Als Biene Maja Sex auf der Bühne hatte – Einblicke in die Welt der Sex-Theater von St. Pauli

„Selbst Leute, die rechte Parolen wie ‚Schwule? Kopf ab!' vertreten haben, blühten nach ein paar Gläsern Alkohol im Schoß einer gemachten Dame auf."

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19 April 2016, 4:00am

Hamburg St. Pauli in den 70ern: Das Geschäft mit dem Striptease schwächelt. Clubs wie das Salambo mischen die sündige Meile mit einem neuen Konzept auf—den Fickshows. Von nun an strömen biedere Herrengruppen in die Nachtclubs, um Live-Sex auf der Bühne zu sehen. Die Handlung der Shows ist immer dieselbe, obwohl Namen wie „Biene Maja" oder „Tanz der Vampire" Abwechslung suggerieren. Das märchenhafte Geschehen gipfelt in gymnastischen Verrenkungen, die auf einer drehbaren Bühne stattfinden, damit die Vorstadttouristen glotzen können.

Der Fotograf André Gelpke war mit seiner Kamera dabei. Seine erste Nacht auf St. Pauli hat er während seines Militärdienstes verbracht, als Fotostudent kehrte er zurück, um den Gestalten der Halbwelt mit seinen Bildern eine Stimme zu geben. In den Clubs trafen die Gegensätze einer Gesellschaft aufeinander, die zwar in Teilen die viel beschriebene sexuelle Revolution erlebt hatte, in ihrem bürgerlichen Kern jedoch den biederen Normen im Schlafzimmer treu blieb. Er traf Männer, die tagsüber den spießigen Saubermann gaben und sich nachts im „Chambre séparée" mit den meist transsexuellen Darstellern der Shows vergnügten. Die Erlebnisse seiner nächtlichen Streifzüge sammelte er in dem Fotoband Sex Theater, der im Jahr 1986 erstmals erschien.

Das Salambo ging in Flammen auf und im Jahr 2014 schloss mit dem Safari Club das letzte Sex-Theater seiner Art. In der retuschierten Hochglanzwelt der digitalen Pornografie ist kein Platz mehr für schlecht geschminktes Laienschauspiel. Die „goldenen Zeiten" des Kiezes sind unwiederbringlich vorbei, doch in Gelpkes Aufnahmen leben ihre flüchtigen Momente als Zeitdokument weiter. Wir haben mit André über seinen Weg in das Nachtleben, die Sexualmoral der 70er und die Wiederveröffentlichung seines Buchs gesprochen.

Sex Theater wurde ursprünglich 1981 veröffentlicht und war schnell ausverkauft. 2015 wurde es von Spector Books und cpress mit bisher unveröffentlichten Fotos und Texten wieder aufgelegt.

VICE: Was hat dich motiviert, ein Fotoprojekt über Sex-Theater zu machen?
André Gelpke: Mich haben Minderheiten schon immer interessiert. Damals, in den 70ern, waren wir Studenten das Hassobjekt der Republik. Ich fühlte mich daher mit den Milieus abseits der bürgerlichen Mitte verbunden. Ich habe Mönche, Rocker, Jesus Freaks und eben auch Sex-Darsteller fotografiert. Ich wollte diesen Menschen ein Sprachrohr bieten. Aber klar, ich wollte auch ein bisschen provozieren.

Einen Einblick hinter die Kulissen der Rotlicht-Milieus bekommt man nicht einfach so. Wie sind Sie den Menschen begegnet, um überhaupt so weit vorzudringen?
Es ist natürlich blöd zu behaupten, dass ein Fotograf eine vertrauenswürdige Person ist. Du musst dich auf die Personen einlassen, und damit sie sich öffnen, musst auch du dich öffnen. Wer total abgesichert durch die Welt läuft, wird niemals in einen intimen Kreis aufgenommen. Wenn du da dann erst einmal drin bist, dann merkst du schnell, dass es eine ganze normale Welt ist. Die Leute sitzen nackt vor dir und merken nicht, dass dieser Moment für dich etwas Besonderes ist. Ich habe dadurch gelernt, dass jedes Sein eine ganz natürliche Normalität hat. Mein Problem war eher die Unzuverlässigkeit der Leute: Sie tauchten manchmal nicht zu Terminen auf oder haben schlichtweg verschlafen.

Haben sich aus der Arbeit im Nachtleben auch private Kontakte ergeben?
Nein, eigentlich nicht. Nach Abschluss der Arbeit habe ich öfters mit ein paar Huren telefoniert, die froh waren, mal ein normales Gespräch zu führen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass viele Prostituierte psychische Probleme haben, aber ich bin eben Fotograf und kein Therapeut. Einmal habe ich den Fehler gemacht, einen Junkie bei mir aufzunehmen, der meine gesamte Einrichtung ins Pfandhaus gebracht hat. Seither war mir eine professionelle Distanz zu meinen Protagonisten immer wichtig, auch körperlich ist nie etwas gelaufen.

Ihre Aufnahmen stammen aus einer Zeit, die heute unter dem Schlagwort „68er-Bewegung" mit der sexuellen Revolution und ihren Nachwirkungen verbunden wird. Die Besucher der Clubs sehen allerdings ziemlich bieder aus, wie kommt's?
Ich habe die Besuchergruppen immer „Kegelclubs" genannt. Das waren ganz biedere Bauerntölpel, die im Club die Sau rausgelassen haben. Die meisten Paare auf den Fotos sind auch keine Liebespaare. Viele Sex-Darsteller haben sich prostituiert und im „Chambre séparée" ihre Dienste angeboten. Der Besuch der Show diente dazu, die Kunden aufzugeilen, oder dafür, Getränke ausgegeben zu bekommen. Letztlich herrschte in den Clubs ein Verhältnis gegenseitiger Ausnutzung: Die einen wollten Sex, die anderen Geld.

Heutzutage stammen viele SexarbeiterInnen aus dem Osten. Wie war damals die Situation?
Deutsche waren nur wenige unter den Darstellern. Die meisten sprachen spanisch und kamen von den Philippinen oder stammten aus Thailand.

Bei vielen Männern war die Faszination für Transvestiten so groß. Wie erklären Sie sich das?
Die meisten Männer hatten keine Frau in der „Qualität" zu Hause. Das hört sich sehr zynisch an, aber die Bauerntölpel hatten keine Frauen zu Hause, die so aussahen. Sie kannten diesen Typus nicht. Der Rest ergibt sich aus der Verbindung von Alkohol, der Atmosphäre und den prallen Silikonbrüsten. Ich hatte das Gefühl, dass die meisten Männer das gar nicht gemerkt haben oder wissen wollten. Die wollten Sex, egal mit wem. Selbst Leute, die rechte Parolen wie „Schwule? Kopf ab!" vertreten haben, blühten nach ein paar Gläsern Alkohol im Schoß einer gemachten Dame auf.

Was ist Ihrer Meinung nach der Grund dafür, dass sich die Sex-Theater aufgelöst haben?
Früher, in den 70ern, konnte man zu Hause keine Pornos gucken, es sei denn, man hatte ein Heimkino. Heute steht einem mit dem Internet die Welt aller Fetische und Vorlieben offen. Dagegen sind die Shows mit ihren billigen Kostümen und ihrem dilettantischen Schauspiel regelrecht stümperhaft. Das waren ganz eigenartige Märchengeschichten, die irgendwann zum Sex führten. Gruselig.

Heute heißt es immer, dass die 70er die „goldene Zeit" des Kiezes waren. Wie ist Ihr persönlicher Eindruck, war damals alles Gold, was glänzte?
Authentischer als heute war es damals bestimmt. Ich war vor zwei Jahren das letzte Mal auf St. Pauli, da habe ich einen Schock fürs Leben bekommen: nur noch Fressbuden. Der Charme der Meile ist komplett verloren gegangen. Ich meine, klar, die Leute wurden damals auch über den Tisch gezogen, aber heute ist nur noch Ausverkauf angesagt.

Das heißt, St. Pauli hat heute keinen fotografischen Reiz mehr?
Eingenässte Säufer, die in Hauseingängen schlafen, gab es damals nicht. Das ganze Viertel hatte mehr Stil. Klar war auch das Geld immer wichtig für alle im Milieu, aber nicht so offensichtlich wie heute. Es herrschte außerdem ein Ehrenkodex unter den Leuten auf St. Pauli. Wenn eine Hure beispielsweise einen Freier beklaut hat, dann musste sie um Leib und Leben fürchten. So wollten die Bosse verhindern, dass St. Pauli in Verruf gerät.

Ihre Arbeit ist mittlerweile ein Zeitdokument. Würden Sie selber sagen, dass Sie dokumentarische Fotografie machen?
Für mich ist das Autorenfotografie. Ich habe mir das Thema ausgedacht, recherchiert und bin in die Clubs gegangen. Dann habe ich die Leute ins Bild gerückt und mit meinem Können oder Nicht-Können fotografiert. Eigentlich interessiert mich nicht, was für ein fotografisches Genre das ist. Das journalistische Moment fehlt in jedem Fall, weil es keinen Auftraggeber gab. Damals war es gar nicht möglich, eine solche Arbeit zu publizieren. Ich habe damals immer Ausstellungen im Sinn gehabt und keine Seiten in Magazinen.

Sie haben fast zeitgleich mit Anders Petersen gearbeitet, dessen Buch Café Lehmitz ein Bestseller wurde. Wie positionieren Sie sich zu Petersens Arbeit?
Ich will hier keine Kollegen in die Pfanne hauen. Mich hat das Café Lehmitz damals eher abgestoßen, weil der Laden die Endstation der Huren und Alkis war. Dort konntest du mit niemandem ein vernünftiges Gespräch führen. Die Menschen haben in ihrem Elend vor sich hingesiecht und für eine Flasche Bier alles gemacht. Ich wollte immer Menschen fotografieren, die noch in der Lage waren zu merken, dass ich sie fotografiere.

Haben Sie bewusst in Schwarz-Weiß fotografiert oder war das damals einfach so?
Früher war ein Farbfilm technisch nicht in der Lage, meine Motive zu fotografieren. Es gab zwar Diafilme, mit denen das ging, aber das lag nicht in meinem Interesse. Mich hat Farbe nie interessiert, das war immer alles zu bunt. Da musste man sich auf Rot und Blau konzentrieren. Das wollte ich alles gar nicht zeigen. Ich wollte die Menschen zeigen, den Körper, aber ich wollte nicht zeigen, ob sie rötliche, rosa oder gelbliche Haut haben.

Ihr Buch ist erstmalig 1986 erschienen. Jetzt, 30 Jahre später, erscheint es noch mal. Wieso?
Ich habe in den letzten Jahren viele Zuschriften von jungen Leuten erhalten, die ein Exemplar haben wollten. Die meisten wollten einfach wissen, wie es damals war. Bei der jungen Generation entwickelt sich gerade ein Gefühl der Nostalgie. Vielleicht ist es auch einfach die Sehnsucht nach einer irgendwie entschleunigten Zeit. Das war eine besondere Zeit damals nicht nur für Fotografen, sondern für die gesamte Gesellschaft. Ich wünschte mir, die heutige Generation würde den revolutionären Geist wieder aufleben lassen.

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