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Reisen

Mit Zombies und Geistern auf dem Karneval in Haiti

28.6.10

Bevor Haiti wegen dem Erdbeben, das gut 230,000 Menschen das Leben gekostet hat in die Nachrichten katapultiert wurde, war es für vor allem zwei Dinge bekannt: Wyclef Jean von den Fugees und Voodoo (oder Vodou, wenn du darauf Wert legst). Die Londoner Fotografin Leah Gordon hat Haiti vor Jahren dokumentiert, noch lang bevor das Unglück dieses Land nachrichtenkompatibel machte. Ihr neues Buch Kanaval, erschienen bei Soul Jazz Publishing, dokumentiert all die, ehrlich gesagt teilweise furchterregenden Kostüme und Clans, die den Jacmel Carnival zu dem machen, was er ist. Traurigerweise wurde die Südküste Jacmels durch das Erbeben verwüstet. Wir sprachen mit Leah über die Dinge, mit denen sie sich am besten auskennt: Haiti, Karneval und Kostüme.

VICE: Zunächst einmal möchte ich wissen, was dich dazu bewogen hat nach Haiti zu gehen. Es ist ja nicht gerade der beliebteste Urlaubsort.

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Leah Gordon: Im März 1991 war ich das erste Mal dort und bin in den letzten 19 Jahren 30 Mal zurückgekehrt. Ich mache Jill Dando für meine Haiti-Euphorie verantwortlich. Nach meinem Diplomabschluss in Photojournalismus, begann ich als Van-Fahrer für die kommunistische Partei zu arbeiten. Ich hatte das ein wenig schuldbewusste Gefühl endlich mal irgendwas tun zu müssen. Ich hatte einen Freund in Ungarn, dorthin zu gehen war für mich aber keine wirkliche Option, zumal das Klima dort genauso ist wie in UK. Es war ein verschneiter, schrecklicher Abend und im Fernsehen lief Holiday. Ich habe nur mit einem Auge zugesehen. Jill Dando hat die Vorzüge und den Spaß eines Familienurlaubs in der Dominikanischen Republik vorgestellt. Am Ende drehte sie sich zur Kamera und sagte, "Ich muss Sie warnen, dass man aus der Dominikanischen Republik leicht und aus Versehen nach Haiti kommen kann. Dort herrscht ein Diktator, es gibt ständig militärische Übergriffe, schwarze Magie, Vodou und Tod". Ich dachte nur "All das und gutes Wetter?" Innerhalb eines Monats nahm ich den Flieger von Miami nach Port-au-Prince, mit einer Kopie von Graham Greens The Comedians im Gepäck und ohne eine wirkliche Idee was ich bei der Ankunft tun sollte, außer einen Taxifahrer nach dem Hotel Oloffson zu fragen, wo Greene seinen Roman geschrieben hat.

Keine typischer Aufbruch zu einer Reise. Was hat dich außer dem Karneval noch interessiert?

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1993 bin ich zurückgekehrt um für Amnesty International und den Guardian Fotos vom Militärputsch zu machen und reiste immer wieder hin und her, bis 1995. Ich begann die exquisit genähten Vodou Flaggen dort zu kaufen und in UK weiterzuverkaufen, was mir die Möglichkeiten eröffnete die vielen Tempel und Vodougesellschaften in Port-au-Prince zu besuchen. Ich arbeitete mit einem Musikmanager zusammen, wir brachte eine Vodougruppe in die Raveclubs von London und Liverpool.

Ich schrieb ein kleines Buch über Vodou und arbeitete mit Frauen des Künstlerkollektivs Orphan Drift zusammen, um den Film Lineaments of the LwA zu drehen. 2006 reiste ich für das International Museum of Slavery nach Haiti um dort eine Skulptur in Auftrag zu geben. Ich stieß auf die großen Skulpturen der Grand Rueund zeigte sie in der Ghetto Biennale bei der ich mitarbeitete. Es war die erste Biennale, die jemals in einem Entwicklungsland stattfand. Mit Andre Eugene, einem der Künstler, arbeite ich jetzt schon seit vier zusammen.

Kommen wir mal zu deinem Buch: Von wann und wo stammen die Bilder?

Diese Fotos stammen aus einer Zeitspanne von 14 Jahren und sind alle auf ein und dem selben Karneval, nämlich dem der kleinen Stadt Jacmel an der Südküste Haitis entstanden.

Diese Gruppe nennt sich "les diables", was sich am besten mit "die Teuflischen" übersetzen lässt. Es ist eine uralte Gruppe, die sich hauptsächlich mit Vodoukram beschäftigt. Sie beginnen am Friedhof, wo sie ihren Urahnen mit einem Feuerritual huldigen. Am Ende machen sie einen Scheiterhaufen aus ihren gehörnten Helmen und fackeln sie ab, während sie dazu singen und tanzen.

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Was wird beim Karneval eigentlich gefeiert? Welche religiösen Aspekte spielen mit?

Alle karibischen Festivals haben ihre Wurzeln in im europäischen Mittelalter. Mardi Gras bedeutet "Fetter Dienstag" und ist der letzte Tag vor Aschermittwoch und der bevorstehenden Fastenzeit. Davor wurde noch einmal gefeiert und man konnte sich ausruhen, während die Felder brach lagen oder wenig Pflege benötigten.

Verglichen mit populäreren Karnevals, sagen wir mal Notting Hill, sieht dieser Karneval hier doch weniger glamourös und eher gruselig aus. Warum?

Gibt es Kostüme, die nur an bestimmte Zeiten erinnern?

Es gibt verschiedene Gruppen, die alle unterschiedliche Anführer haben. Jede Gruppe hat ihren Kostümstil, ihre eigene Gestik und ihre Erzählungen und Straßentänze, die sich über die Jahre hinweg entwickelt haben. Jedes Jahr gibt es ein paar kleine Änderungen und Feinheiten zu korrigieren. Boss Cota, der Anführer der Chaloska trägt jedes Jahr einen neu entworfenen Hut.

Warst du seit dem Erdbeben wieder in Haiti?

Ja, ich wurde fünf Tage nach dem Erdbeben von einer Hilfsorganisation beauftragt. Ich hatte nicht die Möglichkeit nach Jacmel zu kommen, aber ich hörte, dass alles zerstört sei. Durch Freunde war es mir gelungen herauszufinden, dass niemand, der mit an dem Buch gearbeitet hat, gestorben war. Es war das erste Jahr jemals, in dem kein Karneval stattfand. Stattdessen lief man feierlich durch die Stadt, ganz in schwarz gekleidet und gedachte den Toten am Friedhof.

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Das sind die Chaloska (Charles Oscar). Sie tragen immer Militäruniformen und haben den ganzen Mund mit falschen Zähnen voll—es sind Bullenzähne. Charles Oscar war ein besonders bösartiger Kommandant bei der Polizei. Er starb 1912 hier. Er wurde von allen gefürchtet.

Der Hauptakteur ist in ein Laken gewickelt und personifiziert das Phänomen des Zombiekult und wird von einem Zombie-Oberboss mit einer Peitsche durch die Stadt getrieben. Der Zombie-Oberboss lässt die Peitsche an jeder Kreuzung knallen während der Zombie seine Klagen vorjammert.

Ein einsamer Mann in einem Kleid. Don Cosentino erwähnt in einer Fußnote, dass Travestie eine große Geschichte im Karneval hat. Schenkt man Ady Jean-Gardy‘s "Carnaval History" glauben, so "zieht die männliche Travestie des 18. Jahrhunderts gnadenlos den verweichlichten Adel durch den Kakao."

Hier sehen wir einen Geist. Viele verkleiden sich als Skelette um Geister darzustellen.

Das hier ist Yahweh. Dieser Typ hat sich mit Bullenhörnern und Bullenleder geschmückt.

Dies ist eine Gruppe, die traditionsgemäß immer eine Kiste mit sich herumschleppt—hier ein Kartonsarg. Zuschauer können gegen eine geringe Gebühr einen Blick hinein werfen.

Hier sieht man sie noch mal, allerdings weniger bedrohlich.

Kanaval: Vodou, Politics and Revolution on the Streets of Haiti kommt am 21. Juni bei Soul Jazz Publishing raus.

FOTOS VON LEAH GORDON