Laborfleisch

Selbst Vegetarier würden dieses Fleisch essen

Fleisch aus Stammzellen soll schon in drei Jahren in der Schweiz erhältlich sein.

von Katinka Oppeck
27 März 2018, 1:22pm

Dieser Artikel stammt aus unserer Redaktion in Zürich.

Schon in drei Jahren soll es soweit sein: Fleisch aus dem Labor wird dann auch in der Schweiz erhältlich sein. Das meint zumindest Mark Post, ein Pionier auf diesem Gebiet: 2013 stellte er gemeinsam mit seinem Team in New York den ersten Burger mit künstlichem Fleisch vor.

In der Zwischenzeit wurden massive Fortschritte gemacht: Mittels Stammzellen von Hühnern, Schweinen und Kühen können unter den richtigen Bedingungen im Labor Fasern gezüchtet werden, die in der Summe eine Art Hackfleisch entstehen lassen. Die Prognose für die Zukunft des Fleischkonsums sieht ähnlich unappetitlich aus, wie ein zu lange gebratenes Steak: "Durch das weltweite Bevölkerungswachstum und den zunehmenden Fleischkonsum in Schwellenländern dürfte die Nachfrage nach Fleisch bis 2050 um weitere 70 Prozent anwachsen", schreibt beispielsweise SRF. Die Konsequenzen daraus: gravierende Umweltfolgen.

Eine rasante Entwicklung, derer wir uns kollektiv bewusst werden sollten. Während sich Vegetarier und Veganer bereits an der Reduktion des Fleischkonsums dieser Welt beteiligen, sind es vor allem die Fleischesser, die künftig in die Pflicht genommen werden sollen, wenn es nach den Initianten hinter diesem Laborfleisch geht.

Wie stehen eingefleischte Meat-Fans zum künstlichen Hackfleisch? Und haben Vegis überhaupt Bock auf Fleisch aus dem Reagenzglas? Wir haben mal nachgefragt.

Die Vegetarier und Veganer

Janine, 32

Foto: zVg

Was hältst du von Fleisch, das mittels Stammzellen gezüchtet wurde?
Zuerst möchte ich die Abläufe ganz genau kennen und wissen, wie das Vorgehen bei der Stammzellenentnahme aussieht. Wäre ich überzeugt davon, dass es dem Tier dabei gut geht und es vom Eingriff nicht viel mitbekommt, könnte ich mir vorstellen, es allenfalls zu probieren.

Hast du Bedenken dabei, dass dieses Fleisch im Labor gezüchtet wurde?
Nein. Jeder, der jetzt aufschreit und von Chemie und unbekannten Langzeitfolgen redet, sollte links und rechts eine geklatscht kriegen. Ich arbeite im Rettungsdienst und bekomme täglich mit, welche Medikamente sich die Menschen reinhauen, meist noch ohne zu wissen für was. Überraschung, auch das ist Chemie.

Findest du es gut, dass die Wissenschaft in diesem Bereich Fortschritte macht?
Ja, damit hätte man schon vor Jahren anfangen sollen. Schon bedenklich, dass wir es schaffen, auf den Mond zu fliegen und selbstfahrende Autos zu bauen, aber die Massentierhaltung und das Tierleid wurde noch nicht bekämpft.

Marlies, 34

Würdest du trotzdem Fleisch aus dem Labor probieren wollen?
Nach über 20 Jahren als Vegi kann ich es mir schlichtweg nicht mehr vorstellen, Tiere zu essen. Allerdings hatte mir Fleisch schon immer geschmeckt. Ich würde das auf jeden Fall probieren.

Es wäre also für dich eine Option, so wieder regelmässig Fleisch zu essen?
Höchstens ab und zu. Ich habe kein Bedürfnis, Fleisch zu essen.

Findest du es gut, dass die Wissenschaft in diesem Bereich Fortschritte macht?
Unbedingt. Auch wenn ich nicht glaube, dass überzeugte Fleischesser das Angebot nutzen werden. Und darum ginge es doch eigentlich.

Warum glaubst du, dass überzeugte Fleischesser das nicht nutzen würden?
Weil ihnen Genuss offensichtlich wichtiger ist als das Tierwohl.

Meret, 23

Foto: zVg

Würdest du als überzeugte Vegetarierin das neue "Laborfleisch" probieren?
Nein, ich denke nicht. Mir ist Nahrung aus dem Labor im Allgemeinen suspekt. In meinen Augen sollte mit dem Fleischkonsum allgemein wieder viel bewusster umgegangen werden, also lokal, weniger, hochwertiger. Den übermässigen Fleischkonsum unserer Gesellschaft einfach mit einem Laborprodukt zu kompensieren, ist in meinen Augen der falsche Ansatz.

Findest du es eigentlich gut, dass die Wissenschaft in diesem Bereich Fortschritte macht?
Dass der Fleischkonsum dadurch mehr zum Thema gemacht wird, trägt hoffentlich dazu bei, dass immer mehr Menschen ihren eigenen Konsum hinterfragen und vermehrt ein Umdenken stattfinden kann. Falsch finde ich es dann, wenn man sein Gewissen in Zukunft quasi mit Laborfleisch beruhigen kann, ohne den eigentlichen Problemhintergrund zu beachten und zu verstehen.

Anna, 27

Foto: zVg

Wäre es für dich eine Option, dank Laborfleisch wieder regelmässig Fleisch zu essen?
Für den Genuss würde ich vielleicht hie und da ein Stück Laborfleisch essen. Ich halte Fleisch aber so oder so für ungesund, also würde ich es nach wie vor eher meiden.

Hast du Bedenken dabei, dass dieses Fleisch im Labor gezüchtet wurde?
Solange keine Tiere leiden, find ich Laborfleisch eine gute Sache. Zahlen würde ich dafür allerdings herzlich wenig. Mir fehlt das Fleisch nicht. Mir fehlen eher friedliche Tischgespräche – und wenn an meinem Tisch tierleidfreies Fleisch gegessen werden kann, krieg ich die friedlichen Gespräche vielleicht gratis zurück!

Meinst du damit, dass sich die Gespräche am Tisch heute vermehrt um die Ernährungsformen der Essenden drehen?
Ja, das ist ein Phänomen: Sobald man ein fleischloses Menü wählt, wird darauf in Gesprächen reagiert, je nach Tischrunde angriffig. In meiner Zeit als Veganerin war das recht stark so, als Vegetarierin gehts einigermassen.

Emilie, 30

Foto: zVg

Würdest du mit Laborfleisch wieder regelmässig Fleisch essen?
Ich kann mich sehr gut ohne dessen Geruch und Konsistenz ernähren, ohne dass ich das Gefühl habe, dass mir etwas fehlt. Hätte es jedoch diese Option bereits gegeben, als ich letztes Jahr schwanger wurde und tatsächlich ein paar Mal diese Fleischeslust verspürte, hätte ich Laborfleisch sehr wahrscheinlich bevorzugt.

Hast du Bedenken dabei, dass dieses Fleisch im Labor gezüchtet wurde?
Die Natur gibt uns perfekte Nahrungsmittel, die wir nicht verbessern können, egal wie lange wir in unseren Labors noch herumtüfteln. Naturbelassene Produkte müssen weiterhin die Basis unserer Ernährung bilden, wenn wir gesund bleiben wollen. Wenn jedoch dieses Fleisch einen Teil dazu beitragen kann, um die aktuelle Massentierhaltung und deren Folgen zu reduzieren, dann ist es meines Erachtens egal, dass es sich nicht um ein naturbelassenes Produkt handelt.

Wieviel würdest du für Hackfleisch aus dem Labor zahlen?
Für ein Kilo Schweizer Hackfleisch in Bio-Qualität bezahlt man heute etwa 25 Franken (circa 22 Euro). Daher fände ich Preise in diesem Segment tolerierbar und konkurrenzfähig, also 10 bis 12 Franken pro halbem Kilo.

Die Fleischesser

Moritz, 31

Foto: zVg

Hast du Bedenken bei Fleisch, das im Labor gezüchtet wurde, anstatt wie sonst üblich ein Tier zu schlachten?
Nein, ich finde das eine gute Idee.

Wieviel soll solches Fleisch deiner Meinung nach im Vergleich zu "richtigem Fleisch" kosten?
Das wird der Markt dann vermutlich selber bestimmen können, sobald es soweit ist. Hoffentlich kostet es aber weniger als irgendwelches Dry Aged Beef.

Wirst du komplett auf "richtiges Fleisch" verzichten, sobald die Laborlösung auf den Markt kommt?
Ich komme oft in Situationen in denen es zum Verzehr von Spezialitäten kommt, beispielsweise bei der Jagd oder der Metzgete (das Schweizer Schlachtfest) – darauf will ich nicht verzichten. Aber natürlich macht diese Stammzellenmethode eindeutig mehr Sinn.

Zoé, 27

Foto: zVg

Was denkst du über Fleisch, das von Stammzellen anstatt toten Tieren stammt?
Das wird eine interessante Option, nicht auf Fleischkonsum verzichten zu müssen, und doch einen Beitrag zum Erhalt der Umwelt beizutragen.

Wie steht es mit Bedenken zu diesem Thema?
Da habe ich überhaupt keine Bedenken. Heutzutage gibt es ja meiner Meinung nach ohnehin kaum noch etwas, das nicht über den Umweg in ein Labor bei uns landet.

Wieviel wärst du bereit für solches Fleisch im Vergleich zu "richtigem Fleisch" auszugeben?
Dass dieses Fleisch in der ersten Phase mehr kosten wird, ist klar und verständlich. Aber ich denke, dass es wichtig ist, dieses Fleisch in Zukunft günstiger oder gleich teuer wie normales Fleisch anzubieten. Ist das der Fall, werden wohl mehr Menschen umdenken und sich für die ökologischere Variante entscheiden. So könnten sie finanziell und psychologisch "abgerichtet" werden.

Wirst du komplett auf Fleisch von toten Tieren verzichten wollen, sobald diese Lösung auf den Markt kommt?
Natürlich werde ich das Fleisch in meinen Alltag einbauen. Aber bei einem Restaurantbesuch werde ich dann doch gerne mal noch ein Rindsfilet bestellen.

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