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Lehrer erzählen, wie gewalttätig es an ihrer Schule zugeht

"Ich war total perplex. Mir wurde noch nie in meinem Leben ins Gesicht geschlagen und schon gar nicht von einem Zweitklässler."

von Yannah Alfering
11 Mai 2018, 9:08am

"Setzen! Sechs." Die Ansage hat früher für wütende Tagebucheinträge und Voodoo-Puppen gesorgt, die so aussahen wie deine Biolehrerin. Heute kriegen Lehrerinnen und Lehrer dafür, wenn sie Pech haben, eins auf die Fresse – durchaus auch für banalere Dinge.

Für den Verband Bildung und Erziehung hat Forsa deutschlandweit 1.200 Schulleiterinnen und Schulleiter zu Gewalt gegen Lehrkräfte befragt. Dabei gaben 26 Prozent der Befragten an, dass es an ihrer Schule in den letzten fünf Jahren zu körperlicher Gewalt gegen Lehrkräfte kam. Knapp die Hälfte berichtete von Drohungen, Mobbing, Beleidigungen und Belästigungen. Während Cybermobbing eher auf weiterführenden Schulen angesagt ist, kommt es besonders an Grundschulen immer häufiger zu körperlicher Gewalt. Gründe dafür nennt die Studie nicht.

Wir haben Lehrerinnen und Lehrer gefragt, wie sie an ihren Schulen Gewalt erleben.

Nora*, 28, Grundschullehrerin in Essen

"Das Gewaltpotential an meiner Schule ist hoch. Ich habe eine dritte Klasse und da gibt es wirklich viele auffällige Kinder, die sehr aggressiv sind. Ein Achtjähriger ist mal völlig ausgerastet und durfte deshalb nicht mit zum Schlittschuhlaufen. Dann wollte ich ihn trösten, aber er hat mir mit der flachen Hand richtig eine ins Gesicht geklatscht. Ich war in dem Moment total perplex. Mir wurde noch nie in meinem Leben ins Gesicht geschlagen und schon gar nicht von einem Zweitklässler.

Die meisten Vorfälle passieren, wenn die Kinder sich untereinander streiten und man schlichten möchte. Dann kann es gut passieren, dass man einen Tritt abbekommt. Ein Schüler hat aber auch mal versucht, mich zu beißen.

Die meisten Kinder sind total respektlos. Das merkst du auch schon daran, wie die mit dir sprechen. 'Alter' ist da keine Seltenheit."

Laurenz*, 28, Lehrer an einer Förderschule in Gelsenkirchen

"Meine Schule liegt in einem sozialen Brennpunkt. Körperliche Gewalt ist mir aber noch nicht begegnet. Eher Lustlosigkeit und Schuleschwänzen. Vereinzelt hört man von speziellen Schülern, die Kollegen auch schon mal beleidigt haben, aber das ist echt die Seltenheit. Das Meiste tragen die untereinander aus."

Martina*, 39, Lehrerin an einer Gesamtschule im Kreis Recklinghausen

So sieht Martinas Bücherregal in ihrer Klasse aus. | Foto: privat

"Bei mir persönlich ist physische und verbale Gewalt kein Thema, aber ich weiß, dass die Dunkelziffer der nicht gemeldeten Gewalttaten um ein Vielfaches höher liegt, als die Statistiken zeigen. Viele Kollegen sind nach einem Übergriff beschämt und melden ihn deshalb nicht. Die Verrohung der Menschen und der Sprache hat schon lange Einzug in die Schulen gehalten und breitet sich wie ein Lauffeuer aus, wenn man nicht versucht, pädagogisch etwas dagegen zu unternehmen."

Mark, 35, Lehrer an einer Integrativen Gesamtschule in Halle (Saale)

Mark ist Kunstlehrer. | Foto: privat

"Ich glaube, dass ich bisher nie über latentes Motzen hinaus beschimpft worden bin. Aber das ist immer eine Typfrage. Lehrer müssen sich behaupten.

Der erste Tag in einer neuen Klasse ist durchaus mit dem ersten Tag im Strafvollzug zu vergleichen. Hier werden die Weichen für das weitere Miteinander gestellt. Vor allem in der 7. bis 9. Klasse sitzen oft neuronale Großbaustellen vor mir. Ob man mit dieser Situation klarkommt, hängt oft von der eigenen Persönlichkeit ab und hat auch viel mit Empathie gegenüber den Teenagern zu tun.

Wenn man nicht konsequent handelt und Unsicherheit ausstrahlt, ist man verloren. Ich weiß von Kollegen, die dem nicht gewachsen waren und deshalb den Schuldienst verlassen mussten. Kinder und Jugendliche in diesem Alter sind oft extrem verunsichert und ängstlich. Wege, das zu kompensieren, sehen sie oft nur in anmaßendem oder überheblichem Verhalten, womit aber Eltern und Lehrer gleichermaßen konfrontiert sind."


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Sybille*, 53, Grundschullehrerin in einer ostdeutschen Kleinstadt

"Ich habe Gewalt an der Schule schon erlebt. Vor längerer Zeit hat ein Kind seine Hand gegen mich erhoben. Das war aber ohnehin ein Problemschüler und es kamen verschiedene Sachen zusammen, bis die Geschichte eskaliert ist. Als ich den Jungen später noch einmal beim Einkaufen getroffen habe, lief mir noch immer ein Schauer über den Rücken. Da wurde mir bewusst, dass ich das noch nicht so richtig verarbeitet habe.

Das Problem ist, dass viele Kinder Konflikte auf normalem Wege nicht mehr lösen können und es dann teilweise zu Kurzschlussreaktionen kommt. Die meisten Kinder wissen aber, wie sie reagieren sollten und können mit Kritik umgehen.

Der Ton insgesamt hat sich schon verändert. Auch wie die Eltern mit uns Lehrern umgehen. Ich sehe das auch als gesamtgesellschaftliches Problem. Der Ton ist allgemein rauher geworden, nicht nur in der Schule, sondern auch in der Öffentlichkeit und in den Medien.

Die Eltern kommen manchmal in die Schulen und sprechen mit uns. Das Kind steht daneben, während uns die Eltern teilweise runtermachen. Wie soll das Kind mir dann gegenübertreten? Das kann ja nicht wissen, dass es vielleicht nicht in Ordnung war, was die Mama gerade losgelassen hat. Richtig beleidigt wurde ich von Eltern aber noch nicht."

*Name geändert

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