Wir sind dem Mythos von Spinneneiern im menschlichen Körper nachgegangen

Wir haben die Geschichte auf Fakten überprüft und mit Experten darüber gesprochen.

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28 September 2016, 4:00am

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Die Diskussion, wie viele Spinnen jeder von uns im Schlaf verspeist, haben wir alle schon mal geführt—und nicht immer lassen wir uns bei solchen Angstthemen von überprüfbaren Fakten beeindrucken. Ähnlich ist es mit der Behauptung, dass Spinnen Eier in unseren Körper legen könnten.

Wie bei allen derartigen Geschichten gibt es auch hier eine amerikanische Version, die einen kurz an seinem Zweifel zweifeln lässt. Angeblich erlebte der US-Biochemiker und Nobelpreisträger Kary Mullis einen solchen Vorfall und beschrieb den Spinneneier-Biss ausführlich in seinem Buch Dancing in the Mind Field. Allerdings ist so ein Fall aus der Ferne nur schwer zu beurteilen und nachzuprüfen.

Spannender und viel näher ist da schon der Fall, den mir eine Freundin vor Kurzem aus ihrem Umfeld erzählte. In der österreichischen Version der Geschichte ging es um einen Arbeitskollegen, der angeblich eine allergische Reaktion auf Spinneneier in seiner Wange hatte. Nach seiner Behandlung im AKH Wien schickte er Fotos von seiner geschwollenen Backe in die Arbeits-Whatsapp-Gruppe, erholte sich aber schnell wieder.

Ein paar Tage später war er für ein Telefoninterview zu erreichen und erzählte, was angeblich passiert war. Die allergische Reaktion sei so schmerzhaft gewesen, dass er beschloss, den Krankenwagen zu rufen, und daraufhin ins Krankenhaus eingeliefert wurde. Das Röntgenbild hätte ergeben, dass sich zwei winzige Eier in der Wunde in seiner rechten Wange befinden, die der Arzt dann mit einer Spritze herausgesogen haben soll: "Der Arzt meinte, es seien Spinneneier und ich würde allergisch darauf reagieren."

Barbara Thaler-Knoflach ist Zoologin und Dozentin an der Universität Innsbruck. Ihr Spezialgebiet ist Arachnologie—die Wissenschaft von Spinnentieren. "Diese Geschichte kann so nicht passiert sein", sagt sie. "Spinnen weben einen Kokon um ihre Eier und manche Arten bewachen ihn die ganze Zeit." In eine Wunde würden sie erst recht keine Eier legen—das entspreche nicht ihrer Natur und dazu wären sie auch gar nicht fähig, so die Spinnenexpertin. "Die Weibchen haben keine Vorrichtungen, um irgendwo irgendwas einzubohren und müssen circa eine Stunde ungestört sein, damit sie ihre Eier legen können", erklärt Thaler-Knoflach.

Auf Nachfragen konnte sich der besagte Kollege nicht daran erinnern, welcher Arzt ihn im AKH behandelt hätte; es wäre für ihn auch schwer herauszufinden. Wir haben in der dermatologischen Abteilung im AKH Wien nachgefragt—dort sind keine derartigen Fälle bekannt. Es sei noch nie passiert, dass ein Patient oder eine Patientin mit einer Spinneneierallergie eingeliefert worden ist, heißt es dort.

Die Dermatologin Christine Bangert bestätigt: "Spinnen legen keine Eier in den menschlichen Körper. Und es gibt auch keine allergische Reaktionen auf Spinnenbisse." Allerdings können Milben Eier in die Haut ablegen. Das komme sogar sehr häufig vor—allerdings nur in der obersten Hautschicht: "Die sogenannten Krätzmilben kopulieren auf der Haut und legen dann ihre Eier darauf ab. Das führt zu Ausschlag, Juckreiz und anderen Beschwerden." Mit hygienischen Bedingungen hat diese parasitäre Hautkrankheit wenig zu tun. Sie wird durch Körperkontakt übertragen und betrifft eher den Achsel- oder Genitalbereich.

Der Kollege beschrieb den Schmerz aufgrund der Spinnenallergie als "brennend" und "stechend". Warum der Arzt auf die Idee gekommen sei, dass es sich um eine Spinneneierallergie handle und nicht, wie von den Rettungssanitätern vermutet, um eine Reaktion auf ein bestimmtes Lebensmittel, erklärt er so: "Der Arzt hat einen Einstich in der Wange gesehen und dann das Röntgenbild angefordert."

Ein typischer Spinnenbiss weist zwei Einstiche auf und viele haben ihn schon mal an ihrem eigenen Körper entdeckt (wenn auch wohlmöglich gekonnt verdrängt). "Ein solcher paariger Einstich könnte allerdings auch von einer Florfliegenlarve stammen, die häufig in Bäumen vorzufinden sind", meint Thaler-Knoflach.

In der Medizin wurden die Larven der Schmeißfliege bereits zur Wundreinigung eingesetzt.

Die einzigen Lebewesen, die etwas in den menschlichen Körper legen, sind laut Thaler-Knoflach Schmeißfliegen und Fliegenmaden, die die Hautkrankheit Myiasis auslösen. Die Larven machen sich durch ein Furunkel in der menschlichen Haut bemerkbar—was übrigens genauso eklig ist, wie es klingt. Solche Fälle sind in Mitteleuropa bekannt, aber sehr selten. Menschen in tropischen Gebieten sind eher davon betroffen.

Schmeißfliegen werden durch den Geruch von Verwesung angelockt und legen dann die Fliegenlarven ab. In der Medizin wurden die Schmeißfliegenlarven bereits eingesetzt, um Wunden zu reinigen, da sie sich ausschließlich von totem Gewebe ernähren. Außerdem solltest du im Sommer nicht unbedingt ein rohes Schnitzel draußen auf der Terasse liegen lassen, wenn du keinen Besuch von ihnen willst.

Obwohl es also tatsächlich Fliegen gibt, die ihren Nachwuchs in unserem Körper heranzüchten wollen und Milben zur Gattung der Spinnentiere gehören (so wie übrigens auch Skorpione), bleibt die Geschichte von Spinneneiern in unserer Haut immer noch eine urbane Legende.

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