Sex, Tod und Social Media: Die "Porno-Oscars" in Zeiten der Krise

In den vergangenen drei Monaten sind fünf Porno-Darstellerinnen gestorben. Die AVN Awards waren eine seltsame Mischung aus Gedenken und business as usual.

|
04 Februar 2018, 5:30am

Models tragen bei den AVN Awards Gedenkshirts für August Ames Evil | Foto: Evil Angel 

Die AVN Awards gelten als die Oscars der Porno-Branche. Doch wie über den diesjährigen Hollywood-Preisverleihungen hängt auch über dieser Award-Show ein Schatten: In Hollywood werfen den sexuelle Übergriffe, in der Porno-Branche der Tod. Fünf junge Darstellerinnen haben sich in den vergangenen Monaten das Leben genommen oder sind gestorben, teils noch aus ungeklärten Gründen. August Ames, Olivia Lua, Olivia Nova, Turi Luv und Shyla Stylez waren ihre Künstlernamen.

Die Preise wurden im Hard Rock Casino in Las Vegas verliehen. Greg Lansky, Chef der Porno-Produktionsfirmen Tushy, Vixen und Blacked Studios, wurde als Regisseur des Jahres ausgezeichnet. Statt eine Rede zu halten, rief er den Produzenten Kevin Moore auf die Bühne. Moore war mit August Ames verheiratet, die im Dezember 2017 mit 23 Jahren Suizid beging.


Auch bei VICE: Der Kampf der Mormonen gegen Pornografie


"Ich stehe nicht gern hier oben", sagte Moore, 43, der für das Studio Evil Angel arbeitet. "Ich habe keinen Applaus verdient. Ich habe sie und ihre Familie im Stich gelassen. Aber damit muss ich leben." Moore mahnt auch, es dürfe nie wieder AVN Awards geben, bei denen man so vieler junger Frauen gedenken müsse.

Die fünfte Frau, die 23-jährige Olivia Lua, starb am 18. Januar in einer Entzugsklinik an einem Drogencocktail. Daraufhin twitterte Moore: "Das hier ist zu einer Krise geworden."

Moore kündigte bei der Zeremonie an, "The August Project" starten zu wollen, es solle ein "Unterstützungssystem für die Darsteller dieser Branche" werden. Er bekam Standing Ovations, als er sagte: "Es ist dein Körper, deine Entscheidung. Kein Agent, kein Produzent, keine Firma und definitiv keine sozialen Medien sollten entscheiden, was du mit deinem Körper machst."

Viele geben den sozialen Medien eine Teilschuld am Tod von August Ames, die mit bürgerlichem Namen Mercedes Grabowski hieß. Am 3. Dezember wurde sie zum Fokus wütender Online-Kritik, weil sie getwittert hatte: "Welche Dame auch immer morgen an meiner Stelle für @EroticaXNews dreht, sollte wissen: Du drehst mit einem Typen, der Schwulenpornos gedreht hat. Wollte ich dir nur mal gesagt haben. Bullshit kann ich dazu nur sagen. Ist den Agenten völlig egal, wen sie da vertreten? Ich mache meine Hausaufgaben für meinen Körper."

"Ich will eins ganz deutlich machen: Mobbing hat sie getötet."

Der Tweet riss eine Kluft in der Porno-Branche auf. Auf der einen Seite stritten jene, die meinen, Porno-Darstellerinnen sollten immer und in jedem Fall bestimmen dürfen, mit wem sie Sex haben. Auf der anderen Seite stritten alle, die Ames' Warnung an ihre Kolleginnen für homophob hielten. Studien zeigen zwar, dass Männer, die Sex mit Männern haben, ein höheres HIV-Risiko haben als Männer, die ausschließlich Sex mit Frauen haben. Viele kritisieren dies dennoch als schwulenfeindlichen Mythos.

Branchen-Insider wie Außenstehende kritisierten Ames. Kurz darauf beging sie Suizid. Weniger als eine Woche nach Ames' Tod schrieb Moore in einem Blog: "Ich will eins ganz deutlich machen: Mobbing hat sie getötet." Er hob in dem Beitrag zwei Personen hervor. Die erste war Ames' Porno-Kollegin Jessica Drake, die twitterte: "Darstellerinnen .... fickt, wen auch immer ihr wollt. Aber wenn ihr Leute ausschließt, weil sie schwule oder Crossover-Arbeit gemacht haben, macht ihr einen großen Logikfehler."


Auch bei VICE: Wir haben mit Rashida Jones über ihre Porno-Doku 'Hot Girls Wanted' gesprochen


Moore nannte außerdem Jaxton Wheeler, einen Darsteller, der sich als "pansexuell" bezeichnet. Er hatte am 5. Dezember Ames angetwittert: "Die Welt wartet darauf, dass du dich entweder entschuldigst oder eine Cyanidkapsel schluckst. Wir wären mit beidem zufrieden." Wheeler konnte es nicht wissen, aber Ames war zu diesem Zeitpunkt vermutlich schon tot. Sie schickte ihren letzten Tweet genau um Mitternacht am 4. Dezember. Darin stand schlicht: "Fuck y'all."

Die Porno-Branche ist für junge Frauen kein einfaches Arbeitsumfeld. 2016 beging die Darstellerin Amber Rayne Suizid; zuvor hatte sie dem gefeierten Pornostar James Deen vorgeworfen, er habe ihr bei einer Anal-Szene mehrmals mit der Faust ins Gesicht geschlagen und sei dann so brutal geworden, dass sie die Szene abbrechen musste; sie habe von der brutalen Penetration stark geblutet und ihre Wunden nähen lassen müssen. Sieben weitere Frauen, darunter Deens Ex-Freundin und Kollegin Stoya, warfen Deen verschiedene Übergriffe bis hin zur Vergewaltigung vor. Oft berichten Aussteigerinnen von massivem Druck und regelmäßigem Drogenkonsum. Viele Kritiker bezweifeln, dass die Branche sich ausreichend um das Wohlergehen ihrer zumeist sehr jungen Darstellerinnen kümmert.

"Es gilt als akzeptabel, Pornodarstellerinnen als 'Huren' oder 'widerlichen Abschaum' zu bezeichnen."

Doch abgesehen von Moores Rede sahen die AVN Awards hauptsächlich nach business as usual aus. Markus Dupree wurde zum Darsteller des Jahres gekürt und hielt eine ausschweifende Siegesrede. Die Darstellerin des Jahres Angela White war die größte Abräumerin, sie nahm 14 Preise mit nach Hause.

Die AVN Awards sind der Höhepunkt der viertätigen AVN Adult Entertainment Expo. Eine Veranstaltung, die sich wie eine immersive Porno-Werbung in Endlosschleife anfühlt. In diesen Tagen haben die Darsteller so viel engen Kontakt miteinander, dass viele den Begriff "AVN-Grippe" verwenden. Zu den leichtherzigen Highlights des Jahres gehörte der Auftritt von Alana Evans. Sie hatte Schlagzeilen gemacht, weil sie behauptet hat, sie habe einen Dreier mit Donald Trump und Porno-Kollegin Stormy Daniels abgelehnt. Vor dem Stand der Website Cams.com trat sie einem Mann in Trump-Verkleidung zwischen die Beine. "Ich wette, sehr viele Leute würden gern sehen, wie Donald einen Tritt in die Eier kriegt", lachte Evans hinterher. "Jetzt können sie sich vorstellen, dass es ihr Fuß war."

Immer wieder durchbrachen allerdings Erinnerungen an den Tod diesen kommerziell-hedonistischen Exzess. Moore hatte 1.000 August-Ames-Gedenkshirts drucken und verteilen lassen. Sowohl Fans als auch Darstellerinnen trugen das T-Shirt auf der Messe. Auf manchen stand "Never Forget", andere bezogen sich auf Ames' letzten Tweet: "Fuck y'all".

Tasha Reign | Foto: iWantEmpire

Viele Pornostars sind besorgt, dass die sozialen Medien der Psyche der Darsteller schaden. Es herrsche Druck, in den Netzwerken präsent zu sein, um sich das Interesse der Fans zu sichern. Tasha Reign ist seit acht Jahren in der Porno-Branche, außerdem ist sie Vorsitzende des Adult Performer Advocacy Committee. Sie sagt gegenüber VICE, ein "schwerer Schatten" hänge über der Branche. "Meine Kolleginnen sind zurzeit sehr ernst und traurig."

Reign sagt, Darsteller und vor allem Darstellerinnen fühlten sich oft "allein und ausgestoßen". Ein Grund dafür sei Online-Mobbing, ein anderer, dass sie auf Hindernisse stoßen würden, wenn es um alltägliche Dinge wie Bankgeschäfte, Wohnungssuche und die gesundheitliche Versorgung geht. "Ob Straßenprostituierte, Escort oder Porno-Darstellerin – die Welt behandelt uns schrecklich", sagt sie. "Es gilt als akzeptabel, Pornodarstellerinnen als 'Huren' oder 'widerlichen Abschaum' zu bezeichnen." Keine andere Gruppe sehe sich derlei Angriffen ausgesetzt, doch "aus irgendeinem abgefuckten Grund passiert das in der Porno-Branche".

Kritiker fordern, das Mindestalter für Porno-Darstellerinnen und –Darsteller in den USA von 18 auf 21 anzuheben.

Tasha Reign befürwortet ein obligatorisches Einführungsprogramm für junge Frauen, die in der Porno-Industrie anfangen. Außerdem fordern einige Kritiker, das Mindestalter für Porno-Darstellerinnen und –Darsteller in den USA von 18 auf 21 anzuheben. Auch diesen Ansatz unterstützt Reign. "Wenn mir ein junges Mädchen schreibt, weiß ich nicht, wie ich ihr einerseits erklären soll, dass ich meinen Job mag und er Teil meiner Identität ist – aber dass ich ihr gleichzeitig davon abraten würde, weil ich nicht weiß, wie es um ihre Psyche steht", erklärt sie.

Mike Stabile vom Unternehmerverband der Porno-Branche in den USA, Free Speech Coalition, hält Diskriminierung für ein großes Hindernis für Menschen in der Industrie. "Wenn jemand mit Depressionen oder Suchtproblemen Hilfe sucht, dann sagt der Arzt garantiert: 'In diesem Beruf können sie unmöglich glücklich sein.'" Stabile meint, diese Art von Reaktion halte viele davon ab, sich Hilfe zu suchen.

Models tragen Gedenkshirts für August Ames | Foto: Vixen

Kevin Moore sagt, er hoffe, dass The August Project helfen werde, Porno-Darstellerinnen Zugang zu Psychotherapie zu verschaffen. Dem AVN-Publikum sagte er, das Projekt werde als Ressource dienen, "sodass alle, die sich am Abgrund wiederfinden, mit nur einem Anruf Hilfe finden können".

Die Porno-Branche hat viele Probleme, die mit der Arbeit in einem Sex-Gewerbe einhergehen. Gleichzeitig ist die Industrie wie ein verzerrter Spiegel unserer Gesellschaft. Die Darstellerinnen erleben Mobbing und Missbrauch, werden öffentlich angeprangert und verurteilt, und stehen zugleich unter massivem Druck, in den sozialen Medien eine perfekte Fassade zu präsentieren. Diese Gefahren der Online-Welt betreffen uns alle, aber vor allem Frauen und Mädchen.

"Das einzig Positive an diesen aktuellen Tragödien ist, dass die Menschen offener über ihre psychischen Probleme sprechen. Sie können zugeben, dass ihr Leben nicht perfekt ist."

Auch Porno-Darstellerin Riley Reyes hat sich mit dem Problem auseinandergesetzt, dass online alle jederzeit eine glückliche Fassade aufrechterhalten. "In den sozialen Medien wollen alle erfolgreich, schön und happy aussehen", sagt sie VICE auf der Expo. "Alle kuratieren ihre Profile so, dass sie möglichst glücklich wirken. In dieser Industrie machen wir das nicht nur für unsere Kolleginnen, sondern auch für die Fans." Das erhöhe den Druck, stets die Illusion eines perfekten Lebens zu wahren.

"Das einzig Positive an diesen aktuellen Tragödien ist, dass die Menschen offener über ihre psychischen Probleme sprechen", sagt Reyes. "Sie können zugeben, dass ihr Leben nicht perfekt ist." Schließlich gebe es niemanden, der das von sich behaupten könne, und niemanden, der nicht ab und zu Hilfe brauche.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.