Die Montagsdemos—Die Wissenschaft spricht

Also natürlich nicht auf den Demos selbst. Da spricht weiterhin der Eso-Mob. Wir haben mal wieder nach den Rechten gesehen.

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Juni 17 2014, 2:09pm

Was man nicht alles verpasst, wenn man mal ein paar Wochen in Urlaub ist... Ken Jebsen will VICE boykottieren und ruft auf Facebook zum „Marsch auf Berlin“ auf, löscht es dann aber schnell wieder. Vielleicht war ihm die Gleichsetzung mit dem anderen Führer dann doch zu hart. Dieter Dehm, Mitglied der Linken und immerhin Bundestagsabgeordneter der Linken, tritt auf der Demo in Berlin auf und startet einen Singkreis. Und dann brennen auch noch Autos in Leipzig. 

Hier hatten sich anscheinend ohnehin bereits zwei Fronten gebildet, die aus einem Lars Mährholz-treuen Flügel und einer anderen Gruppe zu bestehen scheinen. Angeblich hatte Mährholz telefonisch darauf bestanden, dass man sich auch von links distanziert, nachdem man es von rechts getan hat. Und im Gegensatz zur Mahnwache in Berlin scheint die Veranstaltung in Leipzig auch tatsächlich diverser und weniger reaktionär aufgestellt zu sein. So nahmen auch Vertreter des Flüchtlingsrates teil. Nach diesen und anderen Unstimmigkeiten bildet sich eine neue Gruppe, die eine Veranstaltung namens „Sonntagsausflug“ anmeldet, auf der dann Mährholz als Stargast quasi auch prompt spricht. Naja, und dann brennt ein Auto. Angeblich angesteckt von Gegnern der Mahnwache, was auf der Berliner Demo so auch schon als Fakt dargestellt wird. Klar ist die Situation allerdings noch nicht.

Und dann beschäftigt sich auch die Wissenschaft mit der Montagsdemo. Aber dazu später mehr.

Lars Mährholz

Nach drei Wochen Friedens-Abstinenz war ich also gestern wieder am Potsdamer Platz dabei—und so wenig mich diese WM interessiert und so sehr mir die Schland-Schreier mit ihren Deutschland-Flaggen-Gesichtern auf die Nerven gehen, so muss man doch zugeben, dass König Fußball König Lars ganz schön einen vor den Latz geknallt hat. Die Mahnwache startete mit locker 1000 Teilnehmern weniger als sonst, also ca. 300-400 Menschen. Je länger sie dauerte (und sie dauerte lang, Leute. Sehr lang.), desto mehr meist betrunkene Heimkehrer von der Fanmeile gesellten sich jedoch dazu.

Robert A. Verlinden

Inhaltlich lieferte man das übliche ab. Die Ukraine, immerhin der eigentliche Aufhänger der Demo, wurde vielleicht dreimal erwähnt. Ansonsten durfte Robert A. Verlinden sprechen, scheinbar der Johannes Heesters der Bewegung, wie jemand schon auf Facebook sehr treffend bemerkte. Verlinden vergaß nicht nur den Namen seiner eigenen Stiftung (Stiftung zur Vorbeugung des Missbrauchs durch Genetische Manipulation), sondern wechselte auch unvermittelt mitten in seiner Rede ins Niederländische, ohne dass es ihm auffiel.

Dann kam ein Dame, die als Flirtcoach arbeitet und die zuerst behauptete, keinen Fernseher zu haben, später dann aber angab, die Nachrichten im TV auf deutschen, russichen und ukrainischen Kanälen zu sehen. Musikalisch untermalt wurde die Veranstaltung wiedermal von deutschem HipHop. Diesmal durfte die Berliner Band Qult auf die Bühne, die sich einen Namen gemacht hat, als sie RTL verklagte, weil sie sich bei ihrem Auftritt beim „Supertalent“ ungerecht behandelt fühlte. Und dann natürlich Ken Jebsen, der diesmal über die Phase 2 der Bewegung sprach, die anscheinend jetzt erreicht ist, und darüber, dass diese Bewegung eine spirituelle sein muss.

Ken Jebsen

Besonders interessant in diesem Zusammenhang sind auch die Ergebnisse einer Studie des Zentrums Technik und Gesellschaft der TU Berlin, die gestern veröffentlicht wurde. Die Studie basiert auf einer Befragung von Montagsdemo-Teilnehmern, bei der es um politische Ansichten und Überzeugungen ging. Scheinbar ist die politische Ausrichtung auf dem Potsdamer Platz in großen Teilen in etwa die gleiche, wie die im Politbüro der DDR (laut der Studie wählten übrigens 42,6% der Teilnehmer die Linke). Gut 40% der Befragten ordnen sich selbst als links der Mitte ein. Weitere 40% lehnen allerdings liniengetreu die Einordnung in links und rechts grundsätzlich ab. Fast 92% sprechen sich für die Demokratie als beste Staatsform aus. Soweit so gut. Allerdings erklärt das nicht einige klare Brüche, anhand derer klar wird, dass das Selbstverständnis der Montagsdemonstranten nicht unbedingt mit der Realität übereinstimmt.

Links: Ralph Boes, gerngesehener Gast auf ultrarechten YouTube-Channels, der in einer Rede von einem „Vierten Reich“ mit bedingungslosem Grundeinkommen gesprochen hat. Rechts: Thomas Keller, Mitbegründer des Neuschwabenland-Treffens und Weggefährte von Dr. Axel Stoll.

In der Umfrage wurden auch Übereinstimmungen mit Thesen abgefragt, die auf der Montagsdemo immer wieder so fallen und die ziemlich eindeutig in ein verschwörungstheorethisches Spektrum gehören: 91% stimmen zu, dass das amerikanische Militär lediglich der „Knüppel“ der FED ist, 85,5% halten die BRD nicht für einen souveränen Staat und geschlagene 47% glauben, dass Zionisten weltweit die Macht übernommen haben und „Politik, Börse und auch die Medien nach ihrer Pfeife tanzen lassen“.  Interessante Einblicke geben auch die Fragen zum Rechtsextremismus. 62,8 % stimmen zumindest teilweise der Aussage zu, dass Deutschland wieder einen „Führer“ braucht, 24,7% glauben, dass Juden mehr „als andere Menschen mit üblen Tricks arbeiten, um das zu erreichen, was sie wollen.“ Und jetzt wird’s richtig nett: 13,2% stimmen der Aussage zumindest teilweise zu, dass der Nationalsozialismus auch seine gute Seiten hatte.

Das ist also das „Links“ der Montagsdemonstranten.

Fotos: Jermain Raffington

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