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Lil Peep war die Zukunft des Emo: Was ist mit Emo ein Jahr nach seinem Tod?

Wir haben in Berlin mit dem Gründer von Lil Peeps Crew und Emo-Rapper nothing,nowhere. über den Stand der Szene, das ungeliebte Emo-Label und den Niedergang von SoundCloud gesprochen.

von Julius Wußmann
20 November 2018, 4:40pm

Fotos: Album-Artwork 'Come Over When You're Sober, Pt. 2' von Columbia Records (Lil Peep) | Warner Music (nohting,nowhere.) | Dark Medicine (Wicca Phase Springs Eternal)

"Heute ist Gus' Geburtstag, singt also alle mit!" – Es ist der 1. November, ein Donnerstagabend, in einem kleinen Club in Berlin tritt der Rapper Wicca Phase Springs Eternal auf. Rund 50 Leute stehen vor der Bühne, sie alle scheinen auf diesen Song gewartet zu haben. Wicca mag zwar der Gründer des Rap-Kollektivs Gothboiclique sein, aber eigentlich kennen ihn viele hier nur wegen eines anderen GBC-Mitglieds: Gustav Elijah Åhr aka Lil Peep.

Vor einem Jahr starb der 21-Jährige Rapper an einer versehentlichen Überdosis. Er, der mal vom Musikmagazin Pitchfork die "Zukunft des Emo" genannt wurde und noch ganz am Anfang einer zweifellos großen Karriere stand.

Schaut man sich an diesem Abend im Publikum um, merkt man noch immer, wie plötzlich er seinen Fans entrissen wurde. Bei Peeps Feature-Part von "Absolute in Doubt" dreht der DJ nochmal lauter, ein Fan in der ersten Reihe hält begeistert ein Peep-Shirt hoch. Wicca lässt die Crowd leidenschaftlich mitsingen, während Peeps unsterbliche Stimme durch den Raum dröhnt.

Lil Peep und die Gothboiclique

"Lil Peep ist leider erst durch seinen Tod zum größten Star geworden, er hätte es aber auch so geschafft", erzählt mir Wicca Phase wenige Stunden vor seinem Auftritt. Wicca heißt bürgerlich Adam McIlwee und sang bis zu seinem Ausstieg 2013 in der Emo-Band Tigers Jaw.

2013 lädt er seinen ersten Rap-Track als Wicca Phase Springs Eternal auf SoundCloud hoch. Statt in einer Band singt er jetzt mit seiner markanten Stimme auf düstere Trap-Beats. Textlich bleibt es gefühlsduselig und düster, wie man es aus dem Punk-Subgenre gewohnt ist.

Schnell kommt er online mit Musikern in Kontakt, die ebenfalls diesen neuen Rap feiern. Sie gründen die Gothboiclique als Kollektiv, um sich gegenseitig mit Feature-Parts und Beats zu versorgen. 2016 kommt Lil Peep als letztes Mitglied von neun dazu.

Peep ist ein begnadeter Songwriter, gutaussehend und offen menschlich – Wicca nennt schnell Gründe, warum Lil Peep in so kurzer Zeit so viele Leute mitgerissen hat. Er selbst stehe auch für immer in Peeps Schuld. Einerseits, weil er so ein guter Freund gewesen sei, aber auch, weil er so viele Hörer auf die Szene, auf Gothboiclique und somit auch auf ihn aufmerksam gemacht hat.

Dass der Pitchfork-Artikel dann 2017 Lil Peep als die "Zukunft des Emo" erklärte, fand Wicca komisch. Lil Peep sei nicht die Zukunft gewesen, sondern "das, was Emo zu diesem Zeitpunkt war". Der Sound hatte sich zwar weiterentwickelt, aber der Spirit des Emo sei gleich geblieben. Melodramatisch, über-emotional und verletzlich – so, wie Emo eben schon seit Jahrzehnten ist.

Emo ist nicht mehr an einen Sound gebunden

"Ein Problem des früheren Emo war, dass da nur Typen über Frauen und Rachefantasien gesungen haben. Heute ist das viel progressiver", meint nothing,nowhere., ein anderer SoundCloud-Künstler, der einen Abend vor Wicca in Berlin spielt. Beide waren sie schon gemeinsam auf Tour und sind befreundet.

Joe Mulherin, wie nothing,nowhere. bürgerlich heißt, fing 2015 kurz vor Peep damit an, seine Songs auf SoundCloud hochzuladen. Die Einflüsse waren ähnlich – Pop-Punk, Emo-Punk und Post-Hardcore –, aber seine Interpretation nochmal komplett anders. Statt den trap-lastigen Beats der Gothboiclique ist Mulherins Sound mit der hohen Gesangsstimme und den vielen Gitarrenriffs wesentlich näher am ursprünglichen Emo-Sound dran. Aber auch das ist nur eine Momentaufnahme, wie Emo klingen kann.

"Mit den neuen Generationen wird auch Emo wieder anders klingen", vermutet Mulherin. Für ihn bedeutet Emo, ehrlich, offen und verletzlich zu sein und die toxische Männlichkeit loszuwerden. Er hofft, dass egal, wie sich der Sound und Style auch verändern werden, die Künstler in ihren Songs ehrlich und verletzlich bleiben.

An Künstlern, die diesen Spirit weitertragen können, mangelt es nicht.

Der Hype um SoundCloud ist vorbei

"Als wir auf SoundCloud mit diesem Emo-Rap-Hybrid-Ding anfingen, war es neu, unverbraucht und wir waren nur sehr wenige. 2018 scheint es, als gäbe es Hunderttausende Künstler, die diesen Sound bedienen", erzählt Mulherin.

Lange bevor irgendein Medium auf das aufmerksam wurde, was da auf SoundCloud Plays aus der ganzen Welt sammelte, entstand damals eine Art Underground-Szene. Ohne Referenzen und Genre-Schranken machten viele junge Rapper im pursten Punk-Gedanken das, worauf sie Bock hatten. In Kollektiven wie Gothboiclique, SchemaPosse um Ghostemane oder TeamSESH um Bones – der einzige Rapper, den sogar Wicca als stilistischen Vorreiter nennt – halfen sie sich gegenseitig mit Beats und Feature-Parts aus.

Besonders in den letzten zwei Jahren war SoundCloud eine Brutstätte für eine Generation von Künstlern, die nicht auf Bühnen, sondern im Internet groß geworden sind. Als Rapper wie Post Malone, Lil Xan, XXXTentacion, Trippie Redd oder Juice WRLD dann vom cloudigen Zuhause auszogen, wurden sie fast sofort von Fanmassen empfangen. Und ihr altes Heim? Für Wicca Phase Springs Eternal nur noch eine Ruine.


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"Ich habe mich bei SoundCloud bestimmt seit einem Jahr nicht mehr eingeloggt", gesteht Urvater Wicca. Ein Satz, der viel über sein Verhältnis zu dem Musikdienst aussagt.

Das liege für Wicca daran, dass dort die Qualität nicht mehr stimme. Früher sei man auf neue Rapper gestoßen, weil die Künstler, denen man ohnehin schon folgte, die Songs neuer Talente gerepostet hatten. Können setzte sich durch. Als sich Newcomer diese Reposts dann aber einfach "für 50 Dollar" einkauften, sei es damit vorbei gewesen.

Eigentlich verbietet SoundCloud bezahlte Reposts. Accounts, die dagegen verstoßen, droht die Löschung. Aber wie soll der Dienst schon kontrollieren, was seine Nutzer untereinander ausmachen.

"Emo Rap" als Schimpfwort

In Deutschland wurde Caspers Musik schon 2009 Emo Rap genannt. Kein anderer Rapper wollte mit dem androgynen Emo-Style der Nuller verbunden werden, Casper vermarktete die vermeintliche Schwäche einfach als Aushängeschild. Jahre später wird der aktuelle Sound der internationalen Rap-Generation als Emo Rap bezeichnet und am meisten nervt das Künstler wie nothing,nowhere. selbst.

Nur weil er von Emo-Bands seiner Jugend beeinflusst werde, mache er keinen Emo Rap. Seine Musik sei genrelos. Mulherin wisse aber, dass es "in der Natur des Menschen liegt, Dingen ein Label geben zu müssen". Wenn man es unbedingt in eine Schublade stecken müsse, dann eben in die für experimentelle Musik.

In Zeiten, in denen Acts wie Wicca Phase mit Hardcore-Bands wie Turnstile und Metalcore-Bands wie Code Orange spielen oder nothing,nowhere. mit Pop-Punkern wie Good Charlotte und Emo-Punks wie Real Friends touren, scheinen Genres und militante Szenezugehörigkeit wirklich so zeitgemäß wie Baggie-Pants und Tribal-Tattoos zu sein.

Wicca wehrt sich schon allein gegen das Label Emo. Es verhindere, dass Künstler, die darunter fallen, ernst genommen werden. "Ich kenne nicht viele Emo-Artists, die als großartige Songwriter oder Musiker gesehen werden", erklärt er, "es ist ein Stigma". Als ob sich immer alles um Kajal und Teen-Ängste drehen würde. Als ob nicht Themen wie Depressionen, Liebeskummer, Drogensucht oder Verlust für fast jeden von Bedeutung wären.

Wie er und seine Crew Gothboiclique sich von diesem Label lösen können, wisse er aber auch nicht. Nachdenken würde er darüber aber jeden Tag.

Das erste posthume Emo-Rap-Album

Kurz vor dem ersten Jahrestag seines Todes erschien posthum Lil Peeps Album Come Over When You're Sober, Pt. 2. Auf dem Laptop seines Producers Smokasac hatten noch genügend Vocals rumgelegen, sodass er sie "nur" noch auf passende Beats bauen musste. Und schon war Lil Peep musikalisch wieder am Leben und stieg auf Platz vier der US-Billboard-Charts ein.

Lil Peep hatte über seine Musik mal gesagt, dass sie da sei, "um Menschen wissen zu lassen, dass sie nicht allein" seien. Während des Konzerts von Wicca Phase Springs Eternal fühlt sich wohl niemand einsam. Überall lächelnde Zuschauer, die an diesem Abend rumspringen, alle Songs von Wicca jubelnd beklatschen und aufschreien, wann immer das berühmte Producer-Tag "Gothboiclique" ertönt, das auch Peeps Songs veredelte.

Und er hat nicht nur Fans, sondern auch Musiker zusammengebracht. Wicca erzählt mir, wie sich damals seine Follower verdoppelt hatten, nur weil Lil Peep ein Bild mit ihm gepostet hatte. Es geht Wicca dabei nicht um die Zahlen, sondern darum, dass Peep so viele Menschen davon begeistern konnte, sich auch andere Musiker anzuhören. Auf seine Art hat Peep also etwas Bemerkenswertes geschafft, das sich nicht in Chart-Platzierungen oder SoundCloud-Plays messen lässt. Dank ihm haben sich so viele Leute für einen Abend zusammengefunden und feiern gemeinsam die Musik, die er so berühmt gemacht hat.

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