10 Fragen

10 Fragen an einen Tätowierer, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Ist dir schonmal ein Rechtschreibfehler passiert? Welcher Typ Mensch ist die größte Memme? Was machst du, wenn jemand ein Nazi-Tattoo haben will?

von Rebecca Baden
01 Juni 2017, 1:00am

Alle Fotos: Rebecca Rütten

Tätowierte sind kriminell, essen Kinder und sind schuld am ständigen Regen in Deutschland. Das sehen nicht nur die über 400.000 Menschen so, die die Satire-Seite Tattoofrei auf Facebook abonniert haben – so oder so ähnlich ist auch die Einstellung vieler Eltern, wenn sich ihre Kinder unter die Nadel legen. Oder schlimmer noch: selbst Tätowierer werden. Als Tattoo-Künstler Nick Kater seinen Eltern eröffnete, dass er mal für Geld Bilder unter die Haut fremder Menschen bringen will, schlugen sie ihm vor, sich einen anständigen Job zu suchen.

Der heute 37-Jährige folgte dem Rat, wurde Grafiker und entwarf Flyer und Plattencover für seine Freunde. Das Verlangen nach Schmerz, bunter Haut und dem Summen der Tätowiernadel ließ ihn trotzdem nicht los. Nachdem sein Tätowierer in die USA gezogen war und ihm in vollstem Vertrauen seine Ausrüstung überlassen hatte, legte Nick 2009 mit dem Tätowieren los. Sein erstes Werk stach er seiner damaligen Mitbewohnerin Anna: einen Diamanten auf dem Bein, "der aussieht, wie eine Erdbeere".

Heute sticht der gebürtige Bayer in seinem Berliner Studio "Bläckfisk Tattoo" vor allem im "Traditional Style". Rosen, Totenköpfe und Schiffe bezeichnet er als "geile Klassiker", auch sein eigener Körper ist ein Kunstwerk. Beim Interview zeigt er uns seine chinesischen Zeichen ("Pekingente"), sein Chaoskreuz, das er sich noch in Bayern mit einer Amateur-Maschine selbst gestochen hat, und allerhand Penisse, die Kunden Nicks Mitarbeiter Dick geschenkt haben. Wir haben Fragen.

VICE: Was ist das Schrägste, das du jemals stechen solltest?
Nick Kater: Schräg sind vor allem die Körperstellen, an denen die Kunden sie haben wollen: Ein Kerl wollte, dass ich ihm NBHNC ( Anm. No butt hole, no care) auf seine Rosette tätowiere. Er musste sich auf den Rücken legen und die Beine nach hinten klemmen, damit das Arschloch gespreizt ist und ich die bräunlich-pinke Fläche gut tätowieren kann. Die Idee fand ich ganz witzig. Penisse tätowiere ich im Übrigen auch oft.

Hast du schon mal ein richtig schlechtes Tattoo gestochen, es dir aber nicht anmerken lassen?
Meine ersten Tattoos waren alle noch sehr dilettantisch. Die Leute, die ich tätowiert habe, wussten das aber, und ich habe dafür auch kein Geld genommen.

Einmal kam der Bassist von Muff Potter, ein Freund von mir, mit einem Abziehtattoo seines Bandlogos zu mir und wollte, dass ich ihm das steche. Das Abziehtattoo gab es damals gratis zum Album und ich habe es als Vorlage für die Schablone benutzt. Der Bassist hat sich das Stencil auf seiner Haut angeschaut und für gut befunden. Nachdem das Tattoo fertig war, ist uns aufgefallen, dass es durch das Abziehbild spiegelverkehrt war. Im Nachhinein fanden wir es so lustig, dass es kein Problem war.

Welches ist das hässlichste Tattoo, das du je gestochen hast?
Manchmal sticht man natürlich Motive, die man selber nicht so toll findet. Mir ein Urteil darüber zu erlauben, was meine Kunden gut finden, fände ich aber anmaßend. Wenn ich eine Idee wirklich scheiße finde, lehne ich sie ab. Das in meinen Augen hässlichste Motiv war wahrscheinlich eine Unendlichkeitsschleife mit Datum, die ich bei einem Guestspot gestochen habe. Solche Termine kommen zustande, wenn du in einem fremden Studio arbeitest und der Shopguy dir den Auftrag zuteilt. Da kannst du dann nicht einfach sagen: "Verpiss dich, das mache ich nicht."


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Bist du schon mal beim Stechen ausgerutscht?
Ja, aber zum Glück nie so, dass ich es nicht hätte ändern können. Manchmal hängt das Kabel der Tätowiermaschine an der Liege fest und löst sich genau in dem Moment, in dem ich zu einer langen Linie ansetze. Das ist aber nicht dramatisch: Ich kaschiere sie dann mit einem Schatten oder einem Dorn, wenn es zum Beispiel eine Rose ist. Bei geometrischen Tattoos wie Kreisen oder Dreiecken ist mir das aber zum Glück noch nie passiert.

Ist dir schonmal ein Rechtschreibfehler passiert?
Mir persönlich nicht. Wir haben ein paar nicht-deutsche Mitarbeiter, da hat sich das ein oder andere Mal ein Fehler eingeschlichen. Wir konnten es aber meistens reparieren und wir bitten generell alle Kunden, ihre Schriftzüge und Wörter mehrmals auf ihre Richtigkeit zu überprüfen. Ein Kunde meines Mitarbeiters hat das anscheinend nicht getan, und erst nachdem er weg war, habe ich auf einem Foto gesehen, dass dem Tätowierer ein Syntax-Fehler unterlaufen war. Wir haben den Kerl zwar per Mail kontaktiert – in seiner E-Mail-Adresse war übrigens auch ein Fehler –, er hat sich aber nie gemeldet. Der Fehler wäre leicht zu reparieren gewesen. Aber wahrscheinlich läuft er noch immer mit seinem falschen Tattoo rum.

Wie dumm findest du die Idee, sich den Namen des Partners tätowieren zu lassen?
Wir hatten im Shop schon zwei Mal den Fall, dass ein Dude kommt und sagt: "Meine Freundin will sich meinen Namen tätowieren lassen." Wenn ich merke, dass jemand zu einer solchen Entscheidung gedrängt wird, der Altersunterschied ungewöhnlich groß ist oder das Paar noch nicht lange zusammen ist, tätowiere ich keine Partnertattoos, da habe ich eine gewisse Verantwortung.
Prinzipiell finde ich Namenstattoos aber nicht schlimm. Ich habe selbst ein Tattoo mit dem Namen meiner Noch-Ehefrau. Wir sind zwar getrennt, aber immer noch beste Freunde – das Tattoo ist eine schöne Erinnerung an die gemeinsame Zeit.

Welcher Typ Mensch ist die größte Memme?
Große Männer. Ihre Körper sind nicht für Schmerzen ausgelegt, ihre Haut ist stabiler. Wir hatten einmal diesen Kunden, der unbedingt Symbole auf seinen Penis tätowiert haben wollte und nur freitagnachmittags Zeit hatte. Wir haben ihn gewarnt, dass freitags die meisten Besucher ins Studio kommen und wir keinen separaten Raum haben. Aber er wollte trotzdem kommen und alle Kunden sprachen ihn auf das Tattoo an, als er seinen Penis auspackte: "Krass, du lässt dir den Pimmel tätowieren!" Das hat ihn dann überfordert und er ist ohne Tattoo abgehauen.

Was machst du, wenn jemand reinkommt und sagt, dass er HIV-positiv ist?
Das ist tatsächlich schon zwei, drei Mal vorgekommen. Der jeweilige Tätowierer kann sich aussuchen, ob er den Job machen möchte. Da wir aber die gleichen Hygienevorkehrungen für alle Kunden einhalten und diese optimal sind, ist das eigentlich kein Problem. Wir sind da auch nicht extra vorsichtig. Ich finde nicht, dass HIV-Positive an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden sollen. Es ist natürlich allgemein wichtig, uns über Krankheiten Bescheid zu geben, das ist bei allen Kunden aber so. Dafür haben wir extra einen Fragebogen zu Krankheiten, Allergien und allgemeiner Gesundheit, den wir vor dem Termin austeilen.

Wie oft kotzen dir Leute ins Studio?
Das kommt öfter vor. Viele Leute essen vor dem Termin nichts und kriegen Kreislaufprobleme. Im schlimmsten Fall werden sie erst ohnmächtig und kotzen dann, meistens schaffen wir es aber, ihnen schnell einen Eimer hinzuhalten. Sie kriegen dann Traubenzucker und ein Glas Cola. Das hilft. Einmal hat eine Kundin, die ein kleines Tattoo bekam, den ganzen Laden vollgekotzt, das war richtig unangenehm. Sie hat uns 60 Euro für ihr Tattoo dagelassen und ist gegangen – ohne ihre Hilfe beim Putzen anzubieten oder dem Shopguy, der alles aufgewischt hat, ein Trinkgeld dazulassen.

Was machst du, wenn jemand ein Nazi-Tattoo haben will?
Das ist bisher noch nicht passiert. Ich würde aber wahrscheinlich kreativ werden und zum Beispiel einen Pimmel an seinen Reichsadler tätowieren. Den Spaß würde ich mir nicht nehmen lassen.

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