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Reisen

Der Horror in Bottrop

Bottrop war mir bisher immer nur als Pasolini-Folie für Schlingensiefs 120 Tage von Bottrop und als Klassenfahrtausflugsziel in den angrenzenden Movie Park aus vergangenen Schulzeiten ein Begriff. Zwei Referenzpunkte, mit denen sich das Weekend Of...
30.11.10

Bottrop war mir bisher immer nur als Pasolini-Folie für Schlingensiefs 120 Tage von Bottrop und als Klassenfahrtausflugsziel in den angrenzenden Movie Park aus vergangenen Schulzeiten ein Begriff. Zwei Referenzpunkte, mit denen sich das Weekend Of Horrors 2010 überraschend gut zusammenfassen lässt.

Wer bisher noch nie die Anreise in den Nordwesten des Ruhrgebiets angetreten hat, um Europas größtem Horrorfan-Treffen einen Besuch abzustatten: das WOH ist eine Convention, auf der man sich mit Stars fotografieren lassen und Autogramme holen kann. Das von seinen Veranstaltern als ultimatives Fan-Treffen für Freunde des fantastischen Films beworbene Event lockte in diesem Jahr mit einem erstaunlich vielen Hochkarätern (Dario Argento! Danny Trejo! Goblin! Und, ähm, Larry Hagman aus Dallas…) bereits zum siebten Mal in eine der tristen Ecken des Ruhrgebiets. Ich war zum ersten Mal dabei und habe ein paar Eindrücke festgehalten.

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In Kürze:

Ich habe Danny Trejo im weißen Unterhemd gesehen (zweimal sogar) Ich weiß jetzt, dass ein "persönliches" Autogramm von Dario Argento 25€ kostet (inklusive Foto-Print), und dass er das geplante Suspiria-Remake mit Natalie Portman in der Hauptrolle ziemlich scheiße findet. Ich war Zeuge, wie Udo Kier während eines vollen Panels von einem Cargohosen tragenden Moderator im Military-Look verbal abgewatscht wurde und dabei trotzdem noch cool geblieben ist. Ich habe noch nie in meinem Leben so viele Kopien von Cannibal Holocaust auf einem Fleck gesehen. Ich habe Fred Williamson dabei beobachtet, wie er während eines vollen From Dusk Till Dawn-Panels vor versammelter Mannschaft seelenruhig ein Happy Meal verspeist hat. Ich habe ein Goblin-Bandshirt geschenkt bekommen (danke, Jungs!). Ich habe mir den Unmut meines Sitznachbarn während eines SAW 3D-Gewinnspiels zugezogen, weil ich nur den ersten Teil der SAW-Sage gesehen habe. Ich kenne dafür jetzt aber jemanden, der ALLE Teile gesehen und für gut befunden hat. Ich weiß jetzt, dass Tom Savinis liebste alte Monsterkreatur „Der Schrecken vom Amazonas“ ist (neue hingegen: Alien). Ich weiß jetzt, dass der durchschnittliche Horrorfilmliebhaber bereit ist, ziemlich viel Kohle für ziemlich wenig Facetime mit seinen Helden zu bezahlen. Aber von vorne.

Denn was wird den Freunden des fantastischen Films in Bottrop an drei Tagen überhaupt geboten? Und was erwartet den nur mäßig bis durchschnittlich interessierten Horrorfan auf Veranstaltungen wie dieser? Wer sich einen Eindruck davon verschaffen will, wie hoch der Nerdfaktor vom WOH ist, muss nur einen kurzen Blick in das Forum der Webseite werfen. Dort werden nicht nur kurzfristige Absagen von SAW-Starlets verdammt, sonder auch Hot-Topics, wie welcher Gegenstand sich am besten zum signieren eignet, in aller Ausführlichkeit diskutiert. Why not. Neben der angegliederten Film- und Verkaufsbörse, einigen eher uninteressanten Screenings und den etwas lieblos eingestreuten Show-Einlagen (die verdächtigerweise fast alle im Vorfeld gecancelt wurden), liegt der Fokus der Veranstaltung hauptsächlich auf den teuren Meet & Greets mit den eingeflogenen Stars aus der Szene, während das Rahmenprogramm wie z. B. ein Filmmusik-Workshop mit Harry Manfredini eben (leider) genau das bleibt: sekundär. Die wahren Messehighlights sind, die zahlreich angebotenen Fotoshoots und Autogrammstunden - gegen Bezahlung versteht sich, wo die Besucher auf Tuchfühlung mit Stars und Sternchen gehen können. Gratis gibt es nur den Zombiewalk auf dem Parkplatz.

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Dass das Fantum auf Conventions besonders stark ausgeprägt ist, sollte niemanden überraschen. Mit welcher Ausdauer sich erwachsene Männer und Frauen stundenlang für einen feuchten Händedruck von Danny Trejo anstellen, verwundert dann aber doch ein wenig. Viele Besucher erscheinen außerdem kostümiert (oder in schwarzen Kapuzenpullovern, die in der Horror-Community scheinbar nie aus der Mode kommen). Selbst die Wände der Toiletten sind stilecht kunstblutverschmiert! Ein Anblick, auf den ich in den Damenklos allerdings auch gut und gerne hätte verzichten können.

Trotzdem ist der Andrang riesig. Überall wird gekauft und gefilmt, was das Zeug hält. Selbst während der Q&As, wo oftmals längere Pausen entstehen, weil die Fragesteller vor dem Loslegen noch ihre Camcorder richtig justieren müssen. Eine Prozedur, die die Befragten mit stoischer Ruhe ertragen. Selbst von Argento, der mit eigenem Übersetzer angereist ist und sich beim Betreten der Bühne beinahe in dem Tarnnetz verheddert hat und hingefallen wäre. Was das wieder gekostet hätte…

Dass das WOH aber trotz all dieser Spielereien eben kein knuffiges Fan(boy)treffen ist, sondern knallhartes Geschäftsmodell, wo der Kapitalismus permanent seine hässliche Fratze zeigt, beweist die rigide Preispolitik des Horrorevents. Nahezu alles kostet hier extra, "Vergünstigungen" gibt es hier nur für Gold- und Platincardbesitzer, die dann statt der veranschlagten 60 nur 30 Minuten auf den Abzug nach ihrem Fotoshoot mit Danny Trejo warten müssen (behaupte ich jetzt einfach mal so). Zu einem kurzen Eklat kommt es, als es die “frisch“ reformierten Goblin nach ihrem geplatzten Auftritt am ersten Besuchertag wagen, die umsonst angereisten Fans mit Gratis-Autogrammen und Fotos zu entschädigen. Auch das Posieren mit den Stargästen während der Autogrammstunden wird nicht gerne gesehen, obwohl sich das letzten Endes in Zeiten von Handykameras nur schwerlich vereiteln lässt.

Was es kosten muss, den zurzeit schwer auf Erfolgskurs segelnden Machete-Darsteller Danny Trejo drei Tage lang in Bottrop festzuhalten, lässt sich in etwa erahnen, wenn man die Preislisten für Fotoshoots und Autogramme durchgeht. Für Hochkaräter wie Trejo und Argento muss man um die 25€ hinblättern. Selbst für Leute, die eher hinter den Kulissen präsent sind, wie zum Beispiel Tom Savini, immerhin noch 20€. Für den ganzen Rest (der überwiegend aus gealterten blonden Darstellerinnen aus B-Movies der Achtziger und Neunziger besteht) um die 15€. Für Fotoshoots muss man im Schnitt nochmal 10€ drauflegen. Rabatte werden zwar angeboten, müssen allerdings im Vorfeld abgeklärt werden. Die Preispolitik vom WOH wird unter den Besuchern zwar heftig kritisiert, letzten Endes lässt sich der eingefleischte Horrorfilmliebhaber dann aber doch nicht davon abbringen, sein mitgebrachtes Buschmesser von Danny Trejo signieren zu lassen. Denn nach wie vor gilt: Machete don't text!

Wenn ihr keine Lust habt, Geld auszugeben, um Dario Argento die Hand zu schütteln, dann lest doch einfach für lau das Interview mit ihm bei uns.