Warum wir uns im Wahlkampf auf Facebook nicht gegenseitig löschen sollten

Unser Land präsentiert sich ähnlich wie die sozialen Medien. Wenn die (mehr oder weniger) gekonnte Moderation fehlt, fällt auch die Maske.
30.9.16
woodleywonderworks | flickr | CC BY 2.0

Die Bundespräsidentenwahl hält uns auf Trab—auch in den sozialen Medien, die das Attribut "Medium" nicht immer verdienen. Online wie offline zerplatzen Freundschaften wie Luftballons; auch in meinem Feed postete letzte Woche ein alter Weggefährte: "Wenn noch einmal einer meiner Freunde seine politische Meinung zum Präsidentschaftswahlkampf hier auf Facebook kundtut, indem er etwa sein Titelbild austauscht, dann lösche ich ihn."

Damit ist er nicht alleine. Auch von anderen liest man, dass keiner der beiden Präsidentschaftskandidaten Gott sei und man schließlich nicht durch diese banalen politischen Äußerungen in seiner Facebook-Idylle gestört werden wolle. Was auf deren Seiten dominiert? Ihre Liebligstracks als YouTube-Links sowie Kinderfotos und Tierbilder.

Infolge des Postings entstand ein Disput, der ein bisschen an Helmut Qualtingers bekannten Vergleich Simmering gegen Kapfenberg erinnerte: Auf meine Replik, warum man sich denn nun plötzlich nur mehr die heile Welt auf Facebook wünsche und ob das nicht eine radikal angepasste Art wäre, die Politikverdrossenheit zu artikulieren, folgten Belehrungen: Lass dich nicht immer auf Politikdiskussionen ein, sag einfach einmal nichts, sei nicht immer so voller Hass, versuche nicht immer, alle zu belehren.

Am Ende flogen die virtuellen Fetzen, inklusive Facebook-Blockade—der Höchststrafe beim Kontaktabbruch. Man hat sich nichts mehr zu sagen, man will nichts mehr voneinander sehen. Ein interessantes Phänomen für mich ist, dass sich die neuen Politikverweigerer zu einem nicht unerheblichen Teil aus jener Generation zusammensetzt, die sich im Jahr 2000 noch willig von den Wasserwerfern der Polizei besprühen ließ, um die "Schande Europas" zu verhindern, die trotzdem stattfand. (Zur Erinnerung: FPÖ und ÖVP fanden damals nach monatelangem Tauziehen zueinander, was zu sogenannten "Sanktionen" der EU und einem Weisenrat führte.)

Nun droht erneut etwas stattzufinden, das eigentlich niemals stattfinden sollte: Ein Politiker, der weit rechts steht—ich behaupte sogar einmal, noch weiter rechts als damals Jörg Haider und seine Buberlpartie, die mittlerweile einige Exkursionen in Gefängnisse und Gerichtsgebäude absolviert hat—schickt sich an, zum Präsidenten Österreichs gewählt zu werden.

Ist es ein heiliges Recht eines jeden in den sozialen Medien, nur das zu sehen, was man gerne will?

Zwar wurde das Ganze nun nochmal verschoben, was in den Foren der Bobos vorerst vielleicht ein wenig Ruhe einkehren lässt. Aber in den Foren der anderen—der Grobos quasi—blühen die Verschwörungstheorien. Aber warum ist das nun so? Warum können so viele, die einmal politisch waren, nichts mehr mit dem anfangen, was man früher Haltung nannte? Ist das tatsächlich ein derart biegbarer Begriff? Kann man einst inbrünstig gegen Populismus gewesen sein und es einem nun derart egal sein, dass man das Motto „Augen zu und durch" zu seinem Leitmotiv erhoben hat?

Ist es nachvollziehbar zu sagen, man löscht „Facebook-Freunde" (die ja realiter sowieso keine sein müssen), nur weil sie politische Postings machen, oder kritische Beiträge oder polarisierende Blogs teilen, von denen es in den letzten Tagen ja genügend gab?

Ist es ein heiliges Recht eines jeden in den sozialen Medien (Facebook zuoberst), nur das zu sehen, was man gerne will? Prinzipiell schon; man darf sich auch seine virtuelle Privatsphäre natürlich selbst aussuchen und kann durchaus das Argument geltend machen, dass es im "echten Leben" ohnehin schon mühsam genug sei. Doch ist es nicht auch ein Davonlaufen, in diesem Fall ein Ausklinken, wenn es einmal ein bisschen unangenehm wird—noch dazu von jemandem, den man schon lange kennt?

Die Medien im klassischen Sinne haben es ohnehin immer schwerer, wie wir wissen: Es dominieren Blogs, Print siecht dahin, das Fernsehen dominiert die Politberichterstattung fast ausschließlich, in dem Fall zum Großteil der ORF, auch wenn in den letzten Jahren seitens der Privaten stark aufgeholt wurde. Aber auch hier gelingt nicht jede neue Idee. Das Projekt, Norbert Hofer und Alexander Van Der Bellen ohne Moderation eine Stunde diskutieren zu lassen, ging beispielsweise kräftig in die Hose.

Es passt aber auch zur Grundstimmung im Lande, die auf Facebook genauso nachzulesen ist: Wenn die (mehr oder weniger) gekonnte Moderation fehlt, fällt auch die Maske. Dann folgen Unterstellungen, Gemeinheiten, Verwünschungen und aus dem Diskurs werden Wut, Beleidigungen, Häme und Spott. So präsentiert sich unser Land, so präsentieren sich die sozialen Medien—und so wollen eben viele nicht mehr weiter diskutieren.

Man nehme daher die Flucht in die eigenkonstruierte Medienwelt, wie dies die FPÖ in den letzten Monaten gerne tut, vor allem durch den hauseigenen YouTube-Kanal FPÖ TV, der "offen" und "ehrlich" gerne auch öfter das Gegenteil von dem behauptet, was in den "Redaktionsstuben" geschrieben wird, in denen schon laut Jörg Haider (1993) viel und gerne gelogen wird. Die meisten FPÖ-Hardliner lesen—so behaupte ich mal—längst keinen Standard und kein Profil mehr (falls sie dies jemals getan haben), sie lesen maximal Dr. Tassilo Wallentin und seine bunte Verschwörungsgeschichte für erwachsene Frustwähler in der Kronen Zeitung. Sie lesen Billigboulevard, unzensuriert.at oder den Wochenblick und schauen FPÖ TV. Sie leben in ihrer Parallelwelt und sie glauben, was dort postuliert wird.

Lies hier, warum deine Facebook-Vergangenheit sowieso peinlich ist

Und manchmal, ja manchmal schauen auch andere aus der einstigen Aktivisten und Rave-Generation hier herüber und werden als Folge dieses Fehlblickes wohl etwas verwirrt, quasi wie nach einem Augenflirt mit einem Basilisken. War es früher noch der raue Weltkriegsgenerations- und Hausmeister-Journalismus von Richard Nimmerrichter und Hans Dichand, der noch die Spreu (alt) vom Weizen (neu) trennte, so treten die modernen Protagonisten des neu herbeigesehnten Rechts-Staates anders auf.

Sie sind fesch, schneidig und telegen, sie verwischen das alte Klischee von den huttragenden Alt-Nazis, sie entwickelnd sich von „Hausmaster's Voice" zur Stimme derer, die „genug haben" (wovon können die wenigsten klar definieren, denn die Zustände von denen sie genug haben lassen oft ableiten aus der Zeit von Blau-Schwarz, deren Scherben jetzt gerade weggeräumt werden). Und das Beste ist: Sie sagen am Ende nichts. Stattdessen treiben sie die Polarisierung weiter voran.

Wir sollten diskutieren, auch wenn es mühsam ist und uns die Ruhe kostet.

Ein Argument, das genau das in der Netzdiskussion der letzten Wochen tat, ist zum Beispiel jenes, dass man sowieso keinen Bundespräsidenten mehr brauche. Vielleicht ist das grundsätzlich nicht mal falsch und man braucht das Organ in der bestehenden Form generell nicht mehr—aber jetzt braucht man es sehr wohl, man kann es nämlich nicht einfach ersatzlos (und ohne Verfassungsänderung) streichen und die Aufgaben beispielsweise einem Nationalratskollegium übertragen. Die FPÖ wollte das Amt übrigens auch so lange abschaffen, als sie nie eine Minichance sah, es zu erlangen—jetzt auf einmal braucht „Macht" Kontrolle.

Natürlich verstehe ich den Wunsch meiner Facebook-Friends. Man will nicht immer diskutieren, man will auch mal seine Ruhe. Und vor allem ist Auseinandersetzung mit solchen Argumenten—erst recht, wenn sie sich im Wind drehen—ziemlich mühsam. Aber gerade weil es da draußen so viel Falschinformation gibt, sollten wir uns nicht abschotten.

Wir sollten diskutieren, auch wenn es mühsam ist und uns die Ruhe kostet. Was ist die Alternative? Coole alte Techno-Tracks ironisch auf YouTube hören? Likes mit netten Fotos von früher sammeln? Zum Nichtwählen aufrufen? Einander blockieren? Oder einfach aufhören zu denken? Sucht es euch aus. Das Nachdenken darüber tut uns allen gut. Vielleicht sollten wir es auch in der politischen Debattierkultur auf Social Media einführen.


Titelbild: woodleywonderworks | flickr | CC BY 2.0