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DIE LITERATURAUSGABE 2014

Die Literaturausgabe 2014: Der König der wilden Grenze

Im Zentrum von John Romanos Kurzgeschichte steht ein Golfclub. Hier treffen sich Gangster, Geschäftsmänner und Golfspieler um in New York die Strippen zu ziehen. Von Baugeschäften bis Auftragsmorden—Golf ist der perfekte Katalysator für alles, was...
22 August 2014, 6:30am

Fotos von Martin Parr

Das einzige, was das Leben im Ausonia Country Club, wo mein bester Freund Johnny Buschi und ich während der Highschool im Sommer als Caddys arbeiteten, halbwegs erträglich machte, war seine Nähe zum Outerbridge Crossing. Die Nähe zur Brücke, deren New Jerseyer Ende man in dem breiten Buick in weniger als zehn Fahrminuten erreichte, machte den Club zum perfekten Ort für die Mitglieder aus Staten Island, um sich am Wochenende ungestört zu treffen und Golf zu spielen. Ich sollte auch gleich hinzufügen, ohne viel Aufhebens darum zu machen, dass diese Männer gleich­zeitig auch Mitglieder einer anderen Organisation waren. Sie waren in der Mafia. Schlicht und ergreifend. Sie waren „gemachte Männer“. Obwohl im Club selten darüber gesprochen wurde, war die Tatsache den anderen Mitgliedern des Clubs, von denen die meisten, wie mein Vater, italienisch-amerikanische Familienväter waren, die kleine, legale Firmen in Middlesex oder Union County betrieben, sehr wohl bewusst.

Obwohl die Truppe aus Staten Island also weniger als ein Drittel der Mitglieder des Clubs stellte, war ihr Einfluss in der Realität sehr viel größer, nicht nur wegen dem, was wir über ihre Wochentagsaktivitäten wussten oder zu wissen meinten, sondern auch wegen der stillen Art, mit der sie sich bewegten, dieser nicht leicht aus der Ruhe zu bringenden Haltung, die hier problemlos als Würde durchging. Sie waren schlicht und einfach hier, um Golf zu spielen. Und wo sie einmal da waren, blieben sie vielleicht noch, um etwas in dem in den 50er Jahren aus weißen Ziegeln erbauten Clubhaus zu essen oder sonntags auf dem Fernseher in dem mit Teppich ausgelegten Teil der Männerumkleide ein Spiel der National Football League zu schauen, nachdem sie sich geduscht und rasiert hatten. Wenn sie so an ihren Kartentischen saßen, sahen die beiden Gruppen in ihrer schneeweißen Unterwäsche, Drinks in den Händen, und leicht nach Talk und Aftershave riechend, gar nicht so unterschiedlich aus. Manchmal brachten die Mafiatypen auch ihre Familien mit, die eigentlich genauso aussahen wie unsere. Ihre Frauen und Kinder gingen schwimmen oder saßen am Pool herum, während ihre Männer Golf spielten und sich danach im Speisesaal trafen, um in den besten Sonntagskleidern zu dinieren—auch hier an Tischen, die ein wenig abseits von unseren standen. Zwischen uns liefen sie, was auch immer sie taten, hindurch, als wären sie blinde Tiefseefische und sähen uns nicht.

Aber trotz der Trennung gab es eine Zone, wo das Verhältnis zwischen den beiden Gruppen von Männern mehr als herzlich war—wo sie sich sogar wie Freunde behandelten—und das war der Golfplatz selbst. Die Vierergruppen waren regelmäßig durchmischt, es schien wichtiger zu sein, rechtzeitig auf dem Platz zu erscheinen, als mit wem man in eine Gruppe kam. Aber auch hier galt ein striktes Verbot: Es wurde nie über Geschäftliches gesprochen, egal ob legal oder illegal. Die Gespräche verliefen, wie bei Männergrüppchen überall. Sie bewegten sich—zur Freude von uns Caddys—locker zwischen den folgenden Themen hin und her: Sport, Frauen, wo es das beste Steak und die besten Hummerschwänze gab, wie uns die Deppen in Washington schon wieder in den nächsten Krieg gezerrt hatten und, besonders oft, in welch miserablem Zustand der Rasen war. In anderen Worten, es gab immer genug, über das man sich beschweren oder womit man angeben konnte, ohne verbotenes Terrain zu betreten. Der Einzige, der sich, und auch nur für einen kurzen Zeitraum, nicht an die Regeln hielt, war Bobby Altieri, ein Freund meines Vaters und Besitzer eines Getränkeladens in Manhattan, einer der legalen Geschäftsleute. Und es ist dieser Bruch der einzigen festen Regel des Clubs, von dem ich euch hier erzählen will.

Bobby Altieri war ein Top-Golfer: wenn er vier Schläge über dem Durchschnitt lag, war es für ihn bereits ein schlechter Tag. Aus diesem Grund spielte mein Vater lieber mit Bobby, als mit irgendjemand sonst, seinen besten Freund Carmen Desirio eingeschlossen. Carmen war richtig reich, was in dem Club eher die Ausnahme war. Noch ungewöhnlicher war die Tatsache, dass er, als Sohn des größten Auftragnehmers für Kirchen und Schulneubauten im Staat, auch aus einem reichen Elternhaus kam. Als die bescheidene Galvanofirma meines Vaters zu wachsen begann, nahm ihn Carmen unter seine Fittiche und zeigte ihm, wie man auf etwas größerem Fuße lebt. Die Nachhilfe konnte mein Vater gut gebrauchen: Er kam aus dem Migrantenghetto in Newark und hatte die Art Hintergrund, die es Leuten oft nicht ganz einfach macht, es sich gut gehen zu lassen. Er forderte sich gern heraus und spielte ungern Golf mit jemandem, der nicht besser war als er. Und Bobby Altieri war, im kurzen wie im langen Spiel, der Beste auf weiter Flur. Mein Vater beobachtete ihn mit der gleichen Konzentration, mit der er während seiner Armeezeit Ingenieurwesen gelernt hatte. Er studierte, wie Bobby am Tee stand, wie er locker mit langen Armen über dem Ball hing, mit der ihm eigenen aufmerksamen Melancholie, stets eine Zigarette fest zwischen die Zähne geklemmt, sodass er durch die Rauchwölkchen hindurchblinzeln musste, um den Ball im genauen Fokus zu behalten. Dann hieb er gegen den Ball. Sie nannten ihn nicht umsonst DiMaggio.

Alle waren beeindruckt von Bobbys Spiel, auch die Männer aus Staten Island. Einmal kam kein geringerer als Vincent (niemals Vinny) Nola, der einer der angesehensten Mobster war, in der Umkleide in seinen Unterhosen zu ihm, um ihm zu gratulieren, dass er zwei unter Par geblieben war. Die Umstehenden auf beiden Seiten verstummten. Als das Paar sich die Hände schüttelte, bemerkte Nola das Armband aus gewebtem Gold an der Hand des anderen und sagte, er hätte mal ganz genauso eins gehabt, hätte es aber verschenkt, er wisse nicht mehr an wen. Bobby sagte ja, er habe es von einem Mädchen bekommen, das mal für ihn gearbeitet habe, und er hätte mal sehen sollen, was sie von ihm bekommen habe. Vincent lachte (genau genommen gluckste er) und sagte, er würde nächsten Sonntag für ein Spiel nach ihm Ausschau halten. Wann schlägst du denn immer so ab, wo wie gerade beim Thema sind?

Es waren nur ein paar Worte, die gewechselt wurden, aber es war epochal.

Buschi machte sofort einen Vers für ein Liedchen daraus, dass er sich zur Melodie von „Davy Crockett“ ausdachte, und in dem er Bobby Altieris Abenteuer besang. Bobby hatte keinen größeren Bewunderer als Buschi. Buschi war auch derjenige, von dem ich als Erstes hörte, dass Bobby Altieris Getränkefirma in Schwierigkeiten war. Es wirkte sich langsam auch auf seine Golffähigkeiten aus. Die gedankenvolle Pause, bevor er mit dem Schläger ausholte, gab es nicht mehr, und an Stelle der Traurigkeit oder Melancholie, falls es das war, trat nun eine sichtbare Nervosität. Als sich die Dinge verschlechterten, begann er, seine Probleme halb im Scherz anzusprechen—erst vor seinen Freunden und dann vor den Mafiatypen, mit denen er sich seit Nolas legendärer Annäherung immer öfter in Vierergruppen wiederfand. Ich weiß nicht, sagte er dann, ich habe dieses Problem, dieses echte Problem, ich weiß echt nicht, was ich da machen soll. Oder konkreter: Ich habe diesen Partner, vielleicht sollte ich euch mal von ihm erzählen, vielleicht könnt ihr mir irgendwie helfen. Das Einzige, was noch erschreckender war, als Bobbys Übertretungen, war die Stille, mit der man ihnen begegnete.

***

Bald wurden die Bemerkungen immer häufiger und er gab den scherzhaften Unterton fast völlig auf, nicht nur auf dem Golfplatz, sondern auch am „19. Loch“, wo man ihn zuvor so gut wie nie gesehen hatte.

Laut den Club-Überlieferungen hatte er als junger Mann bei Seton Hall Basketball gespielt, war aber in seinem Junior-Jahr wegen Trunkenheit aus dem Team geflogen. Seitdem war er bekannt dafür, so gut wie nie zu trinken, und das, obwohl Alkohol sein Geschäft war. So weit ich das sagen kann, wusste er eine ganze Menge über Wein. Bei einer Gelegenheit—vielleicht, weil er irgendwie mitbekommen hatte, dass ich mich für die Welt, über unseren kleinen Winkel davon hinaus, interessierte—erzählte er mir eine Geschichte über meinen Vater und seine Freunde. Er sagte, dass er einmal, als Besonderheit, eine Flasche exklusiven Weines aus seinem Laden zu ihrer allfreitäglichen Pokerrunde mitgebracht hatte—nur um den Jungs zu beweisen, dass er sich auskannte, auch wenn er selbst nur einen winzigen Schluck kosten würde. Kapitaler Fehler. Wer hat dann Pfirsiche aufgeschnitten?, sagte er. Wer hat Ginger Ale hineingegossen? Und wer Mineralwasser? (Hier drehte er seine große Hand nach unten.) Nie wieder, folgerte er. Ich glaube, es war das einzige Mal, dass Bobby Altieri mit mir sprach, außer um mich auf dem Platz um einen Schläger zu bitten, und selbst da zog er den einen Caddy vor, der sich wirklich mit dem Spiel auskannte: Julius Hankey, ein Afroamerikaner und der einzige Erwachsene von uns, der den Sommer über in der Hütte wohnte, und uns übrigen alles beibrachte, was man über das Tragen einer Golftasche wissen muss. Auf jeden Fall war Bobby kein Trinker, in keiner Weise—aber hier war er nun und fing wieder damit an. Und je mehr er trank, umso mehr sagte er Sachen, die er besser nicht hätte sagen sollen. An der Bar hatten seine Freunde wenigstens die Chance, ihn zu kontrollieren, ihn wegzuziehen und von Dummheiten abzuhalten. Carmen, der unausgesprochene Anführer der Gruppe, redete auf dem Parkplatz ein ernstes Wort mit ihm. Du hast also Probleme; wer hat das nicht?, fing Carmen an. Du hast das nicht, sagte Bobby. Wenn ich welche habe, rede ich mit meinen Freunden darüber, sagte Carmen, nicht mit Leuten, mit denen ich das nicht darf. Bobby sah sich um und warf meinem Vater und den anderen, die inzwischen im Halbkreis um ihn herumstanden, hilfesuchende Blicke zu. Was ist los?, fragt er. Plötzlich müssen wir mit Carmen absprechen, mit wem wir reden dürfen? Als er keine Unterstützung fand, versuchte er es anders: Und außerdem, wer redet denn überhaupt? Ich bin hier, um Golf zu spielen und Spaß zu haben. Und genau so sollte es auch sein, sagte Carmen. Genau so. Genau, sagte Bobby. Genau, sagte Carmen. Wer hat dich denn gefragt?, sagte Bobby. Womit die Unterredung beendet war, die exakt gar nichts erreicht hatte.

Es gab eine Geschichte darüber, wie Carmen Desirios Vater ihn zum ersten Mal ein Bauprojekt beaufsichtigen ließ, einen kleinen Anbau für eine Fabrik in Avenel, die Aluminiumverkleidungen herstellte. An dem Tag, als sie das Fundament gießen sollten, das 2,50 Meter tief werden sollte, lief Carmen schon vor Sonnenaufgang dort herum, sagte den Männern, dass sie dies tun sollten oder jenes bewegen oder fertig machen sollten, wie er es sein Leben lang bei seinem Vater gesehen hatte. Und dann, genau mit dem Sonnenaufgang, gab er den Männern das Signal und der Zement ergoss sich in das Loch, das eine Fläche von ca. 4,5 mal 6 Metern einnahm. Gegen Mittag war das Fundament fast hart; gegen fünf saß es fest und dicht, wie ein Eiswürfel in seinem Plastikquadrat. In dem Moment fuhr Carmen Senior in seinem großen Lincoln vor. Er stieg aus. Der kleine Carmen grüßte ihn selbstbewusst. Der alte Mann sagte nicht viel, stellte nur ein paar Fragen. War dies OK, war jenes OK? Ja, ja. Was war mit dem Fundament, warst du dabei, als es gegossen wurde. Ich war dabei, ich war schon Stunden vorher hier. Hast du das Loch ausgemessen?, fragte Carmen Senior. Der kleine Carmen sagte, es war 2,50 Meter tief, ich stand direkt daneben. Das habe ich nicht gefragt, sagte Carmen Senior. Bist du hineingeklettert und hast es selbst nachgemessen? Die Geschichte ging dann wohl so weiter, dass der alte Mann zu seinem Wagen zurückging und einen Klappstuhl aus dem Kofferraum holte, so ein billiges Plastikteil für den Strand, wie sie für zwei Dollar verkauft werden, und ihn aufklappte und sich hinsetzte. Da saß er dann und sah zu, wie der kleine Carmen die Männer das Betonfundament in Stücke zerlegen und mit zwei Kränen, die erst von anderen Baustellen herbeigeholt werden mussten, wieder aus dem Loch heben ließ. Sie arbeiteten bis nach Mitternacht. Der alte Mann hatte sich kaum bewegt. Als alle Betonstücke entfernt worden waren, half ihm sein Sohn, in das Loch zu steigen, wo er ein Messband hervorholte—so eines, was sich automatisch wieder einrollt, wie es auch von Maßschneidern benutzt wird.

Er nahm Maß und stellte fest, dass das Loch exakt 2,50 Meter tief war. Gut, sagte er. Dann stieg er in den Wagen und fuhr wieder davon. Ich habe nie erfahren, ob sie die einzelnen Betonteile dann wieder einsetzen konnten, oder ob es komplett neu gegossen werden musste. Mein Vater hat mir das Haus Jahre später einmal gezeigt, als er mich nach einem Essen bei ihm und meiner Mutter zurück in meine New Yorker Wohnung fuhr.

Der Punkt ist, dass Carmen jemand war, der wusste, womit man im Leben durchkam und womit nicht, und dass man es respektieren musste, wenn jemand irgendwo eine Linie zog, besonders, wenn dieser jemand war, wer er in diesem Falle war. Carmen wusste wohl, wie man es sich gut gehen ließ, aber er wusste auch, wo die Stahlträger saßen, die das ganze Gebilde zusammenhielten, und es war dieses Wissen, das er Bobby zu vermitteln suchte, wenn Bobby nur bereit gewesen wäre zuzuhören. Was er aber nicht war, eindeutig nicht. Das Gespräch auf dem Parkplatz, das ihn warnen sollte, verpuffte ins Leere. Das Bild, was Bobby von Carmen hatte—das war der Punkt, den mein Vater betonte und den ich mir aufmerksam anhörte, weil ich wusste, dass mein Vater beide Männer liebte und mit viel Verstand von ihnen sprach—war, dass Carmen einfach ein Typ war, dem von der Stunde seiner Geburt an alles auf einem silbernen Tablett gereicht worden war und der nie die Art Problem gehabt hatte oder haben würde, mit der sich Bobby nun konfrontiert sah: das Problem mit seinem Partner, Sandy, in New York, das Problem, das Bobby erdrückte und ihn zu verzweifelten Handlungen trieb. Ich fragte meinen Vater, was eigentlich genau das Problem war. Und weil er vermutlich dachte, dass es an der Zeit war, dass ich wusste, wie der Hase läuft, erzählte er es mir. Ich erinnere mich noch, wo wir waren, als wir darüber sprachen: ein kleines Mittagscafé in einem Ladengeschäft, zwischen eine Reinigung und ein Filmtheater gequetscht, quer gegenüber von der Newark Library. Wir verbrachten den Tag gemeinsam in der Bibliothek, was an sich schon erstaunlich war, weil es meines Wissens das einzige Mal war, dass mein Vater durch die großen Holztüren der Bibliothek trat. Er war hier, weil er eine neue Technik der Galvanisierung von Aluminium entwickelt hatte. Aluminium lässt sich eigentlich nur extrem schlecht beschichten; was man stattdessen anwendet, ist eine Technik, die sich Tauchlöten nennt und die sehr aufwendig und teuer ist. Mein Vater hatte monatelang nachts in unserer Garage daran „herumgebastelt“, wie er es nannte, um eine billigere und einfachere Methode zu entwickeln. Als ihm das schließlich gelang, funktionierte es so gut, dass ein paar Ingenieure von den großen Truppen, mit denen er arbeitet, wie Raytheon und Bell Labs, ihm sagten, dass er da wirklich auf was gestoßen sei und es patentieren sollte. Als er meinte, dass er sich mit Patenten nicht auskenne, rieten sie ihm, in der Bibliothek in den Bänden des Patentamtes nachschauen, ob etwas Ähnliches schon entwickelt worden sei. Er nahm mich mit, vermutlich weil ihm klar war, dass ich mich hier besser auskannte als die meisten bezahlten Angestellten, oder auch einfach nur, um in dieser ungewohnten Umgebung jemand bei sich zu haben. Mir waren beide Gründe recht. Und jetzt machten wir Pause und aßen Sandwiches mit Wurst oder Bouletten in dem Café auf der anderen Straßenseite, und er war bester Laune, schwelgte in Erinnerungen an seine Jugend hier in der Stadt und an die Tage, als das Kino nebenan noch eine Musikhalle gewesen war, wo er einmal ein Konzert von Harry James besucht hatte. Er war in der Stimmung, in der ich ihn alles fragen konnte.

Die Geschichte, die er mir erzählte, ging wie folgt:

Bobby Altieri hatte einen Partner, der Sandy Grusskopf hieß. Es war Sandy gewesen, der Bobby einlud, sich in den Getränkehandel einzukaufen, von dem er die andere Hälfte innehatte—und zwar zu einem guten Preis, was Bobby schon damals hätte stutzig machen sollen. Der Laden lag ein paar Blocks vom Herald Square entfernt und lief zu dem Zeitpunkt, wo er sich einkaufte, sehr gut, sodass Bobby in seiner Aufregung in aller Eile den Laden verkaufte, den er vorher betrieben hatte, oben beim Columbus Circle, und den neuen Laden stattdessen sofort erweiterte. Aber das war, bevor er wusste, worauf er sich eingelassen hatte, nämlich dass sein Partner spielsüchtig war und in einem fort Bargeld brauchte. Er schmiss einfach alles, was der Laden an Geld einbrachte, sofort zum Fenster hinaus. Sein Partner trieb den Laden in den Ruin. Bobby würde den Laden verlieren und er würde das Haus in Iselin verlieren, das er verpfändet hatte, als er den Laden erweiterte. Nun musste er seinen Jungen vom College nehmen; nun musste er eins seiner Autos verkaufen; nun war sogar die Rede davon, dass er seine Mitgliedschaft im Club nicht mehr bezahlen konnte …

Bobbys Partner brachte ihn um. Er wusste nicht mehr ein noch aus.

***

Eines Morgens im August kam Bobby Altieri in seinem Laden in New York City an und stellte fest, dass jemand die Fenster eingeschmissen hatte. Die Tür hing offen in den Angeln und ganze Regale voller Wein und Schnaps lagen zertrümmert am Boden. Sein Partner Sandy war schon da, saß auf dem einzigen noch heilen Möbelstück, einem Stuhl aus dem Büro, und sah nicht im Entferntesten so schockiert aus, wie Bobby es erhofft hatte. Sandy erklärte, dass der Vorfall eine Nachricht an ihn von seinem Wettmakler sei, aber dass es sich nur um ein kleines Missverständnis handele. Er habe am Vortag auf der Trapprennbahn in Saratoga ein ausgesprochen glückliches Händchen gehabt und war sich sicher, dass es von nun an bergauf gehen würde, dass seine Pechsträhne nun endlich vorüber sei. Für den Moment müsse er Bobby aber bitten, ihm noch einmal Geld zu leihen. Bobby sagte ihm, dass er sich das getrost abschminken könne. Sandy antwortete, er verstünde das völlig: Er sagte es, als habe sich Bobby gerade entschuldigt, dass er leider nicht helfen könne. Sandys Toleranzgrenze für Katastrophen war äußerst hoch. Der Laden wäre in wenigen Tagen repariert. Dann könnten sie ihn vielleicht mit einem „Renovierungsausverkauf“ neu eröffnen, was immer eine gute Art wäre, schnell an Geld zu kommen—was er gut gebrauchen könne, um die Glückssträhne zu nutzen, in der er sich gerade befand. Bobby hatte sich inzwischen, zumindest äußerlich, beruhigt. Er sagte, dass Sandy sich einen Kaffee holen solle, er roch, wie sein Atem nach Whiskey stank. Sandy lächelte dümmlich und sagte, das wäre eine gute Idee. Später am selben Tag ging Bobby zur Bank und sprach mit der Frau von der Kreditabteilung, mit der er ein gutes Verhältnis hatte, weil sie bei seinem ursprünglichen Kauf des Geschäfts dabei gewesen war. Er sagte ihr, wie viel Geld er brauchen würde, um nach dem unerwarteten Vandalismus der letzten Nacht wieder eröffnen zu können. Sie lehnte seine Anfrage mit Bestimmtheit ab. Die Bank sähe sich außer Stande, einem Geschäft weitere Kredite zu gewähren, das nicht in der Lage zu sein schien, sich aus der Misere zu ziehen. Sie sagte ihm das nicht gern. Sie mochte Bobby, wie es die meisten taten, vor allem Frauen—und ahnte wohl, auch wenn sie es für sich behielt, dass Bobby nicht die Ursache der Probleme war.

Der nächste Tag war ein Samstag. Bobby hatte sich für einen Tee-Off um 19 Uhr eingetragen, aber er tauschte es gegen eine Runde um 20.30 Uhr mit Vincent Nola und zwei anderen, Geschäftsfreunden von Nola. Bobby spielte ein paar Löcher ohne etwas zu sagen und bemühte sich angestrengt, genug Konzentration zu bewahren, um spielen zu können. Als dann der, wie er befand, richtige Moment gekommen war, sagte er etwas wie: Ihr wisst sicher, dass sie mir den Laden zerdroschen haben, oder: Vermutlich habt ihr Jungs gehört, was mit meinem Laden passiert ist. Zunächst sagten die anderen, wie üblich, nichts dazu. Bobby legte noch einmal ein wenig nach. Ich habe es euch ja schon erzählt, sagte er, ich habe diesen Partner, einen miesen Polacken, er wird mich noch ruinieren, wenn ich nichts unternehme …

Dieses Mal antwortete ihm einer, ein Rothaariger namens Nick, mit ruhiger Stimme, in der aber etwas Belehrendes mitklang, das ihn ein wenig müde klingen ließ: Was hältst du davon, wenn wir einfach Golf spielen. Sagte dieser Nick Irgendwas. Und genau das versuchte Bobby dann auch, nur hielt er es nicht länger als ein paar Minuten durch. Denn an diesem Punkt wurde er von seinen Gefühlen übermannt und er konnte nicht anders, als noch einmal hinzuzufügen: Nein, ich sag ja nur, entweder macht er mich fertig oder ich mache ihn fertig, eine dritte Variante gibt es nicht … Zu welchem Zeitpunkt Nola höchstpersönlich auf seinem Weg den Rasen hinunter innehielt und sich mit dem Schläger in der Hand zu Bobby umdrehte. Nolas Geste hatte die Art Gewicht, die Worte erübrigte. Bobby wusste allein durch die Art, mit der ihn Nola ansah, dass er gehört worden war. Kein Ja, kein Nein, nicht das winzigste Bisschen mehr, einfach nur, dass Vincent Nola ihn gehört hatte, und das war es. Wir hörten das von Dick LaFave, der der Caddy dieser Runde war. Und Bobby schien tatsächlich verstanden zu haben, denn er spielte den Rest der 18 Löcher, ohne dass noch ein Wort zu dem Thema über seine Lippen kam. Aber am nächsten Tag, dem Sonntag, konnte Bobby nicht mehr an sich halten und machte sich extra auf die Suche nach diesem rothaarigen Nick, dem, der versucht hatte ihm zu sagen, dass es genug war. Er achtete darauf, dass Nola nicht in der Nähe war, und sagte, bevor Nick ihn bremsen konnte, Ich weiß, ich kapiere es ja, aber ich lüge nicht, ich brauche wirklich Hilfe. Diesmal sagte Nick nichts und wendete sich etwas abrupt von ihm ab, um wegzugehen, als hätten die Schallwellen von Bobbys Stimme ihn gar nicht erst erreicht.

***

Eines Morgens, wenig später, trat Bobby Altieri vor die Tür seines Hauses in Iselin—ein pastellfarbenes zweistöckiges Haus, wie es die meisten von uns haben, der Rasen so groß wie eine Briefmarke. Er hatte seine Schlüssel in der Hand. Er war auf dem Weg zu seinem Auto, mit dem er zum Bahnhof fahren wollte, um den Pendlerzug in die City zu nehmen. Er fuhr lieber mit dem Zug als mit dem Auto, weil er so auf dem Hinweg die Sportseiten lesen konnte und sich nicht um einen Parkplatz kümmern musste, und auf dem Rückweg schlief er ganz gern. Es war noch ein paar Minuten vor acht und der Tag war noch nicht heiß. Er war noch nicht bei der Garage angekommen, als ein Auto vorfuhr, das ihm bekannt vorkam. Es war ein limettengrüner Buick Riviera, ein neues Modell und zwar in der Luxusausführung, hell und glänzend, jedenfalls im Prinzip—im Moment sah er aber eher so aus, als habe er eine Wäsche nötig: die Türen und hinteren Enden der Seitenschweller waren mit Schlamm bespritzt, als wäre er gerade über ein Feld gefahren. Vincent Nola rollte das Fenster auf der Beifahrerseite herunter. Er trug einen Anzug, etwas, das Bobby noch nie an ihm gesehen hatte, da sie sich sonst nur an den Wochenenden sahen, und heute ein Donnerstag war: auf den Tag genau zwei Wochen, nachdem Bobbys Laden zerlegt worden war. Nola winkte ihm zu. Komm rüber, sagte die Geste. Bobby kam. Ein Blick von Nola bedeutete ihm, auf die Rückbank zu sehen. Da lag ein Körper, der Körper eines Toten, mit dem Gesicht nach unten zusammengekauert. Bobby konnte kaum erkennen, was er da sah, da war das Auto schon wieder weg, und er stand allein auf dem Bürgersteig.

Er stand da und ihm war plötzlich speiübel. Ihm wurde vor Angst heiß und kalt. Er war sich sicher, dass das Leben nicht einfach weitergehen würde, in dem Zustand, in dem er war; es würde ihm jeden Moment um die Ohren fliegen, das war klar. Er hatte einen Mann umbringen lassen, und er war sich sicher, dass sein Leben nun zu Ende war, dass er es nicht mehr ertragen könnte, zu denken oder zu atmen, und er sagte nur immer wieder: Oh Gott; er rief nicht nach Gott, aber er hörte es sich immer wieder sagen oder schreien, und er versuchte, die Worte zurückzuhalten, weil er nicht wollte, dass irgendwer herauskam und ihn da sah und ihn fragte, was los sei und warum er so schreie. Sein Unterleib schmerzte, als müsse er gleich scheißen oder urinieren, aber er stand immer noch aufrecht vor seiner Tür, vor der Tür seines Hauses, das aussah, wie immer, aber er fühlte sich, als befände er sich in einer komplett anderen Welt und als gäbe es keinen Weg für ihn, dahin zurückzukehren, zurück in sein Haus, in sein Leben, er würde einfach in Stücke zerfallen, wenn er jemandem gegenübertreten müsste und er selber sein müsste, nach dem, was er gerade getan hatte und was passiert war. Er hatte zu viel Angst, um einen Gedanken zu fassen, was nun zu tun sei, und die Schlüssel in seiner Hand fühlten sich schwer an und er sah wie sie aus seiner Hand hingen und klirrten, während er sie umkrallte, obwohl es ihm vorkam, als wäre es die Hand eine anderen, die sie hielt, so weit stand er neben sich und so leer war sein Kopf.

Dann hörte er, wie das Auto noch einmal zurückgefahren kam. Es war nur einmal um den Block gefahren, und hielt nun an derselben Stelle, wie eben schon einmal. Bobby starrte hinüber und sah, wie Vincent Nola aus dem Auto stieg, was er beim erstem Mal nicht gemacht hatte, und ein paar Schritte auf Bobby zuging, der zu schwach war und zu sehr zitterte, um zu ihm hinüberzugehen.

Entspann dich, sagte Vincent Nola. Entspann dich, das ist nicht dein Partner. Bobby reagierte nicht, also sagte er es noch einmal.

Das ist nicht dein Partner. Wir wollten nur, dass du weißt, wie es sich anfühlen würde.

***

Bobby öffnete den Mund, aber es kam kein Ton heraus, was OK war, denn er hätte eh nichts zu sagen gewusst. Er schaute zu dem Auto hinüber und konnte den dunklen Klumpen oder Haufen, der die Leiche war, sogar sehen. Der tote Körper lag immer noch da, aber es war nicht der seines Partners. Nola hatte es ihm gerade gesagt.

Nola beobachtet ihn und sah genau, welche Gedanken ihm durch den Kopf gingen. Es war, als könne er jedes einzelne Wort verstehen.

OK, sagte Nola, und beendete eine sehr lange Pause.

Jetzt hör mir zu. Es ist OK. Du hörst jetzt auf zu quatschen und spielst einfach Golf. Er sagte das, als wär das alles, als wäre damit der Sinn von allem erklärt, was er getan hatte und warum er es getan hatte. Dann stieg er wieder in das Auto und fuhr davon.

Bobby sagte später, dass er sich nicht erinnern konnte, wie lange er da gestanden hatte. Das war es, was er den einzigen zwei Leuten erzählte, denen er von der Sache zu berichten beschloss: Mein Vater war einer davon, und Carmen der andere. Bobby fand, dass er Carmen die Geschichte schuldig war, weil Carmen recht gehabt hatte, mit dem, was er ihm damals auf dem Parkplatz gesagt hatte.

Als die Geschichte schließlich bei mir ankam, dachte ich nur, dass es meine Vorstellungskraft überstieg, dass jemand zufällig eine Leiche im Auto dabei hatte, die er benutzen konnte, um jemandem eine Lektion zu erteilen.

John Romano hat die Drehbücher für Der Mandant und Das Lächeln der Sterne geschrieben und Dutzende Fernsehserien für Netzwerk-TV-Sender geschrieben oder produziert.