
THE TIDAL SLEEP
Four Song EP 12"
TCM Records
Wird als Modern-Hardcore-Hoffnung gefeiert. Durchaus zu Recht, denn was könnte zeitgemäßer sein, als diese „not just boy’s fun“-Sache mal konsequent auf kleinstem Raum zu Ende zu denken? Darum wird hier auf EP-Länge newschooligst und sogar einen nicht unfetten Moshpart inszenierend das Testosteron-Ventil geöffnet (vgl. Culture damals, nur besser produziert), während gleich anschließend sämtliche weniger tough besaiteten Gemüter in zärtlich getupfte Soundscapes abdriften können. Beide Extrempunkte werden von nihilistischem Gebell in der Mitte zusammengehalten. Voll in Ordnung.
BRAFES SCHLUDER
THE POLLYWOGS
Your Music is Shit Go Die 12"
Tro
Der Jugendsprache-Duden datiert die etymologischen Ursprünge von „geh sterben!“ auf das Jahr 2005, also eine Zeit, auf die man auch einige der Songs dieser Kölner Garage-Punk-Rowdies rückdatieren könnte. Andere werden jetzt mit dem Finger auf sie zeigen und ihnen Fortschrittsverweigerung vorwerfen. Wir aber, das Fachblatt für Wertbeständigkeit sind der Meinung: lieber eine präzise arbeitende Abrissbirne von gestern als matschiges Fallobst von heute. Außerdem: Wenn in acht Jahren plötzlich wieder Dreadlocks in Mode kommen, dann wird man die Pollywogs als Visionäre feiern. Es ist eben alles relativ.
DOC BROWN
SIMON12345 & THE LAZER TWINS
AIf I Stay Here, I’ll be Alone 12"
Doumen
Musik, die sich Gedanken um die Zukunft macht. Aber in etwa so wie während der Fortschrittsnaivität der 90er Jahre, als man noch von friedlichen Kolonien im Weltall träumte und davon, aus den Fehlern einmal zu lernen, mit denen die Menschheit ihren Planeten zugrunde gerichtet hat. Musik, die währenddessen klingt, als würden ein Squarepusher und ein Burial-Album gleichzeitig laufen. Plus mal plus ergibt natürlich nicht gleich minus, ist aber in dem Fall hier, zumindest für ein durchschnittliches menschliches Auffassungsvermögen, manchmal etwas überfordernd. Nummer 5 dürfte aber sicher richtig darauf abgehen.
DR. ZOIDBERG
SUNDOWNING
Seizures of the World LP
Moment of Collapse Records
Bestes Material für Suizid-Mixtapes, Spaziergänge durch den Sumpf, Kaffeekränzchen mit dem Nebelfürsten und generell jeden Moment, in dem du dich daran erinnern solltest, wo wir gerade stehen: in der Schlange vor dem ewigen Schattenreich, in Riechweite des Pestatem ausdünstenden Bouncers. Diese Platte stellt dich darauf ein, dass dir ebenda auch noch das letzte Hoffnungsgrinsen aus der Visage geprügelt wird und du hernach garantierten Einlass findest. Der Pfuhl der Sünde und der Finsternis ist ja schließlich nicht das Berghain.
SVEN AWKWARD
PATSY O’HARA/ CENTURIES
Split 7"
TCM Records
Da fällt eine gesamte Atlantik-Überquerung auf die Dauer eines Seitenswitchens zusammen. Centuries kommen aus Florida, Patsy O’Hara aus Nordrhein-Westfalen, aber im Geist sind sie ganz nah beieinander. Die Bielefelder würzen ihren D-Beat-Amok mit breitbeinigen Rockismen und Morricone-Moods, während auf der Flipside quasi pausenlos auf die Zwölf gedroschen wird. Von solchen Minimalabweichungen abgesehen, ist es auf der einen Seite wie auf der anderen: gut gemacht, aber auch zu szenegenügsam, um wirklich aufzufallen.
JILL MCBAIN
THE FADEOUTS
Big Deal/ Contradictions 7"
33rpm Records
Bemerkenswert an dieser Veröffentlichung sind leider nicht unbedingt die Songs. Deren angestonedte Beat-Nostalgie klingt dann doch etwas zu sehr nach Jamsession der KuWi-Erstsemester-Allstars. Nein, bemerkenswert ist vielmehr, dass die Platte auf 45rpm läuft. Die Labelbetreiber scheinen echte Spaßvögel zu sein!
45 TA LIFE
LECHEROUS GAZE
Bagagazo 7"
Who Can You Trust
Nicht genug, dass mich die Lecherous Gaze gelehrt haben, wie eine gut proportionierte Mischung aus Captain Beefheart, Led Zep und den Ramones klingen würde. Nein, dank ihnen habe ich nun auch den Begriff „lecherous“ in meinen Wortschatz aufgenommen. Bedenkt man dessen Bedeutung, frage ich mich, wie ich die ganze Zeit so unwissend leben konnte.
LEANDER LECHERLICH
THE PERCH CREEK FAMILY JUGBAND
Way Down Gone/ Money 7"
Off Label Records
Ein ähnliches Konzept wie bei der Kelly Family, nur mit mehr Style, mehr Instrumenten und definitiv mehr Körperhygiene. Es ist dieser Sippschaft hier hoch anzurechnen, dass sie solche unterbewerteten Geräte wie das Waschbrett zurück ins Game bringt und mit ihrem lustigen Sound Nachschub für jede
Eis am Stiel
-Party bereitstellt. Ich muss das jetzt aber trotzdem ausmachen, sonst bekomme ich noch Lust, mir ’nen Petticoat anzuziehen.
DON DRAPER
