Sex

So geht guter Sex, wenn du schwerhörig bist

Im Bett ist Kommunikation wichtig. Aber was, wenn man nicht hören kann? Als schwerhörige Frau habe ich ein paar Tipps, von denen alle lernen können.

von Anna Pulley
28 Juni 2019, 10:30pm

Illustration: Koji Yamamoto

Sex und Selbstzweifel gehen Hand in Hand. Auch du hast dich im Bett bestimmt schon mal gefragt, ob du alles richtig machst. Oder ob die andere Person wirklich Spaß hat. Zum Glück kannst du mit deinem Partner oder deiner Partnerin sprechen, ihr könnt einander verstehen und euch aufeinander einstellen. Aber jetzt stell dir mal vor, du wärst schwerhörig oder gehörlos. Schon sind diese Unsicherheiten und Zweifel viel präsenter. Ist guter Sex unter solchen Umständen überhaupt möglich?

Ja, es braucht nur ein paar Tricks. Methoden, auf die gut hörende Menschen nicht angewiesen sind – von denen sie aber durchaus lernen können.

Diese Ratschläge fallen uns Menschen mit Schwerhörigkeit allerdings nicht einfach in den Schoß. Ich trage seit 15 Jahren ein Hörgerät und hatte schon mit gut einem Dutzend Ärzten, Hals-Nasen-Ohren-Spezialistinnen und Hörakustikern zu tun. Bei keinem einzigen meiner Termine ging es jemals um das Thema Sex mit Hörgeräten. Auf Nachfrage bekam ich immer nur eine Antwort: Nimm die Hörhilfe einfach raus.

Bisher habe ich nur ein Buch gefunden, in dem Sex mit Hörgerät angesprochen wird: Living Better with Hearing Loss: A Guide to Health, Happiness, Love, Sex, Work, Friends…and Hearing Aids von Katherine Bouton. Leider ist der Sex-Abschnitt sehr kurz gehalten – und abgesehen von der Ermahnung, viel zu kommunizieren, auch nicht wirklich aufschlussreich. Es fehlen konkrete Tipps, wie man sich als schwerhöriger oder gehörloser Mensch im Bett am besten verhält.

Als Sexautorin und -enthusiastin habe ich über die Jahre schon viele Möglichkeiten ausprobiert, wie man selbst mit Hörgerät beim Sex richtig kommuniziert. Meine Tipps habe ich hier gesammelt – und sie funktionieren bei allen Hörgerät-Typen.


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Sollte man das Hörgerät beim Sex rausnehmen?

Viele Menschen machen das so. Ich habe schon viele Leute mit Schwerhörigkeit interviewt, einige von ihnen stehen total auf Sex ohne Hörgerät – so werden sie von keinen Geräuschen abgelenkt und können sich besser auf ihre Empfindungen und auf die andere Person konzentrieren.

So vermeidest du auch, dass dein Hörgerät nass wird oder beim leidenschaftlichen Liebesspiel versehentlich vom Ohr gerissen wird und kaputt geht (Hörgeräte kosten oft mehrere Tausend Euro). Zudem entsteht ohne Hörgerät im Ohr definitiv keine schrille Rückkopplung, wenn du deiner Partnerin zum Beispiel gerade die Vulva leckst und sie vor Lust deinen Kopf zwischen ihren Schenkeln einklemmt. Auch die Missionarsstellung kann knifflig werden, wenn dein Partner dabei gern sein Gesicht gegen deinen Kopf oder Hals presst. Allgemein gilt: Stellungen, bei denen der Mensch mit Hörgerät oben ist, funktionieren besser, weil du so mehr Kontrolle hast.

Sex ohne Hörgerät birgt aber auch einige Nachteile. Der offensichtlichste: Du hörst schlechter und kannst deshalb auch nicht so gut kommunizieren. Die Hörgeräteakustikerin Suzanne Baptiste empfiehlt deswegen, die Geräte im Bett weiter zu tragen: "Moderne Hörhilfen halten viel mehr Feuchtigkeit aus als ältere Geräte. Schweiß sollte bei Geräten, die nicht älter als zwei oder drei Jahre alt sind, kein Problem darstellen."

Wenn ich beim Sex auf mein Hörgerät verzichte, mache ich mir ständig Sorgen, versehentlich bei etwas zuzustimmen, das ich eigentlich gar nicht machen will – oder aus Versehen meine Partnerin falsch zu verstehen und etwas zu tun, das sie nicht will. Außerdem finde ich nichts heißer, als ihr lustvolles Stöhnen zu hören. Und obwohl es bei mir im Bett immer recht feucht wird, sind meine Hörgeräte auch heute noch in einwandfreiem Zustand. Probier einfach aus, was dir am besten liegt.

Finde alternative Wege, mit deinen Partnern zu kommunizieren und dein Einverständnis zu geben

Einen Vorteil hat Sex mit Hörgeräten immer: Man muss dabei sehr explizit sein und immer bewusst vorgehen. Das gilt vor allem, wenn man zum ersten Mal mit einem schwerhörigen Partner oder einer schwerhörigen Partnerin zu tun hat. Deshalb ist es wichtig, für klare Verhältnisse zu sorgen und nichts zu verbergen. Ein solches Gespräch ist niemals so unangenehm, wie wenn du versehentlich die persönlichen Grenzen der anderen Person verletzt. Und wenn die Objekte deiner Begierde nichts von deinem Hörgerät wissen, können sie auch nicht auf deine Bedürfnisse eingehen.

Wann du das Thema anschneidest, ist deine Entscheidung. Mein Tipp: Mach es, bevor ihr mit dem Knutschen anfangt. So gehst du gar nicht erst das Risiko ein, dass dein Hörgerät beim spontanen Rummachen aus Versehen herausgerissen wird.

Was die Kommunikation beim Sex angeht, kannst du dir gerne Inspiration in der BDSM-Szene holen und auf Signale und Gesten setzen. Wenn dir etwas gefällt, kannst du zum Beispiel die Hand deines Partners oder deiner Partnerin drücken oder dreimal nicken. Wenn es dir zu schnell geht, reicht es manchmal schon aus, wenn du dich selbst deutlich langsamer bewegst. Was ich persönlich auch nützlich finde: der gute alte Daumen nach oben oder unten. Ab und an verteile ich sogar High fives, wenn meine Partnerin etwas besonders gut gemacht hat.

Es ist nicht schlimm, wenn peinliche Momente entstehen oder du etwas noch mal hören willst

Eigentlich gilt folgender Ratschlag für alle sexuelle Aktivitäten, auch ohne Hörgerät: Mach dich locker, beim Sex wird es immer zu seltsamen oder lustigen Situationen kommen. Wenn du dir noch nie am Kopfende des Betts die Stirn angeschlagen oder jemandem im Bett versehentlich den Ellbogen in die Genitalien gestoßen hast, dann hattest du wahrscheinlich noch nie richtig guten Sex.

Der größte Lustkiller ist und bleibt Angst. Wenn du ständig über jede noch so kleine Bewegung nachdenkst, nur damit dein Partner oder deine Partnerin nicht aus Versehen dein Hörgerät berührt, dann wird dir der Sex keinen Spaß machen. Im Grunde hast du in unangenehm-peinlichen Situationen zwei Möglichkeiten: Entweder du lachst über den Moment und hakst ihn ab, oder du ignorierst ihn und hakst ihn dann ebenfalls ab. Ich bevorzuge die erste Option – so wie damals, als ich dachte, dass meine Partnerin mich fragt, ob sie mir ins Ohr spucken soll. Dabei wollte sie wissen, ob sie mir ins Ohr flüstern soll. Wir nahmen es beide mit Humor, wodurch wir eine bessere Verbindung zueinander aufbauten. Und das machte unser Sexleben letztendlich noch besser.

Bau dein eingeschränktes Hörvermögen in das Liebesspiel ein

Seit ich mein eingeschränktes Hörvermögen auch von der erotischen Seite sehe, komme ich auch allgemein besser damit klar. Ich habe gelernt, dass der Hörverlust nicht immer nur Verlust bedeutet. Wenn ich meine Schwerhörigkeit bewusst beim Sex mit einbringe, fühle ich mich so wahrgenommen und verstanden wie sonst kaum. Ich lasse mir zum Beispiel an den Ohren knabbern oder lecken – auch dann, wenn ich mein Hörgerät noch trage. Damit sagen mir meine Partnerinnen: "Ich bin mir deiner Einschränkung bewusst und finde dich deswegen nicht weniger anziehend!"

Aber auch ich spiele gerne mit dem (normalen) Hörvermögen meiner Partnerinnen, weil ich so zum einen gleiche Bedingungen schaffe und ihnen zum anderen zeige, wie sich Sex für mich anfühlt. Wenn wir einen Sinn wegnehmen – beim Gehör etwa mit Ohrstöpseln –, dann schärft das automatisch die anderen Sinne. Sex wirkt plötzlich ganz anders. Wenn du dich selbst darauf trainierst, andere Dinge wahrzunehmen, andere Empfindungen zu verspüren und anders zu kommunizieren, dann wirst du deinen Körper niemals langweilig finden und dich immer besser auf deine Partner oder Partnerinnen einstellen.

Du brauchst dich für deine Schwerhörigkeit nicht zu schämen

Menschen mit Behinderungen haben es in unserer Welt immer noch unnötig schwer. Schwerhörigkeit und Taubheit haftet ein gewisses Stigma an, vor allem, wenn man noch jung ist. Gerade dann sind Scham- und Angstgefühle eine große Hürde, wenn es um Sex, Zufriedenheit und Selbstvertrauen geht.

Zu lernen, auf all das zu pfeifen, braucht Zeit, Geduld und manchmal auch eine Therapie. Einen Anfang kannst du aber machen, indem du herausfindest, was genau bei dir die Schamgefühle beim Sex auslöst. Bei mir ist das Dirty Talk. Einmal wollte eine Frau Telefonsex mit mir haben, danach ignorierte ich ein Jahr lang ihre Anrufe, weil ich Angst hatte. Inzwischen lege ich meinen Partnerinnen vor dem Sex ans Herz, weniger zu sprechen und mehr auf visuelle Signale wie Gesten zu setzen, damit ich nicht ständig verschämt "Was?" fragen muss.

Wenn du diese Auslöser kennst, kannst du mit deinen Partnern oder Partnerinnen darüber reden – und so vermeiden, dass sie dich verunsichern. Zwar tritt auch der respektvollste Mensch mal ins Fettnäpfchen, aber das ist OK. Aus Fehlern lernt man. Gib deinen Schamgefühlen nicht zu viel Macht. Sie haben es eigentlich gar nicht verdient, mit dir ins Bett zu steigen.

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