So viele Tiere werden auf 'Chefkoch.de' verwurstet

Hack, Garnelen, Schweinefuß: Wir haben tausend Rezepte ausgewertet und Strichliste geführt. Mhmhm, lecker!

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13 Mai 2019, 1:27pm

Foto: imago | Steinach

Mario Batali hat allein 567 Aale auf dem Gewissen. So viele sterben in einem bekannten Kochbuch des amerikanischen TV-Kochs. Herausgefunden hat das eine Studie, die 2018 in der Fachzeitschrift Food Ethics erschienen ist. Die Autoren haben darin Kochbücher von 26 bekannten Köchen und Köchinnen auf ihren tierischen Bodycount hin untersucht. Skandalös ist das nicht, denn schließlich haben Köche wie Jamie Oliver auch vegetarische Kochbücher am Start. Aber dafür ist die Untersuchung unterhaltsam und auch ein bisschen verstörend: 567 Aale, wer will die wirklich essen?

Weil ihr Kochbücher vermutlich nur noch aus der Elternküche kennt, mit einer Patina aus jahrzehntealtem Bratfett, wollten wir eine ähnliche Untersuchung mit etwas machen, das uns und euch näher am Magen liegt. Die Rede ist, na klar, von chefkoch.de, der ultimativen Plattform für begeisterte Hobbyköche und für kulinarische Abgründe.


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Wir wollten wissen: Kann man anhand der von Nutzerinnen und Nutzern eingestellten Rezepte sagen, welche Tiere am häufigsten draufgehen? Was kochen die deutschen Chefköche am liebsten? VICE hat nachgezählt.

Ein Drittel der Chefkoch-Rezepte enthalten Fisch oder Fleisch

Insgesamt haben wir 1.000 neue Rezepte untersucht, die zwischen Anfang April und Anfang Mai 2019 auf Chefkoch veröffentlicht wurden, das entspricht einem Zeitraum von etwa fünf Wochen. Was auffällt: Die Deutschen lieben nicht nur Fleisch, sie lieben auch Nachtisch. In einigen Fällen bringt diese Liebe Nachwuchs in Form einer "Bratwurstgehäck-Torte" hervor – "der Männermagnet am Kuchenbuffet", wie die Hobby-Konditorin stolz schreibt. In unserem Redaktions-Chat hat diese Kreation allerdings vor allem Kotz-Emojis erzeugt.

Von den 1.000 neuen Rezepten waren insgesamt 343 mit Fleisch oder Fisch, 254 waren vegetarisch oder vegan, 244 waren entweder Gebäck, Dessert oder Getränke und 144 zählten wir zu den Beilagen: Dips, Soßen, Brote und alles, was nach unserer fachkundigen Meinung keine eigenständige Mahlzeit ist. Wobei es natürlich am Kochlöffel des Betrachters liegt, ob etwa die "süß-sauren Gurkenstücke" nun Beilage sind oder in WG-Küchen als Hauptgang durchgehen. Jedenfalls wird klar, dass rund ein Drittel aller Rezepte auf chefkoch.de nicht vegetarisch sind.

VICE Chefkoch

Einen gewissen Interpretationsspielraum mussten wir uns auch bei der Analyse der tierischen Zutaten vorbehalten, was aber auch an den Rezepten selbst liegt: Während vorbildliche Hobbyköche genaue Angaben machen wie etwa "4 Hähnchenbrüste à 125 Gramm", schreiben andere bloß die Anzahl. Problematisch ist das etwa bei Garnelen: Je nach Größe können 100 Gramm 5 Stück bedeuten oder 15. Wir haben uns an Durchschnittswerten im Handel orientiert: Geflügel- oder Fischfilets haben wir mit 150 Gramm berechnet, Steaks mit 200 Gramm, eine Dose Thunfisch mit 180 Gramm Abtropfgewicht. Die hier vorgestellten Mengenangaben sind trotzdem eher als grobe Annäherung zu verstehen und mit Sicherheit nicht aufs Gramm genau.

Generell haben wir immer die Mengenangabe im Originalrezept genommen. Wenn Nutzer Sugardaddy seinen glasierten Hinterschinken "Bad Breisig" eben mit vier Kilogramm Fleisch für 15 Portionen veranschlagt, dann machen wir das verdammt nochmal auch, es ist schließlich noch niemand im VICE-Büro verhungert. Wobei, einer wähnte sich mal kurz davor.

Die Deutschen lieben Hackfleisch

So, nun aber Butternusskürbis bei die Fische: Welche Zwei- und Vierbeiner mussten denn auf dem Weg in die Chefkoch Hall of Fame dran glauben? Welche Krusten- und Schalentiere gingen drauf?

Nach Untersuchungen des aktuellen Fleischatlas der Heinrich-Böll-Stiftung ist Geflügel bloß das zweitbeliebteste Fleisch in Deutschland. Das deckt sich allerdings nicht mit unserer Chefkoch-Untersuchung. 28,3 Kilogramm Hähnchen und Pute sind dort allein in Form von Brustfilets vertreten. Nur eine einzige Gans hat sich in die 1.000 Rezepte verirrt – es ist aber auch gerade nicht Saison für Gänsekeulen. Apropos Keule: Nimmt man noch knapp 50 Hähnchenschenkel mit einem durchschnittlichen Gewicht von 250 Gramm dazu, kommen wir in unserer Berechnung sogar auf insgesamt knapp 41 Kilo Geflügel.

Das Schweinefleisch, der deutsche Spitzenreiter, kann da zumindest in dem von uns untersuchten Monat nicht mithalten. Wenn du alle 1.000 Chefkoch-Rezepte des Zeitraums nachkochen willst, müsstest du dafür etwa 32,3 Kilogramm Schwein kochen, braten, grillen oder schmoren. Darunter sind allein mehr als 6 Kilogramm Speck, und wenn unsere Analyse etwas zeigt, dann kulinarische Abgründe: Egal ob Eintopf, Salat oder "Makkaroni mit Nuss-Brokkoli": Nach den Gaumen der Chefköche schmeckt alles besser, wenn noch ein bisschen Speck untergerührt wird.

Ebenfalls beliebt ist das dynamische Fleischthekendoppel H&W, aka Hack und Wurst. Beides besteht häufig sowohl aus Rind als auch Schwein und wird deshalb gesondert aufgeführt. Satte 26,4 Kilogramm Hackfleisch und noch einmal 7,7 Kilogramm Wurst werden in den Rezepten, nun ja, verwurstet. Überraschend ist das nicht, schließlich ist Fleisch kaum einfacher zu verarbeiten als wenn es vorab durch den Wolf gedreht wurde und du es nur noch grau, Verzeihung, "krümelig" braten musst. Oder wenn du nur noch den Kochschinken in die "Ketchup-Knoblauchsoße" rupfen musst.

Chefkoch Fleisch
Rind: imago / Panthermedia || Schwein: imago / Frank Sorge || Geflügel: imago / Photocase || Fisch: imago / CTK Photo || Hack: imago / imagebroker || Wurst: imago / imagebroker

Vergleichsweise abgeschlagen sind Fisch und Rind. 21,2 Kilogramm Fischfilets landen in den Rezepten, allein 5 Kilogramm davon sind Lachs. Wobei die deutschen Köchinnen auch anderes in den Einkaufswagen angeln, darunter Kabeljau, Rotbarsch, Schwertfisch, Seelachs und Tintenfisch. Nicht dazu gerechnet haben wir Garnelen, Sardellen und Fische, bei denen bloß die Stückzahl angeführt wurde und die ohnehin nicht groß ins Gewicht fallen. Vergleichsweise wenig erscheinen die 15,8 Kilogramm Rindfleisch, aber dafür gibt es eine Erklärung: Der aktuelle Schlachtpreis beträgt laut dem Bundesernährungsministerium mehr als das doppelte als der eines Schweines. Rindfleisch ist deshalb auch im Supermarkt schweineteuer und nicht nur Studierende wissen: Der Geldbeutel kocht mit.

Wo bekommt man frische Seeigel?

Insgesamt sind die Nutzer der Plattform wenig experimentierfreudig. Auf gefühlt alle zwanzig Rezepte für "asiatische Nudeln mit Huhn" folgt zwar auch mal eine "Ninja Zauberei", ein "Gefüllter Hackbraten im Speckmantel" oder ein "Lammkarree in Bärlauchkruste". In der Regel aber sind die Tiere und Zutaten so unspektakulär, dass wir fast Hunger bekamen, als wir mal ein Rezept mit Innereien fanden.

Chefkoch VICE
Shrimp: wikimedia / emojione || Seeigel: svgsilh.com || Hase: Pixabay || Gans: svgsilh.com || Pferd: PublicDomainPictures

Oder eines für Spaghetti mit 12 Seeigeln, wobei wir uns fragen, wo man frische(!) Seeigel herbekommt und wie man diese verarbeitet. In den 1.000 Rezepten kam nur dreimal Hasenfleisch und je einmal Fleisch von Pferd und Wild vor: Dabei gilt Wildbret als relativ gesund im Vergleich zu Chlorhuhn und Hormonschwein. Wer sein Rezept etwas exotischer anteasern will, schreibt übrigens "Skrei" statt Kabeljau oder steckt noch ein lässiges "Pornokuchen" mit in die Beschreibung.

Was sagt uns der Blick ins Chefkoch-Archiv am Ende? Erstens: Nimmt man 1.000 Rezepte aus einem knappen Monat als repräsentative Auswahl, dann kochen Chefkoch-Nutzerinnen und Nutzer schwer nach deutschem Durchschnitt. Es gibt Schwein, Hack und Geflügel bis die Schwarte kracht. Zweitens: Gebäck und Dessert sind eine ungeahnt beliebte Kategorie. Und drittens: Wer Rezepte wie die "Kebap-Pfanne" von Mooreule sieht, findet gute Gründe, sich doch öfter mal vegetarisch zu ernähren.

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