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Fragen, die die Extravaganzen der saudischen G20-Delegation aufwerfen

Warum zur Hölle brauchen die Saudis das komplette "Vier Jahreszeiten"? Und warum 30 Lämmer?

von Henri Tartaglia
20 Juni 2017, 3:02pm

Titelcollage: Vier Jahreszeiten: KMJ | Wikimedia | CC BY-SA 3.0 / Lamm: Dirk Vorderstraße | Wikimedia | CC BY 2.0

Der geplante G20-Gipfel sorgt schon seit Wochen für Schlagzeilen (zum Beispiel, wenn mutmaßliche G20-Gegner den Bahnverkehr in mehreren Bundesländern sabotieren), aber diese Nachricht hat uns besonders begeistert: Das saudische Königshaus hat für seine Delegation das Hamburger Hotel Vier Jahreszeiten komplett buchen lassen.

Richtig gelesen: komplett, das ganze Haus, inklusive aller 156 Zimmer, Junior-Suiten, Alster-Suiten, Deluxe-Suiten und der Ralph-Lauren-Suite. Und zwar für ganze fünf Tage, vom 4. bis zum 9. Juli. Und selbst das reicht offenbar noch nicht aus, um die ganze saudische Delegation zu beherbergen, denn dazu hat König Salman noch Zimmer im Sofitel und Teile des The Westin in der Elbphilharmonie buchen lassen. Ach ja: Die Saudis werden offenbar auch Teile des Küchentraktes im Vier Jahreszeiten mit ihren eigenen Köchen bestücken, die dort während der fünf Tage insgesamt 30 Lämmer schlachten sollen.

Zum Vergleich: Die Delegationen aus Brasilien, Großbritannien, Vietnam und Indien kommen allesamt im selben Hotel, dem Reichshof mit seinen insgesamt 278 Zimmern und Suiten unter. Wenn wir davon ausgehen, dass die vier Länder den Platz fair unter sich aufgeteilt haben, stehen jeder Delegation 69,5 Zimmer zur Verfügung (spannende Frage: Wird ein Brasilianer sich das Zimmer mit einem Briten teilen müssen? Oder muss der Brite mit einem Inder schlafen? Geht das bei deren Kolonialgeschichte überhaupt?).


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Typisch Saudis, könnte man jetzt sagen, wollen halt immer auf den Putz hauen. Denen reicht es nicht, dass ihnen das Geld praktisch aus dem Klo gesprudelt kommt, nein, sie müssen auch immer damit angeben. Und klar, die saudi-arabische Regierung ist so etwas wie das weltpolitische Äquivalent des 22-jährigen Bugatti-Fahrers, der sechsmal um den Block dröhnt, weil er glaubt, dass er so Freunde finden kann. Aber selbst für die ist das hier ein neues Level an Prasserei. Und deshalb haben wir ein paar Fragen dazu:

1. Wer sind all diese Menschen?

Selbst wenn man davon ausgeht, dass ein paar der Prinzen und Unterhändler zwei Zimmer auf einmal belegen (zum Beispiel, weil sie nicht gerne da schlafen, wo sie kacken gehen) – warum zur Hölle brauchen die Saudis so verdammt viel Platz? Wie kann es sein, dass ein Land mit einer Bevölkerung von knapp über 30 Millionen mehr Unterhändler beim G20-Gipfel braucht als Brasilien, wo immerhin 208 Millionen Menschen leben und das als absolutes Powerhouse der südamerikanischen Wirtschaft gilt?

Was gibt es für die Saudis außer dem Ölpreis und ein bisschen Antiterrorkram überhaupt groß zu verhandeln? Hat da jeder Unterhändler seine eigenen Körperdoubles, die wiederum alle mit eigenen Schuhputzern angereist sind? Und wenn ja, wo kann man sich als saudischer Körperdouble-Schuhputzer bewerben, damit man noch ein Zimmer im Vier Jahreszeiten bekommt?

2. Was kostet der Spaß?

Das billigste Zimmer im VJ kommt im Regierungstarif auf 295 Euro pro Nacht, das teuerste so ungefähr auf 2.000, aber für die Präsidenten-Suite (265 Quadratmeter, drei Schlafzimmer, diverse Salons, alles mit Alsterblick) ist da bestimmt noch viel Luft nach oben. Allein für die 156 Zimmer kommen wir da Pi mal Daumen schon auf eine halbe Million Euro für fünf Tage. Dazu kommen dann noch Sicherheit, Umbauten und Transport – die Vermutung liegt nahe, dass das verlängerte Wochenende den saudischen Staat nicht viel weniger als eine Million Euro kosten wird. Ya Allah!

3. Schämen die sich gar nicht?

Ganz ehrlich: Musste das wirklich sein? Muss dieses Wüstenkönigreich wirklich immer so tun, als hätten sie die dicksten Hoden auf der ganzen Welt? Wenn du eh schon weißt, dass alle auf dem Pausenhof nur mit dir reden, weil du den Arsch voll Geld und Öl hast – würdest du da nicht wenigstens versuchen, ein bisschen weniger wie ein riesiger, weltfremder Prolet rüberzukommen? Anscheinend nicht.

4. Was haben die an unseren Lämmern auszusetzen?

30 Lämmer will die Delegation nach Hamburg mitbringen, um sie da fachgerecht von ihren eigenen Metzgern schlachten und zubereiten zu lassen. Ist ja alles OK, Fischbrötchen sind nicht für jeden was. Aber warum können die ihre Lämmer nicht hier besorgen? Ist so ein hübsches, auf grüner Wiese wohlgenährtes deutsches Lamm etwa nicht gut genug für die Wüstenprinzen? Das kann mir doch keiner erzählen, dass ein am trockenen, sandigen Golf aufgewachsenes Lamm wirklich besser ist als unsere Landslämmer! Was sagt die Vereinigung Deutscher Landesschafzuchtverbände dazu?

5. Wieso sagt das Hotel Donald Trump ab, um dann König Salman zuzusagen?

Ja, wirklich, das ist dasselbe Hotel. Trump wollte hier unterkommen, hat aber eine Absage bekommen. Auch wenn später heraus kam, dass eigentlich das Auswärtige Amt und nicht das Hotel selbst hinter der Absage steckte – was haben wir uns damals alle gefreut! Es gibt sie noch, die Hoteliers mit Rückgrat und Stil, knatterten wir in den Kommentarspalten! Kein Alsterblick für Demagogen, riefen die Hamburger sich stolz auf der Straße zu! Das ganze Land war stolz auf diesen High-Class-Diss für einen High-Class-Vollidioten. Und jetzt? Wenn es überhaupt eine einzige Alternative gab, die noch unsympathischer war, dann hat das Vier Jahreszeiten sie gefunden. Wir können ihnen nur wünschen, dass Lammgeruch sich so richtig schön in den Teppichen festsetzt.

6. Wird die internationale Politik endgültig zur Clown-Show?

Globale Erderwärmung, die größte Flüchtlingskrise der Menschheitsgeschichte, Bibi's Beauty Palace – es gibt wahrlich genug ernste Probleme, mit denen sich unsere Anführer dringend beschäftigen müssten. Machen sie aber nicht.

Stattdessen lassen sie eine komplette deutsche Stadt lahmlegen, nur damit sie sich dann monatelang um die besten Hotels und Restaurant-Reservierungen streiten können. Hat Saudi-Arabien jetzt gewonnen, weil es das Vier Jahreszeiten bekommen hat? Interessiert sich eigentlich irgendjemand noch dafür, den Karren irgendwie wieder aus dem verseuchten Fracking-Schlamm zu ziehen? Oder geht es einfach nur noch darum, wer die besseren Haare, das teurere Militär oder die goldenere Badewanne hat? Und wenn das so ist – warum treffen diese Kerle sich nicht einfach gleich in Saint-Tropez? Oder Vegas? Da gibt es wenigstens genug sauteure Hotels für alle.

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