10 Fragen an einen Flüchtling, die du dich niemals trauen würdest zu stellen

Was hältst du von Homosexuellen? Was findest du schrecklich an der deutschen Kultur? Und wie ist das mit dem Sex in Sammelunterkünften?

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11 Oktober 2016, 4:00am

Wenn wir über lesen, geht es meistens um große Zahlen: Eine Million Flüchtlingen sind 2015 nach gekommen – diese Zahl hörte man überall. Bis vor Kurzem rauskam, dass es in Wirklichkeit eher 890.000 waren. 13.000 Flüchtlinge kamen in September bei uns an – viel weniger als zu den Spitzenzeiten, was viele Politiker trotzdem nicht davon abhält, laut nach Obergrenzen zu schreien.

Weil es immer um "die Flüchtlinge" geht, vergisst man schnell, dass jeder von ihnen eine eigene Geschichte hat, eigenen Humor, eigene Ansichten. Die wenigstens von uns, die eine Meinung zur "Flüchtlingsfrage" haben, haben wirklich mit einem Flüchtling geredet. Deswegen haben wir mit Walat gesprochen. Er ist 25 und kommt aus Kobanê. Dort war er ein ganz normaler Student, paukte englische Literatur, jobbte nebenbei in der Schneiderei seines Vaters, trank abends gerne auch mal ein Bier. Bis zu dem Tag, an dem er verhaftet wurde, ohne Beweise, ohne Gerichtsverfahren. Der Vorwurf: Unterstützung der Freien Syrischen Armee. Professoren und Kommilitonen setzten sich für Walat ein, nach 50 Tagen konnte er das Gefängnis wieder verlassen. Weil er Angst hatte, dass das Regime ihn wieder verhaften würde, floh er im April 2012 alleine aus Syrien.

Die Flucht kostete insgesamt 7.500 Euro, das Geld dafür musste sich Walat leihen. Fast ein halbes Jahr dauerte es, bis er in Deutschland ankam. Zuerst fuhr er mit dem Bus nach Istanbul, wo er zwei Monate verbrachte, danach nach Izmir und mit dem Boot weiter nach Griechenland. Nach dreieinhalb Monaten dort überquerte er mit 22 weiteren Leuten im motorisierten Gummiboot das Mittelmeer. Der Bootsmotor ging auf dem offenen Meer kaputt: "Die Wellen waren sechs bis sieben Meter hoch", erzählt er. "Das Trinkwasser war knapp, wir hatten keine Orientierung." Erst nach 38 Stunden hatte jemand Empfang auf dem Handy. Walat hat mit der italienischen Küstenwache gesprochen, welche die Gruppe schließlich gerettet hat. Von Mailand aus reiste Walat nach Deutschland und kam über München, Regensburg, Dortmund und Neuss nach Frechen in Nordrhein-Westfalen. Momentan hat er eine "Aufenthaltsgestattung" in Deutschland, aber vor Kurzem hat das BAMF seinem Anwalt ein Schreiben geschickt, dass er als Flüchtling anerkannt wird.

Das ist Walat | Alle Fotos: privat

VICE: Lebst du im Luxus?
Walat: Ich lebe in einem Heim in Frechen, wo ich mir ein Zimmer mit einem weiteren Flüchtling aus Syrien teile. Das Haus gehört zum Christlichen Jugenddorfwerk. Da bin ich aber nur zum Schlafen. Wenn ich unterwegs bin, fühle ich mich am wohlsten. Für mich ist das schon Luxus, frei zu sein, keine Angst zu haben. Ich habe keine Probleme momentan. Ich genieße mein Leben in Deutschland. Ich weiß, was ich will. Das ist Luxus. Seitdem ich arbeite, bekomme ich kein Geld mehr vom Staat.

Verkaufst du Drogen im Park?
Ich arbeite seit anderthalb Jahren als Bodenleger, ganz offiziell. Drogen verkaufen könnte ich nicht. Habe ich auch nie gemacht. Ich ertrage nicht mal Haschischrauch neben mir. Ich halte nichts von Drogen. Das ist etwas ganz Persönliches und hat nichts mit meiner Kultur zu tun. Drogen zerstören die Gesundheit.

Wie viele Flüchtlinge sind faul?
Ich bin es nicht. Ich habe schnell Deutsch gelernt und Arbeit gefunden. Aber ja, es gibt Flüchtlinge, die sitzen auf ihrem Sozialgeld. Gerade wenn sie Frau und Kinder haben, bekommen sie 1.500 Euro für die Familie und sagen: Warum soll ich arbeiten? Wer nicht Deutsch lernt, ist faul. Ich kenne zwei Leute, die schwarz in Restaurants arbeiten, aber die sollten besser in ihr Land zurückgehen. Wir sind hierher gekommen, um nach den deutschen Regeln zu leben.


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Wie haben Menschen in Sammelunterkünften und Turnhallen eigentlich Sex?
Ich habe Leute beim Sex gesehen. Vor allem die Marokkaner, die hatten Sex in Toiletten oder in den Duschen. Aber Sex war jetzt auch nicht ausdrücklich verboten. In den Sammelunterkünften habe ich mich nicht oft selbst befriedigt. Vielleicht mal in der Dusche, die konnte man abschließen. Aber Sex war für mich in den letzten Jahren nicht so wichtig. Wenn man auf der Flucht ist, denkt man nicht daran. Ich bin fünf Mal beinahe gestorben. Wenn man Todesangst hat, ist im Kopf kein Platz mehr für Lust oder Sex.

Was hältst du von Homosexuellen?
Lesben und Schwule sollen ihr Leben leben, wie sie wollen. In Syrien kannte ich keine Schwulen und Lesben. Ich hatte nur in amerikanischen Filmen gesehen, dass es das gibt. Hier in Deutschland habe ich schon mal Schwule auf einer Party gesehen, auf der ich mit einem Freund war. Aber eigentlich ist das ganz normal, finde ich.

Was findest du schrecklich an der deutschen Kultur?
Ich finde, diese Kultur ist die beste überhaupt. Ich mag wirklich alles an der deutschen Kultur. Sogar Schweinefleisch. Schweinefleisch ist das beste Fleisch. Gerade bereite ich mich auf den Karneval vor. Ich habe eine Woche frei genommen, um am 11.11. Party zu machen. Ich gehe als Pikachu. Alle meine Freunde gehen als Pokémons. Wir haben Bälle und dann spielen wir Pokémon-Fangen. Wenn ich eine Frau habe, soll das eine Deutsche sein. Und wenn ich Kinder habe, sollen die auch Deutsche sein.

Findest du deutsche Frauen heiß?
Ja, klar! Ich finde sexy, dass deutsche Frauen arbeiten gehen. Deutsche Frauen denken auch daran, Spaß zu haben, und wollen nicht nur zu Hause sein. Ich finde heiß, dass die nicht darauf warten, dass jemand für sie entscheidet, sondern selbst entscheiden, was sie wollen. Ich will keine Syrerin und keine Kurdin. In Syrien haben Frauen sogar Angst davor, kurze Hosen zu tragen. Ich will eine selbstbewusste Frau. Aber ich will erst mit ihr befreundet sein, ein, zwei Jahre. Und wenn das passt, mache ich ihr einen Antrag. Aber ehrlich gesagt, ich arbeite so viel, dass ich in dem ganzen Jahr bisher noch keinen Kopf für Frauen gehabt habe. Ich arbeite, mache meinen Führerschein und in meiner Freizeit lerne ich Deutsch. Ich war den ganzen Sommer nicht mal schwimmen. Vielleicht habe ich in diesem Winter mehr Zeit für Frauen, dann gehe ich in eine Bar und rede mit welchen. Aber wenn manche sehen, dass ich nicht blond bin, sondern schwarze Haare habe, denken viele, dass ich anders bin als ein Deutscher. Und das macht es nicht einfach, deutsche Frauen kennenzulernen.

Wie einsam bist du?
Ich fühle mich nur manchmal am Wochenende einsam, wenn ich nicht bei der Arbeit bin. Mein erster Monat hier war langweilig. In Syrien war immer viel los in meinem Leben. Ich habe ein Mädchen geliebt. Das musste ich zurücklassen. Auch meine Familie. Jetzt sind auch sie geflohen. Meine Eltern sind in der Türkei, meine zwei Brüder in Norwegen. In Frechen konnte ich erst mal nichts tun, weder arbeiten noch lernen. Und ich habe mich einsam gefühlt, als ich noch kein Deutsch konnte. Wenn ich da unter Deutschen war, habe ich mich unwohl gefühlt.

Welche Flüchtlinge sollte Deutschland abschieben?
Die radikalen Muslime müssen auf jeden Fall weg, die machen Probleme. Ich habe noch keine kennengelernt und würde mich auch immer von denen fernhalten. Ich bin nämlich nicht gläubig. Und auch solche, die kriminell werden, soll man abschieben. Ich habe schon für die Polizei gedolmetscht. Und ich habe mitbekommen, wie Flüchtlinge geklaut haben. Sogar mir selbst wurde schon in der Unterkunft mein Geldbeutel gestohlen. Ich weiß nicht, ob es eine Obergrenze geben sollte. Aber wenn Politiker das fordern, dann ist das deren Meinung. Das ist ja das Schöne an einem freien Land wie Deutschland, dass jeder seine Meinung sagen kann.

Findest du die Deutschen rassistisch?
Nein. Meine Freunde und meine Kollegen sind das nicht. Böse Menschen und Nationalisten gibt es in jedem Land. Vielleicht ist einer von zehn Deutschen rassistisch. Aber es gibt eben auch böse Menschen in Syrien, bei dem IS. Und diese wenigen Radikalen machen das Bild der Flüchtlinge kaputt. Und die Rassisten machen das Bild von den Deutschen kaputt. Mir selbst ist noch nie was Schlimmes hier passiert. Und ich habe auch vor niemandem Angst und ich lasse mich nicht einschüchtern.

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