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Vergesst Facebook: Instagram ist der digitale Beichtstuhl unserer Zeit

Früher gab es zu Tode retuschierte Selfies und gut ausgeleuchteten Fruchtquark. Mit Instagram Stories hat jetzt eine ganz andere Form der Selbstdarstellung übernommen.

von Mitchell Sunderland
13 Juli 2017, 10:43am

Foto: Imago | Bettina Strenske

Wenn es darum ging, ungehemmt persönliche Informationen in den sozialen Medien zu teilen, war Facebook bisher die ultimative Anlaufquelle. Egal ob persönliches Schicksal, Wutkommentare oder Fotos von Schwangerschaftstest – mit dem Einloggen schienen bei vielen Nutzern alle Hemmungen zu fallen. (Ich persönlich habe in den sozialen Medien mal die Ergebnisse eines Vaterschaftstests geteilt, der bewiesen hat, dass mein Stiefvater nicht mein biologischer Vater war.) Das hat sich geändert: Jetzt heißt die Oversharing-Plattform unserer Zeit Instagram.

Nicht nur "normale" Nutzer, auch Prominente haben mit der Einführung der Instagram Stories angefangen, ihr Leben nahezu ungefiltert in kurzen Videoschnipseln mit der Welt zu teilen. Die Funktion durfte bei ihrem Start als Angriff auf Snapchat verstanden werden – auch hier können die Videos mit Emojis und Text ergänzt werden und verschwinden nach 24 Stunden wieder.

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Eigentlich war Instagram war einst die optimistische Sonnenseite der sozialen Medien. Während Twitter vor allem dazu genutzt wurde, um in Echtzeit über Preisverleihungen und Wahlkampfreden herzuziehen, war Instagram darauf ausgelegt, seine (vermeintlich) glücklichsten und visuell ansprechendsten Momente mit anderen zu teilen.

"Instagram soll dein Leben im wahrsten Sinne des Wortes besser aussehen lassen und die Wirklichkeit durch einen Filter überhöht darstellen. Die Leute haben sich ganz genau überlegt, was sie posten und deswegen war das Ganze so erfolgreich", erklärt Alana Massey, deren Karriere damit begann, dass sie persönliche Essays für Online-Magazine wie xoJane und Buzzfeed schrieb. In diesem Jahr hat sie eine Sammlung von Essays unter dem Titel All the Lives I Want veröffentlicht. "Sinn und Zweck von Instagram-Posts war, das sie eine Art Teaser darstellten: ein kurzer Schnappschuss aus dem Urlaub, von einer gut ausgeleuchteten Mahlzeit oder von deiner süßen Katze."

Wenn überhaupt, dann war Instagram immer ein wenig zu unecht. Laut einer aktuellen Studie konnte das vermeintlich perfekte Leben anderer bei manchen Nutzern dazu führen, dass sie unzufrieden mit ihrem eigenen Leben und sogar depressiv wurden.

Diese negativen Gefühle haben in den 24-Stunden-Videos ein neues Ventil gefunden. Die Amerikanerin Carolina Calloway wurde durch ihre romantisch verklärten Bildunterschriften über ihr Auslandsstudium an der University of Cambridge zum Instagram-Star. Doch nachdem zwischen ihr und ihrem europäischer Freund Schluss war, ließ sie ihren Gefühlen auf Instagram Stories freien Lauf. Meine Lebenserfahrungen bekommen eine tiefere Bedeutung für mich, wenn ich sie in Kunst verwandeln kann, die anderen etwas bedeutet", erklärte sie dazu gegenüber Broadly. Ihre Fans danken es ihr auch weiterhin mit positiven Kommentaren. Andere Influencer hatten da allerdings weniger Glück.


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Die Nasty-Gal-Gründerin und #Girlboss-Autorin Sophia Amoruso machte Schlagzeilen in der Klatschpresse, weil sie Instagram Stories genutzt hatte, um bekannt zu geben, dass Netflix die Serie über ihr Leben einstellen würde. "Die Netflix-Serie über mein Leben wurde eingestellt […] Ich bin zwar stolz auf die Arbeit, die wir geleistet haben, aber ich freue mich auch darauf, meine Geschichte von nun an wieder selbst kontrollieren zu können", verkündete sie in einer Reihe von Textschnipseln, die sie über ihre Fotos gelegt hatte. "Es wäre schön, eines Tages erzählen zu können, was in den letzten Jahren passiert ist. Ich musste allerdings lernen, dass Menschen nur die Schlagzeilen lesen, nicht die Korrektur."

Instagram Stories als Lautsprecher in die Welt: Dieser Trend erinnert an ein Phänomen, das vor rund zwei Jahren aufkam. Damals fingen alle möglichen Stars – von Taylor Swift bis Julie Klausner – an, Screenshots von Nachrichten zu posten, die sie (oder ihr Pressesprecher) in die Notiz-App getippt haben. Wie der Jezebel-Blogger Bobby Finger in einer kurzen Geschichte des Phänomens erklärt, wendete sich auch Ariana Grande nicht an die Presse, als Teile der Öffentlichkeit von ihr verlangten, sich für ihren Kommentar "Ich hasse Amerika." in einem Donut-Shop zu entschuldigen. Stattdessen entschied sie sich dafür, ein Foto von einer Notiz zu twittern. Wäre der Vorfall jetzt passiert, hätten wir uns wahrscheinlich auf ein emotionales, verwackeltes Handyvideo einstellen können.

"Es geht nicht darum, anderen die Acai Bowl zu zeigen, die man zum Frühstück hatte, es geht um die Aufmerksamkeit."

Im vergangenen Monat erzählte die Bloggerin Alina Gonzales, warum sie ihren Job bei der aufstrebenden Lifestyle-Webseite Cupcakes & Cashmere verloren hat. Die Geschichte ging viral und sorgte dafür, dass viele öffentlich an ihrer Professionalität zweifelten. "Hätte ein Mann die Wahrheit über sein Berufsleben ausgesprochen, hätte man ihn nicht als 'dramatisch' oder 'unprofessionell' bezeichnet", erklärt Gonzales in einer E-Mail an Broadly. "Ich habe beschlossen, meine Geschichte auf Instagram zu erzählen, weil ich es leid war und es satt hatte, aus Angst vor den beruflichen Konsequenzen zu schweigen."

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Für die Lifestyle-Bloggerin Amanda Lauren steckt hinter den Vlogs vor allem eines: der Wunsch nach Aufmerksamkeit. "Wenn man seine Geschichte zehn- oder zwanzigmal am Tag aktualisiert, dann geht es dabei nur um eins: um Aufmerksamkeit. Nicht darum, anderen die Acai Bowl zu zeigen, die man zum Frühstück hatte." Dabei sei es egal, ob es sich um Stars handelt, die einem ungefilterte Einblicke in ihr sonst so geschütztes Privatleben liefern, oder "einen guten Freund, der eine schlimme Trennung hinter sich hat und und mit dem gesamten Internet über seinen Ex-Partner herziehen möchte. Wir wollen alle sehen, was die Person als nächstes sagen oder tun wird."

Alana Massey ist außerdem überzeugt, dass es ganz normal ist, dass man jede Möglichkeit nutzt, um über sich selbst und sein Leben zu sprechen. "Wenn man Menschen mehr Platz gibt, den sie mit ihrem Leben füllen können, dann ergreifen sie die Chance vermutlich auch", sagt sie. "Wenn sie die Möglichkeit bekommen, dann werden sie auch mehr aus ihrem Leben auf Instagram zeigen – auch die weniger schönen Seiten."

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