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Schlimme Jobs

Ausgesetzt und angespuckt: Spendensammlerinnen und Spendensammler erzählen aus ihrem Berufsalltag

"Unser Job ist total manipulativ. Wir verdrehen den Leuten mit dem, was wir sagen, die Worte im Mund."

von Katharina Russold und Julian Bernögger
06 August 2018, 4:30am

Foto von Julian Bernögger

"Genau dich brauch ich, bleib doch mal stehen", ist einer dieser Sätze, bei denen wir, zumindest in Fußgängerzonen, instinktiv zu laufen anfangen. Spendensammler und Spendensammlerinnen sind im Sommer aus keiner Fußgängerzone, Innenstadt oder Bahnhofsgegend wegzudenken. Mit ihrer penetranten Motivation und ihren immer neu verfänglichen Einstiegsfragen sind sie inzwischen – gleich nach den "peruanischen" Panflöten-Bands – zum Inbegriff innerstädtischer Nervigkeit avanciert.

Wie so oft ist das aber nur die halbe Wahrheit. Auch Spendensammler und Spendensammlerinnen haben nämlich Gefühle – und oft eine noch viel beschissenere Zeit als ihr, die ihr bloß fünf Sekunden lang im Vorbeilaufen der Kontaktaufnahme auszuweichen braucht.

Um das nächste Mal ein bisschen besser zu verstehen, wie es euren Gegenübern geht, hat unsere Redaktion in Wien die Menschen, die täglich von Hunderten genervter Leute angemault werden, gefragt, was für Erlebnisse sie während ihrer Zeit beim Spendensammeln so gemacht haben. Für welche Organisation sie konkret gesammelt haben, wollten uns die meisten zwar nicht verraten – in der Regel wechselt das aber eh ständig: Die Sammlerinnen und Sammler werden nämlich von Agenturen beschäftigt; auf diese wiederum kann heute kaum noch eine karitative Organisation verzichten. Amnesty International etwa, die Welthungerhilfe, Caritas und das Deutsche Rote Kreuz – alle nehmen indirekt die Dienste der Menschen in Anspruch, von denen ein paar in diesem Artikel zu Wort kommen.

Und je länger wir ihnen zugehört haben, desto mehr beschlich uns das Gefühl, dass mal dringend jemand für die Spendensammlerinnen und Spendensammler Spenden sammeln sollte.

Nadine, 19

Foto privat, mit freundlicher Genehmigung

Beworben habe ich mich nur, weil bei der Anzeige im Internet so viel Geld versprochen wurde. Ich ging zu einem Sammel-Vorstellungsgespräch; alle, die dort waren, wurden auch genommen. Gleich in der nächsten Woche habe ich angefangen. Nach meinem ersten Probe-Gespräch mit zwei Coaches wurde ich komplett niedergemacht. Mein Boss meinte, dass meine Haltung sehr schlecht sei, ich total falsch gestikulieren und wie ein Häufchen Elend dastehen würde. Gleich nachdem er raus gerannt war, habe ich los geweint. Eine andere Teamleiterin versuchte mich danach aufzubauen und fragte, ob ich es nochmal probieren wolle. Ich wusste, dass ihre Nettigkeit gespielt war, aber sie hat sich wenigstens bemüht. Außerdem wollte ich nicht als Schwächling dastehen. Also habe ich weitergemacht.

Die Tage waren nicht leicht und vor allem waren sie meistens länger als geplant. Wenn wir Glück hatten, konnten wir um 20 Uhr zurück ins Büro gehen. Meistens wurde es aber 21 Uhr. Dort gab es dann eine Nachbesprechung, in der gemeinsam durchgegangen wurde, wer wie viele Leute aufgeschrieben hatte. Wenn du dein Soll nicht geschafft hast, gab es eine Bestrafung. Die Teamleiter haben dann Leuten zum Beispiel mit Edding einen Penis, eine Monobraue, oder einen Hitlerbart ins Gesicht gemalt. Oft mussten sich die Männer einen Kaltwachsstreifen aufs Bein kleben und dann runterreißen.


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Das sollte gut für die Motivation sein. Ich habe mein Tagesziel immer erreicht und wurde daher nie bestraft. Andere sehr wohl, aber die Leute nahmen das hin. Meistens machen den Job eben Studierende oder noch Jüngere, die sich nicht trauen, etwas dagegen zu sagen. Mir kam das alles nicht wirklich real vor. Wahrscheinlich, weil ich es nicht wahrhaben wollte. Und da rede ich noch gar nicht von solchen Kleinigkeiten wie den Arbeits-T-Shirts der jeweiligen Organisationen, für die wir Spenden gesammelt haben, die wir immer aus einer Grabbelkiste ziehen mussten und die nur einmal die Woche gewaschen wurden. Nur die Gruppenleiter trugen immer zivil, damit sie einen heimlich beobachten konnten, was manchmal schon unheimlich war. Irgendwann wollte ich einfach nur noch krank werden, um irgendwie damit abzuschließen.

Franziska, 18

Ich war Teil eines Reiseteams. Das heißt, man fährt jeden Tag von derselben Stadt aus woanders hin und geht dann von Tür zu Tür, um Spenden zu werben. Die meisten Leute, bei denen wir geklingelt haben, haben uns beschimpft. Wir konnten auch nicht aufs Klo gehen, außer wenn wir bei einem fremden Haus geläutet und darum gebeten haben. Ich habe deshalb meistens nur so viel getrunken, dass ich nicht aufs Klo musste, obwohl es Sommer und echt heiß war. Essen und Trinken mussten wir uns immer selbst besorgen.

Einer der Gruppenleiter klapperte im Laufe des Tages die verschiedenen Grüppchen ab, gab Tipps und versuchte zu helfen. Als er am zweiten Tag bei meiner Partnerin und mir war, hat sie ihm gesagt, dass sie überlege, zu kündigen und wie das denn ablaufen würde. Sie hat ganz normal gefragt, er hat ihr alles ruhig erklärt und wir gingen vorerst weiter.

Später kam er wieder zu uns und sagte, er würde jetzt meine Kollegin "unterstützen". Danach war ich alleine. Als wir uns später alle getroffen haben, um zurückzufahren, war sie immer noch verschwunden. Als ich den Teamleiter dann fragte, wo sie hin war, antwortete er nur: "Sie ist nicht mehr da." Am Abend dieses Tages habe ich gekündigt.

Auf Facebook habe ich die Kollegin dann wiedergefunden und gefragt, was damals passiert war. Sie meinte, der Teamleiter habe sich mit ihr und einer anderen Sammlerin getroffen und einen auf Reality-TV-Show gemacht. Er sagte: "Eine von euch muss jetzt gehen." Danach ging er mit der anderen weiter und ließ sie einfach stehen. Zum Glück hatte sie Geld dabei, sonst wäre sie wahrscheinlich nicht nach Hause gekommen. Das einzig Lustige, das ich erlebt habe, war, dass mir einmal nach meinem Läuten eine splitternackte Frau aufgemacht hat, die offenbar auf ihren Lover wartete. Sie war ziemlich erschrocken, als ich vor ihr stand und hat die Tür kreischend wieder zugeworfen.

Lisa, 18

Foto von Julian Bernögger

Für diesen Job braucht man auf jeden Fall zwei Eigenschaften: Man muss Kritik vertragen können und man darf kein Problem damit haben, Fußabtreter für andere zu sein. Die meisten Menschen, mit denen man zu tun hat, reagieren nicht unbedingt glücklich und sagen Sachen wie: "Du bist doch nur da, um Geld zu erbetteln, such dir eine ordentliche Arbeit." Einmal wurde ich sogar angespuckt, nachdem ich den Namen der Organisation nannte, für die ich geworben habe. Der Mann hat den Namen gehört, mich angespuckt und ist einfach weitergegangen.

Weil man immer professionell bleiben muss und ich meinen Job behalten wollte, habe ich nichts dagegen gemacht, aber ich wäre ihm am liebsten nachgegangen und hätte ihn zur Rede gestellt. Das Witzigste sind immer die Leute, denen ich alles erkläre und die sehr interessiert wirken – bis ich dann auf den monatlichen Beitrag zu sprechen komme; dann drehen sie sich um und gehen wortlos weg. Ich glaube, die wollen oft einfach nur zuhören oder irgendeine Form von Unterhaltung führen. Aber ich würde den Job nicht machen, wenn ich nicht für das, wofür ich werbe, einstehen könnte. Da gäbe es einfachere Jobs, bei denen man mehr verdient und weniger oft angeschnauzt wird. Aber es gibt auch wirklich tolle Momente; zum Beispiel, wenn dir wirklich wer zuhört und kein Problem damit hat, dass du ihn auf der Straße ansprichst.

Markus, 24

Ich wurde auf einem Festival angeworben, als ich um vier oder fünf Uhr morgens auf dem Weg zu meinem Zelt war. Ich war nicht nüchtern, oben ohne und mit Neonfarben angemalt. Zwei Typen haben mich dann angesprochen, ob ich nicht im Sommer bei ihnen arbeiten möchte. Ich hatte kein besonderes Interesse an der guten Sache oder an dem Geld – primär wollte ich einfach die Erfahrung machen, auf der Straße fremde Leute anzuquatschen und sehen, was zurückkommt.

An meinem ersten Abend im Reiseteam haben wir ein bisschen was getrunken und anschließend unseren Coach im Nebenzimmer beim Sex mit seiner Freundin zugehört. Am nächsten Morgen fragte er uns beim Frühstück, ob wir alles gehört hätten und betonte, dass es ziemlich geil gewesen sei. Irgendwie schien das ein Ding für ihn zu sein, dass ihm seine untergebenen Mitarbeiter beim Sex zuhören mussten. Als seine Freundin drei Tage lang krank war, hat er beim Werben jeden Tag eine andere aufgerissen.

Aber auch mit den Leuten, die ich anwerben wollte, gab es spannende Begegnungen. Einmal hat mich eine alte Frau mit ihrer Geldbörse beworfen, weil sie so böse über meine impertinente Spendenforderung war. Ein anderes Mal meinte ein Passant, er könne nicht mit mir sprechen, weil er eine hochansteckende Krankheit habe, und meinte dann panisch, dass ich schnell weg müsse, da ich sonst sterben würde. Ein anderer Typ meinte, er fände es voll in Ordnung, wenn Kinder an Hunger sterben; er glaube nämlich an Karma und sei felsenfest davon überzeugt, dass diese Kinder in ihrem vorigen Leben irgendetwas verbrochen haben müssten.

Berta, 23

Gleich, nachdem ich mich bei der Organisation beworben hatte, wurde ich von einem Mann angerufen, der mich zum Info-Termin einlud und dabei alles so betont positiv formulierte, dass ich schon leicht skeptisch wurde. Er hat immer nur "super", "ganz toll" und "das klingt ausgezeichnet" gesagt. Generell ist es ihnen egal, was du machst, wer du bist und welche Motivation du hast – Hauptsache du bist bereit, dort zu arbeiten.

Vor Ort wurde vor allem besprochen, wie positiv und locker die Arbeit ist, welche tollen Chancen man hat und wieviel Spaß alles macht. Das hielt aber nur, bis wir uns eingetragen hatten. Schon bei der Einschulung danach wurde uns gesagt: "Unser Job ist total manipulativ, wir verdrehen den Leuten mit dem, was wir sagen, die Worte im Mund."

"Ich sehe, dass du gerne Leute verarscht, aber das ist voll OK. Das kannst du total ausleben in diesem Job."

Ab dem Zeitpunkt gab es statt guter Laune und Nettigkeiten vor allem Stress und Drill. Satz für Satz wurde uns eingetrichtert, wie man ein Gespräch zu führen hat. Wir mussten Gesprächsleitfäden auswendig lernen, die den Ablauf und die verschiedenen Bausteine eines Gesprächs vorgaben; angefangen bei der Begrüßung bis zum Zugang auf den Passanten. Zum Beispiel darf man niemals jemanden von der Seite ansprechen, weil das angeblich Schwäche symbolisiert. Spendenbeträge haben wir außerdem immer auf einzelne Tage umgerechnet: "Zehn Euro im Monat sind umgerechnet nämlich nur 30 Cent am Tag und damit kann man nicht einmal auf ein öffentliches Klo gehen. Wir retten aber mit 30 Cent pro Tag einem Kind das Augenlicht."

Spätestens bei den Leuten in höheren Positionen war von dem netten Getue dann keine Spur mehr. Eine meiner Teamleiterinnen meinte gleich am ersten Tag zu mir: "Ich sehe, dass du gerne Leute verarscht, aber das ist voll OK. Das kannst du total ausleben in diesem Job. Ich bin ja genauso wie du, ich verarsche auch gerne Leute."

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