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Sex

Bist du Alkoholiker?

Natürlich nicht, denn der typische Alki ist der, der auf seiner Klischeeparkbank sitzt und konstant an einer Flasche Korn nuckelt. Wir haben gelernt, dass der typische Alki sein Leben sehr wohl auf die Reihe kriegt, aber trotzdem jeden Abend seine zwei...

von Jasmin Steigler
29 November 2013, 8:51am

In der vierten Folge unserer Reihe RauschGIFT auf ZDFkultur geht es um die Volksdroge Alkohol.

Kinder in Bayreuth konsumieren nach Zigaretten und Alkohol direkt Crystal Meth. Das ist erschreckend, und alle stürzen sich drauf wie die Geier. Wow. Krass. Hart.

Aber die Droge Alkohol, die wir in Deutschland fast alle konsumieren, fordert die meisten Toten—pro Jahr 74.000 Menschen. Das entspricht ungefähr der Einwohneranzahl von Bayreuth. Das ist auch erschreckend, aber irgendwie juckt es keinen.

Wir kriegen Alkohol an jeder Ecke für fast umsonst hinterhergeschmissen—Fußballvereine haben Verträge mit Biermarken, unsere Eltern stellen sich gediegen zum Sonntagsbrunch schon mittags einen rein, und wir werden konstant dazu animiert, auf unsere Geburtstage, Hochzeiten, Weihnachten, Ostern, Sommer, Sonne, Urlaub, das Leben oder einfach nur den Feierabend anzustoßen, während unsere kleinen, klugen Gehirnzellen ersaufen, unser Gehirn schrumpft, der Penis auch, unser Blut dafür viel rasanter durch den Rest unseres verfetteten Körpers schießt, den Männern kleine Titten wachsen, und Leber, Darm, Bauchspeicheldrüse, Magen, Mundschleimhaut, Kehlkopf und Speiseröhre gemeinsam in den Abgrund feiern.

All diese Zahlen, Fakten und Warnungen bringen aber kaum jemanden zum ernsthaften Nachdenken. Nur die, die an einer echten Alkoholsucht leiden—oder zumindest eine solche an sich erkannt haben—, fangen an, sich damit zwangsläufig auseinanderzusetzen.

Schlimm, denn die Gewohnheit und die Normalität im Umgang mit dem Killer Nr. 1 (mal abgesehen von Nikotin) machen es uns einfach unmöglich, unsere Denkstruktur zu verändern, und stehen in einem schizophrenen Widerspruch dazu, wie der Großteil der Gesellschaft und Politik mit dem Thema Drogen, Abhängigkeit und Sucht umgeht.

Das Oktoberfest beispielsweise ist einer der größten öffentlichen Drogenumschlagplätze der Welt und eine Vielzahl der Besucher sind Bilderbuchjunkies. Aber die meisten halten das für einen großen Quatsch. Das ist unser Recht auf Rausch, das hat nichts mit Sucht zu tun. Wir brauchen den Rausch, die Flucht, klar, keine Frage bei der Hochgeschwindigkeitsgesellschaft, in der wir leben. Das mag stimmen, Rausch gehört in unsere Realität, aber das Recht-auf-Rausch-Gelaber bietet sich auch wunderbar als Ausrede für Süchtige an.

In unserer RauschGIFT-Serie auf ZDFkultur erzählt ein 35-Jähriger, dass er Alkoholiker ist, und das schon seit 10 Jahren. Das glauben ihm oft wenige, oder es will keiner hören. Vor allem in großer, männlicher Runde tendiert man dazu, solch ein Geständnis herunterzuspielen. Der 35-jährige Alkoholiker, der eh schon denkt, dass er den Spaß seines Lebens verpasst, wird auch noch als zu verklemmt bezeichnet—mit Verständnis reagiert erstmal kaum einer. Da ist dann plötzlich der Ehrliche der Arsch. Und allen anderen ist es unangenehm, weil der Abhängige sich eben nicht am Rande der Gesellschaft befindet, sondern mitten unter ihnen—und man sich möglicherweise selbst in ihm wiederkennt.

Es ist auch komisch, dass die Subtanz an sich anscheinend so eine große Rolle bei der Beurteilung einer Sucht spielt—dabei ist es total egal, was für eine Substanz man konsumiert, es kommt nur drauf an, ob man der Substanz die Macht über seine Lebensgewohnheiten gibt.

Es ist ganz einfach: Man ist süchtig, wenn man glaubt, dass einem ohne die Wirkung der Substanz etwas so dermaßen fehlt, dass man nicht mehr glücklich wird, wenn man glaubt, man kann ohne keinen Spaß haben und den Stress, die Trauer, die Wut, die Langeweile nicht ertragen. Man ist süchtig, wenn man nicht „Nein“ sagen kann, wenn man glaubt, die Substanz ist der Erlöser. Die Menge des Konsums spielt dabei überhaupt keine Rolle.

Der typische Alki ist nicht der, der auf seiner Klischeeparkbank sitzt und konstant an einer Flasche Korn nuckelt, der typische Alki kriegt sein Leben auf die Reihe, trinkt aber trotzdem jeden Abend zwei, drei Bier.

Die ganz normale Sucht, die genau so Teil unserer Realität ist wie der ganz normale Rausch, fällt niemandem auf, weil sie niemandem auffallen will, weil wir alle im selben Boot sitzen und von irgendwas abhängig sind—Facebook, Shoppen, Zucker, Computerspiele, TV-Serien, Sex, Anerkennung. Und wenn, dann sind es immer die Anderen, nie man selbst.

RauschGIFT: Alkohol findest du in der Mediathek.

Zu den ersten drei RauschGIFT-Folgen:

RauschGIFT: Heroin

RauschGIFT: Cannabis

RauschGIFT: GHB/GBL

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