Wir haben die Antisemitismus-Doku geschaut, wegen der gerade alle durchdrehen

Ob die 'Bild' wirklich so mutig war, als sie den Film gezeigt hat, und ob ihr euch ihn noch selbst anschauen solltet.

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Juni 14 2017, 2:08pm

Was für ein Fiasko. Als bekannt wurde, dass der Sender Arte eine von ihm selbst in Auftrag gegebene Dokumentation über Antisemitismus in Europa nicht ausstrahlen will, knallten im deutschen Internet sofort sämtliche Sicherungen durch. "Zensur" war dabei noch einer der höflichsten Vorwürfe, die plötzlich auf Arte einprasselten.

Die beiden Sender blieben trotzdem stur – eine Situation, die sich dann die Bild-Zeitung zunutze machte, indem sie den Film am Dienstag ohne Erlaubnis von Arte 24 Stunden lang auf ihrer Webseite zur Verfügung stellte. "Der Verdacht liegt nahe", begründete Bild-Chefredakteur Julian Reichelt diesen ungewöhnlichen Schritt, "dass die Dokumentation deshalb nicht gezeigt wird, weil sie ein antisemitisches Weltbild in Teilen der Gesellschaft belegt, das erschütternd ist." Kurz gesagt: Im besten Fall ist Arte zu feige, die antisemitische Gesellschaft mit der Wahrheit zu provozieren. Im schlimmsten Fall ist der Sender selbst antisemitisch.

Aber ist die Aufregung wirklich gerechtfertigt? Haben die Arte-Chefs wirklich versucht, die – in den Worten des Historikers Michael Wolffsohns – "mit Abstand beste und klügste und historisch tiefste" Doku zu dem Thema unter Verschluss zu halten? Wie gut ist dieser Film wirklich?

Eine Wahrheit, die wehtut

Erstes Ergebnis: Der Film ist absolut sehenswert. Was die Filmemacher Joachim Schröder und Sophie Hafner da zusammengetragen haben, ist eine präzise Analyse der Mechanismen, wie antisemitische Vorurteile unter dem Deckmantel der "Israelkritik" in Europa weiterleben – und welche tödlichen Konsequenzen das auch bei uns hat.

Wütend macht zum Beispiel, wenn der Palästinenserführer Mahmoud Abbas im europäischen Parlament die offensichtliche Lüge erzählt, dass Rabbiner in Israel dazu aufgefordert hätten, die Brunnen der Palästinenser zu vergiften. Statt dafür ausgelacht zu werden, bekommt Abbas stehenden Applaus von den Abgeordneten, und Parlamentspräsident Martin Schulz twittert später, die Rede sei "inspirierend" gewesen. Oder wenn Annette Groth von der Linken Israel vorwirft, das Mittelmeer mit "Tonnen von Chemikalien" zu vergiften.

Am schonungslosesten wird es, wenn die Filmemacher aufzeigen, dass einige deutsche christliche Hilfsorganisationen wie "Brot für die Welt" einen Hang dazu haben, aus Mitleid für die Palästinenser enorme Summen an oft mehr als zweifelhafte Organisationen in Israel und Palästina zu überweisen. Der Film zeigt sehr deutlich, dass in Europa eine Tendenz besteht, praktisch an alles Schlechte zu glauben, wenn es um Israel geht, während man den palästinensischen Partnern nur ungern auf die Finger schaut. Und wie das wiederum den Konflikt in Nahost eher befeuert als beruhigt. Als die Filmemacher Jugendliche im Gazastreifen selbst zu Wort kommen lassen, wird deutlich: Die Palästinenser sehen die Hamas und ihren Antisemitismus viel kritischer, als so mancher deutsche Linke das tut.

Diese Art von Berichterstattung geht den Machern besonders auf die Nerven | Screenshot: Spiegel Online

Was am Ende Angst macht, sind die in Frankreich gedrehten Szenen. In dem Pariser Vorort Sarcelles haben jüdische und muslimische Franzosen friedlich zusammengelebt, bis eine pro-palästinensische Demonstration im Juli 2014 zu einem regelrechten Pogrom ausartete, in dem die aufgebrachte Menge Synagogen und jüdische Geschäfte angriff. Seitdem herrscht hier die Angst: Die jüdischen Jugendlichen, die die Filmemacher vor ihrer Schule interviewen, erzählen Geschichten der brutalen Gewalt, die sie selbst erlebt haben, nur weil sie in die falsche Straße eingebogen sind.

Eine Umsetzung, die auch manchmal wehtut

Hat Arte also die "künstlerische und journalistische Freiheit missachtet" (NZZ), als es den Film nicht ausgestrahlt hat? Nein, nicht wirklich. Denn so verdienstvoll und spannend der Film auch ist – in der Form, wie er jetzt auf Bild "geleakt" wurde, ist er für das öffentlich-rechtliche Fernsehen nicht wirklich geeignet.


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Das Problem ist, dass die Autoren sich von ihrer gerechten Wut manchmal zu weit treiben lassen. Zum Beispiel, wenn sie nach der verschwurbelten, israelfeindlichen Aussage einer älteren NGO-Mitarbeiterin polemisch kommentieren: "Dieser Holocaust-Vergleich wurde Ihnen von 'Brot für die Welt' präsentiert." Schließlich kann "Brot für die Welt" kaum kontrollieren, was die Mitarbeiterin einer kleinen NGO an irgendeinem Stehtisch erzählt. Noch problematischer ist, dass die Filmemacher keine der deutschen Wohltätigskeits-Organisationen mit den im Film erhobenen Vorwürfen konfrontieren. "Ich habe nicht erwartet, dass diese Organisationen mir etwas Originelles dazu sagen können", hat Joachim Schröder dazu gesagt – was stimmen mag, aber für die Öffentlich-Rechtlichen nicht der journalistische Maßstab sein kann.

Schwierig ist auch teils der Tonfall der Kommentare. Zum Beispiel, als es um den Angriff eines Pro-Palästina-Mobs auf eine Synagoge in Paris im Juli 2014 geht. Eine große Gruppe jüdischer Jugendliche setzte sich damals mit Stühlen zur Wehr, um die in der Synagoge eingeschlossenen Gemeindemitglieder zu beschützen. Dass die französische Öffentlichkeit teilweise auch den Juden die Schuld an der Eskalation gab, kommentieren die Filmemacher mit: "Wehrhafte Juden sieht man in Europa nicht gern". In pro-israelischen Kreisen sind solche Sätze wegen ihrer Markigkeit und Schonungslosigkeit besonders beliebt. Das Problem bei solchen Bürgerschreck-Statements ist nur, dass sie zu gut funktionieren: Der Bürger erschreckt sich so sehr, dass jede Gesprächsbereitschaft gegen null sinkt.

Eine verpasste Chance

Die Doku hat einige solcher Mängel, und sie machen das Gesamtpaket schwächer, als es sein müsste. Und natürlich hat Arte recht, wenn der Sender erklärt, mit dem angekündigten Film über Antisemitismus in Europa (inklusive Ländern wie Norwegen, Schweden, Großbritannien, Ungarn und Griechenland) habe das Endprodukt nicht viel zu tun.

Was die Filmemacher stattdessen versucht haben: in einem großen Wurf gleichzeitig die europäischen Fehlinterpretationen des Nahost-Konflikts zu korrigieren, dann die Beweggründe vieler pro-palästinensischer Aktivisten in Europa zu sezieren und schließlich den Bogen zur realen Gewalt zu schlagen, der Juden in Europa heutzutage ausgesetzt sind. Herausgekommen ist ein wilder, wütender filmischer Essay – der in der Form aber wohl nur die überzeugen wird, die jetzt schon überzeugt sind.

Dem Film, aber auch Arte, hätte es deutlich besser getan, wenn sich alle noch einmal an einen Tisch gesetzt und überlegt hätten, wie man die außergewöhnliche Arbeit der Dokumentarfilmer besser präsentieren kann.

Denn, dass sich die Debatte jetzt statt über Antisemitismus in Europa darum dreht, ob die verdammte Bild-Zeitung "mutiger" ist als Arte, das kann keiner der Beteiligten gewollt haben.

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