Sex

Sex und Corona: So arbeitet eine Prostituierte während der Pandemie

"Vom Staat kriegst du nichts. Die Pandemie macht deutlich, dass wir alle gefickt sind."
10.2.21
Eine Frau in Unterwäsche und ein auf einer Couch; Sex und Corona: Eine Sexarbeiterin erzählt von ihrem Leben während der Pandemie
Irina Le Fey | Foto mit freundlicher Genehmigung der Interviewten

Wir feiern Geburtstagspartys über Zoom oder trinken einen Kaffee auf Abstand im Regen. Menschliche Nähe gehört seit Corona nicht mehr zu unserer Tagesordnung, aber irgendwie passen wir uns an. Doch wie geht es einer Branche, bei der körperliche Nähe im Zentrum steht? Wie passt sie sich an? 

Sexarbeitende haben ein schwieriges Jahr hinter sich. Die Regelungen waren von Bundesland zu Bundesland verschieden. Während in Berlin die Bordelle im September und Oktober kurzzeitig öffnen durften, war das in den Bundesländern Hessen und Mecklenburg-Vorpommern seit März 2020 durchgehend untersagt.

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Irina Le Fey arbeitet schon seit 2014 in der Sexbranche. Über die Jahre hat sie das Geschäft von allen Seiten kennengelernt. Angefangen hat sie als Stripperin im Bahnhofsviertel in Frankfurt. Seit einigen Jahren arbeitet sie nun als Escort im höheren Preissegment und betreibt eine kleine Escort-Vermittlung. Nebenbei studiert sie Soziologie und Gender Studies. Mit einer Website unterstützt sie Menschen, die mit Sexarbeit anfangen wollen.

Sie sieht in der Coronakrise eine Chance für Sexarbeitende, sich zu organisieren. Wir haben sie gefragt, wie die Zukunft der Sexarbeit aussehen könnte.

VICE: Wird seit Corona anders über das Thema Sexarbeit gesprochen?
Irina La Fey:
Gesellschaftlich war die Pandemie für vieles ein Katalysator. Dinge wurden deutlich. Genau so verhält es sich auch beim Umgang mit der Sexarbeit. Es war vorher schon scheiße. Die Ignoranz der Politik, diesem Bereich auf Augenhöhe zu begegnen, ist nun noch verstärkt. Mit meiner Escort-Vermittlung durfte ich zu keiner Zeit in der Coronakrise aufmachen. In Hessen sind sexuelle Dienstleistungen nicht explizit verboten, aber alle Betriebe müssen geschlossen sein. Theoretisch können hier auch alle Frauen arbeiten, ich darf aber nicht vermitteln. So fallen für die Frauen meiner Vermittlung die Screeningmöglichkeiten weg. Davor habe ich für die Sexarbeiterinnen die Kunden überprüft und das Date geplant. Jetzt sind alle auf sich alleine gestellt. Das kann viele Frauen in gefährliche Situationen bringen. 

Es wird nicht direkt mit der Branche kommuniziert. Es scheint fast so, als hätte die Politik sich eine Fernsehserie über Prostitution angeschaut und darauf ihre Meinung gebildet. Der Straßenstrich wird sowieso immer stattfinden. Er wird jetzt nur gefährlicher und schwerer rückverfolgbar. Die Frauen werden in die Illegalität getrieben. 


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Welche Erfahrungen konntest du im ersten Lockdown sammeln?
Im ersten Lockdown hat es lange gedauert, bis ich realisiert habe, dass das gerade unsere Realität ist. Ich war ein bisschen ziellos. Weil ich ein sparsamer Mensch bin und in einer WG wohne, hatte ich nicht so einen Druck. Ich wusste, wenn der Lockdown zwei Monate dauert, kann ich das irgendwie packen. Ich habe dann mit Online-Angeboten angefangen, aber gemerkt, dass mir das nicht so Spaß macht. Im zweiten Lockdown mache ich neben meiner Bachelorarbeit Skype-Dates mit meinen Stammkunden. Ich habe sowieso immer sehr viel Kontakt mit meinen Kunden. Wir schreiben E-Mails oder WhatsApp-Nachrichten. Ich bereite so schon die Zeit nach dem Lockdown vor, damit sie sich freuen, mich zu treffen. 

Was muss die Regierung besser machen?
Politiker müssen auf die Erotikbranche zugehen, sich mit ihr hinsetzen. Ein Bordellbetreiber kann wahrscheinlich am besten sagen, wie man ein Hygienekonzept in Bordellen umsetzt. Ich würde mir wünschen, dass sich Politiker mit dem Berufsverband in Verbindung setzen. So könnten wir diskutieren, wie man was umsetzen kann. Stattdessen wird aber immer so getan, als würden wir nicht wissen, was in der Branche abgeht. Immer muss das ein Experte von außen anhand wahlloser Kriterien festlegen. Die Erotikindustrie zahlt auch hohe Steuergelder in Deutschland. So zu tun, als würde diese Branche nicht zur Gesellschaft gehören, als könnte man sie wegignorieren, verschlimmert die Situation. 

Meinst du, dass das nordische Modell, das Sexarbeit indirekt kriminalisiert, durch die Coronakrise Aufschwung kriegen wird?
Ich kann schlecht sagen, ob es einen Aufschwung erlebt. Aber viele Sexarbeitende haben wegen Corona angefangen, sich zu engagieren. Die Probleme sind gerade für alle bemerkbarer geworden. Wir alle haben Bedenken, was das nordische Modell angeht. Es wäre ein Rückschritt. Das nordische Modell würde uns Arbeitsplätze, die Sicherheit und die Möglichkeit nehmen, zusammenzuarbeiten.

Das nordische Modell spricht euch Sexarbeitenden die Selbstbestimmung ab?
Genau. Das fängt ja schon beim Prostituiertenschutzgesetz an. Ich muss dafür bezahlen, dass mir jemand sagt, dass ich Kondome verwenden soll. In Deutschland geht man ja auch davon aus, dass sich eine Frau denkt, wenn sie über Abtreibungen liest: "Geil, Abtreibung, will ich auch unbedingt machen." Es ist immer noch gesellschaftlicher Konsens, dass Frauen unterschwellig die Zurechnungsfähigkeit abgesprochen wird. Mit den Geschlechterstereotypen hängt viel zusammen. Die Stigmatisierung der Sexarbeit kommt auch daher, dass in der Branche die Geschlechterverhältnisse reproduziert werden. Es ist ja meist eine weibliche Sexarbeiterin und ein männlicher Kunde. 

Wie kann Sexarbeit entstigmatisiert werden?
Wenn jemand abwertend über Prostitution oder Sexarbeiter spricht, soll man die Leute korrigieren. Man soll ihnen bewusst machen, dass so Stigmata reproduziert werden. Außerdem würde es auch helfen, wenn es einen offeneren Umgang geben würde. Viele Männer geben nicht zu, dass sie bei einer Sexarbeiterin waren, weil der Kunde auch dem Stigma unterliegt, unansehnlich, hässlich und frauenverachtend zu sein. Deshalb halten das viele Männer geheim. Durch dieses Geheimhalten bleibt es jedoch etwas Schmutziges. Deshalb versuche ich, mich komplett frei zu äußern. Ich erzähle wirklich allen, dass ich Sexarbeiterin bin. Ich verwende dabei bewusst auch Wörter wie Prostituierte oder Hure. Weil Escorts gesellschaftlich etwas mehr Ansehen genießen als andere Zweige der Sexarbeit, haben sich manche Escorts vor der Coronakrise nicht politisch engagiert. Sie haben sich gar nicht richtig zur Prostitution gezählt. Wenn ich mich auf einer Demo hinstelle und fordere "Öffnet die Bordelle", bin ich plötzlich auch Prostituierte. Deshalb hoffe ich auf die Coronakrise. Egal, ob du Escort bist oder auf dem Straßenstrich arbeitest: Vom Staat kriegst du nichts. Die Pandemie macht deutlich, dass wir alle gefickt werden – oder eben genau nicht.

Was wünscht du dir für die Zukunft der Sexarbeit in Deutschland?
Ich möchte, dass die Diversität der Branche sichtbar wird und wir gesellschaftlich akzeptiert werden. Die Politik soll Sexarbeit nicht nur dulden, sondern sie als gleichberechtigten Teil der Gesellschaft anerkennen. Das würde viele Frauen, die Probleme bei der Arbeit haben, dazu bewegen, damit an die Öffentlichkeit zu gehen.

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