Menschen erzählen von ihren enttäuschendsten Weihnachts-Erlebnissen

"Der Weihnachtsmann leuchtete mit einem Feuerzeug in seinen Sack, um die Geschenke zu finden – und setzte ihn damit in Flammen."

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Dez. 7 2018, 2:47pm

Foto: Weihnachtsmann | imago | INSADCO || Tannenbaum | Eibner Europa || Montage: VICE

Für viele Menschen in Deutschland ist Weihnachten das Fest des guten Essens, der üppigen Geschenke und einer der wenigen legitimen Gründe, sich vor der Vorgesetzten mal volllaufen zu lassen. Für andere sind es die Tage im Jahr, an denen sie mit dem rechten Großonkel an einem Tisch sitzen und die Alkoholfahnen-Küsse der besoffenen Tante ertragen müssen. Doch nicht nur euer Tinder-Date von letzter Woche weiß: Zu hohe Erwartungen sind selten eine gute Voraussetzung für unvergessliche Abende – zumindest, wenn sie euch aus positiven Gründen in Erinnerung bleiben sollen.

Wir haben Menschen nach ihren enttäuschendsten Weihnachtserinnerungen gefragt.

Lena, 24

Ich war auf meiner ersten Firmen-Weihnachtsfeier als Praktikantin bei BMW. Alle hatten sich schick gemacht. Ich war die einzige Frau, die eine blickdichte schwarze Strumpfhose und ein langärmeliges Kleid anhatte. Der Personalchef hatte schon gut getrunken, kam zu mir, haute mir auf den Po und sagte: "Na, du hättest dich doch nicht so verschleiern müssen." Das war mir sehr unangenehm, weil meine Kollegen am Tisch nur laut lachten. Wenig später haben Kolleginnen auf dem Tisch getanzt und wurden von Pfiffen der Männer zur Weihnachtsmusik begleitet. Mein Vorgesetzter forderte mich auf, mitzumachen. Dann griff er zu und versuchte, mich auf den Tisch zu heben. Wir fielen allerdings gemeinsam um und lagen aufeinander auf dem Boden. Ich war nüchtern und wollte so schnell wie möglich aufstehen. Doch er hielt sich an mir fest. Und genau in dem Moment machte jemand ein Foto. Das Bild ging nach der Weihnachtsfeier rum und manche der Kollegen und Kolleginnen erzählten, ich hätte mit dem Chef rumgemacht. Seitdem schwöre ich solchen Partys ab.


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Sandra, 32

Als ich vier Jahre alt war, hatten meine Eltern übers Studierendenwerk einen Weihnachtsmann engagiert, der zur Bescherung zu uns nach Hause kam. Nachdem der schlaksige Typ mit dem schlecht sitzenden Bart mich zum dritten Mal gefragt hatte, ob ich denn wirklich artig gewesen sei und ich mein Gedicht aufgesagt hatte, zog er nach und nach mürrisch die Geschenke, die meine Eltern ihm vorher gegeben hatten, aus dem Jutesack. Er wollte schon gehen, als meiner Mutter einfiel, dass noch die kleinen Geschenke fehlten, die ich für meine Omas gebastelt hatte. Widerwillig griff er noch mal in den Sack, fand aber nichts. Schließlich wurde es ihm zu viel und der Weihnachtsmann leuchtete mit einem Feuerzeug in den Sack, um die restlichen Geschenke zu finden – und setzte ihn damit in Flammen. Der Ausruf meiner Tante "Weihnachtsmann, ich glaube, dein Sack brennt!", ist inzwischen zu einem geflügelten Wort in meiner Familie geworden.

Achim, 23

Mit 16 Jahren und strengen Eltern hatte ich nur wenige Möglichkeiten, mich zu betrinken. Der ideale Anlass: die Weihnachtsfeier meiner Fußballmannschaft. So lustlos wir uns im Winter über den gefrorenen Platz schleppten, bei der Jahresabschlussfeier waren alle hochmotiviert. Schon zu Beginn des Abends standen gefühlt mehr Kästen Bier im Clubhaus als Spieler.

Vor allem stand aber eine Frage im Raum: Wer säuft am meisten? Nach Trinkspielen wie "Beerpong" und "Kings Cup" hatte ich schon um 18:30 Uhr so die Lampen an, dass ich kaum noch stehen konnte. Der Drang, mich völlig enthemmt über die leere Tanzfläche zu bewegen, stieg mit jedem Bier. Wo, wenn nicht hier? Meine Mitspieler kenne ich seit der Pampersliga. Außerdem stellt sich auf der Weihnachtsfeier die gesamte Mannschaft inklusive Trainer einen rein.

Nur blöd, dass ich schon nach wenigen Tanzschritten das Gleichgewicht verlor. Unaufhaltsam auf ein Fenster zu stolperte, von dem ich mich mit den Händen abdrücken wollte. Im Moment des Fallens nahm ich allerdings so viel Tempo auf, dass ich mit voller Wucht durch die Scheibe klatschte. Im Internet kursiert ein Video von einem ähnlichen Vorfall, der Typ sieht mir verblüffend ähnlich. Zum Glück ist man im Vereinsheim ja unter sich.

Leyla, 28

Vor drei Jahren hat meine alleinstehende Tante meinen Cousin, seine Freundin, mich und meinen damaligen Freund zum Weihnachtsbrunch eingeladen. Im Gegensatz zu meinem Onkel, hat sie nach der Scheidung weder geheiratet noch weitere Kinder bekommen. Besonders an Weihnachten hat sie wohl deswegen oft das Gefühl, mit ihrem Ex-Mann konkurrieren zu müssen. Entsprechend hoch waren die Erwartungen an den Brunch, als ich ihr am Vormittag in der Küche half. Sie hatte auf mehreren Tellern teueres Essen angerichtet und mehrere Kuchen und Tartes gebacken. Leider kam mein Cousin eine halbe Stunde zu spät. Und verursachte damit ein schweres Drama.

Noch bevor wir den Räucherlachs auf unseren Tellern anschneiden konnten, bekam meine Tante am Esstisch einen Nervenzusammenbruch. Sie weinte, hielt sich die Hände vors Gesicht und machte meinem Cousin Vorwürfe, dass er nicht pünktlich da war. Und wir saßen alle etwas ratlos um sie herum am Tisch. Während ich versuchte, sie zu trösten, – auch, damit wir das tolle Essen doch noch genießen konnten – starrte mein Cousin nur peinlich berührt auf seinen Teller. Meine Tante verschwand irgendwann auf den Balkon, wo sie rauchte und weiter weinte. Nach einer Stunde kam sie zurück und setzte sich schluchzend an den Tisch. Im Hintergrund lief ein Weihnachtssong von Mariah Carey. Doch auch das konnte für den Rest des Essens niemanden aufheitern. Der Weihnachtsbrunch blieb bis zum Ende ein eher bedrückendes Erlebnis.

Hakki, 25

Es gibt sicherlich keine enttäuschendere Art, Weihnachten zu verbringen, als an Heiligabend bei McDonald's zu arbeiten – wie ich in meiner Schulzeit. Doch so langweilig Weihnachten im Schnellrestaurant auch klingen mag, für manche unserer Gäste waren diese Abenden wohl noch schlimmer. Vor allem, weil ich als Moslem sowieso kein Weihnachten feiere. Ihr könnt euch nicht vorstellen, wie oft am 24. Dezember verzweifelte Gäste kommen, die in letzter Minute ein alternatives Weihnachtsessen für Zuhause brauchen. Einmal kam eine Frau, die McMenüs im Wert von 120 Euro bestellte, den sie ihrem Besuch aus Kanada vorsetzen wollte. Sie hatte wohl Angst, ihren Gästen etwas Selbstgekochtes zu servieren – oder einfach nicht genug Zeit eingeplant. So hatte an dem Abend wohl jeder von uns seine ganz eigene Version eines enttäuschenden Weihnachtsfestes.

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