Verbrechen

Fragen, die der gescheiterte Raub mit einem Pürierstab in Hamm aufwirft

Kleines Gedankenspiel: Vor dir steht eine etwa 40-jährige Frau, bereit, deine Eingeweide zu Kartoffelsuppe zu mixen. Wie reagierst du?

von Marvin Xin Ku
22 Januar 2019, 11:55am

Collage: VICE || Pürierstab: imago | Jochen Tack || Polizeiband: imago | localpic

Nicht jeder kann ein Berufskrimineller sein, das ist logisch und auch gut so. Manchen fehlt die Skrupellosigkeit, anderen das technische Know-how, und manchmal hat man einfach nicht das richtige Equipment dabei – kein Waffenarsenal im Kofferraum wie Tommy Lee Jones in Men in Black. In letzterem Fall bleibt noch eine Chance: Greift man eben auf Haushaltsmittel zurück! Und versucht, eine Spielo mit einem Pürierstab auszurauben.

In der vergangenen Nacht zum Dienstag marschierte eine unbekannte Frau, Alter: Mitte 40, in eine Spielhalle in Hamm. Sie trug einen schwarzen Motorradhelm und einen Overall, zückte einen Stabmixer und forderte den Spielo-Mitarbeiter auf, ihr Cash auszuhändigen. Der war ziemlich unbeeindruckt von dem Überfall, nahm ihr den Mixer ab und warf sie raus. Sie flüchtete darauf in die Dunkelheit. Und wir haben Fragen.

Wieso zur Hölle bewaffnet man sich mit einem Pürierstab für einen Überfall?

OK, auch im stinknormalen Haushalt findet man sicher Tatwaffen, mit denen man es vielleicht auf die Titelseite von Stern Crime schafft. Das offensichtlichste Werkzeug wäre ein Küchenmesser. Eine Pfanne ins Gesicht tut sicherlich auch ziemlich weh. Manche verprügeln ihre Opfer auch mal mit Dildos. Aber ein … Pürierstab?

Es scheint keine logische Erklärung dafür zu geben, auch die Polizei ist ratlos. Bis dahin versuchen wir den Fall spekulativ zu rekonstruieren:

Erklärung 1: Anscheinend drohte die Frau dem Mitarbeiter auf Englisch, was nahelegt, dass sie vielleicht neu in Hamm ist, gerade erst eingezogen. Und sie hatte nur den Pürierstab. Die restlichen Küchenutensilien, die als Tatwaffe taugen, sind noch eingepackt, irgendwo im Umzugschaos versunken.

Erklärung 2: Ein Kochabend mit ihrem Partner oder Partnerin. Die Frau fragt, ob sie mal kurz das Messer haben dürfte, sie müsse mal kurz weg, eine Spielhalle überfallen oder so. "NEIN SCHATZ, DU KRIEGST JETZT NICHT DAS MESSER, IMMER WILLST DU IRGENDWAS VON MIR, GENAU WIE DEINE MUTTER; ICH HATTE EINEN ECHTEN SCHEIßTAG, UND ALLES WAS ICH MACHEN WILL IST, MEINE ARTISCHOCKEN ZU SCHNEIDEN!"

Was sie sich auch gedacht hat, sie hatte sicher ihre Gründe, und sie war sicher auch kein Profi, sondern einfach irgendwie verzweifelt, in Geldnot, vielleicht auf Drogen, wer weiß. Was uns zur nächsten, logischen Frage führt:

Muss man das Gerät nicht vorher einstecken, um jemanden damit zu bedrohen?

Nehmen wir mal an, ihr Plan war es, den Spielo-Betreiber zu zerhäckseln, wenn er keine Kohle rausrücken wollte. Braucht man dazu nicht Strom? Eine, naja, Steckdose? Wollte sie den Mann erst fragen, ob sie sich einstöpseln darf, bevor sie ihn zu Brei püriert? Und was, wenn das Kabel nicht lang genug ist?

Laut Polizeimeldung trug die Frau zwei schwarze Jutebeutel, aus dem sie auch den Pürierstab zückte. Vielleicht hatte sie ja mehrere Steckerleisten dabei, eine Kabeltrommel.

Vielleicht war es auch ein akkubetriebener Stabmixer. Dann war dieser Überfall womöglich nur der Anfang einer ganz großen Serie. Je nachdem, wie lang der Akku hält, wollte die Frau womöglich nicht nur diese Spielhalle, sondern mehrere Spielhallen in Hamm überfallen.

Wenn wir aber annehmen, dass sie mit dem Pürierstab einfach nur zuschlagen wollte, dann:

Mit welchem Modell war sie bewaffnet und welche Ausführung eignet sich besonders gut, um jemanden zu verletzen?

Anders als bei Küchenmessern, gibt es bei Pürierstäben keine wirklichen Größenunterschiede. Viel wichtiger sind vermutlich die Beschaffenheit und das Material des Stabmixers, um einen Menschen ernsthaft zu verletzen.

Scrollt man durch Amazon, findet man Mixer in allen möglichen Farben und Preisklassen, aus Kunststoff und Edelstahl. Die Frage ist: Wie teuer soll er sein? Reicht der Billigpürierer aus weißem Plastik, um jemandem zu drohen? Oder muss es ein 4-in-1-Stabmixer sein, mit Schneebesenaufsatz und elektrischer Geschwindigkeitsstabilisierung, eine 650-Watt-Tötungsmaschine?

Wenn die Frau eine Spielhalle überfallen wollte, und offenbar einen Ford Ka vor der Tür, hatte sie vermutlich nicht das Geld für ein Luxusgerät. Eine viel wichtigere Frage ist, ob sie den Überfall allein geplant hat. Vor der Spielhalle stand nämlich ein schwarzer Ford Ka mit laufendem Motor. Die Polizei konnte noch nicht klären, ob der Wagen in den Coup verstrickt ist, doch die Frage lautet:

Hatte sie Komplizen mit ähnlichen Küchengeräten?

Vielleicht war das ja der Plan: Im mysteriösen Ford saß ihr Partner, der sich nach dem missglückten Kochabend wieder beruhigen wollte. Er organisierte den Fluchtwagen und wollte sie vom Tatort abholen. Mit der Beute flüchten sie dann gemeinsam in den Sonnenuntergang, an die holländische Küste oder wenigstens paar Kilometer weiter ins Sauerland, bloß weg aus Hamm.

Amateurüberfälle wie diese sind in der Spielo-Branche ziemlich üblich. 2014 überfiel ein Typ eine Spielhalle in Zeven in Niedersachsen. Alles was er dafür tat, war sich einen Pappkarton auf den Kopf zu setzen, den Schockmoment, wieso zur Hölle jemand so rumläuft, abzuwarten, und sich dann die Kasse zu schnappen. Etwas dramatischer verlief ein Überfall im Jahr 2009: Ein maskierter Mann mit Poncho rannte in eine Spielhalle in Sande, ebenfalls in Niedersachsen, bewaffnet nur mit einem Plastikschwert . Auch bei ihm klappte der Raub.

Im Gegensatz zum Überfall in Hamm. Und zwar ausgerechnet wegen des Spielo-Mitarbeiters. Der hatte ihr den Stab schließlich ganz unbeeindruckt abgenommen, falls du das schon wieder vergessen hast, weil du gedanklich schon bei Bratwurst mit Kartoffelpüree bist. Und wenn man den Überfall mal von der anderen Seite sieht, fragt man sich:

Was ging im Kopf des Spielo-Mitarbeiters vor?

Kleines Gedankenspiel: Vor dir steht eine etwa 40-jährige Frau, sie ist in einem schwarzen Overall gekleidet, hat einen Motorradhelm auf dem Kopf und hält dir mit ausgestreckten Armen einen verdammten Pürierstab vor die Brust, bereit, deine Eingeweide zu Kartoffelsuppe zu mixen. Wie reagierst du?

Klingt fast wie der Plot für eine Fortsetzung von Kill Bill. Und vielleicht wäre die Aktion auch so ausgeartet wie Uma Thurmans blutrünstiger Rachefeldzug. Wenn da nicht der gechillte Spielo-Mitarbeiter wäre. Der reagierte anscheinend völlig unbeeindruckt, nahm der Frau den Pürierstab und die Jutebeutel ab und warf sie aus der Spielhalle.

Die letzte Frage, die uns dazu noch einfiele, wäre der Verbleib des Pürierstabs. Wurde er von der Polizei konfisziert? Oder durfte der Mitarbeiter ihn behalten? Vielleicht gabs ja Milkshakes fürs ganze Team, zur Beruhigung. Oder Kürbissuppe.

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