Wie leicht kommst du an Ritalin ran?

Ich wollte herausfinden, wie schwer es ist, sich in Deutschland verschreibungspflichtige Medikamente für Hirndoping zu besorgen.

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30 September 2013, 8:24am

Dass ADHS-Medikamente missbräuchlich zur Leistungssteigerung eingesetzt werden, haben mittlerweile sogar eure Mütter mitbekommen. Eine Umfrage unter 8000 Studenten konnte vor drei Jahren eine Userquote von 5% ermitteln, die ihrem Hirn mit etwas verschreibungspflichtiger Chemie auf die Sprünge helfen. Von den so genannten Soft-Enhancenden gab es ebenfalls 5%. Darunter fallen dann auch meine Ginkogpillen, die ich regelmäßig nehme, oder irgendwelche Vitaminpräparate und Koffeintabletten—sie sind nicht verschreibungspflichtig, aber auch nicht sonderlich wirksam, finde ich.

Ritalin, Adderall, Vigil, und wie sie nicht alle heißen, sind leider nicht so einfach in der Drogerie oder Apotheke zu bekommen. Woher nehmen, wenn nicht stehlen? Ich habe mir also vorgenommen, zu mehreren Ärzten zu laufen, und so zu tun, als leide ich unter der Krankheit ADHS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung bzw. Hyperaktivitätsstörung)—wogegen mir auf jeden Fall Ritalin verschrieben werden würde.

Screenshot via southpark.de

ADHS wird aber bei Erwachsenen sehr selten diagnostiziert und beginnt meist schon im Kindesalter. Du bist hyperaktiv und hast Schwierigkeiten, still zu sitzen und dich auch nur für kurze Zeitspannen zu konzentrieren. Meist fällt das dann schon in der Schule auf. In Deutschland sind ungefähr 750.000 Menschen davon betroffen, und davon alleine 620.000 Kinder. Im Vergleich ist einer von fünf erwachsenen Amerikanern Hirn-Doper, mit insgesamt 51.5 Millionen Rezepten allein 2010. Sogar Kindergartenkinder bekommen bereits Ritalin verschrieben. 

Als ich einen Online-Selbsttest mache, erreiche ich tatsächlich genügend Punkte, um den Hinweis zu bekommen, ich solle mich mit ADHS-Verdacht an einen Arzt wenden:


Online geht die Diagnose schnell. 


Aber bevor ich zum Arzt gehe und ihm etwas vorschwindel, wollte ich es auch auf dem normalen illegalen Weg probieren und habe eine Kumpel gefragt, der online schon öfter illegale Substanzen gekauft hat. Der konnte mir innerhalb von kürzester Zeit sagen, wo es Ritalin und Adderall gibt und was es kostet. Die Preise für 90*20mg Ritalin stehen da gerade wohl bei circa 304 Euro. Ein ungefährer Wert, weil er das von Bitcoins in Euro umrechnen musste. Wie auch immer, das war mir dann aber doch zu teuer!

Nach meiner Online-Vordiagnose fühlte ich mich selbstbewusst und qualifiziert genug, um an irgendeiner Form von Aufmerksamkeitsstörung zu leiden oder es zumindest vorspielen zu können. Ich beschloss also, zum Arzt zu gehen, um ein weitaus preisgünstigeres Rezept für eine Hirnkorrektur zu bekommen.

Screenshot via southpark.de

Es ist weitaus schwieriger, als ich angenommen hatte. Zwar habe ich schon von ein paar Leuten gehört, dass es funktioniert hat, aber meistens war das im Ausland (Frankreich, USA und Mexiko) und wohl auch mit einer Menge Glück verbunden.

In den USA, wo jeder glaubt, noch irgendwann Präsident oder zumindest Miss America zu werden, ist der Leistungsdruck entsprechend nicht nur größer, sondern auch die Rezepthefte sitzen gleich viel lockerer. Insgesamt ist der Verbrauch an psychiatrischen Medikamenten zwischen 2001 und 2010 in den US um 22% gestiegen. Vor allem Adderall ist hier beliebt, das auch ADHS-Patienten verschrieben wird. Damit kannst du auch Party machen (weil lange wach, ähnlich wie bei Kokain, oder dich eben als gesunder, nicht an ADHS erkrankter Mensch bestens und stundenlang konzentrieren). Grund für die Einnahme sind meistens Prüfungsvorbereitungen. 

Im Jahr 2010 wurden in Deutschland insgesamt 1,7 Tonnen Methylphenidat an Apotheken abgegeben (in den USA waren es Mitte der Neunziger allein schon 8,5 Tonnen). Methylphenidat ist der Wirkstoff in ADHS-Medikamenten. Das erscheint auf den ersten Blick nicht viel, vergleicht man den Wert jedoch mit 2001 (603 kg), ist das dreimal so viel. Der Boom scheint sich seit 2010 eingependelt zu haben.

Ich erzähle also dem Doktor mit leidendem Gesicht, wie schlecht ich mich konzentrieren kann, und berichtete noch von einigen anderen typischen ADHS-Symptomen, von denen ich aus dem Internet weiß. Am Ende dieses Gesprächs werde ich mit diesem hippen Starter-Kit für Mikrobiologen herausbegleitet.


Der Arzt schickt mich ins Labor, ich solle doch mein Blut und meinen Urin erstmal kontrollieren lassen, bevor es weiter geht. Erst muss klargestellt werden, ob meine fehlende Konzentration nicht auf irgendwelche Mängel oder Krankheiten zurückzuführen ist. Danach habe ich vielleicht mit etwas Glück die Möglichkeit, zu einem Neurologen überwiesen zu werden, der mich dann weiter auf ADHS untersucht.

So radle ich also, mit meinem Pipi im Rucksack, quer durch die ganze Stadt, um mir von zwei Laborantinnen Blut abzapfen zu lassen. Lasst es mich euch sagen, der hässliche Kalender, auf den ich während der Abnahme starren musste, war schuld daran, dass ich ohnmächtig geworden bin. Da war so ein total ekliges Krokodil mit schiefen Zähnen drauf.

Ich soll jetzt also Ihre Unkonzentriertheit heilen", empfängt mich der Arzt einige Tage später wieder in seiner Praxis. Als ich meine, dass das schön wäre, lacht er nur. Leider hat er einen Eisenmangel in meinem Blut gefunden und sieht darin die Ursache meiner fehlenden Konzentration. Fünf Minuten später stehe ich in der Apotheke und bestelle mir den von ihm empfohlenen Vitamin-B-Cocktail. So ein Scheiß! Nicht gerade das erhoffte Ergebnis.

Ein befreundeter Medizinstudent (der natürlich keine Rezepte ausstellen kann) erklärt mir, dass er in einer anderen Stadt genau wüsste, zu welchem Arzt man gehen müsste. Ich bin genervt. Es braucht also einen generösen Leibarzt, der pro Doping ist, oder man geht halt den illegalen Weg. Ich muss zugeben, es war ziemlich mühsam, die ganze Show abzuziehen, und ich bin auch nicht die allerstärkste, wenn es darum geht, mir Blut abnehmen zu lassen. Die Krankheit vorzutäuschen, bedeutet schon viel Mut, und die Ärzte sind natürlich nicht dumm und äußerst skeptisch. Dann schon lieber blechen und online einkaufen.

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