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Tauchen mit Lähmung – die Geschichte der „Meerjungfrau im Rollstuhl“

Elena Prous ist eine begeisterte Sporttaucherin und das, obwohl sie von den Armen abwärts gelähmt ist. Sie hat uns erklärt, warum die Rechte von Menschen mit Behinderungen nach wie vor übergangen werden – vor allem, wenn man eine Frau ist.

von Patricia Rafael
01 August 2016, 8:00am

Alle Fotos: Elena Prous | También debajo del agua

An dem Tag, an dem Elena Prous beschloss, dass sie tauchen lernen möchte, hat sie all ihren Mut zusammengenommen und einen Tauchlehrer aus Teneriffa angerufen, den sie einen Monat zuvor dort kennengelernt hatte. Am Telefon fragte sie ihn: „Würdest du mit mir tauchen gehen?" Anschließend rief sie ihren Vater an, um zu fragen, ob er mitkommen würde. Außerdem löste sie das Versprechen ihrer Cousinen ein, die meinten, dass sie mitkommen würden, wenn sie irgendwann mal nach Teneriffa fliegen würde. Alle vier sagten zu, zusätzlich kam noch eine Kollegin von Elena mit.

Das war vor fünf Jahren. Seither war die 31-Jährige schon an unzähligen Orten auf der ganzen Welt tauchen: in Mexiko und Panama, in warmen Gewässern und in kalten, in einem vereisten See in Frankreich und im Roten Meer. Das mag auf den ersten Blick nach der ganz normalen Geschichte einer wasserbegeisterten jungen Frau klingen. Das Besondere: Elena ist vom Bizeps abwärts gelähmt. Im Alter von 24 Jahren hat sie sich bei einem Verkehrsunfall die Wirbelsäule zwischen dem vierten und dem fünften Halswirbel gebrochen, seitdem kann sie nur noch ihre Arme anwinkeln. Ihre Finger kann sie gar nicht mehr bewegen. Ohne Hilfe kann sie nicht ins Wasser gehen.

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Während dem Interview mit Broadly betont Elena immer wieder: „Ich gehe tauche, weil ich Leute habe, die bereit sind, mit mir tauchen zu gehen. Ich kann es nicht anders sagen. Ich kann nicht so tun, als würde ich das alles allein schaffen, sonst würde ich nicht wertschätzen, was andere für mich tun." Elena braucht immer ein oder zwei Leute, die ihr beim Anziehen des Taucheranzugs helfen und jemanden, der ihr ins Wasser hilft beziehungsweise auf das Boot—je nachdem, wo sie tauchen geht. Außerdem muss ihr jemand, wenn sie dann erstmal im Wasser ist, beim Druckausgleich helfen. „Das ist ein ziemlich wichtig, damit mir nicht die Trommelfelle platzen—aber allein kann ich das nicht", sagt sie.

Der Druckausgleich funktioniert so, dass man sich mit der einen Hand die Nase zuhält und dabei versucht, durch die Nase auszuatmen, um den Druck im Ohr auszugleichen. Da Elena ihre Finger nicht bewegen kann, benötigt sie dabei fremde Hilfe. „Alles, was ich unter Wasser tun kann, ist, meine Nase zu berühren", sagt sie. So weist sie die anderen darauf hin, dass sie ihre Nase zudrücken sollen. Wenn sie nickt, bedeutet das, dass alles OK ist. Wenn sie den Kopf schüttelt, heißt das, dass ihre Nase noch länger zugehalten werden muss. An den Rohren der Sauerstoffflasche auf ihrem Rücken wird sie dann von den anderen durch das Wasser „getragen".

Ich kann nicht so tun, als würde ich das alles allein schaffen, sonst würde ich nicht wertschätzen, was andere für mich tun.

„Ich habe viele Leute kennengelernt, die mit mir tauchen gehen und denen ich es zu verdanken habe, dass ich überhaupt weiter tauchen gehen kann", erklärt sie. Einer ihrer Tauchlehrer schlug ihr irgendwann vor, einen Tauchausflug ans Rote Meer zu machen. Dort verbrachte sie eine Woche auf einem winzigen Boot, auf dem noch nicht mal ihr Rollstuhl richtig Platz hatte. „Das war auch nur möglich, weil es die Leute für mich möglich gemacht haben", sagt sie. So wie der Koch Mahmud aus Ägypten, der selbst aus gesundheitlichen Gründen mal mehrere Monate ans Bett gefesselt war und nicht mehr für sich selbst sorgen konnte. Dank Mahmud, der sie auf seinem Rücken zu ihrer Kabine oder ins Wasser trug, konnte sich Elena auch auf dem Boot frei bewegen.

Auch Oceánides, der Tauchclub ihrer Universität, hat sie bei vielen ihrer Tauchausflüge unterstützt. „Sie waren mein Sprungbrett, weil sie mich dazu ermutigt haben, an all diesen Orten tauchen zu gehen", sagt Elena. Vor einigen Wochen sind sie unter den Muschelbänken in Vigo tauchen gegangen und vor zwei Jahren waren sie unter dem Eis eines Sees in einem französischen Skigebiet tauchen. „Ich habe das eines Tages nur zufällig erwähnt und meinte, dass es bestimmt toll wäre, unter dem Schnee zu tauchen und sie meinten nur: ‚Tun wir's!'", erzählt sie. Sie fanden eine geeignete Möglichkeit und machten sich auf den Weg. Als sie ankamen, mussten sie jedoch feststellen, dass Elenas Rollstuhl im Schnee stecken blieb. Sie überlegten lange, wie sie Elena zu der Einstiegsstelle an dem vereisten See kriegen könnten. Die einzige Möglichkeit war es schließlich, ein Schneemobil zu nehmen, wie es sonst für Rettungseinsätze genutzt wird. „Ich musste mich auf die Trage legen und wurde an das Schneemobil gebunden und dann habe ich mir eine Weile lange einfach nur die schneebedeckten Berge angesehen", lacht sie.

Elena und ihre Tauchpartner beim Einstieg ins Wasser. Foto: Elena Prous | También debajo del agua

Elena redet viel und schnell. Sie kommt von einem Thema zum anderen und stellt sich selbst oft Fragen. Sie gestikuliert mit den Armen und macht nur ab und an eine kurze Pause, um mich darum zu bitten, ihr ihr Glas zu halten, damit sie mit einem Strohhalm einen Schluck von ihrer Cola nehmen kann. Eines der Dinge, die sie am meisten am Tauchen mag, sagte sie, ist auch, dass sie unter Wasser 40 Minuten lang den Mund halten muss. „Leute haben mir auch schon empfohlen, eine Ganzgesichtsmaske zu tragen, damit ich reden kann und keine Zeichen geben muss, aber ich sage immer, dass ich mich nicht aufs Tauchen konzentrieren würde, wenn ich die ganze Zeit reden würde", sagt sie.

Kurz nach Beginn unseres Gespräch wurde mir klar, dass es bei Elenas Geschichte nicht nur um ihre persönlichen Erfolge geht. Es geht darum, dass die Rechte von Menschen mit Behinderungen nach wie vor übergangen werden—vor allem wenn man eine Frau ist. Und es geht darum, dass unsere Gesellschaft nicht auf Menschen eingestellt ist, die andere Bedürfnisse haben.

Keiner fand es seltsam, als ich wieder zu meiner Mutter zog und die ihren Job für mich aufgeben musste.

„Ich habe die ganze Zeit über an mir selbst gezweifelt, weil ich nicht verstanden habe, warum eine zielstrebige, hübsche junge Frau, die früher als Krankenschwester gearbeitet hat, plötzlich komplett ausgegrenzt wurde, nur weil sie sich nicht mehr bewegen konnte wie früher. Ich habe mich selbst nie ausgegrenzt—es war die Gesellschaft die mich ausgegrenzt hat", sagt sie und meint weiter: „Ich fühlte mich noch immer wie dieselbe Person, die ich vor dem Unfall war. Erst Jahre später habe ich verstanden, dass das gar nicht wahr war. Das lag aber nicht daran, dass ich nicht mehr dieselbe war, sondern daran, dass einem die Gesellschaft keine Chance mehr gibt."

Sie erzählt von ihren Erlebnissen mit der Unfallversicherung: „Das erste, worüber sie nachdenken, ist, dir ein Paar neue Beine zu bezahlen, bei einer 24-Jährigen wäre es aber vielleicht erst einmal wichtiger sicherzustellen, dass sie einen Job bekommt, den sie machen kann. Unsere Gesellschaft ist da irgendwie anderer Ansicht." Heute, acht Jahre nach dem Unfall, denkt Elena wieder darüber nach, arbeiten zu gehen. „Am Anfang muss man erst herausfinden, wie der Körper denn nun funktioniert. Man muss sich um Fragen kümmern wie: Wie ziehe ich mich an? Wie bewege ich mich? Wie gehe ich aufs Klo? Und wie komme ich ins Bett?", sagt sie.

Außerdem nimmt es unsere Gesellschaft als selbstverständlich hin, wenn sich Mütter, um ihre Kinder kümmern, wenn sie durch einen Unfall gelähmt wurden—vor allem bei Frauen, sagt Elena. „Das hat auch mit der patriarchalen Gesellschaft zu tun, in der wir leben. Tatsächlich sagte meine Mutter meinem damaligen Partner nach dem Unfall, dass er sich keine Sorgen machen müsse und dass sie für uns da sei", sagt sie. Drei Monate, nachdem Elena ins Krankenhaus eingeliefert worden war, hat er sie verlassen. „Mit der Zeit habe ich herausgefunden, dass er mich nie wirklich geliebt hat, aber auch damals hat nie jemand wirklich hinterfragt, warum er gegangen ist", erklärt sie. Andererseits hinterfragt auch nie jemand, warum die Frauen, deren Partner ähnliche Verletzungen an der Wirbelsäule erlitten haben, nicht von ihrer Seite weichen. (Elena hat im Krankenhaus von Toledo während ihres achtmonatigen Aufenthalts viele solcher Paare kennengelernt.)

„Keiner fand es seltsam, als ich wieder zu meiner Mutter zog und die ihren Job für mich aufgeben musste", sagt sie. Elena hat allein gelebt, seit sie 18 war. Sie ist schon immer sehr selbstständig gewesen, deswegen war es—nachdem sie das Krankenhaus verlassen hat—auch ihr vorrangiges Ziel, wieder so schnell wie möglich unabhängig zu werden. Irgendwann hat sie Kontakt zum Foro de Vida Independiente y Diversidad aufgenommen—einer Organisation, die Menschen dabei unterstützt, ein selbstständiges Leben führen zu können. Dort hat sie die Unterstützung gefunden, die sie gesucht hat: „Es geht dabei nicht darum, dass Menschen mit Mobilitätseinschränkungen überall hingehen können. Es geht darum, dieselben Rechte zu haben wie der Rest der Welt. Was wir fordern, ist echte Gleichberechtigung."

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Vor vier Jahren hat Elena ihre Selbstständigkeit zurückerlangt und lebt seither allein in einer Wohnung in Lavapiés, einem Viertel von Madrid. Die Pension ihrer Unfallversicherung und ein spezielles Programm der Landesverwaltung von Madrid ermöglichen es ihr, vier persönliche Assistenten zu beschäftigen, die ihr ihre langersehnte Unabhängigkeit zurückgegeben haben. „Der Mythos, dass es Frauen gibt, die alles allein schaffen, ist Blödsinn. Wenn du arbeiten willst, brauchst du jemanden, der sich um die Kinder kümmert—das heißt, du brauchst eine Kita, die länger auf hat oder einen Partner, der sich um sie kümmert. In meinem Fall ist es so ähnlich: Wenn man gelähmt ist, braucht man persönliche Assistenten und Menschen, die bereit sind, etwas mit einem zu unternehmen", sagt sie direkt und unverblümt. „Und es sollte auch jeder Mensch ein Recht darauf haben."

Ihr Blog También bajo el agua entstand aus der Frustration heraus, dass die Gesellschaft Menschen mit anderen Bedürfnissen noch immer ausschließt. Außerdem will sie Möglichkeiten aufzeigen, mit der die Situation für ebenjene Menschen verbessert werden könnte—und erzählt auch einfach gern von ihren Reisen, ihren Tauchausflügen und ihren Eindrücken von einer Welt, die noch nicht bereit ist für Menschen, die andere Bedürfnisse haben als der Rest. Eine Meerjungfrau im Rollstuhl begrüßt die Besucher auf Elenas Blog und führt sie durch die Welt einer gelähmten Taucherin. „Die Leute hören gerne positive Geschichten—Geschichten von Leuten, die ihre Schwierigkeiten überwunden haben. Aber ich muss gar nichts überwinden. Alles, was ich will, ist so zu leben wie jeder andere auch und damit ich das tun kann, müssen wir unseren Horizont erweitern und verstehen, dass meine Bedürfnisse anders sind als die anderer Menschen", sagt sie. Dann bittet sie mich, ihr nochmal ihr Glas zu reichen. Dabei lächelt sie.

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