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Ich feierte eine Nacht in den am schlechtesten bewerteten Clubs Berlins

Im einem riecht es nach Klo, ein Club-Besitzer besticht uns mit Maracuja-Schnaps, am Ende telefoniere ich mit dem Goethe-Institut.

von Martha Klein
15 August 2016, 11:45am

Symbolbild | Foto: imago | imagebroker

Mein Kopf brummt. Verstörende Erinnerungen an den Vorabend kommen hoch: Klo-Geruch, ein Berliner Urgestein namens Ursula Montinario, Maracuja-Schnaps. Erklärung dieser wirren Fetzen in meinem Kopf: Ich bin durch Clubs gezogen, die auf TripAdvisor so weit hinten im Ranking stehen, dass du sie noch nicht mal aus Versehen dort findest, geschweige denn auf die Idee kommst, hinzugehen: die am schlechtesten bewerteten Clubs Berlins.

571 Locations sind in der Kategorie "Nachtleben Berlin" auf TripAdvisor gelistet. Ganz hinten sind vor allem Clubs, die gar keine Bewertungen bekommen haben. Mies Kommentierte stehen ab Platz 368 aufwärts. Ich habe mich für einen Mix entschieden: Clubs, die fast nur miese Kommentare bekommen haben, und jene, die völlig unkommentiert auf den allerletzten Rängen stehen.

Portale wie YELP und TripAdvisor sind seltsame Orte. Wer bewertet und wie am Ende das Ranking zustande kommt, ist willkürlich. Jeder kann kommentieren. Einige Clubs und Restaurants erstellen einfach Fake-Accounts und schreiben die Kommentare selbst. Positive für den eigenen Laden, und, wenn sie richtig schlitzohrig sind, schlechte für die Konkurrenz. (Fragt nicht, warum ich das so genau weiß. Ich war jung und brauchte das Geld.) Haben die Clubs ganz hinten im Ranking also einfach keine fleißigen Praktikanten für die schmutzige Arbeit in den Kommentarspalten? Oder sind sie wirklich schroff an der Tür, rassistisch und zu teuer?


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Um der Erinnerung an gestern auf die Sprünge zu helfen, ziehe ich Sprachaufnahmen und Snaps heran. Dabei stelle ich fest: Eine betrunken erstellte Snapchat-Story morgens anzuschauen, ist genauso schlimm, wie beim Gang ins Wohnzimmer einen Menschen mit lila Cap und Regenbogensonnenbrille auf der Couch liegen zu sehen. Immerhin hilft es aber, die Nacht Revue passieren zu lassen:

2 der 24 schlechten Bewertungen für den Club Traffic auf Tripadvisor. Er ist nicht reingekommen mit 15 Jahren, obwohl sein erwachsener Kumpel für drei Tage "die Erziehungsberatung" hatte! | Alle Screenshots: TripAdvisor

Der Club Traffic ist in der Alexanderstraße in Berlin-Mitte. Es ist elf Uhr und neben mir in der Schlange füllen Mädchen auf dem Rücken eines Freundes Muttizettel aus. Für alle, die das nie nötig hatten: Die Eltern bestätigen mit einem Formular, dass ihr 16- bis 18-jähriges Kind mit einer über 18-jährigen Person bis 12 in den Club darf. Ich verspüre den Drang wegzulaufen.

Innen riecht es nach Klo, es läuft Beyoncé und es gibt Armbänder für alle über 18. 12 Euro Eintritt finde ich eine Farce, die Eindrücke bis zur Kasse haben ohnehin schon gereicht und ich ergreife die Flucht. Wieder laufe ich vorbei an den aufgeregten Mädchen mit Zetteln in der Hand. Sie haben sich heute Nachmittag wahrscheinlich allesamt noch Tops für die Clubbing-Nacht bei Primark am Alexanderplatz geholt. Nur eine von ihnen nehme ich in Schutz, sie macht netterweise ein Foto von uns—wir, das sind eine Freundin, die ich mitgeschleppt habe, und ich—, ohne unsere Fuck-you-Geste zu hinterfragen.

Bewertungen auf TripAdvisor: "NIE WIEDER", "Drecksladen", "unprofessioneller Umgang mit Datenschutz" (was auch immer das heißen soll), "Viel Spaß und gute Hip Hop" (Rechtschreibfehler wurden übernommen)

Unsere Bewertung: Ein Mittelfinger-Snap vor dem Club-Logo. Wir teilen die Missgunst der TripAdvisor-Bewerter.

Der beste Satz aus diesem Kommentar: "We were 3 hipsters in Berlin during Fashion Week"

Schon vor 12 am Tiefpunkt angekommen, ziehen wir weiter. Nächster Halt: Kitty Cheng. Es hat einen halben Stern mehr als der Traffic Club. Der Vorwurf auf TripAdvisor: Ausländerfeindlichkeit an der Tür. Für die 5 Euro Eintritt bekommen wir einen Shot aufs Haus. Wir ärgern uns darüber, dass wir uns die Sorte Schnaps nicht einmal aussuchen können und wollen uns gerade richtig aufregen, als wir feststellen, dass der Kurze ziemlich gut war, obwohl er nach Maracuja schmeckte. Auch der Laden sieht gar nicht so trashig aus, wie wir nach der Nullnummer zuvor erwartet hätten. Am Eingang sind die Bar und ein Fotoautomat, hinten eine Tanzfläche. Unten bei den Toiletten steht ein pompöses goldenes Sofa. Mit jedem Shot wirkt der Laden gemütlicher.

Die Jungs an der Tür erklären uns, dass der Club so schlechte Bewertungen bekommt, weil viele Touristen nicht damit klarkommen, dass sie zahlen müssen, während Stammgäste umsonst reinkommen. Auf TripAdvisor würden eben vor allem Touristen bewerten. Sie sind wohl noch nicht auf die Idee gekommen, Praktikanten für verwerfliche Zwecke einzuspannen und Kommentare schreiben zu lassen.

"Da kommt der Chef", sagt einer der Jungs an der Tür und Kojo kommt zu uns. An dieser Stelle sei gesagt, dass er selbst dunkelhäutig ist, was den Rassismus-Vorwurf tendenziell unwahrscheinlicher macht. Er bringt eine weitere Runde Schnaps für uns. Er wusste nicht, dass wir von VICE sind und über diesen Abend schreiben, also stufen wir die Kurzen als netten Move seinerseits ein. Wir konfrontieren ihn mit den Kommentaren, die dem Laden eine rassistische Tür vorwerfen. "Es gibt Menschen, egal mit welcher Hautfarbe, die hier nicht reinpassen", sagt er. "Aber ich bin doch kein Rassist, hey, ich bin doch selber schwarz." In diesem Moment kommt eine bunt gemischte Gruppe herein, die auf allen möglichen Sprachen spricht und wohl zu den Stammgästen gehört—sie kommen alle kostenlos rein. Wir sind mittlerweile überzeugt, dass hier keiner intolerant ist, und trinken weiter Hochprozentiges aufs Haus.

Bewertungen auf TripAdvisor: "No entry if they don't like your face", "No black's" (Rechtschreibfehler wurden auch hier übernommen)

Unsere Bewertung: Danke für den Schnaps. Wir glauben Kojo, dass er kein Rassist ist.

Ab hier hatten wir keine Ahnung mehr, was uns erwartet

Auf die Locations, bei denen die Kommentare erahnen ließen, was das Problem sein könnte, kommen nun die Orte, über die wir nichts wissen, außer dass sie ganz ganz unten im Ranking stehen.

Der Timecode der Sprachaufnahmen zeigt: Wir haben sehr lang für den Weg gebraucht. "Merke, es ist schwer, wenn man einen sitzen hat, den nächsten schlechten Club zu finden", schallt meine Stimme aus dem Handylautsprecher. Merke, besoffen hält man Offensichtliches für Lebensweisheiten, die es wert sind, in die Dokumentation der Nacht aufgenommen zu werden.

Als wir schließlich doch noch in der Reichenbergerstraße 111 in Berlin-Kreuzberg ankommen, ist dort kein Gasthaus Ursula Montinario, sondern ein Laden namens Uschi nation. Eine Eckkneipe mit hoher Decke, vielen Stickern und einem Kicker. "Ursula Montinario lebt—noch. Sie wohnt hier in der Straße", erzählt uns Lisa, 26, von der Bar. Ihr Laden sei zwar pleite gegangen, Ursula aber eine starke Frau, "ein echtes Berliner Urgestein", sehr gerade heraus. Lisa hat auch eine Erklärung, warum Ursulas Laden schlechte Bewertungen bekommen hat: "Ursula ist eine, die nett sein kann—wenn sie denn mag. Wenn sie nicht mag, kann sie auch das Gegenteil sein." Das Uschi nation ist im Übrigen ähnlich schlecht bewertet, Platz 473 aus 571. Lisa findet das OK. "Man muss ja nicht zu jedem nett sein. Weißwein-Tussen bediene ich zum Beispiel generell nicht."

Bewertung auf TripAdvisor: Quasi unauffindbar weit unten.

Unsere Bewertung: Das Uschi nation will gar nicht von Touristen aus dem Schwarzwald gefunden werden. Deshalb ist die Platzierung absolut OK.

Das Allerletzte: der am schlechtesten bewertete Berliner Club auf TripAdvisor. Wer ist Lore?

Es ist spät und ich freue mich auf Platz 571 von 571: die lore.berlin. Ich erwarte eine Lore, die seit 30 Jahren in ihrer Bar steht und mir ein lackes Bier ausschenkt, schmierige Typen und ein paar Junkies, in einem Umfeld so abgeranzt, dass wirklich niemand es mehr cool findet. Stattdessen stehe ich vor dem Goethe-Institut. Ich überprüfe dreimal, ob mein betrunkenes Ich nicht einfach die Adresse vercheckt hat, aber nein. Neue Schönhauser Straße 20. Da, wo Lores Bar laut TripAdvisor sein sollte, prankt das Logo des Goethe-Instituts.

Aber wo ist Lore? Ich finde einen Tagesspiegel-Artikel aus dem Jahr 2000, der lore.berlin als einen der angesagtesten Untergrund-Clubs der Stadt hypt. Eine Treppe im Hinterhof soll dorthin führen. Doch auch im Hinterhof ist tote Hose. Am Montag telefoniere ich also mit dem Goethe-Institut. Ob da nicht doch irgendwo ein Club sei und montags noch schwarz gekleidete Menschen durch den Hof huschen. Die einfache Antwort: nein.

Ich wollte in den am schlechtesten bewerteten Club Berlins und telefoniere mit dem staatlichen Kulturinstitut. Erfahrung ist fast immer eine Parodie auf die Idee, hat Goethe mal gesagt.

Bewertung auf TripAdvisor: das Letzte.

Unsere Bewertung: Freundlicher Telefonservice. (Falls hier doch ein Club sein sollte, ist er wie Bielefeld. Ich war jedenfalls noch nie da.)

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