Popkultur

Schwul, pazifistisch und kokainabhängig: Ein Comic über Bayerns letzten König

Miguel Robitzky hat einen Comic über König Ludwig II gezeichnet und erzählt dessen wilde Geschichte aus der Perspektive seines Lieblingspferds.
20.7.21
Autor Miguel Robitzky vor einem Bild von Ludwig II aus seiner Graphic Novel Mein Leben unter Ludwig II. Memoiren eines Leibreitpferdes
Foto: Joel de Lafuente Torres

Ein Comic über das Pferd eines Königs? In Mein Leben unter Ludwig II. Memoiren eines Leibreitpferdes erzählt der Satiriker, Autor und Cartoonist Miguel Robitzky die teils erfundene Geschichte des echten Pferdes von Ludwig II. von Bayern. 

Anzeige

Ludwig II. war der König mit den heute noch berühmten Schlössern. Neuschwanstein hat er zum Beispiel bauen lassen. Er war auch der König, der das Königreich Bayern an Preußen verkaufte, damit Preußens König 1871 deutscher Kaiser werden konnte. Er war also auch der letzte echte bayerische König. Außerdem war er schwul, ein großer Kunst-Aficionado und drogenabhängig.

Robitzky, hauptberuflich Autor bei Jan Böhmermanns  ZDF Magazin Royale, hat aus dem Leben des 1886 verstorbenen Monarchen nun eine Graphic Novel gemacht. Mit viel Fantasie, vielen Anspielungen auf heute und dabei auch jeder Menge historischer Fakten. Im Interview erzählt er von seiner Arbeit.


Auch bei VICE: Was kostet Kokainsucht?


VICE: Miguel, warum findest du Ludwig II. heute noch spannend?
Miguel Robitzky:
  Als Kind war ich mal auf Schloss Herrenchiemsee. Da hat sich mir das Tischlein-Deck-Dich in die Erinnerung gebrannt. Dieser Tisch, der sich in den Boden fahren lässt, um im Keller gedeckt zu werden und der dann wieder nach oben gefahren wird. Ich habe dann weiter geguckt und wurde bald total in den Bann gezogen von seiner Lebensgeschichte und den wahnsinnig vielen skurrilen Fakten, die es über ihn zu erzählen gibt. 

Was meinst du?
Beispielsweise dachte Ludwig, dass er wahnsinnig krank sei, weil er oft masturbiert hat. Das meinte man damals, wer masturbiert ist krank. Aus Scham hat er einen Diener zum Arzt geschickt. Der hat ihm dann Brom-Präparate und Kokain verschrieben. Ludwig bekam Halluzinationen, wurde abhängig und deswegen am Ende auch für regierungsunfähig erklärt. Es gibt eine Menge Dinge, bei denen man meint, er war einfach zu früh dran.

Ein Bild aus der Graphic Novel Mein Leben unter Ludwig II. Memoiren eines Leibreitpferdes von Miguel Robitzky

Bild: Miguel Robitzky

Was noch?
Seine versteckt gehaltene Homosexualität zum Beispiel. Aber in der Geschichte stecken noch mehr aktuelle Themen: Mental Health, Drogen, Krieg. Er war auch nachtaktiv, damals war das verpönt. Heute kenne ich viele Millennials, die sagen, dass sie nur nachts arbeiten können. Oder er träumte vom Fliegen und wollte sich dafür einen Pfauen-Wagen bauen. Der sah aus wie eine Disneyland-Attraktion und die Leute sagten, der spinnt. Man kann nicht fliegen. Er wurde also einfach in der falschen Zeit geboren.

War er ein progressiver Typ?
Er war sehr technikaffin, hat zum Beispiel wahnsinnig viel fotografiert, dabei ist das doch typisch Generation Instagram.

Anzeige

Und gesellschaftspolitisch?
Das würde ich nicht sagen. Er war schon ein extremer Fan vom absoluten Königtum aber auch pazifistisch veranlagt. Sein Weltbild war sehr christlich-katholisch, sehr konservativ geprägt, was sich wiederum mit seinen anderen Problemen überhaupt nicht vertragen hat. Er war hin- und hergerissen zwischen seiner Erziehung in dem Denken, dass er ein von Gott gesandter König war und gleichzeitig irgendwelche Kriege führen musste, die er nicht wollte. Er wollte auch ganz früh schon mit dem Königsein hinschmeißen. Er war mehr ein Künstler, der in ein politisches Amt geboren wurde. Das macht ihn auch so tragisch und gleichzeitig so komisch. Genau darum macht es Spaß, ihn humoristisch aufzuarbeiten.

Eine Szene aus der Graphic Novel Mein Leben unter Ludwig II. Memoiren eines Leibreitpferdes von Miguel Robitzky

Bild: Miguel Robitzky

Du erzählst Ludwigs Geschichte über sein Reitpferd, das die eigentliche Protagonistin der Graphic Novel ist. Warum dieser Ansatz?
Es gibt Gemälde von den beiden, auf denen sie schon aussehen wie so ein klassisches Duo. Und ich dachte, wenn man schon das Pferd sprechen lässt, muss es auch die Hauptrolle bekommen. Außerdem konnte ich Ludwig so aus einem anderen Blickwinkel betrachten. Das Lustige an dem Pferd ist, finde ich, dass es immer dann eingesetzt wird, wenn die Geschichte uneindeutig wird. Wenn Mythen und Legenden entstehen. Und wir erklären aus der Sicht des Pferdes, wie es zu diesen Sachen gekommen ist. Das, was alle Diener und das Volk drum herum nicht mitbekommen haben und was bis heute ungeklärt ist, weiß das Pferd, weil es natürlich so tief in der Materie war wie sonst keine zweite.

Wie hast du denn für die Fakten recherchiert, die belegt sind?
Alles begann in einem Wikipedia-Rausch, bei dem ich mich von einem Funfact zum nächsten geklickt habe. Dann bin ich von einer Dokumentation in die nächste getaumelt, was auch fahrlässig war, weil wahnsinnig viele Lügen über Ludwig II. kursieren. Als das Buchprojekt konkreter wurde, habe ich mich an einen Historiker gewandt, der das alles überwacht hat. Er hat geguckt, dass wir keinen Quatsch erzählen.

Anzeige

Hat er dir weitere Funfacts geschickt, die du verarbeiten konntest?
Eher war es so, dass ich irgendwo was gehört oder gelesen hatte und das gern unterbringen wollte. Ich habe ihn dann gefragt, ob das stimmt und wahnsinnig oft meinte er: Nein, das stimmt nicht. Das sind nur wilde Gerüchte. Ansonsten bestand meine Recherche viel aus Reisen zu den Schlössern und Schauplätzen der Geschichte.

Miguel Robitzky vor der ausgestopften Cosa Rara

Selfie: Miguel Robitzky

Was war deine Lieblingsanekdote, die dem Fact Checking nicht standgehalten hat?
Ich hatte irgendwo gelesen, es gäbe ein Interview, in dem Ludwig erzählt habe, dass er Edgar Allan Poe-Fan gewesen sei. Ich wollte eigentlich das ganze Buch darauf aufbauen, weil es so gut gepasst hätte: die sprechenden Tiere, das Wahnsinnigwerden, die Todessehnsucht. Nur war das Interview schon zu Lebzeiten Ludwigs gefälscht worden. Aber die Legende kursiert noch immer.

Du bist selbst Bayer. Ist es ein Zufall, dass du dich gerade für Ludwig entschieden hast?
Ich komme ja vom letzten Fitzelchen Bayerns. Wer bei uns kein bayerisches Abitur machen wollte, ist nach Hessen gegangen, so nah ist das. Ich hab mein Fachabitur auch in Hessen nachgeholt, weil mir viele Dinge in Bayern dann doch zuwider sind.

Also ein Zufall?
Ich konnte mich eher mit anderen Dingen in seiner Person identifizieren. Ich bin überhaupt nicht lokalpatriotistisch veranlagt.

Was sind das für Sachen, mit denen du dich identifizieren kannst?
Dieses Künstlersein und die Queerness auf jeden Fall. Und auch ich lebte als Kind schon in Büchern – In meinem Fall waren es dann eher Filme.

Welche filmischen Einflüsse stecken in der Graphic Novel?
Vor allem amerikanische Cartoons, Simpsons, Family Guy. Bei Böhmermann habe ich gelernt, wie man pointiert schreibt.

Eigentlich ist das Pferd von Ludwig II. doch ein perfekter Gegenstand für “Tiere, die es geschafft haben”, diese Rubrik im Podcast von Jan Böhmermann.
Ja, stimmt, müsste man ihm vielleicht mal sagen. Vielleicht verkauft sich die Graphic Novel dann ein bisschen besser.

Folge Robert auf Twitter und Instagram und VICE auf Facebook, Instagram, YouTube und Snapchat.