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"Angriff auf die Psyche": Leena berät Frauen, die digital von ihrem Ex gestalkt werden

Jeder kann zum Stalking-Opfer werden, weiß Deutschlands einzige IT-Beraterin für digitale Gewalt. Warum man dem Partner niemals sein Passwort geben sollte.

von Sebastian Meineck
28 Mai 2020, 2:00am

Foto: Alexander Altmann | mit freundlicher Genehmigung || Smartphone: imago images | photothek | Bearbeitung: VICE 

Es kostet nur 150 Euro, das Smartphone eines Menschen total zu überwachen. Dafür muss man auch nicht beim Geheimdienst arbeiten. Die Überwachungs-Software lässt sich so einfach kaufen wie eine Bohrmaschine bei eBay. Mehr als tausend Deutsche haben etwa eine Spionagesoftware namens Flexispy genutzt, wie VICE-Recherchen aus dem Jahr 2017 zeigten. Die Software durchleuchtet das Handy komplett: Standort, Chatnachrichten, Mikrofon. Das Ziel: Partnerinnen und Partner.

Dabei braucht es nicht mal Spyware, um Menschen digital zu stalken. Viele Paare machen kein Geheimnis aus ihren Passwörtern – nach einer Trennung kann sich das rächen. Aber würde ein Ex-Partner so etwas wirklich tun? Den E-Mail-Account ausschnüffeln, den Google-Suchverlauf checken, Chatnachrichten mitlesen? Er würde.

Das weiß Leena Simon, die bereits eine Menge Frauen beraten hat, die auf digitalem Weg gestalkt wurden. Nicht alle Ex-Partner werden zum Stalker – aber manche. Leena Simon berät in Berlin Klientinnen für das Anti-Stalking-Projekt im Frieda-Beratungszentrum für Frauen. Während sich Simon gezielt um Fragen der IT-Sicherheit kümmert, geben ihre Kolleginnen psychosoziale Beratung. Im Interview erzählt Simon, wie sie Betroffenen von Stalking dabei hilft, die Kontrolle wieder zu erlangen und was Menschen tun können, um sich besser abzusichern.

VICE: Wie viele Männer spionieren ihre Ex-Partnerinnen aus?
Leena Simon: Ich weiß nur, was ich als Beraterin von dem Problem mitbekomme. Im ersten Jahr meiner Beratung, 2018, hatten meine Kolleginnen und ich rund 50 Klientinnen. Im Jahr darauf waren es schon fast 100. Meine Klientinnen bemerken zum Beispiel, dass der Ex-Freund ihre E-Mails mitliest, oder dass nach der Trennung irgendetwas mit ihrem Smartphone nicht stimmt. Viele Paare verraten sich während der Beziehung ihre Passwörter, weil sie sich nicht bewusst sind, wie problematisch das ist. Nach der Trennung kann das aber große Probleme verursachen. Beispielsweise mit dem Google-Passwort hat der Ex-Partner schon von überall Zugriff auf das Android-Handy, mit der Apple-ID auf das iPhone. Viele wissen das nicht.

Und wenn man seine Bildergalerie mit iCloud synchronisiert, sieht der Ex-Partner auch noch alle Smartphone-Fotos. Was kann diese Form von Stalking bei Menschen anrichten?
Stalking ist ein Angriff auf die Psyche. Das Schlimmste ist die Ungewissheit. Meine Klientinnen ahnen, dass der Ex-Partner sie digital verfolgt. Ihnen fällt auf, dass er zu viel über sie weiß. Aber sie wissen nicht genau, was das ist. Das ist ein Kontrollverlust.

"Oft glaubt das Umfeld nicht, dass der Ex-Partner so etwas tut. Das macht alles noch schlimmer."

Wie äußert sich der Kontrollverlust?
Manche Klientinnen wissen nicht, ob sie ihrer Wahrnehmung noch trauen können. Kann der Ex ihre E-Mails lesen? Ist er in ihrem Smartphone "drin", also: Hat er ihr Smartphone mit Spyware infiziert? Da kann schnell das Gefühl entstehen, der Bedroher sei allmächtig. Viele Klientinnen erzählen, sie hätten Angst, paranoid zu werden. Oft glaubt ihnen das Umfeld nicht, dass der Ex-Partner so etwas tut. Das macht alles noch schlimmer.

Wenn man dir zuhört klingt das, als wäre potenziell jeder Ex-Partner gefährlich.
Viele Männer glauben, einen Anspruch auf die Frau zu haben, selbst nach der Trennung. Oft zeigt sich erst nach der Trennung das wahre Gesicht des Partners. Gleichzeitig wird uns Frauen wird immer wieder erzählt, dass wir uns nicht mit Technik auskennen. Auch ich wurde in meiner Schulzeit aktiv davon abgehalten, den Informatik-Unterricht zu besuchen, obwohl ich das gerne wollte. Da saßen damals nur Jungs drin. Das ist ein strukturelles Problem. Man kann Frauen deshalb nicht vorwerfen, dass sie das Einrichten der Geräte ihren Männern überlassen.

Mein Mann kennt meine Passwörter nicht. Auch wenn wir eine sehr glückliche Ehe führen. Wir sehen das als Ausdruck des Vertrauens. Wir wollen, dass es zwischen uns niemals die Situation geben kann, dass einer den anderen verdächtigt, ein Passwort benutzt zu haben.

Wie hilfst du Frauen, die digitale Gewalt erleben?
Wir machen einen Termin aus, dafür nehme ich mir in der Regel zwei Stunden Zeit. Während der Corona-Pandemie ist natürlich alles anders, da arbeiten wir noch an einer Lösung.

Die wichtigste Frage bei der Beratung ist: Wie kriegen wir die Klientin in eine Situation, in der sie gut leben kann? Manche Klientinnen brauchen Beweise, weil sie juristisch gegen den Bedroher vorgehen wollen. In diesem Fall möchten sie eine mögliche Spyware mitunter sogar auf dem Gerät behalten, um das als Beweis zu nutzen. Andere möchten ihre Geräte einfach nur sicher machen. Dann sprechen wir zum Beispiel über Account- und Passwortsicherheit.

Ich gebe den Klientinnen aber nicht einfach nur eine Schritt-für-Schritt-Anleitung. Sie lernen in der Beratung auch, wie sie in Zukunft selbstständig ihre Geräte absichern können.

Lässt sich jeder digitale Stalking-Angriff abwehren?
Nein. Hundertprozentige Sicherheit gibt es nie. Aber es gibt immer einen Punkt, ab dem man sagt: Mehr Aufwand ist es jetzt nicht mehr wert, um mein Risiko weiter zu minimieren. Diesen Punkt lote ich mit meinen Klientinnen aus.

Die technische Seite ist auch nicht alles. Ich rate vielen Klientinnen, sich auch psychosoziale Betreuung zu holen. Das übernehmen dann meine Kolleginnen. Manche Klientinnen sagen mir: Na ja, braucht nicht eigentlich der Bedroher psychologische Betreuung? Schließlich hat der doch 'nen Knall! Ich sage dann: Ja, aber Stalking greift die Psyche an. Und damit dieser Angriff nicht gelingt, rate ich dazu, sich selbst Hilfe zu holen.

"Jede Altersgruppe und jedes soziale Milieu sind von Stalking betroffen"

Zuerst wird man gestalkt und dann muss man sich auch noch selbstständig um Beratung kümmern. Ist das legitim, so viel von einer Betroffenen zu verlangen?
Ganz klar: Die Betroffenen sind nicht schuld daran, dass ihnen das passiert. Die Schuld trägt allein der Bedroher. Um wieder gut leben zu können, kann es aber manchmal der allerletzte Ausweg sein, das eigene Verhalten zu ändern.

Oft dreht sich bei den Klientinnen alles um die Welt des Bedrohers. Warum macht er das? Was kann ich tun, damit er aufhört?

Das Ziel der Beratung ist, den Fokus zu ändern, dem Bedroher die Aufmerksamkeit zu entziehen und die Kontrolle in die Hand der Klientin zu geben. Ich frage mich: Was braucht die Klientin, damit sie ihr Leben wieder richtig leben kann? Wenn du merkst, den Bedroher kannst du zwar nicht verändern, aber dich selbst, dann wirkt das stärkend und unterstützend.

Wie kann ich mich als Stalking-Betroffene selbst verändern?
Nehmen wir mal ein Beispiel: Du bist auf bestimmte Social-Media-Kanäle beruflich angewiesen. Du kannst dort keine Pause einlegen. Aber du wirst dort gestalkt. Dann ist es vielleicht möglich, in den "Celebrity"-Mode zu schalten: Du betrachtest das soziale Medium dann nicht mehr als deinen privaten Kanal, sondern rein beruflich. Und wenn dann ein Typ, irgendein kleines Licht, kommt und dich angreift, sagst du dir: Das zeigt nur, wie fame ich bin. Leider ist es nicht immer möglich, das Geschehene in dieser Weise positiv umzuinterpretieren.

Wie ändert sich das Leben deiner Klientinnen, nachdem du ihnen geholfen hast?
Im besten Fall haben wir den Bedroher aus ihrem Leben gekickt. Das dauert oft einige Zeit. Für die meisten ist es aber schon eine große Erleichterung, dass ihnen jemand zuhört und vor allem glaubt. Wenn meine Klientinnen merken, sie müssen mich nicht davon überzeugen, dass ihre Befürchtungen wahr sind, dann merke ich, wie ihnen der Stein vom Herzen plumpst.

Was mache ich, wenn jemand meine Nacktbilder verbreitet? Wie wehre ich mich juristisch gegen Beleidigungen im Netz? Hier findest du alle unsere Recherchen über digitale Gewalt.

Wie finden Menschen den Weg zu dir?
Viele Frauen haben es sehr schwer, Beratungsangebote für digitale Gewalt zu finden. IT-Sicherheitsberatung gibt es eigentlich nur für Firmen. Aber IT-Sicherheit für Privatpersonen, die gezielt angegriffen werden? Tja. Es kamen schon Klientinnen extra aus Süddeutschland zu uns nach Berlin gefahren. Soweit ich weiß, bin ich die einzige IT-Beraterin für digitale Gewalt in Deutschland. Ich warte die ganze Zeit darauf, dass sich mal jemand anderes meldet und ruft: Halt Stopp, du bist doch nicht die einzige! Aber das ist noch nicht passiert.

Wie kann das sein, dass du die einzige IT-Beraterin für digitale Gewalt in Deutschland bist?
Das Problem ist politisch nicht auf dem Schirm. Jede Altersgruppe und jedes soziale Milieu sind von Stalking betroffen, es kann alle treffen, die ein Handy und eine Beziehung haben. Trotzdem werden Fälle von digitaler Gewalt nicht statistisch erfasst. Das zeigt die Antwort der Bundesregierung auf eine Kleine Anfrage der Linksfraktion im Jahr 2018. Fälle von digitaler Gewalt werden unter anderen Delikten subsumiert, und schon weiß keiner, wie groß das Problem eigentlich ist. Es fehlt das Problembewusstsein, und es fehlen Fortbildungsangebote. Unterstützungsangebote für Frauen müssen sich an strenge Honorarvereinbarungen halten. Die Budgets sind meist viel zu klein, um IT-Kompetenz einzukaufen.


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Wie hast du es trotz allem geschafft, IT-Beraterin für digitale Gewalt zu werden?
Das Anti-Stalking-Projekt in Berlin hat fünf Jahre lang dafür gekämpft, dass das Thema politisch ernst genommen wird und dass dafür eine extra Stelle entsteht. Es ist ein Prestigeprojekt. Die Arbeit bringt das zusammen, was mir wichtig ist: Feminismus und digitale Selbstverteidigung. Ich will Menschen beibringen, sich selbst vor digitaler Überwachung zu schützen. Deswegen bin ich auch im Verein Digitalcourage aktiv.

Welche Hilfe bietet die Polizei bei Cyberstalking?
Wir arbeiten auch mit der Polizei zusammen. Leider gibt es da auch Personen, die sich nicht mit digitaler Gewalt auskennen. Viele unserer Klientinnen schildern, dass sie von der Polizei zwar eine freundliche, aber weitestgehend hilflose Reaktion bekommen haben. Andere schildern, dass sie nicht ernst genommen wurden.

Das Problem ist häufig, dass die Klientinnen eben nicht genau wissen, was mit ihrem Gerät nicht stimmt. Die Polizei braucht aber einen Anfangsverdacht, bevor eine Untersuchung des Geräts in Frage kommt. Computer-forensische Analysen sind sehr aufwendig und sehr teuer. Und häufig ist es dann ja doch keine versteckte Spyware, die man aufspüren könnte, sondern der Bedroher kennt die Passwörter.

Bräuchte jedes Frauenhaus und jede Hilfsstelle eine eigene IT-Beraterin?
Das wäre schön. Mir würde es aber schon reichen, wenn jedes Hilfsprojekt eine feste Ansprechpartnerin für IT-Fragen hätte. Die müsste auch gar nicht im eigenen Haus sitzen: Meine Idee ist, dass fünf Projekte sich eine Administratorin teilen.

Was mache ich eigentlich, wenn ich als Mann zum Ziel von digitaler Gewalt werde?
Wir beraten nur Frauen, also alle Menschen, die sich als Frauen definieren. Wir wissen, dass auch nicht-binäre und inter Personen von digitaler Gewalt betroffen sind und Unterstützung benötigen. Wir sind noch in Gesprächen darüber, für welche Zielgruppen wir Angebote machen. Für Männer gibt es andere Angebote – übrigens auch für Stalker, die damit aufhören wollen. Zum Beispiel Stop Stalking in Berlin.

Was findest du gefährlicher: Die Massenüberwachung durch Konzerne und Staaten oder die gezielte Überwachung durch Privatpersonen?
Puh! Individuell betrachtet ist es natürlich schlimmer, wenn ich von einer einzelnen Person direkt angegriffen werde. Für die gesamte Gesellschaft finde ich aber die Massenüberwachung schlimmer. Sie untergräbt unser freiheitlich-demokratisches System, und das ist besonders für Frauen ultra gefährlich.

Frauen, die häusliche oder sexualisierte Gewalt erlebt haben, oder gegen ihren Willen zu Handlungen gezwungen wurden, wird in Deutschland unter der Nummer 08000 11 60 16 Hilfe angeboten. In Österreich kannst du dich an die Frauenhelpline gegen Gewalt wenden: 0800 222 555. In der Schweiz bekommen betroffene Frauen bei der Beratungsstelle für Frauen und unter deren Nummer 044 278 99 99 Hilfe.

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