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Wir machen einen HIV-Test und ihr solltet es auch tun

HIV ist längst behandelbar, aber trotzdem steigt die Zahl der Ansteckungen in Österreich. Im Vorfeld des Welt-AIDS-Tags machen wir deshalb selbst den Test.
30.11.16

Am 1. Dezember findet der Welt-AIDS-Tag statt. Dass AIDS und HIV-Erkrankungen immer noch ein Thema sind, auf das man aufmerksam machen muss, ist eigentlich traurig genug—darüber hinaus ist es aber relevanter als je zuvor, da aktuell die Zahl der Ansteckungen sowohl in Österreich als auch in Deutschland wieder steigen.

Obwohl HIV-Infektionen schon seit langem durch krankenkassenunterstützte Medikamente unter Kontrolle gebracht werden können, ist eine Infektion mit der Krankheit gesellschaftlich immer noch stark stigmatisiert.

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Das und Diskriminierung homosexueller Menschen sind unter anderem ein Grund für wieder steigende Infektionsraten in Österreich. Konkret wird das mit dem Minority-Stress-Model* erklärt. Laut diesem Modell laufen diskriminierte Minderheiten eher Gefahr, selbstschädigendes Verhalten zu begehen und sich häufiger mit sexuell übertragbare Erkrankungen zu infizieren. Dem kann man unter anderem durch Aufklärung entgegenwirken.

Wir haben uns das zum Anlass genommen, im Vorfeld des Welt-AIDS-Tags selbst einen HIV-Test inklusive Beratungsgespräch zu machen und für euch live zu übertragen—einerseits, um der Stigmatisierung entgegenzuwirken und andererseits, um euch zu zeigen, dass ein solcher Test selbst nichts ist, vor dem man Angst haben sollte—sondern vielmehr etwas, das gerade wegen des ernstzunehmenden Ergebnisses jeder und jede machen sollte.

Unser Autor Benji hat den Test durchführen lassen und bekam bereits am nächsten Tag den Befund. Das Testergebnis (HIV und Syphilis) war negativ.

Einen HIV-Test könnt ihr kostenlos und anonym (ohne Namensnennung und ohne e-card) bei der Aidshilfe durchführen lassen.

Hier geht's zur Aidshilfe Österreich
Hier geht's zur Aidshilfe Deutschland

Alternativ kann man sich auch an HIV-Behandlungszentren, Ambulanzen in Krankenhäusern und Fach- und Allgemeinärzten wenden. Hier findet ihr mehr Informationen dazu.

Jemand, der selbst HIV positiv testete und sein entsprechendes Outing 2015 hatte, ist der Initiator des Life Balls Gery Keszler. Durch das Bekenntnis zu seiner HIV-Infektion hat er das Thema in die Öffentlichkeit getragen und die dringend nötige Aufmerksamkeit für die Sache zurückerkämpft. Wir haben ihm ein paar Fragen dazu gestellt.

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VICE: Wie ist dein privates Umfeld mit deinem Outing zu deiner HIV-Infektion umgegangen?
Gery Keszler: Ich habe in meinem Umfeld fast ausnahmslos Unterstützung erfahren. Aber es ist ja nicht so, dass das für die mir Nahestehenden eine Überraschung war. Jeder, der mich gefragt hat, hat eine wahrheitsgemäße Antwort bekommen. Was mich überwältigt hat, war allerdings, dass mir so viele—mir zum größten Teil fremde Menschen—unterstützende und sehr persönliche Briefe und Emails geschrieben haben. Und auch der Anstieg an Anonymtests, der bei den Österreichischen AIDS-Hilfen verzeichnet wurde. Das hat mir sehr viel Kraft gegeben. Die Entscheidung war für mich richtig, aber auch für den Life Ball.

Welche Bedenken hast du als Person der Öffentlichkeit damit gesehen, dich als HIV-positiv zu outen?
Der Life Ball geht mit Wirtschaftspartnern Kooperationen ein, die darauf beruhen, dass jeder Partner für seine Unterstützung eine individuelle Kreativleistung von uns erhält und wir gemeinsam attraktive Werbepräsenzen entwickeln. Ich wollte auf keinen Fall einen "Mitleidseffekt" erzeugen, denn dann verpufft die Bereitschaft zu helfen auch schnell wieder. Keiner sollte aufgrund meiner persönlichen Situation helfen.

Inzwischen ist die Marke "Life Ball" so stark, dass ich diese Gefahr nicht mehr gesehen habe. Im Gegenteil. Ich denke, dass der Schritt an die Öffentlichkeit die Werte des Life Ball noch klarer in den Vordergrund gerückt hat. Ich weiß, meine Situation und meine Gründe sind mit den Überlegungen vieler anderer Betroffener nicht vergleichbar und scheinen eher "Luxusprobleme" zu sein.

Es gibt so viele Beispiele dafür, wie sehr Diskriminierung—sei es aus Unwissenheit oder Ignoranz—ein Thema ist mit dem sich auch hier bei uns viele Betroffene konfrontiert sehen. Wir müssen noch so viel in Sachen Aufklärung vorantreiben. Die Diskriminierung passiert am Arbeitsmarkt wie im persönlichen Umfeld. Aufklärung und das Ziel, dass ein regelmäßiger HIV-Test für jeden zur Routine wird, ist mir ein großes Anliegen.

Hat der Lifeball deiner Meinung nach dazu geführt, dass AIDS und HIV mehr in Verbindung mit Party gebracht werden, als zu enttabuisieren und Aufmerksamkeit auf die Probleme, die damit auftreten, zu lenken?
Das sehe ich überhaupt nicht so, auch wenn der Life Ball sich natürlich seit seinem Bestehen in dem Spannungsfeld zwischen "ausgelassener Party und ernstem Hintergrund" bewegt, da hast du recht. Aber das macht ihn aus. Wir übermitteln die Inhalte ohne erhobenen Zeigefinger. Der Life Ball hat, und das darf ich bei aller gebotenen Bescheidenheit so sagen, in Sachen Awareness in Österreich viel bewirkt und tut das in Zusammenarbeit mit seinen internationalen Partnern wie der CHAI, der amfAR, UNAIDS und vielen anderen auch auf internationaler Ebene.

Wer die Situation und den Umgang mit HIV und AIDS im Jahr 1992, dem Gründungsjahr des Vereins AIDS LIFE, gekannt hat, der weiß, was sich seither alles verändert hat. Der Life Ball hat in Zusammenarbeit mit seinen Partnerorganisationen dazu mit Sicherheit beitragen können. Eine HIV/AIDS-Charityveranstaltung in einem politischen Gebäude abhalten zu dürfen, auf dem Rathausplatz vor tausenden Menschen die Eröffnungsshow durchführen zu können, internationale, namhafte Vertreterinnen und Vertreter der größten HIV/AIDS-Hilfsorganisationen zur Primetime in Fernsehen und Internet über das Virus und die Krankheit sprechen zu hören—das sind unglaubliche Fortschritte, die in der Wahrnehmung von HIV/AIDS in der Öffentlichkeit gemacht wurden. Aber das heißt noch lange nicht, dass wir uns zurücklehnen können—Diskriminierung ist Realität. Und auch wenn die Versorgung mit Medikamenten in den sogenannten entwickelten Ländern flächendeckend gegeben ist, so bleibt beispielsweise in Südafrika oder auch Asien noch so viel zu tun—wir haben es in der Hand und ich bin überzeugt davon: 2030 werden wir AIDS besiegt haben.

* Langer, Phil C.: Beschädigte Identität. Dynamiken des sexuellen Risikoverhaltens schwuler und bi- sexueller Männer. Wiesbaden 2010.