Politik

Niemand weiß, wie viele Obdachlose in Berlin leben – also hat die Stadt sie gezählt

Die Stadt will herausfinden, wer sie sind – und wie man sie unterstützen kann. Kann die "Nacht der Solidarität" helfen?

von Maria Christoph; Fotos von Eva L. Hoppe
30 Januar 2020, 4:16pm

Manche der Obdachlosen finden die Zählung "dilettantisch", so wie Ralf Axel Simon | Alle Fotos: Eva L. Hoppe

Kurz bevor in dieser kalten Januarnacht die Menschen mit Klemmbrettern und blauen Westen kommen, tanzt sich Bianca im bunten Neonlicht die Füße warm. Balkan Beats wummern aus den Boxen eines umgebauten Feuerwehrwagens in der Nähe der Rummelsburger Bucht in Berlin und Bianca tanzt und tanzt und tanzt mit MC Knicki und DJ Kröte, die auflegen, neben Ingo, 58, der "die Platte" sein Zuhause und die Tanzenden seine Familie nennt. Sie alle sind das, was man obdachlos nennt und doch haben sie in der Rummelsburger Bucht ein Zuhause gefunden. Heute Nacht sollen sie gezählt werden.

Tanzende Obdachlose bei der Nacht der Solidarität
Die Rumänin Bianca tanzt sich im bunten Neonlicht die Füße warm

Knapp 4.000 Freiwillige sind in Berlin ausgeschwärmt, weil keiner weiß, wie viele Menschen in dieser Stadt draußen schlafen, in ihren selbstgebauten Zelten, auf Parkbänken, in Hauseingängen, unter Brücken oder in einer Notunterkunft. Deshalb hat die Stadt die "Nacht der Solidarität" organisiert, um herauszufinden, wer die Menschen sind, woher sie kommen, welches Geschlecht sie haben, welche Sprache sie sprechen, ob sie allein unterwegs sind, mit Kindern oder Hunden.

Die Hauptstadt hat den Überblick verloren. Schätzungen zufolge geht es um 6.000 bis 10.000 Menschen, Tendenz steigend. Mit der Stadt wächst auch die Zahl der Wohnungs- und Obdachlosen.


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Bianca tanzt weiter. Jetzt mit dem wohnungslosen Habib. Der 27-Jährige arbeitet bei der NGO "Karuna", die obdachlose Menschen unterstützt. Heute Nacht bewacht er den Bus, in dem sich gerade ein Zählteam vorbereitet. Es ist die erste Zählung dieser Art in Deutschland und ihr Ziel ist sicher nicht, dass Boulevardzeitungen von einer OBDACHLOSENFLUT warnen. Vorbild der Aktion ist Paris. Dort gab es die erste Zählung schon 2017, die "Nuit de la solidarité". Dank der hatte die Stadt festgestellt, dass es beispielsweise statt zwei Prozent etwa zwölf Prozent obdachlose Frauen gibt. Die Stadt schaufelte Geld frei, schuf direkt neue Plätze in Unterkünften, die Hälfte davon für Frauen, richtete neue Zentren zur Unterbringung als "Orte der Ruhe" ein. Die Bundesregierung hat erst Mitte Januar ein Gesetz zur Einführung einer bundesweiten Erhebung verabschiedet. Habib sagt: "Die Aktion ist das, was man daraus macht. Nur nicht das Lachen vergessen."

Die Feierwehr feiert mit Obdachlosen in Berlin
MC Knicki und DJ Kröte heizen den Obdachlosen musikalisch ein

Also haben die Sozialarbeiter und Sozialarbeiterinnen von "Karuna" aus der Zählung eine kleine Party gemacht, mit Gulaschkanone und Seifenblasen und der Lichtorgel und den Boxen auf einem umgebauten Feuerwehrwagen, erklärt ihr Vorstand Jörg Richert, der selbst nicht zählt. Wenn er spricht, kämpft er mit dem kratzenden Dröhnen aus den Lautsprechern: "Wir kommen mit unserer 'Feierwehr', weil Obdachlosigkeit an sich schon traurig genug ist."

Wenige Stunden vor der Party, auf der gezählt wird (oder der Zählung, vor der gefeiert wird), steht eine Handvoll Polizeiautos vor dem "Zentrum am Zoo", der Berliner Stadtmission. Etwa 30 Medienvertreter sitzen in dicken Jacken auf Pappkartons dicht an dicht vor den fünf Mikrofonen der Rednerinnen und Redner, die zur "Pressekonferenz zur ersten Obdachlosenzählung" eingeladen haben. Dahinter stehen die Kameras regionaler und überregionaler, sogar internationaler Sender nebeneinander aufgereiht. Es gibt Schnittchen, Lachgummi, Schokoriegel und Kaffee.

Ellen Eidt von der Berliner Stadtmission hat die Hände gefaltet, als sie sagt: "Mich erinnert es an die Nacht vor über 2.000 Jahren. Es findet damals eine Volkszählung statt, Steuergelder sollen besser und zielgerichteter eingesetzt werden. Eine junge Frau und ein junger Mann suchen nach Obdach." In der Nacht habe Gott ein Zeichen der Solidarität mit den Menschen gesetzt: Maria und Josef finden schließlich Obdach in einem Stall. 2.000 Jahre später, an diesem verregneten Januarabend, tippen Journalistinnen und Journalisten Eidts Worte fleißig in ihre Laptops, kritzeln auf Notizblöcken. Wenn der Traum vom Recht auf Wohnen für alle in Erfüllung gehe, dann ist Gottes Reich auf Erden, sagt Eidt.

Ein Chor tritt auf, die "Different Voices of Berlin" singen:

"Wenn du weg schaust,

wenn du weg schaust,

wenn du weg schaust,

siehst du nicht, wer ich bin"

Sogar Berlins regierender Bürgermeister Michael Müller kommt unter Begleitschutz an. Er habe leider nur wenige Minuten Zeit, finde es aber wichtig, persönlich ein paar selbstkritische Dinge zur Zählung zu sagen. Zu einem Thema, das nicht so "schick und schön" sei. Bei dem man oft nicht im Blick habe, "dass es um Menschen geht, die das, was wir als Hilfe organisieren wollen, nicht in Anspruch nehmen können: weil sie keine Arbeit haben, keine Wohnung, keine Perspektive." Deswegen müsse man durch Aktionen wie diese auch gemeinsam mit den Obdachlosen darüber sprechen. Von theoretischen Diskussion über sie zu konkretem Handeln mit ihnen übergehen.

Berlins Bürgermeister Michael Müller
Berlins regierender Bürgermeister Michael Müller kommt unter Begleitschutz an

Bisher wirkt die "Nacht der Solidarität" dennoch eher unsolidarisch, als spreche man hier am Bahnhof Zoo, ein paar Meter neben einem der Hotspots für Obdachlose, über eine seltene Tierart, die man nachts zwar aufsuchen, zählen, aber nicht aufschrecken wolle. Die nicht für sich selbst sprechen kann. Bis sich ein Finger hebt.

Ralf Axel Simon, 67, weiße, zerzauste Haare, enges, pinkes Stirnband um den Kopf. "Das ist dilettantisch", sagt er. "Da findet man doch nichts raus, das ist nicht besser als die Fragen beim Einwohnermeldeamt." Wenn aus Sicherheitsbedenken Zählteams nur erleuchtete Straßen ablaufen, aber nicht in Parks oder im Wald zählen, sehe er keinen Sinn darin. Deshalb lädt Simon alle Anwesenden zu einer Kundgebung vor dem Roten Rathaus ein, organisiert von der "Selbstvertretung wohnungsloser und ehemals wohnungsloser Menschen".

Obdachlose fordern: "Statt auszuschwärmen und die Stadt zu durchsuchen, wäre es sinnvoller, einladende Anlaufpunkte zu schaffen"

Unter anderem von Dirk Dymarski, 43, im 20. Jahr wohnungslos. Er glaubt, Aktionen wie die Zählung würden nur Vorurteile gegenüber Obdachlosen weiter festzurren. Weil Leute gezählt werden, die man äußerlich als obdachlos einstuft. Die Nacht hätte anders genutzt werden können: "Statt auszuschwärmen und die Stadt zu durchsuchen, wäre es sinnvoller, einladende Anlaufpunkte zu schaffen, in denen obdachlose Menschen freiwillig ihre Bedürfnisse und Wünsche und Vorstellungen äußern können." So steht es in ihrem Positionspapier.

Im Hintergrund Musik. Ein Chor singt:

"Und wem gehört die Parkbank?

Und wem gehört die Bank?

Und wem gehört der Park,

in dem ich ein Zuhause fand?"

Etwas abseits sitzen Tom, 32, Uwe, 30, und Alex, 22, neben einer Feuerstelle, sie löffeln vegetarischen Eintopf. Alex sagt, manchmal sei ihm so kalt, dass er das Gefühl hat zu verbrennen. Von der Zählaktion haben die Drei in einer Zeitung mitbekommen.

Drei obdachlose Punker bei der Kundgebung am Roten Rathaus
Alex, 22, Tom, 32, und Uwe, 30, glauben nicht, dass die Zählung etwas ändert

Sie stellen sich das seltsam vor:

Uwe: "Wie machen die das? Kriegt man da 'nen Haken oder 'ne Nummer?"

Alex: "'Ne Nummer wär witzig."

Tom: "Solange ich keinen Ausweis zeigen muss, hab ich kein Problem damit. Ich wundere mich nur, warum sie die Leute zählen. Ich erlebe immer nur Räumungen, wie Leuten ihr Wohnzimmer weggenommen wird. Das ist doch nur 'ne symbolische Aktion."

An der Rummelsbucht legen MC Knicki und DJ Kröte seit ein paar Stunden auf, was sich Bianca und die anderen wünschen, gerade läuft Danza Kuduro von Lucenzo und Don Omar. Ingo findet die Musik schrecklich, "aber ich liebe diesen Platz, das ist meine Familie geworden", man hält zusammen, lacht zusammen, "einmal kamen sogar Punks vorbei, als sie die Musik gehört haben", sagt er, "obwohl die sonst gegen alles sind".

Bianca wird sich wohl zählen lassen, auch wenn sie dafür eine Pause vom Tanzen machen muss. Auch Ingo, dem die Musik nicht gefällt, lässt sich von den Teams zählen, er findet das OK. "Aber warum machen die das nachts? Ich schlafe um die Zeit eigentlich. Hier sind viele, die werden nicht erfasst. Die sind ab fünf Uhr am Nachmittag zu, also betrunken, und verstecken sich."

Habib und Ingo sind wohnungs- und obdachlos
Der wohnungslose Habib (links) hilft heute Nacht nur aus, während Ingo gezählt wird

"Karuna"-Chef Richert sagt: "Natürlich wird man sich daran messen lassen müssen, was im Nachgang passiert." Er weiß aus seiner Arbeit, dass es viel helfen könnte, das starre System aufzubrechen, das die Obdachlosenhilfe ist. Man beharrt auf herkömmliche Notunterkünfte, wo es obdachlose Menschen teilweise verboten ist, ihre Hunde mitzubringen. Richert schlägt vor, zum Beispiel mehr "Tiny Houses" zu bauen, damit die Leute nicht auf Parkbänken oder im Zelt schlafen, doch dagegen spreche sich die Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe (BAGW) aktuell aus. "Die Politiker haben zehn Jahre verschlafen", sagt er. Aus der Drogenhilfe wüsste man zum Beispiel, dass es möglich ist, dass aus ehemaligen Konsumierenden gute Mitarbeiter werden. Wenn Obdachlose bei der Obdachlosenhilfe tätig werden sollen, sei das heute noch "ein rotes Tuch". Dabei ist es doch so, sagt Richert: "Die Leute wissen am besten, warum sie obdachlos sind." Ohnehin sei Obdachlosigkeit in Deutschland gleichzeitig mystifiziert und stigmatisiert. Es dürfe nicht nur um Wohnungen, sondern vielmehr um Arbeit gehen. "Die Leute brauchen Perspektiven."

Ingo fürchtet, dass aus der Zählaktion nichts folgen wird. Vielleicht nicht einmal spezielle Hilfsangebote wie in Paris. Viele obdachlose Menschen in Berlin, sagt er, hätten den Glauben an die Stadt ohnehin schon verloren.

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