Die Pandemie zeigt: Wir müssen unsere eigenen Nahrungsmittel anbauen

Die Angst vor einer Lebensmittelknappheit macht viele Menschen zu Hobbyfarmern. Keine schlechte Idee, auch langfristig.

von Pallavi Pundir
23 April 2020, 4:00am

Symbolfoto: Benjamin Combs / Unsplash 

Diipti Jhangiani hat gepflanzt: Tomaten, Karotten, Okraschoten, Spinatblätter, Papayas, Bittergurken. Rund 150 Quadratmeter groß ist die Freifläche in ihrem Wohnhaus, ein Apartmentkomplex mitten in der indischen Metropole Mumbai. Die 34-jährige gräbt schließlich etwas frische Gelbwurzel aus. "Während Krisen wie der Corona-Pandemie wird es armen Menschen immer an Nahrungsmitteln fehlen", sagt sie.

Das Coronavirus sorgt überall auf der Welt für Ausgangsbeschränkungen. Auch in Indien. Viele Leute haben deshalb Angst vor einer Nahrungsmittelknappheit. In jedem Land mit Ausgangssperren zur Eindämmung des Virus kam es zu Panik- und Hamsterkäufen. Das Ergebnis: leere Supermarktregale und viele Leute, die kaum mehr etwas zu essen hatten. Und das, obwohl es laut einigen Berichten keinen großen Grund zur Sorge um die globalen Nahrungsmittelvorräte gebe.

Jhangiani, die das Landwirtschafts-Start-up Edible Gardens gegründet hat, will trotzdem vorsorgen. Sie meint, die Corona-Krise habe durchaus Folgen: "Selbst bei denen, die sich alles leisten können, wird es knapp werden. In den Läden hier gibt es schon keine Gelbwurzel mehr. Ich habe zum Glück selbst was angebaut, darauf greifen wir jetzt zurück. Ist sowieso viel frischer."

Vor ein paar Jahren fing Jhangiani an, brach liegende öffentliche Plätze in Community-Gärten zu verwandeln. Damals bezeichneten die Leute Jhangianis Projekt noch als albernes Gärtnerhobby. "Jetzt freue ich mich umso mehr darüber, dass die Leute überlegen, ihre eigenen Nahrungsmittel anzubauen und ihren Abfall selbst zu recyceln", sagt sie. "Wie groß das Interesse an der urbanen Landwirtschaft wirklich ist, wird sich erst zeigen, wenn der Lockdown vorbei ist. Dann werden wir sehen, ob sich die Leute tatsächlich ändern wollen. Aber es ist schon mal gut, endlich über dieses Thema zu reden."

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Diipti Jhangiani in ihrem Community-Garten in Mumbai | Foto: Diipti Jhangiani

Überall auf der Welt hat uns das Coronavirus gezeigt, wo unsere Schwächen liegen – egal ob versagende Gesundheitssysteme, unsere fragile psychische Gesundheit, die angeschlagene Wirtschaft oder die wachsende Schere zwischen Arm und Reich. Und auch die Angst vor einer Nahrungsmittelknappheit.

Noch einmal: Derzeit gibt es genug für alle. Doch die Angst löst eine Kettenreaktion aus, die zu tatsächlicher Knappheit führen könnte: Die gefühlte Nahrungsmittelknappheit und die Angst vor überhöhten Preisen deuten zusammen mit Störungen in den Lieferketten darauf hin, dass wir uns auf einen Zusammenbruch zubewegen könnten. Diese Entwicklung hat sogar schon globale Organisationen wie die WHO oder die UN zu der Einschätzung kommen lassen, dass es auf der ganzen Welt zu Nahrungsmittelknappheit kommen könnte. "Unsicherheiten bei der Verfügbarkeit von Nahrungsmitteln können eine Welle an Exportbeschränkungen auslösen, was zu einer Knappheit auf dem globalen Markt führt", heißt es in einem gemeinsamen Statement der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO), der Weltgesundheitsorganisation und der Welthandelsorganisation.

Nahrungsmittelknappheit ist ein Problem, das alle betrifft

In Entwicklungsländern besteht derzeit tatsächlich das Risiko von Hungersnöten und Hungerrevolten. Dominique Burgeon, der Director of Emergencies in der FAO, sagte sogar, dass reiche Menschen die durch die Pandemie gepushte Nahrungsmittelknappheit nicht als Problem der unteren Gesellschaftsschichten abtun sollten. "Wenn die Nahrungsmittelknappheit zuschlägt, dann wird man die Folgen überall auf der Welt spüren", so Burgeon. In vielen ländlichen Gegenden haben Landwirte schon viele Verluste hinnehmen müssen, weil sie durch die Ausgangssperren nicht mehr auf ihre Felder können. Dazu trieben die fehlenden Arbeitskräfte die Kosten nach oben und die Nachfrage nach unten.

In Indien machen Wanderarbeitende 37 Prozent der Bevölkerung aus. Diese Menschen sind auf ihren täglichen Arbeitslohn angewiesen, finden wegen der derzeitigen Ausgangssperre aber keine Jobs mehr und kehren deswegen in ihre Heimat zurück. Dazu kommt, dass eine eventuelle Nahrungsmittelknappheit zu Gewalt und Unruhen führen könnte. "Das ist eine komplett neue Situation, die sich nur schwer einschätzen lässt", sagt Abdolreza Abbasian, ein führender Wirtschaftler der FAO. "Diese Ungewissheit ist derzeit die größte Gefahr."

In solch ungewissen Zeiten werden Konzepte wie der eigene Anbau von Obst und Gemüse immer beliebter. Jhangiani gehört schon lange zu den vielen Befürworterinnen der Selbstversorgung. Die derzeitige Pandemie hat ihren Lebensstil quasi kaum verändert. "Bei uns hat es damit angefangen, den eigenen Müll zu verarbeiten. Als nächstes begannen wir damit, unsere eigenen Nahrungsmittel anzubauen. In Großstädten gibt es so viel Potenzial für solche urbanen Farmen", sagt sie. "Für so etwas braucht man nicht mal viel Platz. Ich habe zum Beispiel gerade Sapote und Maulbeeren in Containern angepflanzt! Es kommt ganz auf die Technik an." Auch kleine Küchengärten erfreuen sich gerade großer Beliebtheit.

Urbane Landwirtschaft ist leichter als viele denken

Im Internet lassen sich unzählige DIY-Anleitungen finden, mit denen die Leute die Inhalte ihrer Vorratskammern leicht selbst produzieren können. "Man muss sich nur ein wenig umschauen, um Orte zu finden, an denen man Nahrungsmittel anbauen kann: Wiesen, Grünstreifen, Community-Gärten, die Enden von Einbahnstraßen, die gemeinsam genutzten Bereiche in Wohnanlagen – all das funktioniert", schreibt Palisa Anderson, eine Restaurateurin und Farmerin aus Australien. Die Los Angeles Times-Autorin Jeanette Marantos fügt hinzu: "In den Tafeln ist die Nachfrage schon auf das Doppelte angestiegen. Wer jetzt Nahrungsmittel selbst anbaut, hilft sich und anderen Menschen, die ungewisse Zeit vor uns zu überstehen."

Die Diskussion rund um das Thema Selbstversorgung wird schon seit einer Weile geführt. Aber durch das Coronavirus und die Ausgangssperren sehen viele Menschen den Eigenanbau jetzt als Notwendigkeit an. "Mehr Leute machen sich Gedanken darüber, wo ihre Nahrungsmittel herkommen, wie schnell das ganze System zusammenbrechen kann, und was man gegen solche Zusammenbrüche tun kann", sagte der Landschaftsarchitekt Kotchakorn Voraakhom, der die größte Urban-Rooftop-Farm Asiens in Bangkok entworfen hat, gegenüber der Thomson Reuters Foundation. "Menschen, Städteplaner und Regierungen sollten alle überdenken, wie wir den Platz in unseren Städten nutzen. Urbane Landwirtschaft verbessert die Nahrungsmittelsicherheit und die allgemeine Ernährungsweise; sie hilft gegen den Klimawandel und verringert Stress."

Dieser Trend wird umso interessanter, wenn man bedenkt, dass laut einer Schätzung der UN bis zum Jahr 2050 zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben werden. In vielen Ländern bringen Selbstversorgungsansätze wie Permakulturen, Hydrokulturen oder urbane Landwirtschaft viele Vorteile: chemiefreie Nahrungsmittel, ein beständiges "Farm to table"-Konzept, eine verbesserte psychische Gesundheit sowie hübsche Balkone und Gärten. Und in Ländern wie Singapur, wo ein Großteil der Nahrungsmittel importiert werden muss, stellt urbane Landwirtschaft zur Selbstversorgung einen noch wichtigeren Ausweg aus einer drohenden Nahrungsmittelknappheit dar.

Der Schritt vom Trend zur etablierten Lebensweise

Einige Experten glauben, dass die Pandemie einige der Trends wahrscheinlich fest etablieren könnte. "Jetzt ist es wichtiger denn je, sich auf ein lokales System für die Versorgung mit Nahrungsmitteln zu konzentrieren. Selbst anzubauen ist der beste Weg, um immer Zugang zu Obst und Gemüse zu haben", sagt Anusha Murthy von Edible Issues, einer Plattform, die zur Diskussion über nachhaltige Nahrungsmittelsysteme anregen will. "Urbane Gärten können eine wunderbare Lösung für die Menschen sein, die Zugang zu so etwas haben. Ein Community-basierter Ansatz wäre ebenfalls eine smarte Lösung. Der Wunsch nach Selbstversorgung in Sachen Essen ist ein wichtiger erster Schritt."

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Anusha Murthy (rechts) leitet Edible Issues zusammen mit der Mitgründerin Elizabeth Yorke

Jhangiani sagt dazu, dass in Großstädten zwar immer eine gewisse Abhängigkeit von Läden bestehe – etwa bei Dingen wie Getreide oder Öl. Trotzdem könne man auch bei anderen Alltagsgegenständen den DIY-Ansatz wählen. Als Beispiele nennt sie Waschmittel, Reinigungslösungen oder Zahnpasta.

Die Pandemie als Schritt zurück zu den Basics

Ebenfalls interessant: Die Pandemie hat in nur wenigen Wochen das geschafft, was Klimaaktivisten seit Jahren versuchen: eine Diskussion zum Thema Selbstversorgung anzuregen. Das liegt womöglich daran, dass wir uns unserer eigenen Verwundbarkeit bewusster sind denn je und deshalb über Maßnahmen nachdenken, die unsere Angst vor einer ungewissen Zukunft beseitigen. In den USA sind die Google-Suchen nach "Home Farming" im vergangenen Monat um 50 Prozent nach oben gegangen, die nach "How to raise chickens" gar um 75 Prozent. "Nahrungsmittelsicherheit und Nachhaltigkeit sind gerade ganz heiße Themen", sagte Phyllis Davis, die Vorsitzende des Unternehmens Portable Farms Aquaponics Systems, gegenüber der New York Times.

In Indien beobachtet Murthy, dass die Pandemie die Stadtbevölkerung gezwungen hat, sich mit der lokalen Lebensmittelproduktion auseinanderzusetzen. "Die Ressourcen zum Kochen sind eingeschränkt und Menschen greifen wieder auf traditionelle Rezepte zurück. Sie kochen mit Zutaten, die sie normalerweise nicht verwenden würden", sagt sie. "Andere improvisieren mit dem, was sie haben." Das könnte auch die ganzen Back- und Kochvideos auf Social Media erklären. Außerdem, sagt Murthy, habe die Pandemie mehr Männer in die Küchen getrieben.

Kleinbauern könnten von der Pandemie sogar profitieren. Sie sind immer noch der größte Nahrungsmittellieferant für die 1,3 Milliarden Inderinnen und Inder. Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie gehen an ihnen wahrscheinlich vorüber und der Schwenk hin zu lokal produzierter Nahrung könnte manchen potenziell zugutekommen. "Vom Feld auf den Tisch ist in Indien Tradition und keine Hipster-Mode", schreibt Journalist und Autor Samrat in seiner Kolumne für die Nachrichtenseite Firstpost. "Das hilft vielleicht auch dabei, die Gesellschaft und Wirtschaft gegen die Launen der Globalisierung widerstandsfähig zu machen. Die aktuelle Pandemie ist ein Beispiel dafür."

Die Welt steht gerade vor riesigen Problemen und die Folgen sind noch nicht abzusehen. Aber vielleicht hilft es, sich daran zu erinnern, dass wir mit jeder Krise auch etwas lernen. Und dieses Mal spielt sich dieser Prozess auch in der Küche ab.

VICE berichtet auch in Zukunft weiter über die globale Klimakrise. Hier findest du alle unsere Artikel zum Earth Day 2020 und hier noch mehr zum Thema Klimawandel.

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