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'What/If' ist 'Gute Zeiten, schlechte Zeiten' – auf Crack

Die Netflix-Serie über eine Start-up-Gründerin, die ihren Mann für 80 Millionen Dollar an eine Businessfrau verkauft, ist sehr, sehr schlecht. Warum macht sie trotzdem süchtig?

von Lisa Ludwig
28 Mai 2019, 1:52pm

Lisa (links) und ihre Freundin Cassidy versuchen Anne Montgomery auf die Schliche zu kommen || Foto: Ray Mickshaw | Netflix

Die ersten Sekunden von What/If fühlen sich an wie ein bekannter Fiebertraum. Eine sehr erfolgreiche Person bewegt sich, ihrer selbst ganz sicher, durch einen teuer eingerichteten Raum und redet mit sich selbst. Sie ist reich, offensichtlich, und sagt deshalb Sachen, die nur Menschen sagen können, die schon lange keine existenziellen Probleme mehr haben. "Entferne die lästigen Fesseln, die die Gesellschaft geschaffen hat, um uns zu limitieren", zum Beispiel. Oder: "Wahre Größe wird nur denjenigen zuteil, die bereit sind, alles dafür zu tun." Die Attitude, das melodramatisch Selbstbezogene, die markigen One-Liner – kennen wir alles aus House of Cards. Der Unterschied: What/If ist keine gute Serie.

Die erfolgreiche Businessfrau Anne Montgomery (Renée Zellweger) macht der jungen Unternehmerin Lisa Ruiz-Donovan (Jane Levy) ein Angebot: Sie wird deren Biotech-Start-up mit 80 Millionen US-Dollar vor dem sicheren Ruin retten, wenn sie eine Nacht mit Ruiz-Donovans Ehemann Sean (Blake Jenner) verbringen darf. Diese Grundprämisse ist eins zu eins aus dem 90er-Jahre-Film Ein unmoralisches Angebot geklaut. Weil What/If aber deutlich mehr Laufzeit füllen muss als ein knapp zweistündiger Film, gibt es natürlich einen Haken: Sollten Sean und Lisa mit irgendjemandem über Details der Nacht sprechen, geht die Firma in Annes Besitz über.


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Es ist kein Spoiler, dass sich Sean und Lisa auf den Deal einlassen und es schon in derselben Nacht bereuen. Es ist auch kein Spoiler, dass diese Entscheidung das glückliche Paar auseinandertreibt, und es ist ebenfalls kein Spoiler, dass es in der besagten Nacht um deutlich mehr geht als Sex. Wie gut kennen wir den Menschen wirklich, mit dem wir unser Leben teilen? Was sind wir bereit für unsere Karriere zu opfern? Fragen, aus denen man ein spannendes TV-Drama machen könnte. Stattdessen liefert der Showrunner Mike Kelley eine Soap Opera, die sich für einen tiefschürfenden Thriller hält.

Jeder zweite Charakter hat eine "dunkle" Vergangenheit. Der Rest scheitert daran, blauäugig von einer offensichtlichen Falle in die nächste zu stolpern. Lisas Nemesis Anne Montgomery ist die Netflix-Entsprechung zu GZSZ-Bösewicht Jo Gerner: angeblich klug, einflussreich und allen immer einen Schritt voraus. Ihr großer Masterplan, der am Schluss enthüllt wird, ist allerdings so durchsichtig und wirr, dass sich wohl selbst RTL dafür geschämt hätte.

Nichts an What/If ist überraschend oder neu, keine Auflösung befriedigend. Stattdessen werden wir von einer melodramatisch überinszenierten Situation in die nächste geworfen und mit komplett irrelevanten Nebenhandlungssträngen bombardiert, bis wir entweder alles auf einmal oder gar nichts mehr fühlen.

What/If macht nichts richtig, dafür aber einfach sehr, sehr viel – und schafft es damit, die Zuschauenden in seinen Bann zu ziehen. Vielleicht, weil die Serie genau wie Gute Zeiten, schlechte Zeiten weiß, welche Cliffhanger und Wendungen uns bei der Stange halten.

"Oh nein, ein dramatisches Gewitter!!! Werden Lisa und Anne in einem Privatjet sterben???", brüllt einem die Serie ins Gesicht. Und lenkt so von der Frage ab, ob Anne Montgomerys Plan wirklich so durchschaubar und dumm ist, wie er sich bereits nach wenigen Folgen darstellt. "Was wird der psychopathische Oberarzt wohl als nächstes tun, nachdem Seans Schulfreundin Angela ihre Affäre mit ihm beendet und sich für ihre Ehe mit Seans bestem Freund Todd entschieden hat?", flüstert sie einem verführerisch ins Ohr, wenn man sich gerade fragt, ob man an einem Sonntagnachmittag nicht eigentlich Besseres zu tun hätte. Und schon kann man es kaum erwarten, bis der Countdown zur nächsten Folge abgelaufen ist.

Das ist natürlich kein Zufall. Streaming-Dienste wissen ganz genau, wann wir auf Pause drücken, vorspulen oder eine Serie komplett abbrechen. Theoretisch können die Netflix-Verantwortlichen anhand der gesammelten Daten also auf die Sekunde genau sagen, wann eine Story-Wendung eintreten muss, damit wir nicht abschalten, und dementsprechend ihre Inhalte anpassen. Ob wir Spaß an einer Serie haben, ist da erst mal zweitrangig. Hauptsache, wir gucken sie zu Ende – damit der Streaminganbieter unseres Vertrauens auch weiterhin Product Placements an Automobilhersteller und Technikkonzerne verkaufen kann.

Wahrscheinlich weiß Netflix also ganz genau, wie es uns dazu manipulieren kann, immer weiterzugucken. Vielleicht funktionieren selbst schlechte Serien wie What/If aber auch als Binge-Watch-Erfahrung, weil es einfacher ist weiterzugucken, als im zunehmend unübersichtlichen Netflix-Katalog nach einer anderen Serie zu suchen, die einen zumindest ein bisschen unterhält.

Es gibt mittlerweile unzählige Memes darüber, wie man sich nach einem Wochenende mit Netflix fühlt. Nach Dutzenden Folgen von irgendeiner Serie, an die man sich schon wenige Wochen später nicht mehr erinnern wird – obwohl sie einen erfolgreich davon abhält, die Steuererklärung zu machen, aufzuräumen oder restbetrunken über die unerträgliche Schrecklichkeit des Seins nachzudenken.

What/If ist nicht gut, aber auf eine seltsame Art befriedigend. Es ist Fastfood für die Augen: Wenn man die zehn Folgen heruntergeschlungen hat, fühlt man sich zu gleichen Teilen übersättigt und leer. Vielleicht muss es zwischen TV-Meilensteinen wie Breaking Bad und Game of Thrones, oder wundervollen Nischenproduktionen wie Fleabag auch Serien geben, die nichts von uns fordern, sondern sich anfühlen wie ein fauler Nachmittag auf der Couch – nicht geil, nicht furchtbar, aber irgendwie OK.

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