Linus Volkmanns Umsturzprosa

Falco-Vernichtung via Deutschrap: Die ultimative Review zum Falco-Tribute-Album

Rapper wie Sido, Sun Diego und Celo & Abdi interpretieren Falco neu und liefern dabei fast schon Realsatire ab.
25.5.18
Fotos: imago | HMB-Media || imago | teutopress

"Richtig sympathisch bist du den Leuten nur in der Niederlage". Wenn dieses Falco-Zitat die Wahrheit spricht, dann gibt es zumindest eine gute Nachricht für die Beteiligten dieses Samplers: Hey, eure Sympathiewerte dürften auf Jahreshoch klettern! Denn das Falco-Tribute-Album 'Sterben um zu leben' dokumentiert, wie eine etablierte Generation von Rap-Granden (Sido, Ali As, Celo, Sun Diego, Frauenarzt u.a.) am Autotune- und Trap-Hype der Stunde scheitert.

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Es ist 1998. Man hört mal wieder was von Falco, doch es geht nicht um das angekündigte neue Album, das (mal wieder) sein großes Comeback werden soll. Nein, der Wiener hatte in seinem Exil in der Dominikanischen Republik einen Unfall, gerammt von einem Bus. Falco ist tot. Ach, du Scheiße!

Doch der Typ, um den sich schon zu Lebzeiten die Mythen rankten, bleibt auch im Jenseits nicht untätig. So wird das Album mit dem prophetischen Titel Out of the Dark (Into the Light) in seinem Todesjahr tatsächlich noch einmal die ganz große Wiederkehr. Spooky? Tragisch? Auf jeden Fall larger than life – und das hätte Falco sicherlich selbst gut gefallen. Der Fame des genialisch narzisstischen Ausnahme-Irrens reicht dabei wirklich weit über das Grab hinaus. Bei Studioauflösungen werden ganze unveröffentlichte Alben entdeckt. So erscheint auf The Spirit Never Dies von 2009 tatsächlich sogar noch der dritte und finale Teil des einstigen Skandal-Schlagers "Jeanny". Wobei nicht unerwähnt bleiben sollte, dass der Reiz all der postumen Veröffentlichungen meist bloß darin liegt, sich noch einmal mit dieser schillernden Figur Falco beschäftigen zu können. Und die Schlange am Wiener Zentralfriedhof reißt einfach nicht ab.

Linus an Falcos Grab

Jetzt hat der deutschsprachige Rap-Betrieb namhafte Protagonisten wie Kontra K, Zugezogen Maskulin, Sido und Haze an den grellen Kadaver gekarrt. Warum auch nicht? Falco gilt zu Recht als der erste Typ, der kommerziell erfolgreich Sprechgesang auf Deutsch übersetzte. So erfolgreich, dass er mit "Rock me Amadeus" Platz eins der amerikanischen Charts belegte. Das wird für deutschsprachigen Rap vermutlich bis in alle Ewigkeit unwiederholbar bleiben. Insofern ist eine Hommage aus der hiesigen HipHop-Ecke keinesfalls abwegig – teilt man doch zudem auch noch das Interesse an Drugs und Arroganz mit dem Wiener Superstar.

Das Projekt scheitert allerdings dennoch – und nicht zu knapp. Draußen einen rauchen gehen können als erstes alle, die sich der Platte von der Falco-Seite genähert haben. Ihre Versionen wissen ihm außer ein paar ergoogelter Textzeilen und draufgesetzter Samples absolut nichts hinzuzufügen.

Fast schon Realsatire

Viel mehr trifft Sterben um zu leben dagegen eine Aussage über Rap 2018. Und zwar im ganz Speziellen über all jene Szene-Größen, die bereits Einfluss aufs Game nahmen, bevor alles Trap und Autotune wurde. Eine Generation breitschultriger bis breitärschiger Alphamännchen, die sich bei irgendwelchen splash!-Festivals vor etlichen Jahren noch turmhoch über die seltsam tönenden Stimmen von Money Boy und seiner Glo Up Dinero Gang erhoben haben. 2018 haben all die jetzt selbst Filter auf ihren Aufnahmen – und zwar ordentlich. Der Run auf diesen Sound hat Ausmaße angenommen wie beim Feueralarm. Die angezählten Platzhirsche wirken allerdings nicht mehr wirklich Herr der Lage, wenn sie holprig um 80er-Refrains herumrappen und ansonsten soundtechnisch dem Status Quo von gesichtstätowierten Meme-Rappern hinterherstolpern.

So klingt das Stück "Vienna Calling" von Celo, Abdi und Niqo Nuevo fast schon nach Realsatire. Hook und Erzählweise sind kein Tribut mehr an Falco, sondern einfach ein Rip-Off von Trettmanns "Grauer Beton". Sun Diego (hier mal nicht als SpongeBOZZ) bietet dagegen "Rock me Amadeus" in Form eines Remakes von Yung Hurns "Opernsänger" an. Mehr Fremdscham geht irgendwie nur noch, wenn sich jemand in der Öffentlichkeit einnässt.

So ratlos wie die Protagonisten dieser Platte muss man erstmal sein. Einiges ist dabei tatsächlich so bescheuert, dass man sich in die dunkle Zeit Anfang der Nuller zurückversetzt sieht. Als deutscher HipHop nach einem unglaublichen Boom erstmal wieder komplett in sich zusammenkrachte. Das Stück, das als Soundtrack dazu noch im Ohr klingt, ist das von Massive Töne, in dem "Cruisen" auf "Grüßen" und "Küssen" gereimt wird. Sorry fürs Erinnern an den Schrott. Hey, HipHop sollte doch nicht Hass auf Sprache sein, sondern das Gegenteil!

Weniger Falco war selten

2018 nun Sido mit Autotune-Effekt auf der Stimme … Das ist doch nicht real, wer nimmt ihm das denn ab? Höchstens noch sein Steuerberater. Wenn man diesen Sound hören will, hört man doch ohnehin andere, freshere Acts – zu den Original-Samples von Falco in den Stücken passt der Filter erst recht nicht. An dieser Front, die alt und neu zusammenwichst, war man echt schon mal weiter. 2010 zum Beispiel, als Kool Savas zusammen mit MoTrip, Olli Banjo und so weiter Ausschnitte aus Kinski-Beschimpfungen mit eigenen Rhymes flankierte. (Wobei auch hier die Rap-Parts nicht mal halb so krass rüberkommen wie die Kinski-Rant-Splitter selbst.)

Stücke wie "Der Kommissar" von Sido wirken allerdings bloß wie ein Reaction-Video auf YouTube. Irgendjemand labert über bekannte Snippets seinen Scheiß drüber … Nee, der Vergleich beinhaltet noch zu viel Fokus auf das Original. Es ist hier eher wie bei Beavis & Butthead (like, wer noch kennt!). Dort wurde ähnlich selbstgefällig am Thema vorbei geschwätzt. Oder glaubt jemand ernsthaft, Zeilen wie "Statt 'Kurzstrecke Kind' holte ich mir Hanuta" auf der "Vienna Calling"-Vernichtung hätten auch nur entfernt was mit der Figur Falco zu tun? Wohl kaum.

Von der Promo vorab wird recht verzweifelt auf die 500.000 Klicks für die wirklich komplett misslungene Version zu "Jeanny" von Ali As bei YouTube verwiesen – die hohe Quote an Disslikes wird dabei verschwiegen. Verständlich! Würde man ja auch nicht mit angeben, aber ist halt trotzdem Fakt.

Einzig der Beitrag von Zugezogen Maskulin "Junge Römer" scheitert nicht schon per se als Song und lutscht zudem nicht so mega-verzweifelt am Loch des Zeitgeists herum.

Der Subtext dieser Platte ist: "Out of the Light (Into the Dark)" Weniger Falco war selten - wer allerdings skill- und ratlose Torschlusspanik liebt, wird bei diesem Album üppig bedient.

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