Syrien

Wie es ist, als Ex-Bundeswehr-Soldat in den syrischen Bürgerkrieg zu ziehen

"Bei meinem ersten Gefecht hatte ich einfach nur Panik."

von Valentina Repetto
10 Juli 2018, 4:00am

Foto: Privat

Der 21-jährige Bielefelder Martin Klamper* war in der Bundeswehr, vor einem Jahr schloss er sich der kurdischen Miliz YPG an, um gegen islamistische Terroristen, aber auch gegen die türkische Armee zu kämpfen. Dabei hat Martin keinen Migrationshintergrund, der ihn irgendwie mit der Gegend verbunden hätte – er ist aus Überzeugung dort. In Afrin hätte ihn eine türkische Mörsergranate fast das Leben gekostet, Splitter davon trägt er noch immer in seinem Körper. Zurück nach Deutschland will er trotzdem erstmal nicht.

Ich habe Sidar, so Martins kurdischer Kampfname, über WhatsApp kennengelernt. Seit einem Monat schicken wir uns Sprachnachrichten zwischen Berlin, Syrien oder dem Irak hin und her – je nachdem, wo er gerade ist. Er wirkt sympathisch, offen und freundlich, seine Chats beendet er gerne mit tränenlachenden Smileys. Im Hintergrund seiner Sprachnachrichten höre ich mal einen Hahn schreien, mal Menschen lachen, mal jemanden zum Essen rufen – und neulich das Geballer eines Maschinengewehrs. So ist es also im Krieg. Viel warten, viel rumsitzen. Und doch geht es immer um Leben und Tod.

VICE: Du lebst seit einem Jahr in einem Kriegsgebiet. Du hast ar-Raqqa vom IS mitbefreit, warst in Afrin, um die Stadt vor dem türkischen Einmarsch zu verteidigen. Du hast viel Leid, Blut und Zerstörung gesehen. Was hat das mit dir gemacht?
Martin: Das Leben hier hat mich und meine Sicht auf die Welt verändert. Zum Beispiel, als ein sehr guter Kamerad gestorben ist. Jemanden zu verlieren, mit dem du seit Monaten zusammensitzt, isst, trainierst, einkaufen gehst oder einfach nur Quatsch machst, ist unvorstellbar. Eine Welt ist für mich zusammengebrochen. Ich wollte nur nach Hause und hatte vom Krieg die Schnauze voll. Aber ich glaube an Schicksale. Ich kann so lange weglaufen, wie ich will, eine Kugel ist für mich bestimmt. Und meine Zeit ist bis jetzt noch nicht gekommen.

Der deutsche Freiwillige YBS-Milizionär Martin Kamper mit IS-Flagge und Waffenattrappen.
Martin mit IS-Flagge und zwei Waffenattrappen, mit denen die Islamisten den Anschein schwerer Bewaffnung machten

Bevor du dich der kurdischen Miliz YPG angeschlossen hast, warst du bei der Bundeswehr. Wie kam es zu dem Wechsel?
Insgesamt war ich ein Jahr beim Bund. Nach nur sechs Monaten Ausbildung zum Marine-Soldaten wurde ich auf einen Auslandseinsatz geschickt. Operation Sophia, das war im Prinzip Schleuser-Bekämpfung. Wir haben aber auch sehr viele Flüchtlinge vor dem Ertrinken gerettet. Und das hat mich zum Nachdenken gebracht. Woher kommen sie? Vor wem fliehen sie? Alle kamen aus Krisengebieten, die meisten auf der Flucht vor dem IS. Dann habe ich angefangen, mich intensiver mit dem Plan zu beschäftigen, nach Syrien zu reisen und mich der YPG anzuschließen. Davon hat dann aber leider die Bundeswehr Luft bekommen – und mich unehrenhaft entlassen.

Was ist dann passiert?
Ich war sehr frustriert. Meine Pläne waren zerstört. Das war der Moment, wo ich ein One-Way-Flugticket nach Sulaymaniyah im Irak gekauft habe. Ich hatte da weder Kontakte noch Anhaltspunkte. Ich habe nur gehofft, dort jemanden zu treffen, der jemanden kennt. Und ich hatte Glück.


VIDEO: Martin ist nicht der einzige Deutsche, der in Syrien kämpft:


Ein Österreicher wollte sich der YBS, dem jesidischen Teil der YPG, anschließen und hatte schon Kontakte zu denen. Also bin ich einfach mit. Wäre er zu den Peschmerga gegangen, wäre ich dahin, wäre er zur YPG gegangen, wäre ich auch dahin. Das war mir alles egal. Wichtig war nur: Ich will mit den Kurden gegen den IS kämpfen.

"Ich schnappte mir meine AK und schoss aus einem Fenster, bis unser Kommandant uns zurief, wir sollten aufhören"

Wie hast du die ersten Wochen erlebt?
Meine ersten Wochen in Shingal – die Region im Irak, wo die YBS tätig ist – waren sehr schwierig, denn ich musste mich an das neue Umfeld gewöhnen, die fremde Kultur und die fremde Sprache. Auch die Hitze machte mir zu schaffen, es war Anfang August und 40 Grad im Schatten. Dabei wurde ich an allen Waffensystemen ausgebildet, die zur Verfügung standen: DSHK, RPG, AK47, Dragunov, BKC, Pistole, M16, G36.

Das Scharfschützengewehr des deutschen freiwilligen YBS-Milizionärs Martin Kamper.
In ar-Raqqa kämpfte Martin als Scharfschütze

Wie lief dein erster Kampf?
Ein paar Monate später fuhren wir für die letzte große Operation nach ar-Raqqa, um die Stadt vom IS zu befreien. Bei meinem ersten Gefecht hatte ich einfach nur Panik. Plötzlich fing der IS vom gegenüberliegenden Haus an auf uns zu schießen. Das war mitten am Tag. Die wussten genau, wo wir waren. Und die Amerikaner konnten uns nicht von der Luft aus unterstützen, weil wir zu nah am Haus der Dschihadisten waren. Ich schnappte mir meine AK und schoss aus einem Fenster, bis unser Kommandant uns zurief, wir sollten aufhören, es sei vorbei.

Warum hast du das Gefühl, dieser Krieg geht dich was an?
Weil es uns alle angeht. Daesh – der arabische Ausdruck für den IS – ist auch in Europa angekommen. Schuld daran ist meiner Meinung die Türkei unter Erdoğan. Die Welt muss endlich verstehen, dass Erdoğan verantwortlich für diesen Krieg ist. Denn der IS bekommt Unterstützung von der Türkei. Wenn du dich den Dschihadisten anschließen willst, musst du in die Türkei fliegen. Wenn der IS nach Europa will, muss er durch die Türkei. Sie ist das Tor nach Europa.

Hast du manchmal mit Zivilisten in Syrien oder Irak zu tun? Wie sehen die das, was du machst?
Für die Zivilbevölkerung sind wir Ausländer ein Segen. Sie wissen, dass wir aus der Ferne kommen, dass wir unsere sichere Heimat und Familien verlassen haben und unser Leben riskieren, um ihnen zu helfen. Ich habe das Gefühl, die Zivilbevölkerung schätzt das mehr als die Miliz.

Flüchtige Zivilisten, die der deutsche freiwillige YBS-Milizionär Martin Kamper fotografiert hat.
Zivilisten, die sich in das von den Kurden kontrollierten Gebiet in Sicherheit bringen

Du hast dich im Januar entschieden, in Syrien zu bleiben, um in Afrin gegen die Türkei zu kämpfen. Die Türkei ist ein Nato-Partner. Hast du Angst, Probleme mit der Justiz zu bekommen, wenn du zurück nach Deutschland kommst?
Ich weiß nicht, was passiert, wenn ich zurückkomme. Klar, ich könnte Probleme mit der Justiz kriegen, wenn sie erfahren, dass ich in Afrin war. Bis jetzt ist das YPG-Rückkehrern aber nicht passiert. Gerade kann ich mir ein Leben in Deutschland gar nicht mehr vorstellen. Dieser Stress, die Hektik, die tägliche Routine dort.

Wer behauptet, keine Angst zu haben, der lügt und ist nur zu feige, es zuzugeben.

Wenn du ehrlich bist, gefällt dir das Leben im Krieg also besser?
Ich liebe dieses Land. Die Kultur, die Menschen und die Landschaft sind mir ans Herz gewachsen. Ich wäre bereit, mir hier ein Haus zu kaufen mit einem Garten und eine Familie zu gründen. Trotzdem bin ich mir darüber im Klaren, dass Krieg herrscht, auch wenn man ihn nicht sieht. Wir können den Daesh militärisch zerschlagen, aber die Ideologie ist noch in vielen Teilen der Zivilbevölkerung verankert.

Du wurdest in Afrin schwer verletzt und schwebtest in Lebensgefahr.
Eigentlich wollte ich im Januar zurück nach Deutschland. Aber dann ging die türkische Invasion auf Afrin los und ein spanischer Kamerad hat mich überredet zu bleiben. Wir sind beide nach Afrin gefahren. Er starb am ersten Tag, und ich bin in ein Mörserfeuer geraten. Jetzt habe ich Metallsplitter im Körper. Bis heute – die OP ist zu riskant, deswegen lasse ich sie lieber drin.

Der Blick auf das zerstörte Raqqa bei Sonnenaufgang, fotografiert vom deutschen freiwilligen YBS-Milizionär Martin Kamper
Der Blick auf ar-Raqqa am Morgen

Wie groß war deine Angst?
Es gibt immer wieder Momente, in denen ich Angst habe. Wer behauptet, keine Angst zu haben, der lügt und ist nur zu feige, es zuzugeben.

Warum fliegst du nicht nach Hause, um dich operieren zu lassen?
Weil es viel zu tun gibt. Nach meinen Verletzungen habe ich überlegt, nach Deutschland zurückzugehen, um dann wieder zu kommen. Aber wir sind ein richtiges Team hier. Wir trainieren den ganzen Tag für den Einsatz. Wir sind ständig zusammen. Mir gefällt es hier. Das alles verliere ich, wenn ich nach Deutschland fliege. Klar ist es riskant, Metallsplitter im Körper zu haben, aber was mir passiert ist, ist nichts im Gegensatz zu anderen Schicksalen. Hier haben Leute Augen verloren, Metallsplitter im Kopf oder ihnen fehlt ein Arm oder Bein. Sie kämpfen trotzdem weiter. Ich habe ein schlechtes Gefühl, wenn ich die Leute hier im Stich lasse. Außerdem denke ich, in der syrisch-kurdischen Stadt Manbidsch könnte bald das gleiche wie in Afrin passieren. Wenn die Welt wieder wegschaut, wie es in Afrin der Fall war, möchte ich aber auf jeden Fall dabei sein.

Der deutsche freiwillige YPS-Milizionär Martin Kamper posiert Kameraden mit YBS-Flagge und
Martin mit Kameraden und dem Hashtag "Tamam". Der Hashtag bedeutet "Es reicht" auf Türkisch und wurde in der Türkei von Gegnern Erdoğans in den sozialen Medien eingesetzt

Ist es schwer, Menschen zu töten?
Das muss jeder mit sich selbst klären.

Was sagen eigentlich deine Eltern?
Sie machen sich Sorgen und wollen, dass ich zurückkomme. Ich erzähle ihnen nichts von den Kämpfen und vom IS. Ich sage ihnen nur, wie schön es hier ist und was es zu essen gibt. Ich schäme mich. Ich habe meine Eltern verarscht, weil ich damals gesagt habe, ich gehe einen Freund besuchen, und dann bin ich nach Syrien geflogen.

Vermisst du irgendwas aus Deutschland?
Die Haribos und die Wälder. Manchmal schließe ich die Augen und stelle mir vor, wie ich in einem Wald spazieren gehe.

Folge VICE auf Facebook, Instagram und Snapchat.