sich sogar als vermeintlich Pädophiler präsentieren, warum nicht. Eine gute Punkshow ist und war schon immer wie eine Kunstperformance. Wenn die Band es schafft, artifiziell Emotionen, Reaktionen und Energie im Saal zu erzeugen, hat sie alles richtig gemacht. Das tabulose, künstlerisch motivierte Ausrasten hat eine lange Tradition im Punk. GG Allin war derjenige, der das alles bis zum Get No überspitzt hat. Spastische Faustkämpfe mit dem Publikum, er hat versucht seine Scheiße in die Haare seiner Besucher zu schmieren und sie alle als unfickbares Stück verfaultes Fleisch beschimpft. Leider hat man kaum noch was verstanden, weil er so gut wie keine Zähne im Maul hatte. Die waren ihm fast alle ausgeschlagen worden auf den Shows davor.

In seiner Performance ging es darum, Grenzen auszuloten, bis hin zu Selbstmord- und Todesdrohungen. Das war extrem grenzwertig, geschmacklos, gefährlich und gesundheitsschädlich, aber man muss ja nicht hingehen zu solchen Veranstaltungen. Schlimm wird es dann, wenn dann andere Außenstehende, die null Vorwissen zu Kunst und Performance haben, damit anfangen, allen anderen Menschen verbieten zu wollen, solche Shows anzuschauen oder Show und Künstler gleich ganz zu verbieten wollen.

Ich beschimpfe mein Publikum gern als Fotzen, Spasten, Mäuse, Zellhaufen, homophobe Schwuchteln, Kackbratzen und Mistkäfer, und im nächsten Moment wieder als Brüder und Schwestern, Freunde und Lieblinge. Mir macht es Spaß, Schimpfwörter ad absurdum zu führen, ihnen die Macht zu nehmen. Mir macht es Spaß, dem Publikum kleine Aggressionsattacken zu entlocken und im nächsten Moment alles wieder in Wohlgefallen aufzulösen. Das ist und war schon immer die hohe und schmutzige Kunst einer Punkshow für mich. Es ist nicht leicht, ein ganz schmaler Grat zwischen Genialität und Peinlichkeit. "Fick dich du Arschloch!" ist das das zarte Liebesflüstern im Punkrock.

Wie hättest du reagiert, wenn eine Zuschauerin eines Terrorgruppe-Konzerts ein Schild mit derartigen Vorwürfen hochgehalten hätte?
Ich weiß es wirklich nicht. Leonard ist wahrscheinlich für seine Verhältnisse so unkontrolliert ausgerastet, weil die Gören ihm damit irgendwelche Punk-Benimmregeln mitteilen wollten, die er verständlicherweise nach seiner 40-jährigen Punkgeschichte und -Karriere überhaupt nicht kapiert und teilt. Die ich auch nicht verstehe. Dann sollen sie sich eben von der verfickten Bühne verpissen und sich die nächste verpickelte Christenpunkband auf Bühne neun reinziehen. Wahrscheinlich hätte ich sie darauf hingewiesen oder ich hätte ihnen gesagt, sie sollten sich während unserer Show da hinten am US-Army-Rekrutierungsstand für die nächsten 20 Jahre einschreiben lassen und für unsere scheiß Freiheit gegen die Nordkoreaner kämpfen. Aber das ist jetzt alles leicht gesagt, so ganz ohne Show-Adrenalin.

Was ist in deinen Augen der richtige Weg, um Probleme innerhalb einer Szene anzusprechen?
Das ist eine gute Frage. Wenn es um die Deutungshoheit von Punk geht, ist es wichtig, den Leuten immer wieder den Ursprung dieses Punkdings plausibel zu machen. Das, was für uns ältere Punks so faszinierend war, bevor Punk in den 80er Jahren politisiert, moralisiert und reglementiert wurde und woraus dann auch die ganzen heutigen Probleme und Missverständnisse entstanden. Der autodidaktische Kunstgedanke, der Nihilismus, Anarchismus und Dadaismus war in den ersten fünf Punkjahren der wichtigste Antrieb für die ganze Bewegung. Und da entstand auch die großartigste und spannendste Musik, die abgefahrensten Klamotten und die besten Artworks. Lest das Buch A Typical Girl von Viv Albertine, der Gitarristin der The Slits. Sie beschreibt diese Zeit sehr genau und schafft es, ohne sich dabei selber in den Vordergrund zu schieben, dieses Punk-Feeling der 70er zu erklären.

Alle weiteren szeneninternen "Problemchen" kann man gern auch musikalisch verarbeiten. Es gibt eine Reihe szenekritischer Lieder der Terrorgruppe, die sich indirekt mit diesen Thema beschäftigen: "Die Gesellschaft ist schuld…", "Ich bin ein Punk", "Meine kleine Welt", "Tiergarten" oder "Das Ding" – wobei letzteres ein perfider Versuch war, einen völlig inhaltslosen und unsinnigen Liedtext zu schreiben, um Sexismus-Vorwürfe gegen uns zu provozieren, welche aber nicht begründet werden konnten. Damit konnten wir einige Anfeindungen von Leuten entzaubern und uns unangreifbar machen. Irgendwie kommt mir aber diese ganze Diskussion über den "Sexismus des Dickies-Sängers" oder "Sexismus in der Punkszene" ähnlich an den Haaren herbeigezogen vor wie Rauchverbot in Einbahnstraßen, um den Smog in den Großstädten zu reduzieren.

Sexismus, das findet ganz woanders und da wirklich heftig statt, in den Kleinfamilien und deutschen Reihenhäusern, in den Betrieben und Büros, am Bahnhof und vor der Disko ... In allen möglichen Jugendkulturen und Musikarten ... Im HipHop, Metal, im Rap, im Hardcore-Tekkno oder auf dem "Mittelaltermarkt". Außerdem diskutierten in den letzten Tagen eigentlich ausschließlich oder zu 90% Männer darüber. Fragt doch mal die Girls. Fragt doch mal Viv Albertine zum Beispiel. Aber es gibt natürlich auch Sexismus auf Punkkonzerten. Denn Punkrock findet ja nicht in einem luftleeren Raum irgendwo außerhalb der Gesellschaft statt.

Kannst du verstehen, dass viele die Aussagen des Dickies-Sängers als frauenfeindlich verurteilen?
Ich muss die The Dickies ja nicht beschützen, aber nein, ich finde da nichts Verurteilungswürdiges in Leonards Verhalten. Er hatte doch alles unter Kontrolle? Ich habe diese Band schon mehrmals live gesehen und sie auch schon persönlich getroffen. Sehr reflektierte, intelligente Musiker und auch wenn sie mit aufblasbaren Penissen auf der Bühne hantieren, nie peinlich oder pennälerhaft wirken. Er hat sich über das Mädchen geärgert, ja, und er hat offensichtlich versucht, ihr eine Lektion zu erteilen. Er hat die künstlerische Performance verlassen und sich in eben den schmutzigen alten Mann verwandelt, den sie ja auf ihrem Schildchen beschrieben hat? Er hat Leute "Blow me" = "Blas mich" skandieren lassen und anschließend gefragt, wie es sich denn anfühlt, wenn man niedergebrüllt wird. Offensichtlich hat sie vorher nichts anderes mit ihm versucht. Man kann jetzt darüber streiten, ob es pädagogisch richtig war, wie er da reagiert hat. Aber hey, er ist Sänger einer Punkband, kein Pädagoge.

Mir kamen die The Dickies immer eher androgyn vor. Das war nie die typische Machopunkband. Gegen den ausgefuchsten und überaus lustigen ironischen Powerpop der Dickies wirken Blink182, Sick Of It All, Anti-Flag oder Terrorgruppe und Slime ja fast schon so wie Rape-Rock, um das mal mit einem überdrehten Vergleich zu erklären. Ich kann allerdings verstehen, dass manche Leute gern daraus einen Sexismusvorwurf stricken und da wären wir wieder beim eigentlichen Problem der Deutungshoheit und der Reglementierung von Punk.

Hast du in der deutschen Punkszene schon Sexismus und Frauenfeindlichkeit kennengelernt? Wie bist du damit umgegangen?
Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, welches vor Punk sicherlich nicht Halt macht, hatte ich ja vorher schon erklärt. Besonders der männlich dominierte Testosteron-Hardcore-Punk hat sicher ein echtes, ernstzunehmendes Sexismusproblem. Aber ich glaube, dass Frauen im Punk schon von Anfang an extrem emanzipiert und selbstbewusst auftraten, und wir reden von den 70ern: Debbie Harry, The Slits, Siouxsie and the Banshees, Vivian Westwood, Patti Smith, Chrissie Hynde, Poison Ivy, Wendy O. Williams etc. Im deutschen Punk gibt es sie auch zur Genüge: Neon Babys, Ätztussis, Hansaplast, Nichts, Nina Hagen, Ideal, Östro 430, Bärchen (und die Milchbubis), Bluttat und, und, und ... Aber man sollte immer auch von richtigem Sexismus sprechen und nicht von Sexualität, das wird von PC-Hardlinern gern und oft absichtlich verwechselt und vermischt. Diese Debatte bewegt Punk auch schon seit den 80er Jahren. Für viele der heutigen Politpunkpolizisten waren die 70er Protopunkzeiten wahrscheinlich wie Sodom und Gomorrha. Was ich gegen Sexismus unternehme? Ich bin so unfassbar metrosexuell schwuchtelig, dass Leute mich generell mit Sexismusblödsinn in Ruhe lassen, da sie in meiner Gegenwart mehr damit beschäftigt sind, nicht auch noch homophob zu werden. Gehen sie mir dennoch damit auf die Nerven, ich bin vieles, nur kein Pazifist.

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