Restaurant Confessionals

Sexuelle Belästigung in der Gastronomie ist auch 2017 immer noch ein Thema

Nein heißt Nein. Auch wenn man betrunken ist.
6.6.17
Foto: Unsplash | pexels | CC0

Willkommen zurück zu den Restaurant Confessionals , wo wir den Leuten aus der Gastronomie eine Stimme geben, die ansonsten viel zu selten zu Wort kommen. Hier erfährst du, was sich hinter den Kulissen in deinen Lieblingsrestaurants so alles abspielt. Heute erzählt uns eine Köchin aus Kanada von ihrem bösen Erwachen, als sie einen Kollegen traf, den sie eigentlich bewunderte.


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Ich habe schon in mehreren Positionen in Restaurantküchen gearbeitet, die meiste Zeit jedoch als Patissière in Toronto. Vor ein paar Jahren habe ich mir eine dringend notwendige Auszeit genommen und bin zu einer großen Veranstaltung für Köche an der Ostküste Kanadas gefahren. Ich war zum ersten Mal bei so einem Event und ich war gespannt und nervös zugleich – gespannt, andere Köche zum Netzwerken und Abhängen zu treffen, aber nervös, weil in der Szene so viele typische Bros unterwegs sind.

Mir fiel auf, dass bei der Veranstaltung nur wenige Frauen auftraten – keine Referentinnen, keine Köchinnen. Sie sollten ja nicht besonders hervorgehoben werden, aber wenigstens auf Augenhöhe einbezogen werden.

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Stattdessen gab es da eine große Gruppe befreundeter, eher chauvinistischer Köche, Bro-Köche sozusagen, die bei solchen Events immer mit dabei sind. Es ist ein bisschen wie auf der Schule. Immer dieselben Leute als Headliner, die immer ein Menü kochen und ihre Küche groß präsentieren. Das ist in den Staaten, in Paris, überall so. Und bei allen Menüs bei diesem Festival waren es männliche Köche, die zusammen kochten. Gähn.

Auf der Liste der Teilnehmer stand auch ein Koch, der normalerweise nicht zu den Headlinern gehört – nicht, weil er nicht einer von diesen Bros ist, sondern weil er selten an kulinarischen Events in Kanada teilnimmt. Ich habe mich so gefreut, ihn treffen zu können, um mit ihm über Essen zu reden, denn er ist ziemlich bekannt. Er kommt aus Kanada, hat sich aber außerhalb Kanadas einen Namen gemacht und einen Michelin-Stern geerntet (oder hatte ihn zumindest, das Restaurant ist jetzt geschlossen). Er hatte Erfahrungen in der herzhaften Küche und als Patissier, war aber bei den Desserts ein echter Profi. Ich hatte mich also echt darauf gefreut, mal mit ihm zu reden, denn ich habe beides gemacht und er ist eine Art Vorbild für mich.

Während des Festivals unterhielten sich ein paar meiner Freunde dann mit diesem Koch und ich versuchte, mich irgendwie in das Gespräch einzubringen und erwähnte die Patissier-Geschichte, aber er ignorierte mich. Er war zu diesem Zeitpunkt schon ziemlich zugelötet. Ich habe ihn dann eine Weile nicht mehr gesehen, da waren einfach so viele Leute.

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Als wir zurück zu unserer Unterkunft gingen, hat uns dieser Koch dann begleitet und ist auch mit auf unser Zimmer gekommen – wo dann die After-Party stattfand. Also, kein wildes Gelage, wir hingen einfach nur auf dem Zimmer rum und alle tranken was. Dieser Koch war von uns allen wahrscheinlich am betrunkensten, er war ziemlich direkt, ging auf Tuchfühlung und wollte so gar nicht übers Kochen reden. Ich sagte zwar die ganze Zeit: "Nein, ich hab' da keinen Bock drauf", aber er hat es einfach nicht kapiert.

Dann ging ich irgendwann und zog meinen Schlafanzug an, kein sexy Pyjama: eine fusselige Hose mit aufgedruckten Zuckerstangen und ein langärmeliges Hemd. Die Kombi schrie eindeutig: "Hier wird nichts laufen."

Als ich zurückkam, wollten ich und ein Freund irgendwo Pizza bestellen, doch dann setzte sich dieser Koch plötzlich neben mich und legte seine Hand auf meinen Oberschenkel. Er versuchte ein paar Mal, mich zu küssen, ich sagte Nein und drückte ihn weg.

Ich sollte noch erwähnen, dass ich deutlich sehen konnte, dass sein Handy immer wieder klingelte und das Foto einer Frau auf dem Bildschirm auftauchte. Ich wusste, dass er verlobt war. Wer sonst würde so spät noch anrufen oder schreiben?

Und trotzdem fragte er mich die ganze Zeit, ob ich mit auf sein Zimmer komme und warum ich ihn nicht küssen wollte. Er hatte diese Einstellung à la "Ich bin ein Star-Koch, warum willst du nicht mit mir vögeln?" Es war vollkommen egal, wer ich war, er suchte nur was zum Ficken.

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Irgendwann stand ich einfach auf und ging auf die Terrasse, wo mehr Leute rumstanden. Er ging.

Damals hatte ich das Gefühl, dass ich an einem Punkt in meiner Karriere war, wo man mich als Kollegin respektieren könnte und man mich nicht einfach nur als das Mädchen, das auch Koch ist, oder als eine Eroberung sehen würde. Aber ich hatte mich ganz klar getäuscht. Denn obwohl wir uns in den Küchen langsam in Richtung Gleichberechtigung bewegen, sind wir immer noch nicht auf gleicher Augenhöhe.

Wenn ich ein Mann und Koch gewesen wäre, dann hätten wir vielleicht was zusammen getrunken, gequatscht, ein paar Erfahrungen ausgetauscht. Er hätte seine Hand wahrscheinlich nicht auf meinen Oberschenkel gepackt. Aber es war vollkommen egal, dass ich auch Koch bin und eine Kollegin. Er war strunzenvoll und wollte mit irgendjemandem Sex haben. Und weil ich weiblich bin, war ich automatisch dieser Jemand.

Ich glaube nicht, dass andere männliche Kollegen mir glauben würden, wenn ich darüber mit ihnen reden würde. Oder sie würden es einfach abtun, weil er betrunken war. "Warum rastest du so aus? Es war doch nicht schlimm, er hat dir einfach nur immer wieder ans Bein gefasst und versucht, dich zu küssen."

Das passiert Frauen, wenn sie offen über sexuelle Belästigung sprechen. "Was hat sie getan, dass ihr das passiert ist? Hat sie mit ihm geflirtet? Ist sie schuld? Sie hätte Nein sagen können."

Na ja, es ist nunmal so: Man kann so oft Nein sagen, wie man will, manche Leute raffen es einfach nicht. Ich habe eine Million Mal Nein gesagt. Ich habe 'nen Schlafanzug mit Zuckerstangenmuster getragen, verdammte Scheiße.

So etwas passiert immer wieder und es wird auch nicht leichter. Dieses Arschloch von Koch erinnert sich wahrscheinlich nicht mal an mich, keinen Funken, aber ich werde es nie vergessen.

Man kann nur hoffen, dass solche Menschen eines Tages verstehen, wie erniedrigend es ist, seine Kolleginnen so zu behandeln – dann wäre die Welt besser.

Aufgezeichnet von Ivy Knight.