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Trauriger Marsch statt Trauermarsch: Bei der Neonazi-Demo in Berlin

Fast tausend Rechtsradikale haben versucht, Rudolf Heß zu verherrlichen – und die Berliner machten sich über sie lustig.

Nora Kolhoff

Alle Fotos: Gil Bartz

Eine Frau stellt sich vor rund tausend Neonazis, ganz alleine. Sie ist schwarz und trägt ein Transparent, so schmal wie ihr Oberkörper, mit schwarzem Filzstift hat sie ein Herz darauf gemalt. Die Neonazis tragen auch ein Transparent, es ist so breit, dass sechs Männer es halten: "Ich bereue nichts", steht darauf, ein Zitat von Rudolf Heß, dem Stellvertreter Adolf Hitlers. "Es ist 2017 und ihr steht immer noch hier", ruft die Frau. "Ich fass es nicht." Ihr läuft eine Träne übers Gesicht. Der Zug der Demonstranten ist zum Stillstand gekommen. Sie stehen sich mehrere Minuten gegenüber, die Neonazis und die junge Frau. Die Neonazis lachen sie aus.

"Du bist mutig, dass du das hier machst", klopft ihr eine Demonstrantin, die wenig später vorbeiläuft, anerkennend auf die Schulter. Und ja, es ist mutig. Denn hier in Berlin-Spandau hat sich zum 30. Todestag des Hitler-Getreuen und Kriegsverbrechers Rudolf Heß die Neonazi-Szene Deutschlands zusammengetrommelt. Seit Monaten mobilisieren die Rechten für diesen Tag, zuletzt auf dem seit Jahrzehnten größten Rechtsrock-Konzert Deutschlands in Themar Mitte Juli. Heute haben sich NPD-Anhänger und Mitglieder der neonazistischen Kleinparteien Die Rechte und Der Dritte Weg versammelt, sogar einige verbotene Kameradschaften sollen dabei sein. Auch französische, ungarische und niederländische Faschisten marschieren mit. Sie alle kommen, um einem Mann zu huldigen, der die Nürnberger Rassegesetze mitformulierte, Adolf Hitler und dessen Judenhass fanatisch anbetete und in den Nürnberger Prozessen wegen Planung eines Angriffskrieges und Verschwörung gegen den Weltfrieden zu lebenslanger Haft verurteilt wurde.

"Mord verjährt nicht!" ist das Motto der Neonazi-Demo. Auf dem Bild der Hals mit Narben als Symbol für Rudolf Heß' Ermordung

Rudolf Heß ist der Nazi, der die Szene vereint, erklärt Bianca Klose von der Mobilen Beratung gegen Rechtsextremismus. Bis zu seinem Tod war er überzeugt von der NS-Ideologie und verehrte Hitler. "Ich bereue nichts", sagte Heß in seinem Schlusswort des Nürnberger Kriegsverbrecherprozesses. "Stünde ich wieder am Anfang, würde ich wieder handeln, wie ich handelte."


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Die Neonazis bewundern diesen bis zum Tod ungebrochenen Führerkult von Heß und sie klammern sich an einen Verschwörungsmythos. Rudolf Heß hat sich mit 93 Jahren im Kriegsverbrechergefängnis in Spandau erhängt. Die Rechten verbreiten die These, er sei vom britischen Geheimdienst ermordet worden. Heß ist ihr Märtyrer. Das Aufmarsch-Motto lautete deshalb: "Mord verjährt nicht! Gebt die Akten frei! Recht statt Rache!" Bianca Klose sagt, dass die Demo nicht für die Außenwirkung wichtig sei, sondern um nach innen die Neonazi-Szene, die sehr zerstritten ist und viele Splittergruppen hat, wieder zusammenzuführen. "Deshalb ist es eine Katastrophe, dass der Marsch hier genehmigt worden ist."

Erst Samstag vor einer Woche demonstrierten Neonazis, Alt-Right-Anhänger und Mitglieder des Ku-Klux-Clans in Charlottesville für den Erhalt der Statue des Generals und Sklavenhalters Robert E. Lee. Sie skandierten: "Blood and soil" und "Jews will not replace us". Ein 20-Jähriger, der von Hitler und dem Nazi-Regime fasziniert war, fuhr mit dem Auto in die Gegendemonstration und tötete die 32-jährige Heather D. Heyer. Wären wir in den USA, würde der Großteil dieser fast tausend Neonazis beim Heß-Marsch Schusswaffen bei sich tragen.

Weiße Hemden und T-Shirts war die Auflage des Veranstalters. Nicht alle haben den Dresscode eingehalten

In Deutschland gibt es viel strengere Auflagen. Fackeln, wie sie die Rassisten in Charlottesville trugen, sind für diese Demo verboten worden. Die Innenverwaltung hat den Marsch genehmigt oder sie musste ihn genehmigen, kann man in dem Fall sagen: "Ein Verbot wäre mir sehr sympathisch gewesen", sagte Berlins Innensenator Andreas Geisel dem rbb. "Wir haben das sehr sehr sorgfältig geprüft und festgestellt, dass die freiheitlich-demokratische Grundordnung leider auch für Arschlöcher gilt."

Die Demonstranten dürfen Heß allerdings nicht in Wort, Schrift oder Bild verherrlichen. Dass das Frontplakat "Ich bereue nichts" kein Auflagenverstoß ist, wundert Bianca Klose daher. Die Polizei twittert während der Demo, dass das Plakat in Ordnung sei. Die Auflagen gehen aber noch weiter: "Es darf nichts getan werden, was einer Verherrlichung der NS-Zeit gleichkommen würde", sagt ein Polizeisprecher. Konkret heißt das für diese Demo: Nur eine Flagge pro 25 Personen, keine Uniformierung, Trommeln nicht im Takt und keine Marschmusik. Sogar die Musikauswahl hatte das Verwaltungsgericht vorher bestimmt: maximal zwei Stücke von Beethoven und zwei Stücke von Wagner. Die Neonazis sollen nicht wie einst die Sturmabteilung (SA) durch die Straßen ziehen.

Die Neonazis müssen eine andere Route nehmen, weil der Ort des ehemaligen Kriegsverbrechergefängnisses durch die Gegendemonstranten blockiert ist

Angst machen sie den Anwohnern trotzdem. Ein Passant steht an der Straßenecke und blickt in Richtung der Gegendemonstranten."Ich muss hier in die Straße, aber sind da jetzt die Nazis?", fragt er. "Sind Sie sicher, dass das ungefährlich ist?", versichert er sich und hastet wenig später davon. Tausend durch Wohngebiete laufende Neonazis erinnern an die NS-Zeit, egal ob mit oder ohne Trommel.

Viel mehr Auflagen als die Polizei haben sich die Neonazis selbst gegeben: keine Zigaretten, kein Alkohol. Weiße Hemden, statt Bomberjacken und Springerstiefel, Handys aus. Möglichst gleichmäßig marschieren, dabei möglichst ruhig sein. Das Ganze soll schließlich eine Art Trauermarsch darstellen. "Zeigt, dass ihr Teil des besseren Deutschlands seid!", steht auf der Website der Veranstaltung.

Dieses "bessere Deutschland" besteht aus Neonazis, die es beherrschen, Journalisten und Passanten durchdringend anzustarren. Am besten mit Sonnenbrille, sodass sie keinerlei Angriffsfläche bieten. Ein Mann starrt mich an, als würde er mich mit den Augen ausziehen. Sicher zehn Minuten geht dieses Spiel. Er grinst. Eine weitere Auflage, die sich die Neonazis auf der Website geben ist: "keine Interviews und Gespräche mit den anwesenden Medien". "Hau ab!" ist deshalb die übliche Reaktion, wenn Journalisten versuchen, ein Gespräch mit den Neonazis zu führen.

Nur sehr wenige Frauen sind zur Neonazi-Demo gekommen

Aber was antworten die Neonazis, wenn man sie fragt, wie sie es finden, dass Heß Hitler bis zum Schluss verehrt hat. Ich versuche, mit jemandem zu reden, der nicht ganz so brutal aussieht. Ich finde niemanden. Ich laufe ein paar Schritte in Richtung der Glatzköpfe. Sekunden später drehen sich zwei von ihnen zu mir: "Ey Schatzi, zeig mir deine Titten", brüllt der eine. "Hat sie doch gar nicht", ruft der andere. Beide lachen.

"Jeder Teilnehmer ist ein Mosaikstein, der das Bild der Veranstaltung prägt", steht auf der Seite des Veranstalters. Dieses Bild, wenn tausend gewaltbereite Rechte versuchen, sich zusammenzureißen, um einen seriösen Trauermarsch zu veranstalten, ist manchmal unfreiwillig komisch:

Die Blockade der etwa 1.500 Gegendemonstranten ist erfolgreich, die Neonazis schaffen es nicht, bis zum Ort des ehemaligen Kriegsverbrechergefängnisses zu marschieren. Wegen der Blockade müssen sie ziemlich lange warten, bis es weitergeht. Sie dürfen nichts skandieren und vor allem kein Bier trinken. Ein Dönerladen-Besitzer dreht deshalb seine türkische Musik auf volle Lautstärke. Sie übertönt die Klänge von Beethoven, die aus dem Neonazi-Wagen tönen. Der Mann fängt an, lauthals mitzusingen und zu tanzen, Hände über dem Kopf, ein bisschen lasziv mit den Schultern wackeln. Hunderte Glatzköpfe starren ihn wortlos an, vielleicht weil sie ihn am liebsten vermöbeln wollen, vielleicht aber auch, weil Neonazis wirklich gerne heimlich Döner essen. Angst, sagt der Dönerladen-Besitzer, habe er keine: "Wenn jemand gegen die Menschlichkeit ist, dann müssen wir uns verteidigen."

Würde er Neonazis Döner verkaufen?

"Klar! Heute kriegen alle Döner geschenkt." Er winkt einladend mit dem Arm, so als wolle er die Neonazis aus ganz Deutschland in seine kleine Dönerbude holen. "Ich bin ja für die Menschlichkeit."

Etwa 1.500 Gegendemonstranten stellen sich den Neonazis in den Weg

Als der Zug wieder einmal wegen einer Blockade der Gegendemonstranten stoppt, schallt aus dem dritten Stock eines Hauses "Schrei nach Liebe" von den Ärzten. Tausend Neonazis, die die interne Auflage bekommen haben, nicht auszurasten, müssen sich mit geballten Fäusten und hasserfüllter Miene "Deine Springerstiefel sehnen sich nach Zärtlichkeit" anhören.

Dass die Neonazis, die hierher gekommen sind, sich nicht so gut im Griff haben, sieht man auch daran, dass selbst die Ordner es nicht schaffen, die eigenen Auflagen einzuhalten. Einer von ihnen raucht. "Ey, wenn wir uns schon nicht an die Auflagen halten, machen die Leute das doch auch nicht", raunt ein anderer Ordner ihn an. Er tritt missmutig seine Kippe aus. Wenig später hebt ein Ordner seinen rechten Arm leicht an und macht mit der anderen Hand eine klare Stopp-Geste. Kein Hitlergruß signalisiert das den Demonstranten. Die Regel war offenbar nicht bei allen Teilnehmern angekommen.

Wie schwer es den Neonazis fällt, nicht auszurasten, wird noch deutlicher, als ein Gegendemonstrant einem Rechten die schwarz-weiß-rote Flagge entreißt. Klar, eine Reichsflagge für 25 Mann ist wenig. Ein Neonazi verliert die Kontrolle und rennt auf den Mann zu. Die Polizei drückt den Neonazi, woraufhin andere Neonazis losstürmen und mitprügeln.

Gegen Ende der Demo wirkt es, als wollten sich die Neonazis dann endlich wieder wie Neonazis verhalten, brüllen auf der Brücke der Ruhlebener Straße "Frei, sozial und national". Eine Gruppe in Falkensee aus 200 Neonazis, die es offenbar nicht zur Demo geschafft hat, hält dort eine Spontandemo ab, mit einem Stein zersplittern sie das Fenster des Büros der Grünen.

"Ihr habt den Krieg verloren", singen die Gegendemonstranten

Zum Schluss stehen etwa hundert Gegendemonstranten auf der Brücke, die Polizei hält sie auf, während die Neonazis bereits mit den Zügen vom Bahnhof Spandau abfahren. Ein älterer Herr diskutiert mit einem Polizisten: Warum dürfe er denn nicht von der Brücke, er sei doch nicht gefährlich. Schließlich sei er drei Kilometer durch die Schrebergartenkolonie gewandert, nur um bei der Gegendemo dabei zu sein. "Dass Sie ungefährlich sind, glaub ich ja", sagt der Polizist. "Aber das Problem ist, dass hier zwei Extreme aufeinander treffen." Ein Satz, der an Trump nach Charlottesville erinnert. Drei Demonstranten protestieren lautstark. Der ältere Herr lächelt nur. "Nee", sagt er mit Berliner Dialekt, "dat Problem is, dat ick keene Nazis mag." Da muss der Polizist lächeln. "Das versteh ich ja auch." Der Mann schaut ihn verdutzt an: "Na dit is ja mal ne jute Antwort."

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