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The Borders Issue

In Syrien ist Weizen eine Waffe

Wie das Regime, Rebellen, Dschihadisten und NGOs um die Kontrolle über die wichtigste Ressource Syriens ringen.

von Emma Beals
29 Juli 2016, 4:00am

IHH Humanitarian Relief Foundation, eine NGO im türkischen Reyhanlı, versorgt Menschen aus Syrien mit Brot. Diverse Organisationen bemühen sich, die Flüchtlinge aus der Region zu ernähren und die landwirtschaftliche Infrastruktur Syriens wiederaufzubauen | Fotos von David Hagerman

Aus The Borders Issue

Die Auslöser des syrischen Bürgerkriegs und die Rolle, die diverse Güter in seinem Verlauf gespielt haben, sind intensiv debattiert worden, doch seit Beginn des Konflikts gehören Saatgut, Weizen und Brot zum Kern der Frage. Der alleinige Fokus auf Öl als mächtigste und einflussreichste Ressource verkennt die entscheidende Bedeutung der Nahrungszufuhr und die Macht, die mit der Kontrolle über diese einhergeht.

„Es fehlt an Essen", sagte Abu Wael, ein ländlicher Bewohner der Provinz Homs, einer der ersten Regionen, die sich 2011 gegen die Regierung von Präsident Baschar al-Assad auflehnten. „So ist es bereits seit vier Jahren und es wird immer schlimmer. Brot haben wir nur alle drei oder vier Tage. Früher gab es täglich welches. Es gibt keine regelmäßige Weizen- oder Brotzufuhr." Trotz mehrerer Resolutionen des UN-Sicherheitsrats bezüglich humanitärer Hilfe und Hilfsgeldern in Milliardenhöhe kontrolliert die syrische Regierung den Großteil der Nahrungszufuhr—selbst wenn die Güter von internationalen NGOs kommen.

Der Zugang zu Nahrung ist in Syrien eine Waffe. Assad hat Belagerungstaktiken eingesetzt, um von Rebellen kontrollierte Gebiete auszuhungern, und sein Militär hat Essensausgaben und Bäckereien aus der Luft bombardiert. Mit der Eskalation des Krieges hat der begrenzte Zugang zu Landwirtschaft und Lebensmittelproduktion das ehemals autarke Land dazu gezwungen, Weizen und andere Lebensmittel für die vom Assad-Regime kontrollierten Gebiete zu importieren—mithilfe der militärischen Verbündeten Russland und Iran. Diese Unterstützung ist zweifellos genauso entscheidend wie die militärische Verstärkung durch die beiden Länder.

Doch in den umkämpften Gebieten und im Norden Syriens versuchen internationale und regionale NGOs, die Kontrolle über ein ehemals zentral von der Regierung gesteuertes Nahrungsmittelsystem zu erringen, um der Zivilbevölkerung ein selbstbestimmtes Leben zu ermöglichen.

„Syrien ist meiner Meinung nach die komplizierteste humanitäre Intervention der Geschichte", sagte Daniele Donati von der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der UN (FAO). „Das hier ist keine Lebensmittelkrise, sondern eine Überlebenskrise. Wir versuchen, dafür zu sorgen, dass die Leute nicht noch mehr Gründe haben, ihr Land zu verlassen."

„Der Hauptgrund, warum Menschen fliehen, sind die Luftschläge", sagte mir Rami al-Khatib, ein syrischer Entwicklungshelfer in der Südtürkei. „Doch wir wissen, dass die Leute in ihren Regionen bleiben, wenn wir die Landwirtschaft stärken. Die meisten von der Opposition kontrollierten Regionen sind Agrargebiete. Von oben kommen Luftschläge und aus dem Boden wächst nichts, also können die Leute nicht bleiben." Laut Donati geht es bei der Lösung der landwirtschaftlichen Probleme Syriens um mehr als nur die Versorgung der Hungernden: Sie könnte Frieden bringen.

DAS SYRISCHE GRUNDNAHRUNGSMITTEL ist Brot. Die runden, flachen Laibe werden oft im Dutzend verkauft und zu fast jeder Mahlzeit gereicht. Historisch hat es in Syrien ein zentralisiertes System um das Hauptnahrungsmittel gegeben: Die Regierung stellte Saatgut bereit, subventionierte die Weizenproduktion, kaufte Ernten zurück und kontrollierte die Mehlproduktion sowie die Bäckereien. Investitionen der Assad-Regierung und gelegentlicher internationaler Geschäftspartner wie Nestlé machten Syrien zum Ende des 20. Jahrhunderts zu einem „ernährungsgesicherten" Land. Die Weizenversorgung war ohne Importe gewährleistet, und Syrien galt als gefestigt in einer instabilen und ariden Region.

Doch zwischen 2007 und 2011 verheerten Naturkatastrophen das Land. Die Dürre verursachte schwere Schäden in der Landwirtschaft. Die Weizenproduktion ging um 50 Prozent zurück und allein 2008 verdreifachten sich die Lebensmittelpreise. Trotz einer kurzen Erholung nach dem schlimmsten Erntejahr führte die Kombination aus geringeren Erträgen, höheren Vorlaufkosten und weiterhin auf Marktliberalisierung ausgerichteten Gesetzen dazu, dass viele Landbewohner ihre Arbeit verloren. Anfang 2011 begannen die Proteste. Die Unzufriedenheit der Landbevölkerung mag nicht der Grund für die Revolution gewesen sein, doch die Dürre generierte viel Unterstützung aus den ländlichen Regionen für die Regimegegner.

Bald darauf verabschiedete Assad einige frühe Reformen des Agrarsektors: Die Privatisierung wurde zurückgeschraubt, Subventionen erhöht, Bauernschulden erlassen und Notfallfonds für die arme Landbevölkerung eingerichtet. Um die Nachfrage zu decken, begann das Regime, osteuropäischen Weizen zu importieren, doch er reichte nicht aus.

Als die Proteste zum Bürgerkrieg wurden, entschied sich die Regierung für eine verheerende Strategie gegen die Rebellen: Sie bombardierte die immer länger werdenden Schlangen vor Bäckereien, die durch den Weizenmangel in umkämpften Gegenden entstanden. Solche Luftschläge hat es im Laufe des gesamten Konflikts gegeben; in einer kürzlichen Attacke trafen russische Schläge wiederholt eine Bäckerei, die fast 45.000 Menschen mit Brot versorgte.

Das Regime und die Rebellen kämpften um Territorium, das im Nordosten auch Getreidesilos und Bäckereien enthielt, und wenn Dschihadistengruppen im Chaos eine Chance sahen, eigneten sie sich auch diese lebenswichtigen Ressourcen an. Die vom Spiegel veröffentlichten Dokumente des IS-Drahtziehers Haji Bakr zeigen, dass der Islamische Staat einen detaillierten Plan zur Eroberung der größten nordsyrischen Mühle hatte. Nachdem ihm dies gelang, bemühte der IS sich um eine disziplinierte Produktionskette, um die Bevölkerung in den besetzten Gebieten für sich zu gewinnen.

Propagandavideos des IS preisen seine landwirtschaftlichen Aktivitäten und zeigen randvolle Getreidesilos, Bauern in gut bewässerten Feldern und Arbeiter, die Weizensäcke für die Brotproduktion füllen. Doch Videoaufnahmen einer rivalisierenden Rebellengruppe scheinen diese Propaganda als Täuschung zu entlarven. Ihre Aufnahmen, deren Authentizität noch nicht bestätigt ist, legen nahe, dass der IS Getreide an das Regime verkauft. Das wäre nicht so weit hergeholt, wie es klingt: 2013, bevor der IS sich zum „Kalifat" erklärte, brachten Rebellen und Regimetruppen in der Provinz Idlib einen Waffenstillstand zustande. Die Rebellen schickten dem Regime Weizen und das Regime mahlte es und schickte es zurück, abzüglich eines Anteils für den eigenen Gebrauch.

Heute konzentrieren sich NGOs darauf, den Bedarf an solch unangenehmen Geschäften und Waffenstillständen zwischen verfeindeten Gruppen zu eliminieren, indem sie das verfallene zentralisierte System der Regierung ersetzen. Der Staat hat seit Kriegsbeginn die Hälfte seiner Bäckereien verloren, die Fabriken, in denen Dünger und Hefe für die Landwirtschaft hergestellt wurden, sind inzwischen stillgelegt oder zerstört, und die Saatgutversorgung ist zusammengebrochen. Nur ein Drittel der Produktionsstätten hat den Krieg soweit überlebt. Das Regime hat seit 2012 keine ausreichenden Weizenmengen im Inland kaufen können—einerseits durch den Verlust kulturfähigen Lands an die Rebellen, andererseits weil Transportrouten zu den Silos des Regimes nicht gesichert sind.

Also verlässt Assads Regierung sich auf humanitäre Hilfe und Käufe mithilfe iranischer und neuerdings auch russischer Kredite. 2014 schickte der Iran Berichten zufolge 30.000 Tonnen Lebensmittel nach Syrien. Der Iran und Russland erhalten aufgrund westlicher Kredit- und Bankensanktionen leicht den Zuschlag für Projekte zum Wiederaufbau der landwirtschaftlichen Infrastruktur. Syrien unterhält zwar schon immer enge wirtschaftliche Beziehungen mit beiden Ländern, doch seit 2013 sind sie für die Ernährungssicherung unerlässlich geworden.

Bevor der UN-Sicherheitsrat 2014 Resolutionen verabschiedete, die Hilfe aus dem Ausland auch ohne die Zustimmung der syrischen Regierung zuließen, konnte es landwirtschaftliche Hilfsprojekte nur heimlich geben. Und noch immer verwehrt das Regime den humanitären Zugang zu schwer notleidenden Regionen. Im Mai blockierten Regimetruppen eine Hilfslieferung nach Darayya.

Dass die Regierung den Zugang zu Nahrung manipuliert, macht eine sich selbst erhaltende und vom Regime unabhängige Versorgung unerlässlich.

Freiwillige verteilen in einem Dorf außerhalb von Reyhanlı frisches Brot an syrische Flüchtlinge. Manche NGO-Arbeiter mussten schon Soldaten bestechen, um in belagerte Gebiete zu gelangen

HEUTE KOSTET EINE TÜTE BROT in Syrien zwei- bis viermal so viel wie zu Beginn der Unruhen, je nachdem, ob die Bäckerei öffentlich oder privat ist, so das Welternährungsprogramm der UN. Laut Aktivisten kostet Brot in einigen Gegenden Dutzende und sogar Hunderte syrische Lira mehr als damals. Oft konfisziert die Regierung an Checkpoints und auf Straßen Produkte, die für den Markt bestimmt waren, als Bestechung oder als „Steuer". Dies verschlimmert die Knappheit und treibt den Preis weiter in die Höhe.

Eines der klassischen Felder von Hilfsorganisationen ist die Unterstützung vertriebener und geflohener Bevölkerungen mit Nahrung, doch die heutigen Programme decken alles ab: die Bewässerung, agrartechnische Vorgänge wie Saataufgang, Weizenmahlen, den Wiederaufbau von Mühlen und Mehllieferungen an Bäckereien. Das Problem hat sich vom einfachen Ernähren der Menschen auf die Preissetzung und Verteilung der fertigen Produkte verlagert.

Der Prozess ist komplex. Rami al-Khatib sagte, für viele der von ihm in der Südtürkei organisierten Projekte habe seine Organisation Saatgut aus Regierungsgebieten gekauft und sie dann in die belagerten Gebiete geschmuggelt. Al-Khatib und Abu Wael sagten mir beide, sie müssten mit korrupten Händlern und Soldaten verhandeln, und die Gelder für ihre Programme seien knapp. Die FAO berichtete, ihre landwirtschaftlichen Notprojekte seien vergangenes Jahr um 70 Prozent unterfinanziert gewesen. „Wir haben hier nur suboptimale Lösungen", sagte Donati. „Und dabei ist unser Zugang ohnehin unsicher."

Dennoch glauben die Hilfsmitarbeiter daran, dass ihr Fokus auf die Schaffung von Arbeitsplätzen im Agrarsektor auch das Fluchtproblem lösen kann. Al-Khatib sagte, er habe gesehen, wie Familien aus Flüchtlingslagern in Gebiete an der türkisch-syrischen Grenze zurückkehrten, weil Nahrung erhältlich sei. „Es bringt etwas", sagte er. „Wir haben von 60 bis 80 Familien berichtet, die zurückgekehrt sind, weil die Region sich selbst versorgen konnte." Dank Gartenprojekten können Bewohner sich zudem helfen, wenn Grundnahrungsmittel wie Weizenmehl aufgrund von Blockaden fehlen. „Sie backen Brot nicht mehr aus Mehl, sondern aus Bulgur oder verschiedenen Körnern und Kräutern."

Im ländlichen Homs hat Wael ein Weizenanbauprogramm gegründet, das Saatgut und Mühlen bereitstellt, doch es kann den Bedarf nicht decken. Selbst wenn Weizen und Mühlen vorhanden sind, fehlt oft der Treibstoff, nicht nur für den Transport von Gütern, sondern auch für die Generatoren der Mühlen und Bäckereien.

Die Landwirtschaft zu erhalten schafft nicht nur Nahrung und Arbeit für die Bevölkerung, sondern erhält auch gesellschaftliche Strukturen aufrecht. Zivile Organisationen wie die syrischen lokalen Koordinationskomitees sehen Weizen und Brot als die besten Quellen für Steuergelder, die der Infrastruktur zugutekommen. „Die Gebiete der Opposition sind bemüht, sich etwa drei Viertel des Jahres selbst zu versorgen", sagte al-Khatib. „Die lokalen Räte generieren Umsatz, indem sie Lokalbauern Weizen abkaufen, und ihn als Brot an die Bevölkerung verkaufen."

Letztendlich haben Wael und al-Khatib sowie ihre Partner-NGOs vielleicht die Strategie der Islamisten kopiert, durch Weizen und Brot die Bevölkerung zu kontrollieren. Doch sie ermöglichen den Syrerinnen und Syrern, die vom Krieg am schwersten getroffen wurden, einen gesicherten Lebensunterhalt. Eine friedliche oder politische Lösung des Konflikts scheint nicht in Sicht, doch Wael sagte mir, er sei stolz, „für die Gemeinde Leben und einen Arbeitszyklus zu schaffen und ein natürliches Gleichgewicht wiederherzustellen", und sei es nur ein wenig. Für Menschen in Kriegsgebieten ist ein wenig Normalität oft schon ein kleines Wunder.