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Kommentar

Warum "Frauenbereiche" auf Festivals eine gute Idee sein können

Sexualisierte Gewalt und Belästigung auf Festivals – dagegen will Wien jetzt endlich mehr tun.

von Christoph Benkeser
16 Januar 2019, 3:41pm

Foto: Donauinselfest

Das Wiener Donauinselfest wird in diesem Jahr einen eigenen Festivalbereich für Frauen einführen. Man wolle Frauen so zukünftig mit einem "speziellen, neu konzipierten Bereich" ein angenehmeres Festival-Umfeld bieten, kündigte SPÖ-Landesparteisekretärin Barbara Novak bei einer Pressekonferenz an. Und traurigerweise ist das wirklich eine gute Idee.

Beim Donauinselfest feierten in den vergangenen Jahren jeweils über zwei Millionen Besucherinnen und Besucher zu Acts wie Wanda, Mavi Phoenix oder Cro und machten es dadurch zu Europas größtem Open-Air-Festival. Allerdings sei die junge Frau aus der Stadt, wie Parteisekretärin Novak betonte, noch nicht die "klassische Donauinselfestbesucherin", es herrsche "Nachholbedarf".

Der "Frauenbereich" als Safe Space

Das mag unterschiedliche Gründe haben. Ein nicht ganz unwichtiger ist vermutlich: Beim Donauinselfest kam es in der Vergangenheit immer wieder zu sexualisierter Gewalt. 2017 versuchte ein Mann, auf dem Festivalgelände eine Frau zu vergewaltigen. Im Jahr zuvor betäubten zwei männliche Besucher zwei 15-jährige Mädchen mit KO-Tropfen.

Bereits 2018 wirkten die Veranstalterinnen und Veranstalter mit einer Sensibilisierungs-Kampagne sowie geschulten Mitarbeitenden sexueller Belästigung auf dem Festival entgegen. Der Projektleiter des Festivals, Thomas Waldner, gab an, dass rund 650 Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartner während der drei Festivaltage im Einsatz und klar mit einem Button zu erkennen gewesen seien.

Das zusätzliche Aufgebot zahlte sich aus. Wie die Polizei nach dem Festival bekannt gab, kam es zu mehreren Verhaftungen – aber zu keinen Fällen sexualisierter Gewalt.

Allerdings: Sexualisierte Gewalt und Belästigung sind auf Festivals keine Ausnahme und reichen von Grapschern in der dicht gedrängten Menge vor der Bühne über verbale Gewalt bis hin zu Vergewaltigungen. Erst im vergangenen Jahr richteten schwedische Feministinnen ein Festival ohne Männer aus – Grund dafür waren die häufigen sexuellen Übergriffe auf Frauen bei Musikfestivals.

Mehr Aufklärung bei sexualisierter Gewalt

Auch Studien unterstreichen die Häufigkeit sexualisierter Gewalt. Das britische Meinungsforschungsinstitut YouGov berichtete 2018, dass eine von fünf Personen auf Festivals in England sexuelle Übergriffe oder Belästigung erfahren habe. Zählt man nur die befragten Frauen, fällt die Zahl noch gravierender aus. Ziemlich schockierend, allerdings dürfte Dunkelziffer die offiziellen Angaben noch deutlich übersteigen. Nur ein Prozent der Frauen und 19 Prozent der Männer gaben an, dass sie sich in der Lage fühlten, ihre Erfahrungen mit dem Festivalpersonal zu teilen.

Schließlich sind Festivals Orte, wo Besucherinnen und Besucher schon mal Alkohol und andere Drogen konsumieren. Kommt es dann zu sexualisierter Gewalt oder Missbrauch, fühlen sich viele Opfer mitschuldig, schämen sich oder vermeiden es, eine Ansprechperson aufzusuchen.

Daher ist es wichtig, dass sowohl das Organisationspersonal sowie freiwillige Helferinnen und Helfer, aber auch die zuständigen Securities an Schulungen teilnehmen. Diese sollen helfen, mit den üblichen Mythen zu brechen, um sexualisierte Gewalt zu erkennen und angemessen darauf zu reagieren. Aufklärung steht über allem.

Doch bevor sich diese Arbeit durchsetzt und bei allen ankommt, ist ein Bereich für Frauen ein sinnvoller Zwischenschritt. Beim Donauinselfest soll es heuer zusätzliche Angebote "in Sachen Information und Service insbesondere für Frauen" geben. Auch der geplante Bereich für Frauen ist auf der Donauinsel neu und dürfte eine verschärfte Maßnahme gegen Fälle sexueller Belästigung sein.


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Wie dieser Bereich genau aussehen soll, ist allerdings noch nicht klar. Eine Anfrage von Noisey bei der zuständigen Landesparteisekretärin der SPÖ blieb bislang unbeantwortet. Auch die Frage, wer diesen Raum nutzen kann – dürfen den Bereich zum Beispiel außer Frauen auch nicht-binäre Personen oder Transpersonen nutzen? – beantwortete die Parteisekretärin bislang nicht.

Bleibt also die Frage, wie wir eine Umgebung schaffen, die missbräuchliches Verhalten konfrontiert, verhindert und sanktioniert. Ein spezieller Raum für Frauen, in dem sie sich sicher fühlen können, ist natürlich keine endgültige Lösung.

Frauen dürfen nicht das Gefühl haben, dass sie für ihre eigene Sicherheit verantwortlich sind. Müssen sich Frauen erst informieren, wie sie sich auf einem Festival zu verhalten haben, werden sie automatisch in eine passive Opferrolle gedrängt.

Es darf nicht Aufgabe von Frauen sein, ihrem Gegenüber zu erklären, was Konsens bedeutet. Aufklärungsangebote müssen deshalb immer auch auf potenzielle Täter abzielen – und es muss ein breites Verständnis darüber herrschen, was OK ist, und was nicht. Diese Arbeit darf nicht auf Frauen abgeschoben werden.

Außerdem müssen wir endlich aufhören, die Legitimität von Vorwürfen sexualisierter Gewalt in Frage zu stellen. Es ist nämlich scheißegal, ob eine Frau betrunken, high oder einfach nur so angezogen ist, wie sie sich attraktiv fühlt, um eine gute Zeit zu haben. Wenn jemand Hilfe vor sexualisierter Gewalt sucht, müssen wir das immer ernst nehmen, helfen und dem nachgehen. Immer.

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