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Musik

Tanz den Anachronismus

Ancient Methods machen Techno
1.9.10

Ancient Methods machen Techno. Nicht dieses Hula-Hoop-Zeug, sondern die Art Techno, die vor zwanzig Jahren in sehr dunklen Räumen mit tiefen Decken gespielt wurde. Trotz ihrer wachsenden frenetischen Fangemeinde im Ausland, gab es bisher nur ein einziges deutsches Interview mit den beiden Berlinern. Es war wahnsinnig aufwändig, an sie ranzukommen, und sie verschwanden nach dem Gespräch spurlos. Wir trafen uns im Nichtraucherraum des Gorki Parks. Sie waren sehr höflich und sprachen so leise, dass auf dem Diktiergerät vieles kaum zu verstehen ist. Sie interessierten sich offensichtlich nicht besonders für Drogen, Mode oder die deutsche Familienpolitik, sondern für Techno. Ich sprach mit ihnen also nicht über Drogen, Mode oder die deutsche Familienpolitik, sondern über Techno. Sie sprachen Techno Tecccchno aus. Ich sprach Techno Tekno aus. Wir tranken heiße Schokolade.

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Vice: Euer Ruf eilt euch voraus. Als ich einem Freund von mir sagte, dass ich das Interview mit euch verschieben wollte, sagte er: "WAS? Du kannst doch nicht Ancient Methods versetzen!"

Hahahaha.

Ihr wart am Wochenende in Moskau?

T: Nee. Da war so'n Vulkanausbruch.

Ihr scheint überall bekannter zu sein als in Deutschland - es gibt nur ein deutsches Interview mit euch, in der De:Bug.

T: Unsere Musik passt nicht so ganz zu dem, was hier im Moment läuft. Ist einfach so, dass der härtere Techno im Ausland noch eher in den Clubs läuft.

Gibt es denn in Deutschland überhaupt noch relevante Technoclubs?

T: Kommt drauf an, wie du "relevant" definierst. Für den Musikgeschmack, den wir vertreten… Ist weniger geworden. In Berlin ist’s mehr so Minimal-Klickklack-Zeug, es gibt nur wenige, die den originären Techno verfolgen. Parties, auf denen härterer Techno läuft, gibt es ab und zu im Maria, im Mikz, aber ansonsten …

Berlin ist zu soft für euch?

T: Kann man nennen wie man will, es ist einfach nicht der aktuelle Sound, was wir machen.

Warum seid ihr vom Tresor weg?

T: Da gab es mehrere Gründe. Natürlich der Besitzerwechsel, Personalwechsel. Stil- Publikumswechsel… und da sind ein paar andere Sachen vorgefallen, die wir hier nicht ausbreiten wollen.

Ihr habt euer eigenes Label?

T: Zum Zeitpunkt der Gründung war das, was wir unter Techno verstehen, einfach absolut tot. Es gab einige ganz wenige Labels, die auch Inhaber-betrieben waren. Niemand hätte dieses wirtschaftliche Risiko auf sich genommen, tatsächlich so ne Musik rauszubringen. Abgesehen von den Freiheiten, die man hat, wenn man so was selber macht.

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Ihr sagt "damals" - das war 2007? Techno war also tot und ist es jetzt… nicht mehr?

T: Das ist natürlich eine sehr subjektive Aussage, denn 99 Prozent der Leute in Berlin würden wahrscheinlich das Gegenteil behaupten. Aber wir meinen, was wir unter Techno verstehen. Minimal war und ist der beherrschende Sound. Was wir an Techno schätzen, findet zumindest in Berlin nicht statt.

Also seht ihr eure Musik als Anachronismus?

T: Wir machen, was uns gefällt. Wir sind nicht irgendwie "anders", die Musik gab’s ja lange vorher schon, auch wenn das lange keiner mehr gedacht hat. Es ist der Sound, den wir vermissen.

Was macht das für euch aus?

B: Kann man so generell schwierig sagen.

Nicht generell. Für euch.

T: Das Physikalische. Was bei dem aktuellen Techno halt total fehlt, sind die Höhen und Tiefen, er ist sehr stromlinienförmig, gleichförmig. Es fehlt diese gewisse Härte. Nicht, dass das jetzt zwangsläufig schnell sein muss. Der alte Techno hatte so eine mentale Härte. Was man jetzt so hört, klingt eher nach House, als nach Techno.

B: Was jetzt hier den ganzen Abend läuft hätten wir vor fünf sechs Jahren zum Anfang so mal für ne Stunde gespielt. Damit die Leute warm werden.

T: Allein die Namensgebung, "Minimal", zeigt ja, wie unfassbar kreativ das ist. Kannst du mir eine Technoplatte zeigen, die nicht "minimal" ist? Unfassbar einfallslos. Total homogener Sound.

In einem im Fact Mag erschienenen Interview sprecht ihr von "romantic and gloryfiing thoughts of techno".

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T: Wir meinten damit, dass wir versuchen, zu transportieren, wie das früher war. Als wir als kleine Kids zum ersten Mal auf ne Technoparty gegangen sind, also, das hat einen ja geprägt. Das waren so wirklich… alte Industriegebäude. Da stand halt nur ne Stroboanlage rum, und dann lief da diese ultra-radikale Musik. Heute gibt’s da Fabrikhallen, die wie ne Großraumdisko funktionieren. Wo die Musik darauf ausgelegt ist, bloß keinem wehzutun. Total bieder. Musik, die genau das Gegenteil von dem ist, was Techno, wie wir ihn mal kennengelernt haben, war. Ein völlig radikales, punkiges Element.

B: Vor zehn Jahren konntest dich kaum retten vor guten Platten. Inzwischen ist es nahezu unmöglich, etwas halbwegs Gutes zu finden.

T: Und dass diese Entwicklungen, die immer Techno zugeschrieben werden, mit Techno überhaupt nichts mehr zu tun haben. Da gibts 'n House-Revival, oder Dubstep, was irgendwie Technoelemente hat, aber sonst mit Techno überhaupt nichts zu tun hat. Als ob alle Entwicklungen nur noch im Rahmen der Trendhörigkeit stattfinden

Daher der Titel eures Mixes: "Fashion is not a part of it"? Ihr nehmt das sehr ernst, nicht wahr?

T: Das war zum Beispiel ein Witz.

Interview: Juliane Liebert